Dass das Flandern Festival in Gent dem israelischen Dirigenten LahavShani mit einer grotesk lavierenden Begründung die Türe vor der Nase zugeschlagen hat (unser erstes Resümee), sorgt für Entrüstung und Fassungslosigkeit. In der Welt ist Manuel Brug "fassungslos über so viel Dummheit. Da wird die Haltung eines Künstlers gelobt, im nächsten Moment wird er aber wegen seiner Nationalität gecancelt." Kurz: eine "moralischeBankrotterklärung". Thomas E. Schmidt kann auf Zeit Online nur staunen, mit welcher Selbstgewissheit die Veranstalter und die belgische Kulturpolitik auftreten. "Die Belgier boykottieren einen jüdischen Künstler, einfach weil er in ihren Augen Zionist und Vertreter des Judenstaats ist." Dabei gewinnt man "den Eindruck, Minister, Rat und Sektor seien fest entschlossen, Kritik an ihrer Maßnahme gelassen in Kauf zu nehmen. Offensichtlich herrscht Einmütigkeit, und alle haben nach dieser Entscheidung ein gutes Gewissen."
Für Jürgen Kaube in der FAZ ist der Vorgang ein lupenreines Beispiel für "israelbezogenen Antisemitismus". Was sich auch darin zeigt, dass Shani trotz aller Belege, kein Freund der Netanyahu-Regierung und auch kein Säbelrassler zu sein, dennoch Gegenwind entgegen schlägt. "Um die Distanzierung vom Krieg in Gaza als solche geht es dabei gar nicht", denn kein anderer Dirigent müsse sich solche Vorbehalte und Auflagen gefallen lassen. "Es wäre ja auch grotesk, (...) jemanden auszuladen, der nichts Verwerfliches getan hat, nur weil er sich angeblich nicht ausreichend vom Verwerflichen distanziert hat. Die Genter antisemitischen Kulturfunktionäre scheuen diese Groteske nur in einem Fall nicht, in dem des israelischen Dirigenten. Jude aus Israel, ergo bis auf Widerruf genozidaler Gesinnung, lautet die Unterstellung."
Michael Hesse nimmt in der FR die Ausladung Shanis zum Anlass, um mal vorzurechnen, welchen israelkritischen Stimmen zuletzt Gegenwind entgegenblies und vergleicht ihn mit dem russischen Dirigenten Valerie Gergiew, der 2022 wegen seiner Nibelungentreue zu Putin den Posten bei den Münchnern räumen musste. "Gergiev allerdings hatte sich wiederholt zur Propaganda-Marionette des russischen Präsidenten machen lassen, ließ sich von diesem mit Ämtern in Russland und Orden überhäufen", hält Egbert Tholl in der SZ zu diesem Vergleich entgegen. Er findet es auch historisch ziemlich uninformiert, dass Lahav Shani seine Rolle als Chefdirigent des Israel Philharmonic Orchestra zum Vorwurf gemacht wird, um damit zu insinuieren, dass es mit dessen versöhnlichen Äußerungen zum Nahostkonflikt wohl doch nicht allzu weit her sein könne. Dabei handelt es sich um "ein Orchester, das älter als der Staat Israel ist, 1936 von Musikern gegründet wurde, die vor der Judenverfolgung durch die Nazis nach Palästina geflohen waren. Es ist kein Staatsorchester." "Gleich in mehrfacher Hinsicht irritierend" findetNZZ-Kritiker Christian Wildhagen die vom Festival vorgeschobene Begründung. Der tazreicht offenbar die achselzuckende Erfüllung der Chronistenpflicht, sie belässt es mit einer knappen Darstellung von Wortmeldungen durch Merle Zils.
Außer der Pianist Igor Levitnimmt im "Tagesthemen"-Interview zu diesem Punkt Stellung: "Menschen, die solche Vergleiche anstellen, möchte ich Folgendens sagen: Waleri Gergijew ist ein Künstler, der seit Jahren offen, aus Überzeugung ein Unterstützer, ein Kollaborateur, ein Profiteur der Machenschaften des russischen, imperialistischen Diktators ist. Diesen Mann zu vergleichen mit Lahav Shani - einem Dirigenten, der mit seinem deutschen Orchester nur in diese Situation geraten ist, weil er ein israelischer Jude ist - das ist in meinen Augen ein intellektueller Offenbarungseid."
