Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.04.2023 - Kunst

Angenehmen Grusel erleben Nicole Büsing und Heiko Klaas im Tagesspiegel beim Betrachten der Videoinstallation "Nest" der japanischen Künstlerin Tabaimo im Kopenhagener Art Center GL Strand. Das Unheimliche mit Anlehnungen an japanische Holzschnitte und magischen Realismus à la Murakami kennen sie schon aus einigen bedeutenden Ausstellungen der Künstlerin und auch hier begegnet ihnen wieder Verletzlichkeit und Weiblichkeit: "Eine nur mit einem Slip bekleidete junge Frau wäscht sich ebenso exzessiv wie ungeniert an einem Waschbecken. Eine andere gebiert durch ihr Nasenloch einen Embryo, übergibt diesen einer Schildkröte und versucht, beide mit der Klospülung aus der Welt zu schaffen." Nicht nur Holzschnitte werden anzitiert, auch digitale Technik, die deutlich macht: "Das Dämonische siegt." Aber nicht ohne eine sehenswerte, mitreißende Menschlichkeit, die Büsing und Klaas begeistert.

Ausstellungsansicht. Bild: Kunsthaus Zürich
Nahezu ekstatisch erlebt Philipp Meier in der NZZ eine Austellung des Zürcher Kunsthaus, die sich der Freundschaft der Surrealisten Alberto Giacometti und Salvador Dalí widmet. "Giacometti - Dalí. Traumgärten" zeigt ihm die gegenseitigen Einflüsse der beiden, sie "waren ein ungleiches Paar", aber "beide Träumer." Mit sexuellen und gewaltvollen Fantasien gebärdeten sie sich als "Bürgerschreck" "mit ihrem Faible für Tiefenpsychologie und Traumdeutung und ritzten an der schönen Oberfläche vegetabiler Akkuratesse, um die albtraumhaften Biotope leidenschaftlicher Psychosen hervorzulocken." Auch gemeinsame Arbeit strebten sie an: "1931 verfolgte Giacometti das nie im Maßstab eins zu eins umgesetzte 'Projet pour une place': ein begehbarer Traumraum für einen Garten. Darin sollte es möglich sein, eine Kugel zu rollen, sich auf eine Schlangenliege zu legen, sich in einer Mulde zu verkriechen oder sich an einem Kegel festzukrallen. In einem Text aus dem Jahr 1933 schließt Dalí an Giacomettis Gartenprojekt an. Er stellt sich darin die Verwandlung einer Frau in einen Kegel vor und wie wunderbar ein Liebesakt mit diesem wäre - eine Art sexualisierte Umsetzung der räumlichen Träumereien seines Freundes."

Dass die Ausstellung "Dimensions. Digital Art since 1859" (Unser Resümee) in den Leipziger Pittlerwerken auch bei Niklas Maak in der FAZ nicht gerade für Freudenschreie sorgt, liegt nicht nur daran, dass sie durch den Big-Data-Riesen Palantir finanziert und durch den umstrittenen Kulturmanager Walter Smerling protegiert wird, sondern auch daran, dass sie wenig zu sagen hat: "Tut keinem weh, kritisiert nichts." Bloß keine Negativität, bloß keine kritischen Fragen provozieren: "Hier lässt man sich sedieren vom schönen Flackern digitaler Bilder, dort werden die individuellen Freiheiten zurechtamputiert, bis es den Digitalkonzernen und ihren Interessen passt."

Weiteres: Die FR bespricht die große "Hugo van der Goes"-Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.04.2023 - Kunst

Idilio, Jávea, Alicante, 1900. Foto:Palacio Real de Madrid.

