Fotolot

Ungemein reizvolle Hybride

Über Bücher, Bilder und Ausstellungen Von Peter Truschner
19.08.2025. Katrin Jaquet projiziert in ihrer Serie "(m)other" Farbdias aus ihrer Kindheit in ihre Mundhöhle: Geradezu unheimliche Beschwörungen, die in ihrer Intensität keinen Vergleich zu scheuen brauchen. Diese und weitere Serien sind in ihrem neuem Fotobuch "fam" enthalten. In Sabine Schründers neuem Buch "All Preconceptions Collapse" gibt es bewusst keine Hinweise zum  Verständnis ihrer Bilder. Ihre Motive von Gesteinsbrocken, Händen oder Blättern laden dazu ein, sich auf das Ungewisse, Mehrdeutige einzulassen.
Katrin Jaquets neues Fotobuch "fam" ist die Quintessenz ihrer künstlerischen Versuchsanordnungen im Kontext ihrer Familiengeschichte. Es enthält die Serien "(m)other" (1998), "neg" (2019-21) und "missing" (2023).

In "(m)other" projiziert Jaquet Farbdias aus ihrer Kindheit in ihre Mundhöhle, und Porträts ihrer Mutter und Großmutter auf das eigene Gesicht. Eine ausdrucksstarke Variante jenes Ansatzes, bei dem Künstlerinnen von Annegret Soltau bis Elena Helfrecht eine genealogische Vergegenwärtigung und Evokation der weiblichen Mitglieder ihrer Familien betreiben.
Indem diese Genealogien bis in die Zeit des Zweiten, manchmal sogar Ersten Weltkriegs zurückreichen, finden sich darin unweigerlich Momente des Verlustes, der Entbehrung, und eines nicht selten an die nachfolgende Generation vererbten Traumas. 

© Katrin Jaquet





























Jaquet entgeht dem Stereotyp, das sich aufgrund der Unmenge an Büchern, Filmen und Fotoarbeiten über die Jahrzehnte zu diesem Thema ausgebildet hat, durch eine explizit experimentelle, nicht-lineare und nicht-deskriptive Herangehensweise. Die Fotos der in ihre Mundhöhle projizierten Bilder gehören zu den stärksten Arbeiten auf diesem Gebiet überhaupt, geradezu unheimliche Beschwörungen, die in ihrer Intensität keinen Vergleich zu scheuen brauchen.

Da im Archiv von Jaquets Familie sämtliche Negative fehlen, hat sie in der Serie "neg" Negative nachträglich digital erzeugt, sie dann mit den Positiven verschmolzen und so visuell ungemein reizvolle Hybride geschaffen, die den Betrachter argwöhnen lassen, es gäbe hinter der sichtbaren eine zweite, geheime Wirklichkeit, ein familiäres Röntgenbild, das andeutet, was unter der Oberfläche von Geburtstagen und Hochzeiten verborgen liegt.

Jaquets Konzept korreliert damit der Arbeitsweise der Erinnerung, die aufgrund immer neuer Erfahrungen die vorangehenden neu organisiert, dabei allmählich vergisst, was einmal wichtig war, und aus der Versenkung hervorholt, was plötzlich in einem völlig neuen Licht erscheint. Erzeugt werden diese Transformationen durch eine Künstlerin, die sich bewusst ist, dass der Akt des Beobachtens und seine näheren Umstände immer auch Teil des beobachteten Phänomens ist.

© Katrin Jaquet





























In "missing" schließt sich dieser Kreis, indem Jaquet mithilfe von KI Bilder von Erlebnissen der Großeltern während des Zweiten Weltkriegs erschafft, die sie selbst nur aus Erzählungen kennt. Die Unzulänglichkeiten, die sich dem damaligen technischen Stand des verwendeten KI-Programms verdanken, veranschaulichen die grundsätzliche Zweifelhaftigkeit von Auskünften über jene Zeit. Gleichzeitig wird die bewährte Formel "pic - or it didn't happen" gerade durch die generative Weiterentwicklung von KI grundsätzlich infrage gestellt.

Ein aufgrund der innovativen Wahl seiner Mittel künstlerisch hervorstechendes Werk, bei dem ich unbedingt zum Kauf der "Special Edition" rate, bei der es neben entsprechend dickem Papier auch, wie bei einem richtigen Fotoalbum, einzelne Fotos mit weißen, gezacktem Rahmen, Ecken zum Einfügen von Fotos und das knisternde Pergamynpapier zwischen den Seiten gibt.






Katrin Jaquet
: fam. 56 Seiten, 28 x 20 cm, Hardcover, 34 Euro. ISBN 978-3-00-081944-5. Zu bestellen bei der Künstlerin oder über Buchkunst Berlin.








Dass Merkmale einer Beobachterin und der Akt des Beobachtens das Beobachtete bis zu einem bestimmten Grad präfigurieren, ist etwas, dem Sabine Schründer wahrscheinlich einiges abgewinnen kann.