Dazu passend: Nach Slowenien kündigt nun auch Irland an, den nächsten ESC zu boykottieren, sollte Israel daran teilnehmen, melden die Agenturen. Im Tagesspiegel-Kommentar ist Lion Grote auch aufgrund des gewandelten Israel-Bilds in der Öffentlichkeit der Ansicht, dass es "zwingend notwendig" sei, "dass die EBU die Frage nach der Teilnahme Israels neu bewertet, ohne sich auf technische Begründungen zurückzuziehen. Ein ESC ohne israelische Künstler ist schwer vorstellbar, ja. Ein ESC ohne Irland, Spanien oder Belgien, die ebenfalls mit dem Boykott-Gedanken spielen, aber auch."
Weiteres: Lars Fleischmann besucht für die taz das in Wien ansässige IndielabelSiluh Records. Emma Schmidt spricht in der FAZ mit der Rapperin Nina Chuba. Besprochen werden das Konzert des Ensemble Les Cris de Paris beim Musikfest Berlin (taz), der Auftakt des Herbstgold-Festivals in Eisenstadt (Standard), JehnnyBeths Album "You Heartbreaker, You" (FR) und das neue Album "Polygon Reflections" der Künstlerin GalyaBisengalieva, die laut tazlerin Katja Kollmann "Klangmeere entwickelt, die durch alle Hautschichten ins Körperinnere dringen und auf sinnliche Art elementar verunsichern".
Das FlandersFestival im belgischen Gent hat die Münchner Philharmoniker und deren designierten Chefdirigenten LahavShani ausgeladen, angeblich weil sich Shani als Chefdirigent des Israel Philharmonic Orchestra nicht eindeutig genug zum Nahostkrieg positioniere. "Was für ein Fehler", ruft Axel Brüggemann im Kommentar auf Backstage Classical, "ausgerechnet Lahav Shani", der sich diesbezüglich immer wieder geäußert habe. Ausschlaggebend dürfte wohl eher gewesen sein, dass die Veranstalter sich vor einem Mob vermeintlicher Aktivisten fürchten, der das Festival stören könnte: "Sie canceln einen jüdischen Künstler, weil sie seine Sicherheit und die des Publikums nicht gewährleisten können. Das ist eine Bankrotterklärung vor dem Terror. (...) Die Argumentation ist um so absurder, da das Festival explizit darauf hinweist, dass Lahav Shani sich mehrfach für Frieden und Versöhnung ausgesprochen habe. Es gibt also keinen Grund für eine Ausladung. Sie ist grober Antisemitismus!" Der tollste Club Europas - steht in Wuppertal, heißt OpenGround und ist noch keine zwei Jahre alt. Und ja, "der Hype ist berechtigt", schwärmt Jens Balzer in der Zeit, nachdem er sich von den Qualitäten vor Ort beim Set der von ihm überaus geschätzten britischen DJ JoseyRebelle überzeugen konnte. Vor allem dieser wunderbare Sound! Rebelles "Set wird von magnetischen Bässen getragen, von metallenen Rhythmen und itze-itze darüber hinwegflitzenden Hi-Hats, man hört, dass die Wurzeln ihrer Musik im Jungle und Drum 'n' Bass liegen, doch zugleich eilt Josey Rebelle in ihrem Set in rasendem Tempo durch alle möglichen Stile hindurch. (...) So plastisch, transparent, klar ist der Klang in diesem Club, der eigentlich ein Bunker ist, dass man unendlich viele Details auf einmal zu hören vermag, und noch die tiefsten Bässe sind so scharfkantig modelliert, dass kein anderer Klang von ihnen verschmiert oder verkleistert wird, weder in den Mitten - ach, dieschwierigenMitten! - noch sonst wo zwischen 20 Hertz und 20 Kilohertz."