SZ-Kritikerin Karin Janker badet im Licht der impressionistischen Gemälde Joaquín Sorollas, die der Palacio Real in Madrid in der Ausstellung "Sorolla a través de la luz" zeigt. Zu Unrecht galt der Maler lange Zeit als "oberflächlich", stellt sie fest, denn die Darstellung von Licht in all seinen Formen, der der Maler sich Zeit seines Lebens widmete, hat bei ihm eine tiefere Bedeutung: "Sorollas Malerei vertritt eine leicht als Oberflächlichkeit missverstandene phänomenologische Sicht auf die Welt. Für ihn ist die Oberfläche die Wahrheit. Der Madrider Ausstellungstitel 'A través de la luz' ist daher so passend wie schwer zu übersetzen: Er bedeutet 'durch das Licht hindurch', aber auch dank des Lichts oder 'mit Hilfe des Lichts'." Ganz hingerissen ist Janker auch von der Ausstellungsinszenierung "im Stile der Laterne Magica", mit der der Königspalast Sorollas Bilder zum Leben erweckt: "Der Effekt auf den Betrachter ist der einer Verzauberung: Staunend wie ein Kind steht man inmitten des Raumes und dreht sich, während um einen herum die Bilder ins Tanzen geraten. Ist das naiv? Spektakelhaft? Nicht, wenn man begreift, dass es Sorolla nicht um das Stillstellen von Licht ging, sondern genau ums Gegenteil: um die Erkenntnis, dass die Welt, die uns umgibt, nichts ist als Licht."

In der Zeit fragt sich Hanno Rauterberg, was es zu bedeuten hat, dass ausgerechnet das "geheimnisumwitterte" Datenanalyseunternehmen Palantir zum Hauptsponsor der aufwendigen Digitalkunstausstellung "Dimensions" in den Pittlerwerken Leipzig wurde. CEO Alexander Karps preist in seinem neuen Buch das aufklärerische Potenzial von Kunst, das er ausgerechnet in ihrer Ambiguität verortet sieht, als "Gegengift einer totalitären, weil total ausrechenbaren Digitalwelt", lesen wir. Ist das "nur seltsam", rätselt Rautenberg, oder "eine spezielle Form von Selbstangst? ... Ein Unternehmen wie Palantir, von dem Versprechen lebend, es könne alles und jeden durchschauen, preist am Ende das Undurchschaute, Ambivalente, den künstlerischen Kontrollverlust. Und überhaupt die Idee einer disruptiven Avantgarde. Während sich also andere, politisch konstruktive Teile der Kunstszene gerade um klare Botschaften bemühen und sich allzu große Ambiguität verbitten, weil Ambiguität nur Missverständnisse schüre, hat der gute alte erlösende Kunstglaube wieder eine Heimat gefunden. In Leipzig, in einer Fabrikruine. Unter der Schirmherrschaft einer neuen Macht."

Maria Magdalena in Ekstase: Artemisia Gentillesci. Collezione Gastaldie Rotelli. Foto: Diego Brambilla. 

Taz
-Kritikerin Doris Akrap hat sich im Diözesanmuseum in Freising die Ausstellung "Verdammte Lust. Kirche.Körper. Kunst" angesehen, in der sich die katholische Kirche mit der jahrhundertelangen Tabuisierung von Körper und Sexualität in der religiösen Kunst auseinandersetzt. Man kann natürlich sagen, dass sich die Verantwortlichen lieber mit der Aufklärung der Missbrauchsfälle beschäftigen sollten, so die Kritikerin, aber "die aktuelle Ausstellung muss dennoch mit ihrer Ausrichtung und an diesem Ort als revolutionär gelten. Denn in erster Linie wird hier gezeigt, wie die Kirche über Jahrhunderte lang selbst daran gearbeitet hat, ihre Monster zu erschaffen. Wie sie Geschlechterbilder transportiert hat, die dazu führten, dass die Institution Kirche heute als quasi unreformierbar gilt."

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Өмә" des Fata Collective in der Berliner NGbK im Kunstraum Kreuzberg (FAZ), die Ausstellung "Texte und Töne" mit Werken von Käthe Kruse in der Galerie Zwinger (taz), die Ausstellung "Macht, Raum, Gewalt" in der Berliner Akademie der Künste (tsp), die Video-Installation "The Visitors" von Ragnar Kjartansson im Migros Museum Zürich (monopol) und Liam Gillicks Rauminstallation "Filtered Time" im Pergamonmuseum Berlin (monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.04.2023 - Kunst

Libuše Jarcovjáková: Ohne Titel, aus der T-Club-Serie, 1980er. 

