Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

3668 Presseschau-Absätze - Seite 16 von 367

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.08.2025 - Kunst

Camille Corot. Marino:  © Privatsammlung, Foto: Alexander Paul Englert.

Schon fünfzig Jahre, bevor die Impressionisten dafür berühmt wurden, begeisterten sich Maler für das "Flüchtige" der Landschaften, lernt Judith von Sternburg im Deutschen Romantikmuseum in Frankfurt, das in der Schau "Freiräume" 110 Arbeiten von 70 Künstlern zeigt - "Postkartenansichten" gibt es hier nicht, versichert die Kritikerin: "Louis Gurlitt positioniert sich über einem Fjord, aber nicht, um dessen imposante Gesamtheit zu erfassen, sondern um ein Holzhaus zu skizzieren, einen spröden Ort, an dem offenbar Holz verarbeitet wird. Nicht zuletzt das Schnappschusshafte des Ausschnitts nimmt so viel Impressionismus vorweg, dass man noch einmal auf die Jahreszahl schauen wird. 1835. Im selben Jahr steht Adolf Henning an der Villa d'Este in Tivoli, aber von der Villa ist nichts zu sehen, die berühmte Zypressenallee ist nur mehr ein Zitat an den Rändern. Der Blick geht ins weite Land, unidyllische Häuschen, ein Abendhimmel zum Greifen." 

In Serbien gerät zunehmend auch die freie Kunstszene ins Visier der Regierung, berichtet Philine Bickhardt in der taz. Kürzlich wurde das berüchtigte Studentische Kulturzentrum (SKC), in den siebziger Jahren eine "Keimzelle der Avantgardekunst", wo spätere Ikonen wie Neša Paripović und Marina Abramović auftraten, von der Polizei geräumt, weil die Studenten es besetzt hatten. Auch die heutige Kunstszene hat eine politische Vision, so Bickhardt, so protestierten die Künstlerinnen Ana Stojković und Ivanja Todorović im Frühjahr gegen Gentrifizierung und Klassismus: "'Monetarijum' beschäftige sich nämlich auch mit 'Privatisierungsprozessen' und einem Klassismus in der Kunstszene. Kurioserweise forderten Stojković und Todorović diejenigen auf, die an der Ausstellung teilnehmen wollten, nicht nur (...) einen Gegenstand mitzubringen, sondern auch 'Eintritt' zu zahlen, also eine Gebühr zur Teilnahme. Kunst im heutigen Kapitalismus sollte als ein Produkt, als zu bezahlender Konsum entlarvt werden, denn Kunst anzuschauen und sie zu schaffen, muss man sich erst einmal finanziell leisten können - das SKC hatte vor seiner Besetzung auch sehr hohe Eintrittspreise verlangt."

Weitere Artikel: Auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ widmet sich Thomas Combrinck dem Phänomen der Napoleon-Karikatur. Ebendort fragt Raquel Erdtmann, warum der DDR-Künstler Werner Tübke heute als "Staatskünstler" wahrgenommen wird.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.08.2025 - Kunst

Untitled, 2020-21. © Esmé Trust / Kaari Upson Trust, Courtesy Sprüth Magers. Photo: Robert Wedemeyer

In der Welt ist Gesine Borcherdt dankbar, dass das Louisiana Museum im dänischen Humlebæk der 2021 im Alter von nur 51 Jahren an Krebs gestorbenen kalifornischen Künstlerin Kaari Upson nun eine große Retrospektive widmet - auch wenn sich Borcherdt der "verstörenden Verführungskraft" und unerträglichen Angst von Upsons "kollektiven Alpträumen" nicht entziehen kann: "'Mother's Legs' heißt (...) die waldartige Installation aus Polyurethanformen, die wie abgetrennte Gliedmaßen von der Decke hängen. Gegossen aus termitenzerfressenem Holz von einem Baum vor Upsons Kindheitshaus, stammen die hervorstehenden Knieformen teils von der Künstlerin selbst, teils von ihrer Mutter: Der Wald wird zu einem traumartigen Geistertreffen, zart und unheimlich zugleich. Upsons Vater taucht dagegen nur ein einziges Mal in ihrem Werk auf - womöglich als letzte Arbeit vor ihrem Tod. Im Louisiana Museum liegt eine bunt bemalte Figur in Jeans und kariertem Cowboyhemd mit dem Gesicht nach unten; Hände und Füße sind abgetrennt, fünf ketchuprote Plastikflaschen stecken wie Messer in ihrem Rücken. Der Vater als gekillter amerikanischer Alptraum, erstickt an seinem eigenen Saft."

