Efeu - Die Kulturrundschau
Über dem Eingang leuchtet das Rotlichtlämpchen
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.08.2025. Die taz reist zum Freedom Festival ins estnische Narva und erlebt nicht nur widerständiges politsches Theater, sondern auch eine russischsprachige Bevölkerung, die keineswegs "heimgeholt" werden will. Die FAZ bewundert die neue deutsche Botschaft in Wien, die gegen Spähangriffe durch Russland geschützt wurde. Die Welt räumt ein, dass die Denkmalschutzbehörden nicht ganz unschuldig an den vielen Abrissen sind. Und dem Perlentaucher werden in Celine Songs RomCom über das Datingverhalten moderner Großstädter dann doch zu viele Probleme gewälzt.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
21.08.2025
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Film

Mit ihrem Beziehungs/Freundschaftsdrama "Past Lives" sorgte Celine Song vor zwei Jahren insbesondere rund um die Oscars für viel Aufmerksamkeit (unsere Kritik), jetzt kommt sie mit der RomCom "Materialists" zurück in die Kinos. Der Film handelt von einer Datingagentur in New York, bei der Dates als Investment in die eigene Zukunft gesehen werden und es straff um den Marktwert aller Beteiligten geht. Die Regisseurin "seziert zunächst mit grausamer Präzision das mal von freudlos rationalen, mal von weltfremd idealisierten Erwartungen geprägte Datingverhalten moderner Großstädter", schreibt Michael Kienzl im Perlentaucher. Doch "Song gelangt selten über die Beobachtung hinaus, dass Menschen hoffnungslos überdeteminiert sind. In ihrer Selbstwahrnehmung wie auch in ihrem Begehren sind die Figuren derart von weltfremdem Idealismus und Selbstzweifeln getrieben, dass sie kaum noch Luft zum Atmen, geschweige denn Kraft zum Lieben haben. ... Stattdessen kommen die Figuren in der Gegenwart kaum noch aus dem Problemgewälze heraus. Selbst wenn es doch einmal romantisch wird, fühlt man sich wie in einem Verhandlungsgespräch oder beim Psychologen, wo unaufhaltsam persönliche Komplexe und ökonomische Zwänge durchdiskutiert werden." Weitere Besprechungen in der FR und auf Artechock.
Auf Artechock macht sich Rüdiger Suchsland Gedanken zu den Menschen, die sich auf Festivals vor allem Retrospektiven ansehen oder gar (wie auch ein großer Teil des Perlentaucher-Filmkritikteams) zu ausschließlich retrospektiven Filmfestivals wie in Bologna reisen. Alles bloß Nostalgiker, die aus dem Gestern nicht ins Heute finden? Nicht zwingend. "Früher war nicht alles besser. Aber früher gab es ein Kino, das es heute nicht mehr gibt, und ein Verhältnis zum Kino, das es heute nicht mehr gibt, und darum geht es. Es geht um die Sehnsucht nach den heute unausgeschöpften Möglichkeiten des Kinos und des Filmemachens" oder "vielleicht auch mit einer Sehnsucht, bestimmten Gefahren zu begegnen und Erfahrungen zu machen, die man heute nicht mehr so leicht machen kann. ... Die Filme der Locarno-Retrospektive sind nicht zu trennen von dem, was mal Kino war: eine alltägliche Praxis. Nichts Besonderes, kein Event, kein bedeutungsvoller Akt, in dem es darum ging, Probleme zu illustrieren." Gewidmet war die Retrospektive dem britischen Nachkriegskino - auf critic.de resümiert Till Kadritzke.
Außerdem: Sofia Glasl verneigt sich im Filmdienst vor dem Komiker Steve Martin, der vor wenigen Tagen 80 Jahre alt geworden ist. Für die Zeit porträtiert Katja Nicodemus die Regisseurin Mascha Schilinski und die Cutterin Evelyn Rack, deren Film "In die Sonne schauen" in Cannes erheblich für Aufsehen gesorgt hat und in einer Woche in die deutschen Kinos kommt.
Besprochen werden Simon Jaquemets SF-Film "Electric Child" (Perlentaucher, critic.de), J.J. Perrys Actionfilm "Afterburn" (Standard), Timo Tjahjantos Actionfilm "Nobody 2" (Artechock, Welt), die DVD-Ausgabe von Marcelo Caetanos "Baby" (taz), die Netflix-Serie "Death Inc" (FAZ), die Joyn-Serie "Messiah Superstar" (FAZ), die auf Disney+ gezeigte Serie "The Twisted Tale of Amanda Knox" (FAZ) und Sherry Hormanns auf Netflix gezeigtes, deutsches Erotikdrama "Fall For Me" ("aus dem Akt wird jegliche Erotik eliminiert", stöhnt David Steinitz in der SZ). Tagesspiegel und Filmdienst blicken außerdem auf die wichtigsten Kinostarts der Woche.