Wobei es in ihrem Fall weniger um die Eigenschaften eines bestimmten, beobachtenden Subjekts, als um die Conditio Humana als solches geht, die Warte, von der aus der Mensch nicht nur seine Mitmenschen betrachtet, sondern auch die Natur, und dabei am Ende zu Urteilen und Prognosen kommt, die, seien sie noch so vorschnell und kurzfristig, seine aktuelle Position stabilisieren. (Als Paradebeispiel seien Politiker genannt, deren Vorausblick den Zeitraum bis zur nächsten Wahl oft nicht überschreitet.) 

Stabilität des Systems ist das Ziel der Abläufe im menschlichen Körper, vom Blutdruck bis zur Körpertemperatur. Die Sensomotorik dient im Sinne der Selbsterhaltung dabei dem Schutz, der Orientierung und der Beweglichkeit, weshalb der Neurologe René Spitz von einer "Konservativität der Sinne" spricht. 

© Sabine Schründer
























Die Prägnanzleistung wirkt im Sinne einer klaren Entscheidung des "Entweder/Oder". Wir nehmen Unterschiede schärfer wahr, als sie in Wirklichkeit sind. Dieses Alles-oder-nichts-Prinzip ist ältesten Ursprungs und konfiguriert das gesamte Nervensystem. 
Unter Konstanzleistung versteht man, dass die Sinne aus dem Fluss der Ereignisse bevorzugt das herauslesen und registrieren, was sich wiederholt und konstant ist. Die Merkmale einer Gattung überdauern die Merkmale einzelner Individuen, und erlauben auf die Zukunft bezogene Prognosen. 
Die Differenzialleistung befasst sich mit der Wahrnehmung der "Veränderungsgeschwindigkeit". Sie liefert ontogenetisch das Alarmsignal. Die Kleider auf der Haut spüren wir so gut wie nicht, aber wenn sich eine Fliege auf unsere Haut setzt, spüren wir es sofort. Das Bewegte wird dabei bevorzugt wahrgenommen: Will man sich bemerkbar machen, winkt man oder gibt Laut. Viele Tiere sehen nur Bewegtes, daher gewährt ihnen der Totstellreflex Schutz.

All das (und noch viel mehr, etwa das sogenannte "Bindungsproblem" des Gehirns) muss man in Bezug auf die Wahrnehmung bedenken, wenn man sich auf Schründers Interventionen einlässt. 

In ihrem neuen Buch mit dem vielsagenden Titel "All Preconceptions Collapse" gibt es bewusst keine Hinweise zu seinem Verständnis, weder in Bezug auf einzelne Bilder, noch auf das Ganze. Die Motive: Gesteinsbrocken, eine Plastikwanne, Eis, Hände, Blätter, Spiegel, gitterförmige Raster auf durchsichtigem Papier, die über einzelne Bilder gelegt werden.

"Routinen des Lesens und Assoziierens führen in Sackgassen. Das Bestreben, etwas jenseits der sichtbaren Oberfläche erfahrbar zu machen, muss per se hinterfragt werden. Wo immer die Betrachter kurzzeitig Orientierung finden, sei es visuell oder thematisch, verliert sich diese wieder", heißt es dazu. 

© Sabine Schründer




























In der Abfolge der Bilder erkennt man, dass man es mit einer fotografischen Meditation zu tun hat, einem mantrahaften Ritual, das vorschnellen Urteilen entgegenwirkt und dazu einlädt, sich auf das Ungewisse, Mehrdeutige einzulassen, die sichere Warte, die der menschliche Organismus präferiert, aufzugeben. 

Im Zuge ihres Residenzstipendiums in Banglore/Indien hat Schründer minutiös die Bewegungen eines Wasserflohs in einer braunen, schlammigen Wasserpfütze verfolgt, und die akzidentellen Strukturen festgehalten, die dabei auf dem Wasser entstehen. Sie gab der Serie den Namen "Bhanga", was im Sanskrit in etwa "Das Wissen um die Auflösung von Strukturen" bedeutet.  Im hinduistischen Nationalepos "Bhagavad-Gita" beschreibt Krishna dem jungen Arjuna die höchste Vollkommenheit (Brahman) wie folgt. "Es ist in und außerhalb der Welt, so fein, dass niemand es gewahrt. Aufgeteilt durchdringt es die Wesen, und bleibt dabei doch ungeteilt."

Ansätze wie diese, die in der Nähe von spirituellen Übungen angesiedelt sind, können etwas Bemühtes, wenn nicht Penetrantes haben. Bei Schründer ist das Gegenteil der Fall, alles ist leicht, ernst und verspielt zugleich, und ergibt ein echtes Kleinod von einem Fotobuch.  Diese Equilibristik hält Schründer dabei bis zur Wahl von Druckformat und Papier aufrecht: "Dieses Werk, das auf Papier in Magazinqualität gedruckt ist, lehnt die Schwere und Festigkeit einer im wahrsten Sinne des Wortes gewichtigen Publikation ab."




Sabine Schründer: All Preconceptions Collapse. 76 Seiten, 22 x 28 cm, Softcover. Kodoji Press, Baden 2024, 32 Euro. ISBN: 978-3-03747-121-0














Peter Truschner
truschner.fotolot@perlentaucher.de

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