Katrin Jacquet. Aus der Serie "(m)other".

Im Perlentaucher-Fotolot bespricht Peter Truschner neben dem neuen Fotobuch "All Preconceptions Collapse" von Sabine Schründer auch Katrin Jaquets Fotobuch "fam", das als Quintessenz ihrer künstlerischen Versuchsanordnungen im Kontext ihrer Familiengeschichte gelten kann. Es enthält unter anderem die Serie "(m)other" von (1998). Hier "projiziert Jaquet Farbdias aus ihrer Kindheit in ihre Mundhöhle, und Porträts ihrer Mutter und Großmutter auf das eigene Gesicht. Eine ausdrucksstarke Variante jenes Ansatzes, bei dem Künstlerinnen von Annegret Soltau bis Elena Helfrecht eine genealogische Vergegenwärtigung und Evokation der weiblichen Mitglieder ihrer Familien betreiben. Indem diese Genealogien bis in die Zeit des Zweiten, manchmal sogar Ersten Weltkriegs zurückreichen, finden sich darin unweigerlich Momente des Verlustes, der Entbehrung, und eines nicht selten an die nachfolgende Generation vererbten Traumas. Jaquet entgeht dem Stereotyp, das sich aufgrund der Unmenge an Büchern, Filmen und Fotoarbeiten über die Jahrzehnte zu diesem Thema ausgebildet hat, durch eine explizit experimentelle, nicht-lineare und nicht-deskriptive Herangehensweise."

Hegel war fasziniert von Malerei, erinnert im FR-Gespräch der Philosoph Klaus Vieweg, der Hegels ästhetische Theorie kurz zusammenfasst: "Als Gestalt des Wissens ist die Kunst für Hegel neben Religion und Philosophie eine der entscheidenden Formen der Selbstvergewisserung und Selbstbestimmung des Menschen. Das Fundament ist der Begriff der Schönheit. Es handelt sich um die Behandlung der Werke der Kunst als Formen der zweiten Natur, des Geistes. Kunst fixiert die 'höchsten Momente der Naturerscheinungen', wie Goethe sagt, und kann nicht als bloße Nachahmung verstanden werden. Die Bedeutung wird sinnlich vergegenwärtigt, diese Position in der Mitte zwischen Natur und Freiheit wird von Hegel logisch wie historisch aufgewiesen."

Weitere Artikel: In der taz würdigt Bettina Müller den "Life"-Fotografen Alfred Eisenstaedt zum 30. Todestag. In der Welt resümiert Susanna Petrin den Stand der Dinge zu Trumps Vorhaben, die Smithonian-Museen auf Regierungslinie zu trimmen. Auf Truth Social verkündete Trump zudem, er wolle sich nicht nur diese staatlich mitfinanzierten Museen vorknöpfen, sondern gleich alle anderen auch. Im taz-Gespräch mit Mirko Bozic erzählt der bosnische Dichter Mili Đukić, weshalb er jetzt auch malt. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Licht und Landschaft. Impressionisten in der Normandie" im Augustinermuseum Freiburg (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.08.2025 - Kunst

Elena Karakitsou, ... for what descends, descends even higher, 2024

Licht in all seinen Erscheinungsformen erlebt Elke Linda Buchholz im Tagesspiegel in der Ausstellung "Lumen" im Schloss Biesdorf, der einstigen Sommerresidenz von Werner von Siemens. Meist geht es der Kritikerin aber doch zu schlicht zu: "Was mit Neonröhren künstlerisch alles möglich ist, hat der Berliner Berglandschaftsspezialist Sven Drühl ausgereizt. Wie gezeichnete Linien formen seine Leuchtröhren in feinen Schnörkeln, Bögen und Konturen die Motive aus japanischen Holzschnitten nach. Daneben dudelt Tanzmusik zum Filmloop in einem Miniatur-Bordell, das wie ein Bühnenmodell amerikanische Klischees kondensiert. Über dem Eingang leuchtet das Rotlichtlämpchen. 'FUCK' ruft eine Riesenleuchtschrift an der Wand. Licht kann Signal sein und sehr klare Botschaften aussprechen."