Ein bisschen oberflächlich, aber doch auch aufregend findet Ursula Scheer die Schau "Bohemia" in der Kunsthalle Prag, die das bohemistische Künstlerleben aus Poesie, Rausch und melancholischer Schönheit sucht: "Ziemlich viele Männer in Schwarz-Weiß, die gelangweilt in die Kamera schauen, eine Fluppe zwischen den Fingern oder ein Glas in der Hand, versammelt diese Ausstellung mit Werken von 37 Künstlern. Es fällt ihr oft schwer, mit all diesen Fotos die Wucht körperlicher Erfahrung zu vermitteln, die das Boheme-Leben auszeichnet: den Exzess, das rücksichtslose Sichverbrauchen. Dann wieder scheint genau das auf: in Nan Goldins 1981 begonnener, intime Diashow 'The Ballad of Sexual Dependency', die auch ein Requiem auf Opfer der Aids-Krise der Achtziger ist, in Libuše Jarcovjákovás Fotos ungeschönter Leiber aus der Subkultur der Tschechoslowakei oder in der Aufnahme von einer Performance des chinesischen Künstlers Zhang Huan, der 1994 nur mit Honig und Fischfett bedeckt in einer öffentlichen Toilette ausharrte."

Weiteres: In der SZ runzelt Andrian Kreye die Stirn über den Fall des Berliner Fotografen und Künstlers Boris Eldagsen, der seinen Sony World Photo Award nicht annehmen wollte, weil er das Bild mit einer KI geschaffen hatte, was die Jury auch wusste. Eldagsen wollte sein KI-Bild nicht subsumiert haben in der Kategorie "kreativ", sondern als eigenständige Kunstform anerkannt. Im Standard berichtet Ivona Jelcic vom Streit um Antony Gomleys Landschaftsskulpturen in den Vorarlberger Alpen.

Besprochen werden die Ausstellung der 1943 in Auschwitz ermordeteten Malerin Charlotte Salomon im Münchner Lenbachhaus (FAZ), eine Schau in der Tate Modern, die Hilma af Klint und Piet Mondrian unter dem Aspekt der Spiritualität zusammenzwängt (un die Guardian-Kritiker Jonathan Jones zeigt, dass künstlerisch zwischen den beiden Malern Kontinente liegen), Jana Stolzers und Lex Rüttens Ausstellung "We grow, grow and grow" inm Hartware MedienKunstVerein (taz) sowie Peter Reichenbachs und Sibylle Cazajus' Film "Durchs Höllentor ins Paradies" über das Kunsthaus Zürich (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.04.2023 - Kunst

Besprochen werden die sehr sehenswerte Ausstellung "Alle Wege sind offen" zu Fotografinnen auf Reisen, die leider die letzte im Bielefelder Kunstforum Hermann Stenner sein wird (wie Bettina Brosowsky in der taz bedauert) und die Schau "1920er! Kaleidoskop der Moderne" in der Bonner Bundeskunsthalle (die sich Tsp-Kritiker Bernhard Schulz zufolge jenseits aller Politik ganz auf "das Neue" in der Weimarer Republik konzentriert).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.04.2023 - Kunst

