Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.04.2023 - Kunst

Filmstill aus Steve McQueens "Grenfell". 

Die Londoner Serpentine Gallery zeigt Steve McQueens Film "Grenfell", in dem der britische Filmkünstler die Ruine jenes von den Behörden vernachlässigten Hochhauses verewigt, in dem 72 Menschen zu Tode kamen, als es in nur wenigen Augenblicken wie eine Fackel abbrannte. Im Observer hält Laura Cumming den Atem an: "Die Bewegung ist schwindelerregend und wird in Paul Gilroys grandios pamphletistischem Begleittext ganz richtig als Wirbel beschrieben. Aber Bewegung ist alles, was McQueen bietet. Er versucht nicht, mehr zu sehen, als man sehen kann, oder ein Requiem für die Toten zu schaffen. Sein Film ist ein Ritus der reinen Beobachtung in Form einer langen Filminstallation. Ein Zug fährt in einen nahe gelegenen Bahnhof ein. Die Kamera kreist weiter. Ein einsamer Vogel fliegt vorbei. Die Wiederholung ertappt sich selbst und stellt die Fähigkeit auf die Probe, weiter und weiter zu beobachten. Wie wird es enden, dieses Zeugnis?"

Besprochen werden eine Ausstellungen mit Druckgrafiken von "Dürer, Munch, Miró" in der Albertina in Wien (FAZ) sowie die Soloausstellung des Australiers Daniel Boyd und die Gruppenschau "Indigo Waves" im Berliner Gropiusbau (Monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.04.2023 - Kunst

Im Tagesspiegel feiert Noemi Smolik Abu Dhabi als neue Kunstmetropole. Besprochen werden eine Schau Junger Kunst im Frankfurter Kunstverein (FR), die Ausstellungen zu Margaret Raspé im Berliner Haus am Waldsee und Ulysses Jenkins in der Julia-Stoschek-Foundation (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.04.2023 - Kunst

Vor fünf Jahren haben fünf fünfzehnjährige Jungs aus Nigeria unter dem Namen "The Critics Comapny" angefangen, mit ihren Smartphones Filme zu drehen: über Aliens, Halbgötter und kleine Mädchen mit Superkräften. Die Technik für die Special Effects haben sie auf Youtube gelernt. Nachdem 2021 ein Film von ihnen auf der Athen-Biennale gezeigt wurde, hat jetzt auch das Frankfurter MMK zugegriffen. Science Fiction gibts jetzt nicht mehr, dafür das, was europäische Kunstkuratoren heute wohl so erwarten: Raubkunst und Kritik an der Ausbeutung afrikanischer Künstler. Laura Helena Wurth stört die Ironie in der FAS nicht die Bohne. Die Künstler "scheinen selbst etwas überrascht davon, dass ihre Arbeit im Kontext 'Kunst' gezeigt und angeschaut wird und ihnen jetzt Kulturjournalisten gegenübersitzen, die sie fragen, wie das ist, wenn man plötzlich in einem Museum ausstellt. ... Sie hätten sich eigentlich noch nie so richtig mit den geraubten Artefakten ihrer Vorfahren beschäftigt, obwohl das Thema schon immer präsent gewesen sei. Auf die Idee, sich darauf in ihrer neuen Arbeit einzulassen, seien sie gekommen, als sie mit einem befreundeten Kurator über ihre Schau sprachen und er sie in die Pflicht nahm, das Thema nach Europa zu tragen."