Einen Vorgeschmack, wie es aussehen kann, wenn der von Trump verordnete "Amerikanismus" in den Smithonian-Museen vorherrscht (unsere Resümees), gibt Hannes Stein in der Welt: "Im Juli sagte die schwarze Malerin Amy Sherald, die das offizielle Porträt von Michelle Obama geschaffen hat, eine Ausstellung in der National Porträt Gallery ab. Der Grund: Eines ihrer Bilder zeigte eine stolze Transfrau mit rot gefärbtem Haar als Freiheitsstatue, in deren Fackel gelbe Blumen blühen. Amy Sherald sollte dieses Bild aus der Ausstellung entfernen; dazu hatte sie keine Lust, also entfernte sie lieber ihre Ausstellung aus dem Museum. Im Mai hatte Trump verkündet, er habe Kim Sajet gefeuert, die Direktorin der National Portrait Gallery. Sie stehe für 'diversity, equity and inclusion', also Vielfalt, Gleichberechtigung und Aufnahme anderer Menschen, und sei deswegen für ihren Posten 'völlig ungeeignet'. Allerdings hat der Präsident gar nicht die Macht, Direktoren des Smithsonian zu entlassen. Kim Sajet zog es dann vor, aus freien Stücken zu gehen."

Weitere Artikel: In der Zeit möchte Hanno Rauterberg ganz Eislingen auf der Documenta präsentieren, so angetan ist er von den Kunstwerken, die die Bildhauerin Anja Luithle auf den Verkehrskreiseln des kleinen Städtchens schafft. In der FR gratuliert Ingeborg Ruthe dem C/O Berlin, da aktuell eine Julian-Rosefeldt-Ausstellung zeigt, zum 25-jährigen Jubiläum. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Edvard Munch - Angst" in den Kunstsammlungen Chemnitz (FAZ, mehr hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.08.2025 - Kunst

Die nächste Documenta nimmt langsam aber sicher Gestalt an. Die künstlerische Leiterin Naomi Beckwith hat nun ihr Team vorgestellt; mit ihr gemeinsam an der Ausstellung arbeiten werden Romi Crawford, Mayra A. Rodríguez Castro, Xiaoyu Weng und Carla Acevedo-Yates. Wie sind diese Personalien gerade auch mit Blick auf den Antisemitismus-Skandal der letzten Ausgabe zu bewerten? Boris Pofalla kommentiert für die Welt: "Die Berufung des Documenta-Teams zeigt zweierlei: dass Naomi Beckwith zurück zur Normalität will und dass diese Normalität heute eine andere ist - weiblicher, nichtweißer, kontextueller, ohne die großen, herrischen Gesten, die noch vor einigen Jahren dazugehörten. Was heißt das für die Documenta 16? Der große Bruch, der kalkulierte Aufruhr ist nicht zu erwarten, aber auch kein Backlash hin zu einer traditionelleren Kunstauffassung, der wiederum für Stress im Betrieb gesorgt hätte. Nach dem Kontrollverlust von 2022 klingt diese Auswahl eher so, als wolle da jemand möglichst wenig Reibung erzeugen und keine Risiken eingehen. Ob das für die Marke Documenta eine gute Idee ist, wird sich zeigen."

Besprochen werden "Magical Realism: Imagining Natural Dis/order", eine Ausstellung zu Kunst und Magie im WIELS Brüssel (taz), die Schau "Neo Rauch, Zeichnungen 1965 bis 1968" in der Grafikstiftung Neo Rauch, Aschersleben (FAZ), die Ausstellung "Inszeniertes Selbst", die die Berlinische Galerie der Fotografin Marta Astfalck-Vietz widmet (FR, siehe auch hier) und die Edvard-Munch-Ausstellung in den Chemnitzer Kunstsammlungen (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.08.2025 - Kunst