Weitere Artikel: Auf VAN erzählt Volker Hagedorn, wie er über die Beschäftigung mit Rachmaninow auf den Jazzpianisten ArtTatum und dessen "This Can't Be Love" gestoßen ist: "Etwas derartigVirtuoses, Freies, Witziges, dazu noch Ironisches hatte ich noch nie gehört, auch in der Harmonik und der irregulären Rhythmik." In der Zeit empfiehlt die SchrifftstellerinEvaMenasse einen Ausflug nach Wien, wo im Jubiläumsjahr jede Woche eine Johann-Strauss-Premiere lockt. Martin Fischer porträtiert im Tages-Anzeiger den Schweizer Popstar ManonvonKatseye. Hartmut Welscher zeigt sich in VAN irritiert, wie still und heimlich François-XavierRoth nach einem MeToo-Skandal in der Klassikwelt nun doch wieder rehabilitiert wird. Regine Müller (NZZ), Max Nyfeller (FAZ) und Michael Stallknecht (SZ) gratulieren ArvoPärt zum Neunzigsten. Christine Lemke-Matwey porträtiert für die Zeit den Tenor JonasKaufmann. Auf VAN erinnert sich AlanGilbert, der Chefdirigent des NDRElbphilharmonieOrchesters, an den eben verstorbenen ChristophvonDohnányi, dessen Assistent er in den Neunzigern zwei Jahre lang gewesen ist (weitere Nachrufe hier). Jolinde Hüchtker fragt sich in der Zeit, ob Fuffifufzich eventuell doch einfach nur Schlager macht. Könnte gut sein, ja:
Besprochen werden das neue Solo-Album von DavidByrne (NZZ, mehr dazu bereits hier) und ein Auftritt von Ayliva in Frankfurt (FAZ).
"Das sensationelle Ding da auf der Lidowiese in Luzern ... könnte aus einer Liaison einer Aubergine mit einem Donut hervorgegangen sein", schreibt Egbert Tholl in der SZ und meint damit keine düsteren Experimente aus der Welt der Genforschung, sondern die ArkNova, eine von ArataIsozaki und AnishKapoor gestaltete, aufblasbareKonzerthalle, mit der das Lucerne Festival gerade für einen Hingucker sorgt. Drinnen "ist alles offen und frei, eine prächtige Kuppel, rhythmisiert durch die Nähte der Außenhaut und spektakulär aufgeladen durch den Rhombus." Und der Klang? "Tutet der Dampfer am Anlegesteg vor der Wiese, tutet es auch im Inneren der Arche", was jedoch "überhaupt nicht stört." Allerdings hat die Konzertblase "einen leichtenTinnitus", da ständig Luft nachgeblasen werden muss. Doch "wie oft bei einem Tinnitus vergisst man ihn bald. Denkt nicht mehr ans Rauschen, das ohnehin schwer zu orten ist. Und bekommt das Geschenk einer subtilen, intimenAkustik, in der etwa ein Stück für Harfe solo (Henriette Renié mit 'Pièce symphonique en trois épisodes') zum raumfüllenden Erlebnis wird." Weitere Hintergründe liefert Christian Wildhagen in der NZZ.
Wolfgang Schreiber erinnert in der SZ an den italienischen Komponisten LucianoBerio, dem das Musikfest Berlin aktuell einen Schwerpunkt gewidmet hat. "1968 schuf er seine mehrsätzige, formal und emotional bizarre 'Sinfonia', die den Schritt von der experimentellen Moderne in die Postmoderne wagt. ... Dieses Konglomerat von Avantgarde und Klängen der Vergangenheit erscheint bis heute so attraktiv wie umstritten." Doch dem Komponisten ging es um mehr als bloß um einen "postmodernen Knalleffekt: Im dritten Satz verarbeitete er das Zitat des fast kompletten Scherzos aus Gustav Mahlers zweiter Symphonie, schuf damit eine Klangperformance als Collage, in der je vier Frauen- und Männerstimmen scheinbar wild in die Orchesterpassagen hineinflüstern, literarische Texte kunstvoll zerreden oder politische Einwürfe plärren - furios und ironisch als eine Beschwörung in Panik. Hörer damals reagierten teils befremdet, heute herrscht Staunen, Bewunderung."