Hier der Kurzfilm "The War is Coming":



Pablo Picasso und seine Kunst wurden so oft auseinandergenommen, dass man ein kubistisches Großwerk daraus formen könnte (wäre man ein Künstler). Und heute, fünfzig Jahre nach seinem Tod? Sagt man immer noch "moderne Kunst", wenn man Picasso sagt, stellt Hans-Joachim Müller in der Welt fest. Vielleicht liegts an seiner Unmäßigkeit, die verunsichert, weil sie so fremd geworden ist: "Noch das tänzerische Idyll, die neoklassizistische Anverwand lung antiken Maßes gerät nicht ohne die Maßlosigkeit der Leiber, die Picasso auf seinen mittelmeerischen Spielplätzen aussetzt. Nie sind die Verhältnisse anders als gewaltsam. Nie ist Verhalten in diesem Werk etwas anderes als Begehren, Verlangen, Verletzung, Übergriff, Schmerz, der aus der Lust stammt. Picasso hat keine Stadtbilder gemalt wie Kirchner, keine Industrielandschaften wie Léger, keine Elendsgrotesken wie Grosz, keine Kriegsberichte wie Dix. Sein meist nach Moll hin gestimmtes Werk ist auf schon rigorose Weise weltabständig geblieben."

Außerdem zu Picasso: Verena Harzer in der taz, Ronja Merkel im Tagesspiegel und Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung bitten darum, bei aller Kunstliebe nicht zu vergessen, dass Picasso ein Macho war. Der Guardian fragt Kunstkritiker und Kuratoren gar: Sollte man Picasso canceln? Besprochen werden die Ausstellung im Pariser Picasso-Museum, die der britische Modedesigner Paul Smith zur Freude von Sabine Röthig vor einem äußerst bunten Hintergrund inszeniert hat (BlZ) und Pascal Bonafouxs Buch über die Selbstporträts Picasso (NZZ).

Weitere Artikel: Ingeborg Ruthe gratuliert in der Berliner Zeitung Harry Lybke zum vierzigsten Geburtstag seiner Galerie Eigen+Art. In der taz unterhält sich Tom Mustroph mit Lybke über dessen Anfänge und die Veränderungen seitdem. Harald Staun begleitet Kulturstaatsministerin Claudia Roth in Istanbul ins Kunstmuseum Arter.

Besprochen werden die Ausstellung "Hardened" von elf Künstlerinnen aus der Ukraine in der Berliner g.art Galerie (Tsp), die Hugo van der Goes-Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie (taz), eine Ausstellung mit junger Wiener Kunst im Wiener Belvedere 21 (Standard) und die Ausstellung "Timeless" im Berliner Bodemuseum, die Werken junger ukrainischer Künstler christliche Skulpturen aus dem Mittelalter gegenüberstellt (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.04.2023 - Kunst

"Fluidum", Holger Förterer. Foto: ZKM Karlsruhe.

In eine außergewöhnlich optimistische Zukunftsvision ist FAZ-Kritikerin Ursula Scheer bei der interaktiven Ausstellung "Renaissance 3.0" des kürzlich verstorbenen ZKM-Direktors Peter Weibel eingetaucht. Für Weibel stand fest, dass Kunst und Wissenschaft in diesem Jahrhundert wie schon einmal inspirierende Allianzen eingehen würden. Natur, Medien und Technik verbinden sich in der Ausstellung zu einer produktiven Symbiose, deren Teil auch die Besucher werden können, staunt Scheer, beispielsweise in der Videoinstallation "Fluidum" des Künstlers Holger Förterer: "Wer in den Lichtstrahl vor der Videowand tritt und einen Schatten darauf wirft, formt durch Bewegungen animierte Farbströme und scheint in flüssigem Licht zu schwimmen: Das kollektive Action Painting steht stellvertretend für zahlreiche technische Schnittstellen, durch die wir mit unseren Körpern inzwischen ganz selbstverständlich computerisierte Geräte bedienen, die Außenwelt auf neue Art wahrnehmen und auch verändern."