In "eine einzige Dunkelkammer der Selbstauflösung" taucht Philipp Meier für die NZZ in einer Ausstellung des französisch-schweizerischen Künstlers Julian Charrière im Tinguely-Museum in Basel. In der Schau "Midnight Zone" rekreiert Charrière die Erfahrung der dunkelsten Tiefen des Ozeans, staunt der Kritiker. Wie es in "den dunkelsten Regionen der Ozeane, in sechstausend Metern Tiefe unter der Meeresoberfläche, tönt, vermittelt die Sound-Installation 'Black Smoker' (2025) in einem nachtschwarzen Raum der Ausstellung. Charrière konnte die Feldaufnahmen von Tiefsee-Hydrofonen der Forschung verwenden, aber auch Live-Daten seismischer Messstationen an einigen der bewegtesten Punkte am Meeresboden streamen: das knisternde Zischen von Ausdünstungen unterirdischer Gase aus hydrothermalen Schloten, das kehlige Brummen des Magmas von vulkanischen Ausbrüchen, das dumpfe Hämmern von Gestein bei tektonischen Prozessen. Charrière mischte diese Geräusche zu einer mehrdimensionalen Klangkomposition zusammen. ... Das Gerumpel in den Eingeweiden der Erde überträgt sich direkt auf das Bauchgefühl - ein Rave der anderen Art."

Weitere Artikel: Rosa Lange schaut sich für die taz das Herbarium der Revolutionärin und Politikerin Rosa Luxemburg an. Besprochen wird die Ausstellung "Titanic - eine immersive Reise" in der Hamburger Expo (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.08.2025 - Kunst

Das Museum Pfalzgalerie in Kaiserslautern feiert seinen 150. Geburtstag mit einer kompletten Neuorientierung, die in den drei Rundgängen "Was ist Kunst?", "Der Mensch in der Kunst" und "Kunst mit allen Sinnen" bestaunt werden kann, wie sich Stefan Trinks in der FAZ freut. Sein Lob finden nicht nur die bedeutenden Wiederentdeckungen, sondern auch der Umgang mit schwierigen Fragen: "Unumgehbar für heutige Museen ist die Frage nach der Herkunft ihrer Werke, was Kaiserslautern unter dem wiederum dreigliedrigen Titel "Zeitsprung - Gekauft, getauscht, geraubt?" fasst. Hier werden die Ergebnisse der Provenienzrecherchen der vergangenen Jahre nicht einfach nur vorgestellt: Mit Herrmann Scherers einst als entartet eingestufter Holzskulptur 'Das kleine Mädchen' werden auch Fragen von Zensur aufgeworfen. Wie viel durch die NS-Barbarei jüdischen Sammlern wie Max Glaeser oder Theodor Kiefer in Kaiserslautern geraubt wurde und teils unwiederbringlich verloren ging, schmerzt heute noch, ebenso die bruchlose Nachkriegskarriere Edmund Hausens, der im Krieg Kunst aus dem besetzten Lothringen ('Westmark' im NS) 'sicherstellte', als MPK-Konservator bis 1953."

Die Smithsonian-Stiftung wird von der US-Regierung gezwungen, alle ihre kuratorischen Pläne offenzulegen (unser Resümee) und hinsichtlich "Gesinnungsreinheit" überprüfen zu lassen, wie Sebastian Moll in der taz schreibt. Die historischen Vorbilder kann er kaum übersehen: "Dabei drängen sich unweigerlich die Parallelen zu faschistischen Regimen auf. Es geht um das Reinigen der nationalen Kunst von Entartetem. Das hat in den USA wie in Nazideutschland deutlich rassistische Untertöne. Die avantgardistische Moderne der 20er Jahre war im nationalsozialistischen Duktus eine 'Verjudung' der Kunst. Der Kampf um Inklusion in der amerikanischen Kultur kompliziert das Narrativ einer Nation, die schon immer Vorbild der Menschheit gewesen sein will. Es ist das Narrativ des 'amerikanischen Exzeptionalismus', wie Trump selbst in seiner Anordnung zur Säuberung des Smithsonian schreibt. (…) Die Kunst soll aufhören, derartige Narrative zu hinterfragen, sich mit dem Zeitgeschehen kritisch auseinanderzusetzen, und stattdessen Amerikas Größe ein Denkmal setzen."