Hier ist die Komposition in einer Aufname des NDR-Sinfonieorchesters von 2000 zu hören:
Außerdem: Nadine Lange liest für den Tagesspiegel eine umfassende Studie über die deutsche Musikfestival-Landschaft. Christoph Irrgeher stimmt im Standard auf das Festival Herbstgoldin Eisenstadt ein. Peter Blaha erinnert in der FAZ an HansSwarowsky, bei dem zahlreiche namhafte Dirigenten wie ClaudioAbbado, Ádám und IvánFischer, Mariss Jansons und ZubinMehta studiert haben. Karl Fluch porträtiert für den Standard den japanischen Musiker FujiiKaze, dessen "Pop so prächtig und perfekt klingt, als entdeckte man gerade einen Star aus den 1980ern oder 1990ern, bei dem man sich wundert, wie man ihn bisher hat übersehen können".
Besprochen werden Helge Schneiders aktuell in der ARD-Mediathek abrufbares Selbstporträt "The Klimperclown" (Presse, mehr dazu bereits hier) und FlursJazz-Album "Plunge" ("Man kann sich völlig verlieren, wegdriften und meditativ entspannen", schreibttazlerin Anna Gruber, "oder aufmerksam zuhören und den feinen Detailreichtum dieser feingliedrigen Musik entdecken").
Die Musikkritik trauert um den Dirigenten ChristophvonDohnányi. "Seine Interpretationen beeindrucken durch ihr hohes Maß an Kultiviertheit, WohlproportioniertheitundinnererBalance", schreibt Julia Spinola in der NZZ. "Alles exzessive Ausdruckswühlen ist ihnen fremd. Aus Dohnányis Deutungen stehen nicht allerorten jene Nägel und Spitzen heraus, die manchem schon als vordergründiger Beleg genügen für einen zeitgemäss 'entschlackten' Zugriff auf vermeintlich letzte musikalische Wahrheiten. Sein Interpretationsideal war vielmehr getragen von nüchtern-analytischer Leidenschaft, von einem Geist bruchlos gelingender Sublimiertheit."
Diese Qualitäten hebt Reinhard J. Brembeck in der SZ anhand einer 1978 entstandenen Mendelssohn-Aufnahme der WienerPhilharmoniker hervor: "Dohnányis Nüchternheit bedeutet Modernität, nichts ist sentimental, altmodisch, fremd. So könnte das Stück ohne Befremden zu erwecken noch heute musiziert werden. Die Details sind klar zu hören, ohne sich vorzudrängen, Streicher, Holz- und Blechbläser sind klar zu unterscheiden, fügen sich aber bei aller Andersartigkeit zu stimmiger Einheit. Die Metiersicherheit, die Genauigkeit, die Demut vor der Partitur verblüffen. Da gibt es aber noch etwas anderes, genauso Wichtiges bei diesem Dirigenten. Der warme Klang, die nie auf sterile Brillanz zielende Eleganz, das lässige Vorantreiben künden von einem Musiker, dem die Romantik zutiefst vertraut war, weil sie einst Avantgarde und nicht Gefühlsduselei war. Und Avantgarde war Dohnányi immer ein Anliegen." Weitere Nachrufe schreiben Judith von Sternburg (FR) und Manuel Brug (Welt).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Sebastian Leber spricht im Tagesspiegel mit der Politologin MariaKanitz über Antisemitismus im Pop, worüber sie gerade mit "Lauter Hass" auch ein Buch veröffentlicht hat. Den BDS brauche es fürs Anheizen der Stimmung eigentlich gar nicht mehr, lautet ihr Befund: "Die Boykottaufrufe, Drohungen und antisemitischen Ressentiments kommen heute aus ganz unterschiedlichen Milieus. Was BDS vor zwei Jahrzehnten begonnen hat, trägt sich seit dem 7. Oktober quasi von allein weiter." Seitdem "geben sich viele Künstler (...) als Sprachrohr für Frieden und Gerechtigkeit im Nahen Osten aus. Bei einigen wird man leider den Eindruck nicht los, es gehe ihnen nicht darum, auf das Leid im Gazastreifen aufmerksam zu machen, sondern um performativenWiderstand. (...) Dort findet eine Aneignung des Leids statt, um sich auf der richtigen Seite der Geschichte zu wähnen und damit obendrein Geld zu verdienen. Es geht um die Pose. Auffällig ist dabei das Credo 'Palestine will set us free'. Da wird die Palästinafrage zur Menschheitsfrage erhoben. Der dahinterstehende Gedanke richtet sich indirekt nicht nur gegen Israel, sondern gegen Juden weltweit. Mit Frieden, Menschenrechten oder Humanismus hat das wenig zu tun."