Architektur
Nach Niklaus Bernau gestern in der FAZ (unser Resümee) schaut sich auch Jan Grossarth in der Welt das "Schwarzbuch der Denkmalpflege" entsetzt an: "Mindestens knapp 600 Baudenkmäler werden demnach in Deutschland Jahr für Jahr abgerissen". Oft werden Denkmalfachbehörden viel zu spät in Planungsverfahren einbezogen, manchmal aber auch einfach ignoriert, weiß Grossarth und räumt ein: "Trägt auch das Gebaren der Ämter selbst zu Resistenz mancher Bürger bei? Denn die Denkmalschutz-Behörden treten, wie man hört, nicht immer als derart 'zahnlos' auf, wie es die Denkmalstiftung suggeriert. Ortsbegehungen, die vor Umbaugenehmigungen nötig sind, können freundlich und unterstützend über die Bühne gehen. Aber sie können auch Assoziationen an herrschaftliche Visitationen wecken. Und das - oft in umständlichem Architektendeutsch formulierte - akademische Fachwissen der Denkmalpfleger kann aus Sicht der Haus-Eigentümer arrogant wirken. Das heißt, es lässt auch an Rücksichtnahme gegenüber deren Finanzausstattung und deren Wohnbedürfnissen vermissen."
Vor dem Abriss war auch das von dem Stuttgarter Architekten Rolf Gutbrod entworfene Gebäude der deutschen Botschaft in Wien nicht geschützt, aber immerhin überzeugt der nun fertiggestellte Neubau der Leipziger Architekten Schulz und Schulz Falk Jaeger in der FAZ durch "dezente Repräsentativität": "Städtebauliche Einordnung, Kubatur, Wandgliederung und Material - die Fassaden sind mit grauem Krastaler Marmor aus Kärnten verkleidet -, in allen wesentlichen Aspekten unterscheidet sich der Bau von der Nachbarschaft im Quartier. So betont er selbstbewusst seine Sonderstellung, anders als die Vertretungen von Russland, China, Iran und Großbritannien in der Nachbarschaft, die eher unauffällig in historischen Palais oder angepassten Neubauten untergebracht sind. (…) Aufgrund der Nachbarschaft der russischen Botschaft auf der anderen Straßenseite war schon während der Bauzeit die Einschränkung des Kranradius penibel zu beachten. Auch mussten technisch diverse Vorkehrungen gegen Späh- und Lauschangriffe getroffen werden. Dennoch können die östlichen Kollegen dem Botschafter ins Wohnzimmer schauen, solange der die Vorhänge offen lässt."
Weitere Artikel: Während das Stammhaus der Frankfurter Schirn saniert wird, wird die Kunsthalle in die ehemalige Dondorf-Druckerei ziehen, die eigentlich abgerissen werden sollte. Dennoch gibt es jetzt erneut Streit, weiß Isabella Caldart in der taz: Denn das Kollektiv Die Druckerei, das gegen den Abriss protestierte, ist mit der Zwischennutzung nicht einverstanden: Man plante dort einen "selbstverwalteten, unkommerziellen Begegnungsort".
Vor dem Abriss war auch das von dem Stuttgarter Architekten Rolf Gutbrod entworfene Gebäude der deutschen Botschaft in Wien nicht geschützt, aber immerhin überzeugt der nun fertiggestellte Neubau der Leipziger Architekten Schulz und Schulz Falk Jaeger in der FAZ durch "dezente Repräsentativität": "Städtebauliche Einordnung, Kubatur, Wandgliederung und Material - die Fassaden sind mit grauem Krastaler Marmor aus Kärnten verkleidet -, in allen wesentlichen Aspekten unterscheidet sich der Bau von der Nachbarschaft im Quartier. So betont er selbstbewusst seine Sonderstellung, anders als die Vertretungen von Russland, China, Iran und Großbritannien in der Nachbarschaft, die eher unauffällig in historischen Palais oder angepassten Neubauten untergebracht sind. (…) Aufgrund der Nachbarschaft der russischen Botschaft auf der anderen Straßenseite war schon während der Bauzeit die Einschränkung des Kranradius penibel zu beachten. Auch mussten technisch diverse Vorkehrungen gegen Späh- und Lauschangriffe getroffen werden. Dennoch können die östlichen Kollegen dem Botschafter ins Wohnzimmer schauen, solange der die Vorhänge offen lässt."