Birgit Schmid hat für die NZZ die Basler Künstlerin Miriam Cahn besucht, die wegen des Bildes "Fuck abstraction!" in ihrer Ausstellung im Pariser Palais de Tokyo verklagt wurde: darauf sieht man eine kleine Figur mit gefesselten Händen vor einer großen sitzenden Figur mit erigiertem Penis knien. Mit dem Bild wollte Kahn die Vergewaltigungen im Ukrainekrieg anprangern. "Der Aufruhr wurde Anfang März von französischen Kinderschutzgruppen und selbsternannten Kämpfern gegen Pädokriminalität initiiert, die in besagtem Bild Kinderpornografie erkennen wollen", erzählt Schmid. "Es verhöhne Vergewaltigungsopfer, lautet ein Vorwurf. Als sich das Bild in den sozialen Netzwerken verbreitete, waren schnell 16.000 Unterschriften zusammen, die in einer Petition seine Entfernung aus der Ausstellung verlangten. Beim Palais de Tokyo gingen Morddrohungen ein, so dass das Museum sich genötigt sah, in einem Statement Stellung zu nehmen zu dem, was offensichtlich ist: Miriam Cahn geht es in keiner Weise darum, Kinderpornografie zu verherrlichen. Sie wolle nicht schockieren, sagt sie, sondern prangere an, was Kriegsrealität sei." Inzwischen hat ein Pariser Gericht die Klage zurückgewiesen, und Cahn hält fest, dass es Rechte waren, die gegen die Ausstellung klagten. Insgesamt ist mit ihr nicht gut Kirschen essen und sie wirft die Reporterin schließlich raus.

Weitere Artikel: Birgit Rieger freut sich im Tagesspiegel über die bunte Bestrahlung der Exponate des Pergamonmuseums durch den britischen Bildhauer Liam Gillick. Franca Klaproth hat sich für die Berliner Zeitung die digitale Ausstellung des WWF "Climate Realism" angesehen, die uns mit Hilfe von KI zeigt, wie die Landschaften auf Van Goghs Gemälden nach der Klimakatastrophe aussehen würden. Die Welt meldet, dass das Material für viele Benin-Bronzen offensichtlich aus dem Rheinland stammt. Und: Das Humboldt Forum hat jetzt eine Krone, meldet der Tagesspiegel.

Besprochen werden die Ausstellung der Werke Hugo van der Goes in der Gemäldegalerie Berlin (SZ), die Kabinettausstellung "Heiter bis wolkig" über Wetterphänomene in der holländischen Grafik, ebenfalls in der Gemäldegalerie (Tagesspiegel), die Ausstellung "1,5 Grad. Verflechtungen von Leben, Kosmos, Technik" in der Kunsthalle Mannheim (Tagesspiegel), eine Ausstellung der Fotografin Patricia Morosan in der Berliner Galerie Franzkowiak (taz), die Ausstellung "Schuld" im Jüdischen Museum Wien (Standard) und die Ausstellung "Amazing" mit 200 Werken aus der Würth-Collection im Leopold-Museum Wien (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.04.2023 - Kunst

Der ukrainisch-amerikanische Kunsthistoriker Konstantin Akinsha erzählt in der FAZ, wie in der Ausstellung "Bilder des militärischen Lebens in der nationalen Kunst des 16. bis 20. Jahrhunderts" im Staatlichen Russischen Museum in Sankt Petersburg jeder Ansatz postkolonialer Kritik durch die russische Zensur getilgt wird: "Alle Kolonialkriege des Russischen Reiches werden von den Schlachtenmalern selbstgefällig in die Liste der Siege aufgenommen. Dem endlosen Kaukasuskrieg (1817-1864) und der langen Eroberung Zentralasiens (1853-1895) wurden besondere Ausstellungsabschnitte gewidmet. Die Gemälde werden als bloße Episoden in der Geschichte eines 'großen Landes' dargestellt und sind nicht mit Beschriftungen oder Wandtexten versehen, die die dargestellten Ereignisse aus kritischer Sicht erläutern würden. Die Kuratoren der Ausstellung erfüllten damit die Anforderungen der zeitgenössischen russischen Zensur - die Geschichte dürfe nicht umgeschrieben (oder gar interpretiert) werden. Aufgrund eines solchen Ansatzes werden der Krieg mit den Tscherkessen und die Eroberung von Samarkand mit dem sowjetischen Sieg über Nazideutschland gleichgesetzt."