Weitere Artikel: NZZ-Kritiker Christian Wildhagen nutzt die Gelegenheit, beim LucerneFestival internationale Orchester miteinander abzugleichen. Sven Beckstette stimmt in der taz auf die Abschiedstour des Ethio-Jazz-Pioniers MulatuAstatke ein. Peter Kemper berichtet in der FAZ von seinem Besuch im Musikarchiv Lippmann + Rauin Eisenach, wo mit der Sammlung BennyGoodman ein "Jazznachlass von internationaler Strahlkraft" lagert. Jens Balzer (ZeitOnline), Andreas Platthaus (FAZ) und Andrian Kreye (SZ) schreiben Nachrufe auf Supertramp-Sänger RickDavies. Koochi Ariana gratuliert im Standard dem LabelFettkakao zum zwanzigjährigen Bestehen.
Besprochen werden ein Konzert der US-Band Cave-In in Hamburg (taz), Addison Raes Auftritt in Berlin (ZeitOnline), ein Heino-Konzert in Berlin (SZ), das Album "Planetentochter" des NorbertSteinPataTrios (FR) und neue Veröffentlichungen anspruchsvoller Musik, darunter das Album "Unbemanntes Raumschiff" des Trios Purple is the Color ("ein Beweis, dass Virtuosität und Originalität kein Widerspruch sein müssen", schreibt Ljubiša Tošić im Standard).
FAZ-Kritiker Gerald Felber resümiert die Konzerte, die er beim MusikfestBerlin hörte, darunter ein Berlioz/Beethoven-Abend mit dem Orchester Les Siècles unter UstinaDubitsky, der ihm zuweilen doch zu kulinarisch ausfiel. "Einem Teil der Hörer freilich verschlug solch tendenziell filmmusikalisch und Tiktok-geprägtes Musikdenken keineswegs die Laune. ... Wenn freilich selbst nach dem 'Gang zum Richtplatz' Zwischenbeifall losbricht, nimmt diese Art moderner Konzert-Kommunikation leichtmakabre Züge an. Was indessen hervorragend funktionierte und auch skeptische Hörer aufzukratzen vermochte, war die Demonstration der enormenKlangfantasie und des Farbenreichtums der Partitur, die mit dem historischen Instrumentarium eine ganz andere Durchschlagskraft gewinnen. Als beim Hexensabbat die alten Holzblasinstrumente grelltönig miauten und ferkelig quiekten, Ophikleiden rautönig aus der Tiefe röhrten und wüste Schlagwerkbatterien den Fieberpuls hochtrieben, gab es kein Halten mehr: kollektiveEkstase."
Mit Genuss hört sich FAZ-Kritiker Jan Brachmann durch das von AlexanderMelnikovs auf RachmaninowsFlügel eingespielte Album "Visiting Rachmaninoff" mit der Sopranistin JuliaLezhneva. Der Pianist erweckt Rachmaninows Instrument "neu zum Leben. Er benutzt das rechte wie das linke Pedal, um Halbschatten auf die Töne zu legen, sie schimmern zu lassen, und verzichtet manchmal aufs Pedal für eine tollkühne Leichtigkeit. Statt Tiefe und Ergriffenheit zu demonstrieren und Gewicht zu zelebrieren, entsteht unter Melnikovs Händen all dies durch Beiläufigkeit. Er entwickelt einen Interpretationsstil, der das Flüchtige als das Existenzielle begreift. Wesentliches geschieht in einem Wimpernschlag. Erfasst ist dadurch die Tragik von Rachmaninows Musik selbst: Sie reflektiert, dass nicht einmal in der ästhetischen Kontemplation unsere Endlichkeit aufgehoben wird."