Eli Singalovski: Dubiner, 2015. Bild: Stadtmuseum München

Das Stadtmuseum München zeigt in der Ausstellung "Sunbreakers" Eli Singalovskis Fotografien von brutalistischen Bauten in der israelischen Wüstenstadt Beersheva, und taz-Kritiker Chris Schenke schult dabei die ruppige Seite seiner Ästhetik: "Man solle die größtenteils bei Nacht entstandenen Aufnahmen unvoreingenommen betrachten. Die lange Belichtungszeit lässt die abgebildeten Bauten unwirklich erträumt erscheinen. Die brutalistische Architektur in Be'er Sheva erzählt von einer Zeit, in der ein optimistisches Zukunftsbild herrschte. Singalovskis hochaufgelöste Digitalbilder deuten aber auch eine mögliche Kritik an. In der detailreichen Aufnahme eines langgezogenen Sozialbaus zeigt sich, wie die Bewohner aus der Einförmigkeit der Megastruktur auszubrechen versuchen. Individuelle Erweiterungen und Anpassungen überwuchern hier die Klarheit der Architektur. Wer genau hinsieht, dem erzählen Singalovskis Bilder also auch eine mögliche Geschichte von morgen."

Besprochen werden die Ausstellung "Nebel des Krieges" mit Arbeiten kasachischer und aserbaidschanischer KünstlerInnen zu staatlicher Gewalt und Unterdrückung in verschiedenen Goethe-Instituten (FAZ), Steve McQueens Dokumentarfilm "Grenfell" über die verheerende Brandkatastrophe von 2017 in der Londoner Serpentine Gallery (taz) sowie die Schau "Nachtwach Berlin" von Fotograf Ingo von Aaren und Schriftsteller David Wagner im Haus am Kleistpark (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.04.2023 - Kunst

Bild: Carl Bloch, Still Life with Fish, 1878.

Der dänische Maler Carl Bloch, einst bekannt für seine expressiven Historiengemälde, war lange Zeit vergessen, zu mythologisch und pathetisch schienen seine Stoffe in der Moderne. Nun zeigt die Nationalgalerie in Kopenhagen die erste Bloch-Ausstellung seit 100 Jahren - und ganz kann sich Paul Ingendaay in der FAS dem Bann der sinnlich-detailreichen Werke nicht entziehen: "Ein besonders provokantes Bloch-Werk ist 'In einer römischen Osteria' aus dem Jahr 1866. Ein junger Mann und zwei junge Frauen sitzen beim Essen, und der Betrachter fühlt sich als indiskreter Störer. Fliegen krabbeln über den Tisch, scharfe Gabelspitzen ragen drohend empor, der Mann schaut uns missgelaunt bis aggressiv in die Augen, während der Ausdruck der beiden Frauen schwerer zu deuten ist, irgendetwas zwischen Koketterie und leisem Spott. Als Betrachter ist man verunsichert, weil man sowohl in das Bild hineingezogen als auch zurückgestoßen wird."

Im Alter von sieben Jahren verließ die russische Künstlerin Diana Markosian mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Moskau Richtung Santa Barbara, den Vater ließen sie zurück. In ihrer gleichnamigen Ausstellung im Museum Fotografiska in Stockholm lotet sie nun die Unschärfen ihrer Erinnerung aus, schreibt Max Florian Kühlem in der SZ: "Alle Familienmitglieder waren in den künstlerischen Prozess miteinbezogen. In der Ausstellung zeugt davon ein Dialog aus dem Drehbuch, den alle Mitglieder vorgelegt bekommen haben: Es geht um ein Gespräch am Küchentisch noch in Russland, das sich um die Schwierigkeit dreht, die Miete zu bezahlen. Streichungen und Ergänzungen in verschiedenen Farben zeigen, dass alle eine eigene Version dieser Begebenheit in Erinnerung haben. Was ist also die Wahrheit? Kann nicht genauso viel Wahrheit darin liegen, die eigene Vergangenheit als Seifenoper zu erzählen?"

Außerdem: Die NZZ bringt einen zunächst im City Journal veröffentlichten Text von Heather MacDonald, in dem die konservative Publizistin mit Blick auf die im New Yorker Metropolitan Museum of Modern Art ausgestellte und neu kontextualisierte Büste "Why Born Enslaved!" des französischen Bildhauers Jean-Baptiste Carpeaux beklagt, dass das Museum in seinem Verständnis als "antirassistische" Institution zu einer "ideologischen Anstalt" werde. Dem Museum wirft sie schließlich "Hass auf die westliche Zivilisation" vor. Auf den "Bilder und Zeiten"-Seiten der FAZ denkt Eduard Rathgeb über Jan Vermeers Gemälde "Die Malkunst" nach. In der NZZ schreibt Philipp Meier zum Tod des Auktionators Eberhard W. Kornfeld.