Fünfzig Ausstellungen sind europaweit zu Picassos 50. Todestag zu sehen, alle feiern den Meister, dabei ist er doch irgendwie "aus der Zeit gefallen", meint Hanno Rauterberg in der Zeit - auch moralisch: "Er wollte nicht zwischen Werk und Leben trennen; alle, die ihm nun Misogynie vorwerfen, wollen es ebenso wenig. Und sie wollen ihm ebenso wenig seine Begeisterung für Masken aus Afrika durchgehen lassen ... diese Art von Universalismus, von essenzialistischem Denken, will heute kaum noch jemandem gefallen." Aber seine Lust auf Zukunft könnte auch heute noch begeistern, hofft Rauterberg.

Außerdem: Im Tagesspiegel porträtiert Aleksandra Lebedowicz die Berliner Wandmalerin Inka Gierden, deren Arbeiten aktuell in der Ausstellung "Vier Elemente. Handwerk & Design aus Paris und Berlin" im Berliner Kunstgewerbemuseum zu sehen sind. Was bedeutet KI für das Wesen der "echten Fotografie", fragt Robert Mueller-Stahl in der Berliner Zeitung. "Begrüßenswert", aber zu "halbherzig" findet Hubertus Butin in der FAZ die neue Strategie der Sammlung Bührle, (Unsere Resümees) die Provenienz von Raubkunst und "Fluchtgut" zu klären: "Die Stiftung hat mittlerweile zugegeben, dass sich in der Sammlung noch fünf Gemälde von Courbet, Monet, Gauguin, van Gogh und Toulouse-Lautrec befinden, die als Fluchtgut klassifiziert worden sind. Trotzdem hält die Stiftung die Bilder für unproblematisch und lehnt Rückgaben ab."
 
Besprochen werdend die die Ausstellung "Verdammte Lust - Kirche. Körper. Kunst" im Diözesanmuseum Freising (Originell, meint Manuel Brug in der Welt, auch wenn er die 73 Millionen Euro, die die Katholische Kirche hier für christliche Kunst aus 1700 Jahren ausgegeben hat, eher denn Missbrauchsopfern gegönnt hätte), die Lap-See-Lam-Ausstellung "Tales of the Altersea" im Frankfurter Portikus (taz), die privat initiierte Ausstellung "Franz West privat. Gebrauchsanleitung im Aktionismusgeschmack" in der Wiener Galerie Mauroner (Standard) und die Ausstellung "Mehr Licht. Die Befreiung der Natur" im Museum Kunstpalast Düsseldorf (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.04.2023 - Kunst

Bild: Samson Schames, "Anzünden der Chanukka-Lichter", um 1956, Glasscherben, vielfarbig, im Relief geschichtet. Jüdisches Museum Frankfurt

Nur zwölf Werke von Samson Schames braucht die Ausstellung "Fragmente des Exils" im Frankfurter Jüdischen Museum, um FAZ-Kritikerin Carlota Brandis den "Schmerz der Schoa und die Zerstörung des Zweiten Weltkriegs" vor Augen zu führen: "Schames gehörte zu den Künstlern der verschollenen Generation, die dennoch nicht aufhörten, Kunst zu schaffen. Gerade die Alternativlosigkeit der Internierung zwang Schames, die Flucht und das Exil in seine Kunst mit aufzunehmen: So wurden Schuhcreme, Rote-Bete-Saft und Kondensmilch seine Farbpalette, eigene Barthaare an einen Ast gebunden sein Pinsel. Diese Kunst aus der Mitte des Alltags und der Dürftigkeit scheint ihn inspiriert zu haben. Aus dem Lager entlassen, zurück in London, begann Schames Scherben, Porzellan, Holz und Nägel von Gebäudetrümmern einzusammeln, die vom 'Blitz'-Angriff der Wehrmacht zerbombt wurden. Aus dieser Zerstörung und dem resultierenden Schmerz heraus schuf er seine nächsten Kunstwerke, wie 'Die Träne', 'Die Dornenkrone' und 'Unbekanntes Opfer'."