Weitere Artikel: Helmut Mauró resümiert in der SZ den Busoni-Wettbewerb in Bozen, wo sich im Sieg von YifanWu aber auch in der hohen Zahl chinesischer Teilnehmer mal wieder zeigte, welche Rolle China in der Klassik mittlerweile spielt. Karl Fluch berichtet im Standard von seiner Reise nach Belfast, wo er sich in der lokalen Musikszene umgesehen hat. Roland Berens erinnert in der FAZ als Zeitzeuge an den ersten Auftritt der RollingStones in Deutschland vor 60 Jahren. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Dirigenten ChristophvonDohnányi. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Thomas Combrink über BobMarleys "Redemption Song":
Besprochen werden das Beethoven- und Brahms-Konzert des Orchestradell'AccademiaNazionalediSantaCecilia unter DanielHarding mit IgorLevit als Solisten beim Rheingau Musik Festival (FAZ), das Konzert des OrchestredesChamps-Élysées beim Musikfest Berlin (Tsp), AudreyHoberts Debütalbum "Who's the Clown" ("Umarme das Peinliche an dir", nimmttazlerin Johanna Sethe als Lektion aus diesem Album mit), ein Konzert der SächsischenStaatskapelle im Rahmen des Rheingau Musik Festivals (FR), der dritte und abschließende Band von RickyRiccardis Biografie über LouisArmstrong (online nachgereicht von der FAZ), ein neues Album der Deftones, deren Musik zwar jährlich älter klingt, während ihr Publikum aber immer jünger wird (Zeit Online), LeaDesandres und ThomasDunfords Album "Songs of Passion" mit Liedern von JohnDowland und HenryPurcell (FAZ) sowie das postume Album "Broken Homes and Gardens" des vor zwei Monaten verstorbenen Folkmusikers MichaelHurley ("Wenn die letzten Töne des Albums verklungen sind", fragt sich Ulrich Rüdenauer in der FAZ, "wie nun ohne Michael Hurley alles auszuhalten sein soll".)
Für die WamS hat Elmar Krekeler den Dirigenten Herbert Blomstedt in Schweden besucht. Ans Aufhören denkt Blomstedt mit seinen 98 Jahren noch lange nicht, sondern dirigiert weiterhin in der ganzen Welt und plant seinen hundertsten Geburtstag in zwei Jahren. Sein Ziel: 120 werden. "In diesem Sommer, sagt er, seien es gar nicht so viele Konzerte wie sonst. Also habe er Zeit zum Studieren. Er sei langsam im Lernen. Sei er immer schon gewesen. Und ein Präzisionist. Er wolle immer vorbereitet sein. Sibelius' fünfte Sinfonie hat er sich für diesen Sommer vorgenommen. Sie hat er lange nicht mehr gemacht. 'Ein kompliziertes Ding.' Er liest die Partitur. Singt sie im Kopf. Sucht nach Details, die er noch nie gefunden hat. Singt sie vor. Dieses Fagottsolo zum Beispiel. Herbert Blomstedt singt gern. Und er macht sich Gedanken, was er in zwei Jahren dirigieren soll. Mendelssohns Lobgesang-Sinfonie vielleicht."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Außerdem: Jens Uthoff plaudert in der taz mit Kreator-Frontmann MillePetrozza, der gerade seine Memoiren veröffentlicht hat und über dessen Band gerade eine Doku im Kino läuft (unser Resümee). Ana Popescu resümiert in der FAZ das George Enescu International Festival in Rumänien, in dessen Rahmen das Orchester des WestdeutschenRundfunks mit CristianMăcelaru eine kleine Tournee durchs Land bewältigte. Wolfgang Fuhrmann resümiert für die FAZ das Festival LausPolyphoniae. Andrian Kreye porträtiert in der SZ den Trompeter TillBrönner, der auf seinem neuen Album "Italia" leichteitalienischeMusik in Modern Jazz überführt.
Besprochen werden DavidByrnes neues Album "Who Is the Sky?" (Standard, mehr dazu bereits hier) und ein Konzert von PhilippeJaroussky in Wiesbaden (FR).
Die Feuilletons stürzen sich auf "Who Is The Sky?", das neue Soloalbum von Talking-Heads-Frontmann DavidByrne. Tatsächlich hat man beim Hören "das Gefühl, dass ein paar Geister aus dem Frühwerk herumschwirren", schreibt Tobi Müller auf Zeit Online. Zu erleben ist "eine Konstante im 50-jährigen Werk des Popkünstlers, die auf seinem neuen Album so klar zutage tritt wie schon lange nicht mehr: 'Who Is The Sky' eignet sich alles Mögliche an, wenn das wörtlich heißt: sich zu eigen machen, etwas Neues schaffen. Und der neurotisch flatternde, gepresste Klang von Byrnes Stimme, die manchmal mit der religiösen Ekstase flirtet wie jeder ernsthafte Entertainer und die Byrne als Teil des Spiels begreift, diese unverwechselbare Stimme kehrt auf diesem Album zurück." Hat der gute Mann denn nicht bemerkt, dass es in der Welt derzeit nicht zum Besten steht, fragt sich derweil Hilka Dirks in der taz. "Die ostentativ vorgetragene gute Laune nervt." Für die SZ hat sich Martin Wittman mit Byrne unterhalten.