Besprochen werden die Ausstellung "Christa Dichgans: Robert" in der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts (Tsp), die Ausstellung "Foam Talent" in der Deutsche Börse Photography Foundation in Eschborn (FR), die Ausstellung "Stepping Out! Female Identities in Chinese Contemporary Art" im Museum der Moderne Salzburg (Standard), die Georges-Simenon-Ausstellungen "Simenon, Images d'un monde en crise. Photographies 1931-1935" im Museum Grand Curtius in Lüttich und die Comicausstellung "Simenon, du roman dur à la bande dessinée" im Fonds Patrimoniaux in Lüttich (taz)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.04.2023 - Kunst

Paul Klee, Fenster und Palmen, 1914, 59, Kunsthaus Zürich, Grafische Sammlung 1930


Offenbarungscharakter hatte eine Tunesienreise für Paul Klee, lernt NZZ-Kritiker Philipp Meier in der Ausstellung "Re-Orientations. Europa und die islamischen Künste" im Kunsthaus Zürich. Für den Künstler, der sich zuvor als Grafiker begriffen hatte, wirkte "das Fremde als Geburtshelfer der Avantgarde", das die Transformation hin zum Maler von geometrisch-abstrakten Bildern ermöglicht, die den Orient auch als Projektionsfläche romantischer Fantasien nutzen, wie sich aus postkolonialer Perspektive kritisieren ließe. Eine Kritik, die auch auf andere ausgestellte Künstler wie Ingres oder Gérôme übertragen werden könnte, überlegt Meier: Deren Malerei "vereint die Wertschätzung für islamische Künste und die künstlerische Auseinandersetzung mit diesen. Diese Bewunderung war allerdings häufig auch oberflächlich und fand oft außerhalb jeglicher Kontextualisierung statt. Aus heutiger Sicht könnte man wohl in vielen Fällen von kultureller Aneignung sprechen. Die Schau im Kunsthaus ist dennoch eine Feier europäischer Islamophilie in der bildenden wie angewandten Kunst." Besonders freut sich der Kritiker darüber, dass es mit Henriette Brown auch eine weibliche Perspektive auf das Thema gibt, die er "weit nuancierter als die kitschverdächtigen Visionen" ihrer männlichen Kollegen findet.

Sherry Levine, Meltdown, 1989. Foto: Moma, New York


"Schon wieder Piet Mondrian?", fragt sich Bettina Brosowsky in der taz angesichts einer weiteren Ausstellung zu dem Niederländer im Kunstmuseum Wolfsburg. Aber dann hat's ihr doch gefallen. Denn anders als der Name 'Re-Inventing Piet' verspricht, werde zwar das mondriansche Rad nicht neu erfunden, aber die Wirkung seiner neoplastizistischen Kunst auf die Populärkultur bis heute nachgezeichnet: "Ihn interessierte die Überwindung der Illusionskunst Malerei. Sie soll kein Abbild mehr liefern, nicht eine dreidimensionale Realität in die zweidimensionale Fläche überführen. Die Malerei wird autonom, konkret, findet ihre eigenen Gesetze. Für Mondrian bedeutete dies die Selbstbeschränkung auf die Grundkoordinaten der Welt, den rechten Winkel." Ganze Genealogien von Künstlern haben darauf Bezug genommen, so Brosowsky: "Eines der aktuellsten unter den rund 150 in Wolfsburg gezeigten Artefakten ist von Kathryn Sowinski. Ihre kleine Zeichnung ist eine Reprise von Sherrie Levines Druckgrafiken, mit denen sich Levine ihrerseits in den 1980er Jahren Mondrians bekannte Kompositionen aneignete. Sowinskis Titel: 'After Sherrie Levine, After Piet Mondrian II'."