Weiteres: Anika Meier unterhält sich mit der Künstlerin und Dichterin Sasha Stiles für Monopol über Kunst und KI. Jens Eckhard reist für die Welt in den Schweizer Ort Gruyères, um sich das Werk des "Alien"-Schöpfers HR Giger anzuschauen und um sich zu fragen, was die gruseligen Kreaturen mit unserem Unbewussten zu tun haben.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.08.2025 - Kunst

Simin Jalilian, The Wow effect, 2024


Sophie Jung stellt in der taz die in Deutschland lebende iranische Malerin Simin Jalilian vor, die ein Faible für die "Neuen Wilden" hat: "Vier skurrile Figuren mit 3-D-Brillen sitzen in knallroten Kinosesseln auf dem Bild mit dem Titel 'The Wow Effect'. In groben, zackigen Pinselstrichen, deren dick aufgetragene, fast schon wie ein abstraktes Ornament wirkende Ölfarbe aber Konturen und Kontraste ziemlich exakt wiedergibt, lässt Jalilian sie derart gebannt auf die Kinoleinwand starren, dass ihnen der Strohhalm von den Trinkbechern aus den geöffneten Mündern fällt. 'Es sind Menschen, die sich von der Leinwand euphorisieren lassen, aber die Realität nicht sehen', sagt Jalilian der taz. 'L'art pour l'art trifft auf politische Kunst', schreibt die Kunstwissenschaftlerin Larissa Kikol zu Jalilians Malerei. Es ist eine expressive Malerei. Unverkennbar orientiert sich Jalilian, die 1989 in Teheran geboren wurde, an einem Stil der 'Neuen Wilden'. Die waren ihr schon im Iran auf der Kunstakademie ein Vorbild: Martin Kippenberger, Jörg Immendorff."

Heinz Mack Large Star-Spectrum (Chromatic Constellation), 2004. Galerie Almine Rech

Überall Anselm Kiefer, stöhnt Niklas Maak in der FAS, in Amsterdam, London, Schanghei, Missouri und Herrenchiemsee, uff. Als wäre Kiefer nicht eh eine Dauergröße im internationalen Kunstbetrieb. Aber es gibt gerade Interessanteres, findet Maak, abstrakte Nachkriegskunst, die diesen Sommer in mehreren Ausstellungen wiederentdeckt werden kann. Ende der Sechziger war diese oft als "dekorative Verdrängungskunst diffamiert" worden, so Maak, während in den Fünfzigern "etwa die Kunst des von den Nationalsozialisten mit Arbeitsverbot belegten Karl Otto Götz, der mit Rakeln dynamische gestische Kompositionen auf riesenhafte Leinwände schleuderte, noch als Ausdruck individueller Freiheit und eines nicht vom Staat gedrillten und gleichgeschalteten Körpers gefeiert worden war. Eine Generation von Kritikern, die aus den Musikseminaren Adornos auf die Kunst zuging, sah in dieser Malerei auch ein malerisches Äquivalent musikalischer Rhythmen und Harmonien. Die nächste, um 1966 aufstrebende Kritikergeneration kam dagegen zu wesentlichen Teilen aus der Literaturwissenschaft und betrachtete Kunst wie Romane." Maak empfiehlt Heinz Mack in der New Yorker Galerie Almine Rech, Sean Scully im Hamburger Bucerius-Forum, Helen Frankenthaler im Wiesbadener Museum Reinhard Ernst, Auguste Herbin im Münchner Lenbachhaus und die Ausstellung "Netzwerk Paris. Abstraction-Création 1931-1937" im Arp Museum Bahnhof Rolandseck in Remagen.

Weitere Artikel: Jörg Häntzschel berichtet in der SZ von Plänen, den Louvre generalzuüberholen. Elke Linda Buchholz begutachtet für den Tagesspiegel Freiluftkunst auf den Spuren Max Slevogts am Havelstrand. Und Stefan Trinks erzählt vom jahrtausende alten Kampf um die richtigen Farben in der Kunst: "Die Höhlenmalereien konzentrieren sich auf die Blutfarbe Rötel, doch beginnt hier der zweitälteste Streit der Kunst: Mammut ausmalen oder auf die Zeichnung, die Kontur begrenzen? Farbe ist Magie, und die war seinerzeit suspekt."