Weiteres: Tilman Spreckelsen gratuliert in der FAZAlStewart zum 80. Geburtstag. Besprochen werden ein von KlausMäkelä dirigiertes Konzert des ConcertgebouwOrchestra in Wien (Standard), Big Thiefs neues Album "Double Infinity" (Tsp), SabrinaCarpenters Album "Man's Best Friend" (FR) und Mechatoks Debütalbum "Wide Awake" (taz).
Jan Brachmann resümiert für die FAZ die ersten Konzerte des MusikfestsBerlin. Harald Hordych redet für die SZ mit LudwigSebus, dem mit hundert Jahren wohl ältesten Karnevalssänger der Welt. Besprochen werden CordulaKablitz-Posts Kinoporträt "Hate & Hope" über die Thrash-Metal-Band Kreator (Welt, mehr dazu bereits hier) und HerbertGrönemeyers Tourauftakt in Dortmund (SZ).
Wüst, aber lieb: Mille Petrozza von Kreator bei der Arbeit (Neue Visionen Filmverleih) Rundheraus verzaubert ist tazler Benjamin Moldenhauer von CordulaKablitz-Posts Kinoporträt "Hate & Hope" über die im Ruhrpott und Berlin beheimatete Thrash-Metalband Kreator und deren Leader MillePetrozza: Der Sound der Band ist seit jeher wüst, die Texte senden Nachrichten Düsteres betreffend in die Welt, aber Gastarbeitersohn Mille ist ein Herzchen von einem Mensch, der Tocotronic-Shirts trägt, sich vegan ernährt, Yoga macht und sich klar gegen Rechtsextremismus positioniert. "Am Ende des Films ist man geneigt, wieder an längst ad acta gelegte Ideen von Katharsis zu glauben. (...) Der hyperaggressive Hochgeschwindkeitsmetal mit Punkeinschlag, den die Band bis heute, nach ein paar Suchbewegungen in den neunziger und nuller Jahren wieder spielt, ballert ungemein und formt walzenartige Musik. Und dieser Sound ist inzwischen - auch das deutet der Film an -, zum kanonischen Kulturgut der Ruhrregion nach Schließung der Bergwerke geworden. Kreator ist einer der wenigen deutschen international präsenten popkulturellen Exportschlager."
In den USA hat sich der Absatz von Musikkassetten in den letzten zehn Jahren verfünffacht. War dies zu Beginn noch ein Bandcamp-Nischenphänomen, veröffentlichen Megastars wie TaylorSwift und BillieEilish ihre Alben heute wie selbstverständlich auch in diesem Format, das "noch unpraktischer ist als die Langspielplatte", wie Andrian Kreye in der SZ schreibt. Vielmehr als Peanuts kommen dabei zwar nicht rum, aber interessant ist das Phänomen eben doch: "Kassetten gehören in den Bereich des Protestkonsums (...) gegen die Bequemlichkeit der digitalen Welt mit ihren reibungslosen Benutzeroberflächen und allumfassenden Datenspeichern. Es gibt inzwischen in den USA, Europa und vor allem in Asien eine ganze Bewegung von Teens und Twens, die sich der digitalen Welt verweigern und Medienformate aus dem 20. Jahrhundert wiederbeleben. (...) Die Qualitätsmängel und begrenzten Speicherkapazitäten sind ein Aufstand gegen die Vorherrschaft der Algorithmen, die die gesamte Kulturgeschichte in Datenströme aufgelöst haben. Es ist die Rückbesinnung auf das Abenteuer einer Welt, in der man jeden Song und jeden Film einzeln entdeckt und erobert."