Bild: Adam Pendleton: Untitled (Anthology), 2022. © Adam Pendleton, courtesy of the artist

Ganz klar wird Katharina Rustler im Standard nicht, worauf der amerikanische Künstler Adam Pendleton, dem das Wiener Mumok derzeit mit "Blackness, White, and Light" die erste große Soloschau in Europa ausrichtet, eigentlich hinaus will: "Grundlage für einen Großteil der Werke ist die 2008 entstandene Idee des 'Black Dada', die eine nie abgeschlossene Untersuchung der Beziehung zwischen Blackness, Abstraktion und Avantgarde darstellt. Das 2017 veröffentlichte Manifest des Konzeptkünstlers bringt europäische dadaistische Texte, die auf das Trauma des Ersten Weltkriegs Bezug nehmen, und Schriften aus dem Black Arts Movement zusammen, die auf rassistischer Gewalt der 1960er-Jahre basieren - und kombiniert sie."

Weiteres: Alistair Hudson folgt auf Peter Weibel als neuer wissenschaftlich-künstlerischer Vorstand am Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe, meldet der Tagesspiegel. Besprochen werden die Gerhard-Richter-Schau in der Neuen Nationalgalerie (ZeitOnline), die nun von dem Berliner Maler Thomas Lucker fertiggestellte 12. Version der im Krieg verschollenen "Auferstehung" in der Berliner Nikolaikirche (Berliner Zeitung) und die Ausstellung "Flashes of Memory - Fotografie im Holocaust" im Berliner Museum für Fotografie (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.04.2023 - Kunst

Foto: Alexander Anufriev/nGbK

"Өмә", baschkirisch für "kollektive Selbsthilfepraktiken", heißt die aktuelle Ausstellung in der Berliner NGBK, die sich zum Ziel gesetzt hat, den russischen Kolonialismus zu untersuchen, berichtet Bernhard Schulz (Tsp). Aber es braucht Vorkenntnisse, meint Schulz, denn "der russische Kolonialismus ist ein noch unausgeleuchtetes Terrain, und wer im heutigen Russland das Thema auch nur anrührt, wie die Menschenrechtsorganisation 'Memorial', wird kriminalisiert." Vom Verlust handelt beispielsweise "die Installation von Patimat Partu. Die Urgroßeltern der Künstlerin, ethnische Laken in Dagestan, einer Republik am Nordrand des Kaukasus, wurden zwangsumgesiedelt, wobei jede Familie nur so viel mitnehmen durfte, wie auf das Drittel eines zweirädrigen Karrens passte. Eine auf Folie aufgebrachte grafische Darstellung eines solchen Karrens lässt Partu vor dem Großfoto einer Gebirgslandschaft Dagestans wehen, wohl als Hinweis auf die Flüchtigkeit der Erinnerung an die Geschichte. Auch diese Deportation des Jahres 1944 klassifiziert die Broschüre als Völkermord, 'den Russland jedoch nicht anerkennt'."