Weiteres: Hat ein Künstler das Recht, seine Werke auf ewig ausgestellt zu sehen, fragt sich Marlene Grunert in der FAZ angesichts eines Streits um ein Wandgemälde in der Vermont Law and Graduate School, das abgehängt werden soll, weil es rassistische Stereotype zeigt, die es kritisiert. Von der Urheberrechtsfrage mal abgesehen, erinnert sie daran, "dass Thematisierung nicht Affirmation bedeutet". Alexandra Wach (Monopol) lässt sich in der Prager Kunsthalle mit den Fotografien von Peter Hujar und Nan Goldin in 'Bohemia. History of an idea. 1950-2000' auf Überlegungen zum wilden ärmlichen und doch freizügigen Leben der Bohème ein, deren Ära für sie trotz Digitalisierung und Cyberspaces längst noch nicht beendet ist. Besprochen wird Fabrice Hyberts Ausstellung "La Vallée" in der Pariser Fondation Cartier (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.04.2023 - Kunst

Schöner sterben im Humboldt Forum. Foto: Stiftung Humbold Forum im Berliner Schloss / Alexander Schippel


Schwer enttäuscht kommt Welt-Kritiker Matthias Busse aus der Jahresausstellung des Humboldt Forums "Un_endlich - Leben mit dem Tod", die sich auf fundamentale Weise mit dem Sterben auseinanderzusetzen verspricht. Busse wundert sich über die eingeschränkte Perspektive "westlicher Aufgeklärter", mit der die Ausstellung auf den Tod blickt und beklagt "virtuelles Wissenschaftstheater", bei dem wirkliches Hinterfragen ausbleibt. Der krude Alltag des Sterbens wird dabei ausgeblendet, kritisiert er: "Der Tod verliert in dieser Ausstellung seinen Schrecken. Das Leben entweicht sanft mit dem letzten Ausatmen wie im Atem-Meditiationsworkshop in einem spirituellen Stille-Retreat. ... Bei all dem frommen Geraune vom Tod als dem großen Gleichmacher bleibt alles globale Forschungswissen unerwähnt: Damit die Geister der Verstorbenen den irdischen Wohlstand weiter gönnen, praktizieren viele Gemeinschaften Ahnenverehrung mit teils aufwendigen Sakralobjekten. Doch die einprägsamen, teils einzigartigen Artefakte der im Schloss beheimateten Ethnologischen und Asiatischen Museen verstauben im Depot."

Egungun-Masken Tanman (links) und Bouloukou (rechts). Foto: Stéphan Gladieu

taz-Kritikerin Johanna Schmeller ist fasziniert von der Gegenüberstellung ganz unterschiedlicher Maskierungen in der Ausstellung "From Mystic to Plastic" im Museum Fünf Kontinente in München. Die Ausstellung stellt zwei Bilderserien des Fotografen Stéphan Gladieu gegenüber: Für die Reihe "Engungun" hat Gladieu Trachten des Ahnenkults aus der Republik Bénin fotografiert, sie "sind aus glänzenden Nieten und schwingenden Stoffbahnen zusammengesetzt, haben geschnitzte Holzskulpturen wie Affen, Panther oder wilde Hunde wie eine Krone auf dem Kopf", staunt die Kritikerin. Demgegenüber stehen seine Fotografien der Arbeiten des Künstlerinnenkollektivs "Ndaku ya, la vie est belle" aus Kinshasa, "bombastische, an moderne Superhelden erinnernde Kostüme", allesamt aus Müll geschaffen. "Das Künstlerkollektiv lässt eine irre Science-Fiction-Welt entstehen. Doch wie im Ahnenkult auch sind Frauen und ihre spezifischen Lebenswelten nicht abgebildet."