Weiteres: Lotte Thaler resümiert in der FAZ das Kammermusikfestival KrzyżowaMusicin Polen. Jens Uthoff porträtiert in der tazTureRückwardt von der Kieler Lokalband FEX, die erst im vergangenen Jahr als Urheber des in den frühen Achtzigern entstandenen "most mysterious song on the internet" identifiziert wurden, nach dessen Ursprung anderthalb Jahrzehnte händeringend gefahndet wurde, ohne dass die Musiker davon je Wind bekommen hätten. Davon beflügelt, hat die Band nun nach 40 Jahren ein Debütalbum aufgenommen. Hier eine Youtube-Doku über das Phänomen, zu dessen Beginn der Song auch in der original verrauschten Radiomitschnitt-Fassung gespielt wird:
Besprochen werden SophieGilberts Buch "Girl vs. Girl. Wie Popkultur Frauen gegeneinander aufbringt" (online nachgereicht von der FAZ), FrederikKösters Jazzalbum "K. On The Shore" (FR), ein Konzert der K-Pop-Band Enhypen in Berlin (Tsp), Aylivas Tourauftakt in Mannheim (SZ) und BigThiefs neues Album "Double Infinity" ("Die repetitive Form senkt den Puls, der Ozean ist die Leinwand", schreibt Tobi Müller auf Zeit Online, Standard-Kritiker Karl Fluch bescheinigt ein "gutes Gefühl für Balance").
YannickNézet-Séguin und dem Lucerne Festival Orchestra ist mit ihrer Darbietung von Bruckners Vierter Beachtliches gelungen, nämlich eine "durchaus auch eigenwillige Interpretation, die Bruckners Musik emotional entfesselt und ihr alles Weihevolle austreibt", lobt Christian Wildhagen in der NZZ. "Hier werden, anders als üblich, keine Klangkathedralen errichtet, die in ihrer Erhabenheit überwältigen, aber auch einschüchtern können. Stattdessen entfalten Nézet-Séguin und das Orchester ein ungeheuer reiches Panorama wechselnder Stimmungen und Naturbilder vor den Ohren der Hörer. Das hat etwas Einladendes, ja Verführerisches - das 'Romantische' ist in dieser Lesart nicht bloss die Losung einer vergangenen Epoche, sondern ein packendes, sehr gegenwärtiges Lebensgefühl. Konzerte, die in so profilierter Weise neues Licht auf Werke des gängigen Kanons werfen, sind Glücksfälle."
Albrecht Selge resümiert für VAN die ersten Konzerte des MusikfestsBerlin, darunter auch den Abend, den das niederländische Radio Filharmonisch Orkest (international auch als Netherlands Radio Philharmonic Orchestra bekannt) bestreitet. Diesem glückt ein "herrlich schräger Bogen von Boulez zu Rachmaninow" und es "lässt indes schon in OlivierMessiaens frühen 'Les Offrandes oubliées' staunen, wie gerade Musiker aus dem calvinistischen Flachland einen derartigen Sensor für den LSD-CharakterdermessiaenschenEucharistie haben können. Auf rosiger Wolke (der Synästhet Messiaen hätte natürlich andere Farbempfindungen parat) levitieren uns da die kristallhohen Streicher durch sich verdünnisierende Luft in eine unbekannte Stadt." In der Mediathek des Festivals ist ein Mitschnitt des Konzerts für Mitte September angekündigt.
Weitere Artikel: Ben Robin König resümiert in der taz das FestivalBerlinAtonal. Stephanie Grimm berichtet in der taz vom Berliner Pop-Kultur-Festival. Mit "einer doch recht holzschnittartigen Unverblümtheit" protestiert Neil Young in einem neuen Song gegen DonaldTrump, meldet Edo Reents in der FAZ.
Besprochen werden ein Konzert des OrchestrePhilharmoniquedeRadioFrance mit MirgaGražinytė-Tyla und JuliaHagen in Grafenegg (Standard), Cindy Laupers Abschiedskonzert in Los Angeles (Standard), ein Konzert von CandyDulfer & theKids in Wiesbaden (FR), das neue Album von SabrinaCarpenter (SZ), der dritte und abschließende Band von RickyRiccardis monumentaler Louis-Armstrong-Biografie (FAZ) und neue Pop- und Rockveröffentlichungen, darunter "Hymns and Fiery Dances" von The Division Men (Standard).
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