Bild: Charlotte Salomon, Gouache from "Life? Or Theatre?" (M004319), 1940-1942, Collection of the Jewish Museum Amsterdam © Charlotte Salomon Foundation. 
Im Alter von nur 26 Jahren wurde die Berliner Malerin Charlotte Salomon in Auschwitz ermordet, tragisch war ihr Leben auch zuvor: Über Generationen hinweg hatten sich Menschen in ihrer Familie das Leben genommen, weiß Chris Schinke (taz). Und doch will die Ausstellung "Leben? oder Theater?" im Münchner Lenbachhaus nun mit dem "Mythos der passiv Leidenden" aufräumen: "Ein Trauma ist der Suizid der Großmutter, Charlotte Salomon erlebt ihn mit. Der Großvater offenbart ihr, dass auch Charlottes Mutter Suizid begangen hatte, was sie bis dahin nicht wusste. Ein Blatt in der Ausstellung zeigt den zerschlagenen, verdrehten Leib der Mutter auf dem Asphalt. Die Enkelin solle selbiges Schicksal ereilen, meint der Großvater. Doch sie wehrt sich. (…) 2011 kam ein Brief Charlotte Salomons ans Tageslicht, der international für Furore sorgte. Die Familie hatte ihn bis dahin geheim gehalten. Darin gesteht Salomon die Tötung des Großvaters, durch Gift. Oder handelt es sich bei dem Brief auch um einen Teil von Salomons semifiktionalem Werk? Die Münchner Kurator:innen sehen die Schuld Salomons als belegt."

FAZ-Kritikerin Alexandra Wach lernt genau hinzuhören in der Ausstellung "À bruit secret" im Museum Tinguely in Basel, das Klangwelten in der Kunst vom siebzehnten Jahrhundert bis heute ausstellt: "Am verblüffendsten ... an diesem bestens sortierten Parcours ist der Prachtleierschwanz, den der algerisch-französische Künstler Kader Attia in einer BBC-Doku von David Attenborough aufgespürt hat. Der Vogel kann nicht nur Stimmen anderer Artgenossen imitieren, sondern auch technische Geräusche wie das Klicken von Kameraauslösern oder das Surren von Motorsägen. Außerdem baut er störende Töne, die seine Umgebung negativ beeinflussen, in seinen Gesang ein. 'Mimesis as Resistance' nennt Attia deswegen seine Huldigung an diesen ungewöhnlichen Überlebenskünstler und meint, dass der Vogel ein gutes Beispiel dafür sei, 'dass die Natur der Zivilisation immer überlegen sei. Die Überlegenheit der Natur bestimmt die Zeitlichkeit der Gattung Mensch.'"

Weiteres: Der Stülerbau, der das Museum Berggruen beherbergt, wird noch bis 2025 geschlossen bleiben, also reisen die wichtigsten Werke Picassos aus der Sammlung nach Japan und China, berichtet Birgit Rieger, die für den Tagesspiegel das The National Museum of Western Art in Tokio besucht hat. Besprochen werden die David-Hockney-Ausstellung im Londoner Lightroom (SZ), die Ausstellung "After Impressionism: Inventing Modern Art" in der Londoner National Gallery (Tsp) und die Ausstellung "Vittore Carpaccio: Dipinti e Disegni" in der Fondazione Musei Civici, Palazzo Ducale in Venedig (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.04.2023 - Kunst

Bild: Gerhard Richter, MV 133, 2011, Lack auf Farbfotografie, 10,1 x 15,1 cm © Gerhard Richter 2023

Bestimmt sind die hundert Dauerleihgaben von Gerhard Richter für das geplante Museum des 20. Jahrhunderts, aber bis zu dessen Fertigstellung wollte niemand mehr warten. Nun sind die hundert Werke, die Richter nach 1989 schuf in der Neuen Nationalgalerie zu sehen, aber es ist vor allem der 2014 geschaffene Birkenau-Zyklus, der die KritikerInnen einmal mehr in den Bann zieht: "Die Serie ist das Fazit der langen Auseinandersetzung des Malers mit dem Holocaust und dessen Darstellbarkeit", erinnert Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung: "Basis waren vier Fotos aus dem Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, die Richter auf die vier Leinwände übertrug, um sie dann nach und nach zu übermalen. Es sind abstrakte Landschaften zum Zivilisationsbruch. Aber aus der schwarzgrauen Asche der Vernichtung drängte es blutrot, für das wieder auferstehende Leben. Und lebendiges Grün sprießt aus den aufgerissenen Bildgründen. Mit jeder Farbschicht ließ der Maler die fotografischen Vorlagen - auch sie hängen links und rechts des Zyklus - ein bisschen mehr verschwinden." "Gute Malerei", kommentiert Boris Pofalla in der Welt: "Aber kann man den Holocaust malen? Soll man es? Darf man es? Richters Birkenau-Bilder geben keine eindeutige Antwort darauf, sie sind selbst Fragen." Weitere Besprechung im Tagesspiegel.