Weitere Artikel: Während das Stammhaus der Frankfurter Schirn saniert wird, wird die Kunsthalle in die ehemalige Dondorf-Druckerei ziehen, die eigentlich abgerissen werden sollte. Dennoch gibt es jetzt erneut Streit, weiß Isabella Caldart in der taz: Denn das Kollektiv Die Druckerei, das gegen den Abriss protestierte, ist mit der Zwischennutzung nicht einverstanden: Man plante dort einen "selbstverwalteten, unkommerziellen Begegnungsort".
Bühne

Für eine vom dortigen Freedom-Festival unterstützte Recherche ist Tom Mustroph (taz) in die estnische Grenzstadt Narva gereist, wo er russischsprachiges politisches Theater erlebt, das der Bedrohung durch den Nachbarn trotzt. Der Großteil der Bevölkerung ist russischstämmig: "Ursache ist ein radikaler Bevölkerungsaustauch nach dem Zweiten Weltkrieg. '1944 bombardierten die Sowjets Narva. Den Einheimischen wurde danach nicht erlaubt, in die Stadt zurückzukehren. Stattdessen wurden Menschen aus allen Gegenden des Riesenreichs nach Narva gebracht, erzählt (Piret, Anm. d. Red.) Jaaks. Die letzten 80 Jahre Migrationsgeschichte in Narva hat sie in ihrem Dokumentartheaterstück 'Internal Climate' für das Festival komprimiert. Sie fokussiert sich dabei auf die einst geheime Fabrik Baltijets. Hier stellten ausschließlich russischstämmige Menschen unter anderem Bauteile für das Atomwaffenprogramm und das Weltraumprogramm der einstigen Sowjetunion her. ... Aus den Interviews mit ehemaligen Beschäftigten des Werks, die die Grundlage des Stücks bilden, ging auch hervor, dass viele sich zwar als russisch identifizieren, sie aber keinesfalls von Wladimir Putin in dessen Riesenreich 'heimgeholt' werden wollen."
Weitere Artikel: Die Zeit stopft das Sommerloch, indem sie den jüdischen Publizisten Meron Mendel, der erklärtermaßen nichts mit Oper und noch weniger mit Wagner am Hut hat, für den Feuilleton-Aufmacher zu den Bayreuther Festspielen schickt. Ebenfalls in der Zeit ist Peter Kümmel hingerissen von Kirill Serebrennikovs Adaption von Vladimir Sorokins Roman "Der Schneesturm" bei den Salzburger Festspielen, vor allem dank Filipp Avdeev als Kutscher und August Diehl als Arzt (mehr hier). Besprochen wird außerdem Brett Baileys kolonialismuskritische Inszenierung "FaustX" beim Kunstfest Weimar (nachtkritik).
Literatur
Sebastian Borger spricht für die FR mit dem Schriftsteller Jonathan Coe über dessen neuen Roman "Der Beweis meiner Unschuld", die politische Lage in Großbritannien und was einen wirklich guten Krimi ausmacht. Besprochen werden unter anderem Anja Kampmanns "Die Wut ist ein heller Stern" (NZZ), Giorgio Orellis "Am Rande des Lebens" mit Gedichten aus dem Nachlass (NZZ), die Comicanthologie "Stell Dir vor" (FAZ.net), Mathijs Deens Kriminalroman "Die Lotsin" (FR), Max Goldts "Aber?" (Zeit) und Helmut Lethens "Stoische Gangarten - Versuche der Lebensführung" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst

Licht in all seinen Erscheinungsformen erlebt Elke Linda Buchholz im Tagesspiegel in der Ausstellung "Lumen" im Schloss Biesdorf, der einstigen Sommerresidenz von Werner von Siemens. Meist geht es der Kritikerin aber doch zu schlicht zu: "Was mit Neonröhren künstlerisch alles möglich ist, hat der Berliner Berglandschaftsspezialist Sven Drühl ausgereizt. Wie gezeichnete Linien formen seine Leuchtröhren in feinen Schnörkeln, Bögen und Konturen die Motive aus japanischen Holzschnitten nach. Daneben dudelt Tanzmusik zum Filmloop in einem Miniatur-Bordell, das wie ein Bühnenmodell amerikanische Klischees kondensiert. Über dem Eingang leuchtet das Rotlichtlämpchen. 'FUCK' ruft eine Riesenleuchtschrift an der Wand. Licht kann Signal sein und sehr klare Botschaften aussprechen."