Der Historiker Florian Keisinger stellt in der taz klar, das Max Beckmann zwar die Nazis verabscheute, aber weder Jude war, noch vor den Nazis fliehen musste. Ersteres schrieb Florian Illies fälschlicherweise in seinem Buch "Liebe in Zeiten des Hasses", zweiteres war auf einer Wandtafel in der kürzlich beendeten Ausstellung "Departure" in der Münchner Pinakothek der Moderne zu lesen, ärgert sich Keisinger. "Beckmann hat sich während der NS-Zeit in keiner Weise persönlich kompromittiert. Ein Verfolgter, der um sein Leben bangen musste, war er jedoch nicht. Auch wenn sich dieses Bild hartnäckig hält und jüngst sowohl von den Kuratoren der Münchner 'Departure'-Schau als auch - in besonders gravierender Weise - von Florian Illies einmal mehr übernommen wurde. Offenbar dominiert in der Exilgeschichte weiterhin der Wunsch nach einer klaren Täter-Opfer-Dichotomie."

Weitere Artikel: Catrin Lorch berichtet in der SZ über die Dokumentation "Whaam! Blam! Roy Lichtenstein and the Art of Appropriation" in der Comic-Autoren den Pop-Art-Künstler des Plagiats bezichtigen. Absurd und nicht besonders neu, meint Lorch, schließlich ging es ihm gerade darum, alltägliche Motive zu kopieren, um sie "in der Kunst aufzusockeln, zur Analyse frei zu geben". In der Zeit schreiben die Maler Sven Hoppler und Michael Triegel über ihre moderne, religiöse Kunst.

Besprochen werden die Ausstellung "Hugo van der Goes. Zwischen Schmerz und Seligkeit" in der Gemäldegalerie Berlin (Zeit, BLZ), die Gruppenschau "Indigo Waves and other Stories" im Berliner Gropius Bau (Tagesspiegel), Tehching Hsiehs Dokumentation seiner "One Year Performance 1980-1981 (Time Clock Performance)" in der Neuen Nationalgalerie (Tagesspiegel), eine Ausstellung des Malers Giorgio Morandi in der Londoner Estorick Collection (NZZ) und die Ausstellung "1920! Im Kaleidoskop der Moderne" in der Bundeskunsthalle Bonn (monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.04.2023 - Kunst

Filmstill aus Steve McQueens "Grenfell". 

Die Londoner Serpentine Gallery zeigt Steve McQueens Film "Grenfell", in dem der britische Filmkünstler die Ruine jenes von den Behörden vernachlässigten Hochhauses verewigt, in dem 72 Menschen zu Tode kamen, als es in nur wenigen Augenblicken wie eine Fackel abbrannte. Im Observer hält Laura Cumming den Atem an: "Die Bewegung ist schwindelerregend und wird in Paul Gilroys grandios pamphletistischem Begleittext ganz richtig als Wirbel beschrieben. Aber Bewegung ist alles, was McQueen bietet. Er versucht nicht, mehr zu sehen, als man sehen kann, oder ein Requiem für die Toten zu schaffen. Sein Film ist ein Ritus der reinen Beobachtung in Form einer langen Filminstallation. Ein Zug fährt in einen nahe gelegenen Bahnhof ein. Die Kamera kreist weiter. Ein einsamer Vogel fliegt vorbei. Die Wiederholung ertappt sich selbst und stellt die Fähigkeit auf die Probe, weiter und weiter zu beobachten. Wie wird es enden, dieses Zeugnis?"

Besprochen werden eine Ausstellungen mit Druckgrafiken von "Dürer, Munch, Miró" in der Albertina in Wien (FAZ) sowie die Soloausstellung des Australiers Daniel Boyd und die Gruppenschau "Indigo Waves" im Berliner Gropiusbau (Monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.04.2023 - Kunst

Im Tagesspiegel feiert Noemi Smolik Abu Dhabi als neue Kunstmetropole. Besprochen werden eine Schau Junger Kunst im Frankfurter Kunstverein (FR), die Ausstellungen zu Margaret Raspé im Berliner Haus am Waldsee und Ulysses Jenkins in der Julia-Stoschek-Foundation (SZ).