Gunda Bartels (Tsp) erfährt das Sterben geradezu am eigenen Leib in der immersiven Ausstellung "Un_endlich. Leben mit dem Tod" im Humboldt Forum, das sich in fünf Akten nicht nur kulturgeschichtlich mit dem Sterbeprozess auseinandersetzt: Etwa in der Videoinstallation "Konferenz des Sterbens", "in der zwölf Menschen aus aller Welt von ihren Erfahrungen als Sterbebegleiter:innen erzählen. Im Booklet, das einen durch die Schau schleust, ist ihr medizinischer oder spiritueller Background benannt. Im dritten Akt 'Tod' wird es dann gruselig. In einer Kabine schildert eine Stimme bei flackernden Lichteffekten die neurologischen Vorgänge beim Sterben. Du kannst jetzt nicht mehr schlucken, es folgt das Todesrasseln." Wer es nicht aushält, wählt den Exit durch den Vorhang." "Der Tod als Theater des Lebens, darunter macht es die mitunter an die Kursführung einer Geisterbahn erinnernde Ausstellungsdramaturgie nicht", kommentiert Harry Nutt in der Berliner Zeitung.

Außerdem: In der taz wirft Fabian Lehmann einen Blick auf den Erfolg von Kryptokunst, die inzwischen in den großen Museen und Auktionshäusern angekommen ist. In der SZ trifft sich Thomas Kirchner mit den Nachfahren von Vincent van Gogh, die dankbar sind, dass alle Werke einer Stiftung übergeben wurden, auch wenn sie andernfalls heute Milliardäre wären. Besprochen werden die Tehching-Hsieh-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin (FAS), die Ausstellung "Flashes of Memory. Fotografie im Holocaust" im Berliner Museum für Fotografie (FAZ) und die Ausstellung "One Can Only Hope and Wonder" der nigerianischen Künstlergruppe The Critics Company im Frankfurter Zollamt MMK (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.03.2023 - Kunst

"Die Verkündigung von Maria", Hugo van der Goes. Bild: Gemäldegalerie Berlin.

Ein Gleichgewicht von Pracht und Schönheit bewundert FAZ-Kritiker Andreas Kilb in einer Ausstellung mit Werken des flämischen Malers Hugo van der Goes in der Gemäldegalerie in Berlin. Besonders beeindruckt ist er vom berühmten Monforte-Altar des Malers: "Diese fromme Szene, die von Brokatärmeln, schimmernden Pokalen, Juwelen auf Pelzmützen, blauen Lilien und anderen burgundischen Virtuositäten strotzt, ist erkennbar das Bild eines Hofmalers. Die Heiligen Drei Könige, die zuschauenden Jünglinge, selbst die Pferdeknechte im Bildhintergrund tragen Höflingsgesichter, und wer will, kann in dem knieenden Würdenträger im Zentrum das Porträt eines allmächtigen herzoglichen Beraters wie Philippe de Crèvecœur erkennen. Dabei ist die gleißende Farbigkeit der roten, blauen und violetten Gewänder und das Braun der Pelzaufschläge so ausbalanciert, dass es nie überzüchtet wirkt." Auch im Tagesspiegel ist Nicola Kuhn beeindruckt.