Einen Vorgeschmack, wie es aussehen kann, wenn der von Trump verordnete "Amerikanismus" in den Smithonian-Museen vorherrscht (unsere Resümees), gibt Hannes Stein in der Welt: "Im Juli sagte die schwarze Malerin Amy Sherald, die das offizielle Porträt von Michelle Obama geschaffen hat, eine Ausstellung in der National Porträt Gallery ab. Der Grund: Eines ihrer Bilder zeigte eine stolze Transfrau mit rot gefärbtem Haar als Freiheitsstatue, in deren Fackel gelbe Blumen blühen. Amy Sherald sollte dieses Bild aus der Ausstellung entfernen; dazu hatte sie keine Lust, also entfernte sie lieber ihre Ausstellung aus dem Museum. Im Mai hatte Trump verkündet, er habe Kim Sajet gefeuert, die Direktorin der National Portrait Gallery. Sie stehe für 'diversity, equity and inclusion', also Vielfalt, Gleichberechtigung und Aufnahme anderer Menschen, und sei deswegen für ihren Posten 'völlig ungeeignet'. Allerdings hat der Präsident gar nicht die Macht, Direktoren des Smithsonian zu entlassen. Kim Sajet zog es dann vor, aus freien Stücken zu gehen."
Weitere Artikel: In der Zeit möchte Hanno Rauterberg ganz Eislingen auf der Documenta präsentieren, so angetan ist er von den Kunstwerken, die die Bildhauerin Anja Luithle auf den Verkehrskreiseln des kleinen Städtchens schafft. In der FR gratuliert Ingeborg Ruthe dem C/O Berlin, da aktuell eine Julian-Rosefeldt-Ausstellung zeigt, zum 25-jährigen Jubiläum. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Edvard Munch - Angst" in den Kunstsammlungen Chemnitz (FAZ, mehr hier).
Musik
"Die Berliner Clubcommission hat ein Antisemitismusproblem", stellt der Berliner DJ Thorsten Sommer in der Welt fest. Im Zuge des 7. Oktobers häuften sich Fehlgriffe und wirres Social-Media-Verhalten (ausgerechnet die Mitbegründerin der internen "Awareness Akademie" likte auf Instagram Postings, in denen der 7. Oktober als Form des legitimen Widerstands dargestellt wurde) und auch jüngst gibt es wieder zu Irritationen Anlass: "Das 2024 neu gewählte Vorstandsmitglied Zuher Jazmati ... markierte vor Kurzem auf Instagram einen Beitrag der 'Student Coalition Berlin mit einem 'Gefällt mir'." Das Posting "zeigte eine Palästina-Flagge sowie einen Paraglider - eine eindeutige Anspielung auf den Hamas-Angriff auf das Nova-Festival - und war mit den Worten '...until total liberation' versehen." Auf Kritik daran reagierte Jazmati "mit einer Instagram-Story, in der er sich demonstrativ mit einer Cap zeigte, auf der ein rotes Dreieck prangt. Das Symbol wird unter anderem in der israelfeindlichen 'Pro-Palästina'-Szene als Ausdruck von Solidarität mit der Hamas verwendet."
Weiteres: Julian Weber (taz) und Philipp Krohn (FAZ) schreiben zum Tod des Musikmanagers Alfred Hilsberg (weitere Nachrufe bereits hier). Helene Slancar denkt im Standard über die Gründe nach, warum die Pop- und Rockdinosaurier der Boomer-Jahrzehnte gerade wieder so angesagt sind. Joachim Hentschel spricht in der SZ mit John Fogerty, der sich nach vielen Jahrzehnten die Rechte an seinen Songs zurückgekauft hat. In der FAZ gibt Julia Schymura Lehrern Tipps für den digitalen Musikunterricht.
Besprochen werden Billy Shebars und David C. Roberts' Kinoporträt "Monk in Pieces" über die Komponistin Meredith Monk (FR), der Auftakt der Boulez-Hommage bei den Salzburger Festspielen (Presse), ein Auftritt von Chappell Roan in Zürich (NZZ) und das neue Album von Haim (Jungle World).
Weiteres: Julian Weber (taz) und Philipp Krohn (FAZ) schreiben zum Tod des Musikmanagers Alfred Hilsberg (weitere Nachrufe bereits hier). Helene Slancar denkt im Standard über die Gründe nach, warum die Pop- und Rockdinosaurier der Boomer-Jahrzehnte gerade wieder so angesagt sind. Joachim Hentschel spricht in der SZ mit John Fogerty, der sich nach vielen Jahrzehnten die Rechte an seinen Songs zurückgekauft hat. In der FAZ gibt Julia Schymura Lehrern Tipps für den digitalen Musikunterricht.
Besprochen werden Billy Shebars und David C. Roberts' Kinoporträt "Monk in Pieces" über die Komponistin Meredith Monk (FR), der Auftakt der Boulez-Hommage bei den Salzburger Festspielen (Presse), ein Auftritt von Chappell Roan in Zürich (NZZ) und das neue Album von Haim (Jungle World).
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