Besprochen werden die Munch-Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz (Welt) und die Surrealismus-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.08.2025 - Kunst

Lange vor Jürgen Teller, der jüngst einen Bildband über Auschwitz herausbrachte (mehr in unserem Fotolot), lichtete der französische Fotograf Raymond Depardon im Jahr 1979 das Konzentrationslager im Stil des "des Taktvoll-Dokumentarischen, Unpathetisch-Betroffenen, vor allem aber dezidiert Signaturfreien" ab, erinnert Marc Zitzmann, der für die FAZ die Depardon-Ausstellung im Mémorial de la Shoah in Paris besucht hat: Depardon versuchte "das Unfassbare zumindest in seinen materiellen Relikten zu erfassen, in Landschaften, Gebäuden und hinterlassenen Objekten. Depardons Bildkompositionen sind schnörkellos: sauber belichtet und fokussiert, fast unweigerlich lotrecht. Nur selten erlaubt sich der Fotograf eine expressionistische Schräge - besonders ausdrucksvoll im Querformat einer Laterne vor einem um 45 Grad gebeugten Wachturm. Was am stärksten im Gedächtnis haftet, ist der harte Kontrast zwischen verschneiten Dächern, Böden und Wiesen unter bleichem Himmel einerseits und finsteren Bauten, Bäumen und Masten anderseits."

Laut UNESCO wurden bis April 2025 485 Kulturstätten, darunter 34 Museen, in der Ukraine beschädigt, weiß Christian-Zsolt Varga, der sich in der FAZ die Frage stellt, wie der Angriff auf die kulturelle Identität die Arbeit von Kuratoren und Künstlern verändert. Nach wie vor versuchen auch die Künstler Widerstand zu leisten, gegen die Leere, den Angriff auf die Kultur und das Vergessen, erfährt Varga etwa von der Bildhauerin Zhanna Kadyrova. "Mit 'Russian Rocket' beklebte sie Fensterscheiben von Autos und S-Bahnen in europäischen Städten mit raketenförmigen Stickern. Während der Fahrt entsteht so die Illusion von Geschossen, die vor der Kulisse friedlicher Normalität vorbeifliegen. Für die Serie 'Harmless War' tauchte sie zerschossenen Kriegsschutt in weiße Farbe und überführte ihn in geometrische Skulpturen. Formal glatt, beinahe dekorativ. Es ist ein Angebot - und eine Kritik an der ästhetischen Entschärfung des Krieges im Westen."

Trump will die Bundesmuseen in Washington auf "spaltende" Narrative prüfen lassen (unser Resümee). "Das ist ein kulturpolitischer Dammbruch", kommentiert Marcus Woeller in der Welt: "Wenn die unterschiedlichen Perspektiven der historischen Forschung und Darstellung durch einen vom Weißen Haus diktierten inhaltlichen Standard ersetzt wird, dann ist das mehr als eine Verwaltungsvorgabe und mehr als ein zensorischer Eingriff - es ist der Versuch einer ideologischen Re-Formatierung der Geschichte. (...) Gerichte werden klären müssen, ob die Revision verfassungskonform ist. Die zentrale Frage: Handelt es sich bei Museumsausstellungen um staatliche Meinungsäußerung oder um kuratorische Inhalte, die vom ersten Verfassungszusatz (freie Meinungsäußerung) geschützt sind?" Zunächst aber komme es auf den "Ungehorsam" von Direktoren, Kuratoren und Mitarbeitern der Institutionen an, so Woeller. "Museen werden zu Schaufenstern der Regierungspolitik", kommentiert Daniel Völzke bei Monopol.

Besprochen wird die Bernd Zimmer-Ausstellung in der Berlin Galerie Brennecke (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.08.2025 - Kunst

Edvard Munch "The Lonely Ones (Die Einsamen)", 1906-1908. Foto: © President and Fellows of Harvard College, 2023.551