Zum 50. Todestag Pablo Picassos wird gefeiert, über sein Machotum spricht niemand mehr, notiert Kia Vahland in der SZ. Sie findet das ganz in Ordnung: Die "rigide Ablehnung unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der früheren haltlosen Verehrung: beide folgen dem Mythos, den dieser Mann mit Hilfe seiner Bewunderer von sich schuf. Es lohnt ein neuer und neugieriger Blick auf Werk und Person; das Jubiläumsjahr mit seinen zahlreichen Picasso-Ausstellungen bietet die Gelegenheit dafür. Man kann die Geschichte dieses Künstlerlebens auch anders erzählen, als nur die eines Berserkers, der einmal großspurig erklärte: 'Bei mir ist ein Bild eine Summe von Zerstörungen.' Denn nicht das Zerstörende, sondern das Fragende und Suchende zieht sich durch Werk und Leben von - wie die Eltern ihn 1881 in Málaga tauften - Pablo Diego José Francisco de Paula Juan Nepomuceno María de los Remedios Cipriano de la Santísima Trinidad Ruiz y Picasso." Reinhard Brembeck schlendert für die SZ durch die Picasso-Ausstellungen in Paris.

Die neue Findungskommission für die documenta 16 ist berufen, meldet der Tagesspiegel. Und die hat was vor sich: "Denn das neue Team soll nicht bloß in die Zukunft der Documenta 16 im Jahr 2026 denken. Es soll auch hinter sich aufräumen", schreibt Christiane Meixner und warnt mit Blick auf die desaströse documenta 15: "allein der Gedanke, die kommende Documenta ließe sich losgelöst von jenem Skandal realisieren, weil fünf Jahre Zeit dazwischen liegen, wäre irrwitzig. Es wird im Gegenteil voraussichtlich noch einmal alles hochgespült, wenn in Kassel 2027 das nächst kulturellen Großereignis namens Documenta ansteht."

Weitere Artikel: Birgit Rieger stellt im Tagesspiegel Jenny Schlenzka vor, die neue Leiterin des Gropius-Baus. Anselm Kiefer hat den deutschen Nationalpreis erhalten, meldet die FR.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.03.2023 - Kunst

Nicole Büsing und Heiko Klaas haben sich für den Tagesspiegel die Ausstellung "Re-Inventing Piet. Mondrian und die Folgen" im Kunstmuseum Wolfsburg angesehen, die an 150 Exponaten den Einfluss von Piet Mondrians Werk auf Kunst, Design und Alltagsobjekte zeigt. Schon erstaunlich, was man aus Mondrian alles machen kann, finden die Kritiker: "Der Franzose Mathieu Mercier provoziert mit Do-it-Yourself-Mondrians aus brüchigen Sperrholzplatten, die er mit Farbfolie und Isolierband beklebt. Und die queere Österreicherin Jakob Lena Knebl lässt ihre nackten Rundungen mit einem Mondrian-Muster bemalen. Dazwischen Architekturmodelle, Yves Saint Laurents Cocktailkleider, ein Video von Iván Argote, der zwei unter Glas befindliche Mondrians im Pariser Centre Pompidou besprüht."

Weiteres: Die Künstlerin Hito Steyerl hat in der neuen Ausgabe der Zeit einen Teil des Feuilletons gestaltet und zwar nach dem Prinzip eines "neuronalen Netzwerks": "Es ist ein Blick in den Maschinenraum der KI: Wer arbeitet da eigentlich? Wer hat das Sagen? Wie viel Energie wird verschleudert? Und überhaupt, wohin soll das alles führen: Welche Auswirkungen auf die Gesellschaft hat die neue Technik?", schreibt sie dazu.

Besprochen werden Nicole Eisenmans Ausstellung "What happenend" im Münchner Museum Brandhorst (FAZ), die Lee Lozano Retroperspektive in der Pinacoteca Agnelli in Turin (Tagesspiegel) und die Ausstellung "The power and pleasure of books and possessions" in der Galerie Neugerriemschneider in Berlin (Tagesspiegel).