Dass Chemnitz zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine "reiche und international wirkende Industriestadt" war, lernt Monopol-Kritikerin Sarah Alberti in einer großen Ausstellung mit Werken Edvard Munchs in den Chemnitzer Kunstsammlungen. Denn auch Munch lebte eine Zeit lang in diesem "sächsischen Manchester", knüpfte Kontakte und hatte zahlreiche Ausstellungen, die damals, so Alberti, vor allem Skepsis hervorriefen. Im Zentrum der Schau steht aber "die Angst als überlebensnotwendiges Gefühl, versinnbildlicht durch Munchs Seelenlandschaften ... Von der titelgebenden Lithografie 'Angst' (1896) schauen uns leere Gesichter entgegen, und der blutrote Streifen-Himmel erzeugt wie auf Munchs bekanntem Gemälde 'Der Schrei' von 1893 eine bedrohliche Atmosphäre." Das ist auch uns nicht fremd, denkt Alberti mit Blick auf "das Gemälde 'Die Einsamen' (1899). Frau und Mann stehen am Meer, uns den Rücken zugewandt, wirken mit sich beschäftigt. Der Abstand zwischen beiden unüberwindbar. 'Zu zweit allein sein' besang die Band Die Höchste Eisenbahn diesen Zustand. Blau, Grau und Erdtöne verstärken das Gefühl emotionaler Kälte - ein universales Bild der Einsamkeit im modernen Zeitalter."

Die Zensur in den USA geht in eine neue Runde, berichtet unter anderem Jörg Häntzschel in der SZ. Donald Trump hat nun angekündigt, die Ausstellungen in den Smithsonian-Museen zu überprüfen: "Trumps Offizielle kündigten darin an, sie würden die Ausstellungen in zunächst acht der 21 Smithsonian-Museen auf den 'Ton, die historische Kontextualisierung und die Übereinstimmung mit amerikanischen Idealen' hin überprüfen. Die Museen hätten 120 Tage Zeit, 'spalterische oder ideologisch motivierte Sprache durch einigende, historisch korrekte und konstruktive Beschreibungen' zu ersetzen. 

Besprochen wird die Ausstellung "The Quiet Space" im Kraftwerk Berlin (taz) und die Ausstellung "Fiona Tan: Monomania" im Rijksmuseum Amsterdam (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.08.2025 - Kunst


Le Buste de Louis XIV © Christophe Fouin







Von Angesicht zu Angesicht mit dem Sonnenkönig: Peter Kropmanns studiert in einer Ausstellung in Versailles begeistert eine Marmorbüste Ludwig XIV., angefertigt von Gian Lorenzo Bernini. Es ist die "Büste eines jungen Mannes mit üppiger Lockenpracht, selbstbewusst und entschlossen in den Raum schauend, unter dem Hals ein Spitzenjabot, Schultern und Brust in einen faltenreich zu einer Seite flatternden Umhang gehüllt, als fahre der Wind hinein." Sie entstand 1665 bei einem Aufenthalt Berninis in Versailles: "Der König nämlich hatte ihn auch gebeten, sein Antlitz zu meißeln, wofür er dreizehn Sitzungen erdulden musste. Als das Abbild samt Perücke nach gut drei Monaten vollendet, geschliffen und poliert war, soll Bernini es als sein 'am wenigsten schlecht' geratenes Porträt bezeichnet haben. Der höchst anspruchsvolle Dargestellte war seinerseits begeistert. Zwar befragte er seine Höflinge, wie es um die Treffsicherheit stand, mit der seine Physiognomie naturgetreu erfasst wurde. Doch erkannte er selbst, dass der idealisierte Ausdruck seines Selbstverständnisses, jenes eines werdenden absolutistischen Souveräns, perfekt gelungen war."

Die ukrainische Kuratorin Marina Hrytsenko und der Künstler David Chichkan sind beide an der ukrainischen Front gefallen. In der FAZ würdigt Konstantin Akinscha deren Verdienste: "Als alleinerziehende Mutter blieb Marina nicht nur in der Stadt, sondern zog mit ihrem Kind in den Keller des Museums, um dessen Sammlung vor Plünderung und Zerstörung zu schützen. Sie blieb bis Anfang April, als sich die russischen Truppen zurückzogen, in dem Gebäude - ohne fließendes Wasser und Strom. Für den Schutz der Schätze während der Schrecken der Belagerung und der ständigen Bombardierungen erhielt sie kaum öffentliche Anerkennung." In der taz schreibt Yelizaveta Landenberger über Chichkan: "Viele fassten seine Kunst als Provokation auf. Seine Ausstellungen wurden mehrfach von Ultrarechten demoliert, zuletzt wurde seine Ausstellung in Odessa Anfang 2024 auf deren Druck hin abgesagt. Aber Chichkan ließ sich nicht unterkriegen."

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Graffiti" im Museion Bozen (taz).