Die Retromania, die der britische Pophistoriker SimonReynolds schon 2011 kulturkritisch diagnostizierte, hat sich in den 2020er-Jahren überhaupt erst so richtig Bahn geschlagen, stellt Jens Ulrich Eckhard entgeistert in der Welt (und nach Lektüre eines Pieces von Spencer Kornhaber im Atlantic) fest. Zumindest kulturell gesehen habe dieses Jahrzehnt kaum mehr eine Gegenwart, aber dafür jede Menge aufgewärmte Vergangenheit zu bieten, wie man in allen Sparten beobachten könne, aber "in der Musikbranche ist die Entwicklung am deutlichsten, wie eine Auswahl an Kultur-Meldungen aus den vergangenen drei Wochen zeigt: Madonna bringt ein Remix-Album ihrer Hits aus den 90ern raus. Iggy Pop kehrt mit 78 Jahren auf die Bühne zurück. Bruce Springsteen veröffentlicht mit 'Tracks II' ein sieben Alben umfassendes Monumental-Werk. Oasis auf Reunion Tour. Und auch Coldplay klimpert sich wieder durch die Weltgeschichte. ... Und Instagram ist seit einigen Monaten geflutet mit alten Aufnahmen, etwa einem Auftritt Paul van Dyks auf der Berliner Loveparade oder von Technopartys aus den frühen Tagen des Berliner Clubs 'Tresor'. Die Message: früherwarallesfreier, exzessiver, ungefährlicher, schlicht besser." Zu einem ähnlichen Befund gelangt der Kulturhistoriker Peter Pichler im Standard.
Weitere Artikel: Dierk Saathoff erzählt in der Jungle World, wie die deutschen Punkpioniere S.Y.P.H. bereits auf ihrem zweiten und dritten Album, die beide vor kurzem wiederveröffentlicht wurden, gemeinsam mit HolgerCzukay von Can an der Schnittstelle zwischenPunk- undKrautrock operierten. Sehr befremdlich findet es Monika Rathmann in der SZ, dass einige lautstark verärgerte Fans von Fletcher "offenbar eine Art Mitspracherecht einfordern, wie ihr Idol sein Privatleben auch in Zukunft gestaltet", da die sich stets zu ihrer Bisexualität bekennende Popsängerin, die bis dahin über lesbischeLiebesbeziehungen gesungen hatte, nun mit einem Mann zusammen ist. Stefan Fromman spricht für die Welt mit der Pastorin Alisa Mühlfried, die im Auftrag des Herrn auf dem Gelände des Metal-FestivalsvonWacken unterwegs ist. In der Metal-Szene selbst, die in der Regel als unpolitisch gilt und darauf auch Wert legt, regt sich indessen spürbar Missmut darüber, dass die unpolitische Toleranz zunehmend auch rechtsextreme Musiker miteinschließt, berichtet Nicolas Freund in der SZ. Patrick Viol schreibt in der Jungle World einen Nachruf auf OzzyOsbourne. Fernerhin setzt uns tazlerin Ann-Kathrin Leclère darüber in Kenntnis, dass sie ihren Spotify-Account gekündigt hat.
Besprochen werden neue Alben von CarwynEllis (taz), BenLaMarGay (FR) und Tropical Fuck Storm ("Zehn Songperlen sind auf diesem psychedelischen wie närrischen und melodiös gut aufgestellten Album zu finden", freut sich Christian Schachinger im Standard).
Schwer beeindruckt ist SZ-Kritiker Joachim Hentschel von der englischen Band The New Eves, die "noch vor wenigen Jahren ... längst von irgendwem zur derzeit aufregendsten neuen Band des Universums ausgerufen worden wären". Beispiel: "Cow Song", die aktuelle Single. Die muss man "ganz gehört haben, die sechs Minuten und 21 Sekunden mit all ihren Wendungen, brachialen Ausbrüchen und an der Herzklappe kratzenden Harmonien. Erst dann wird man möglicherweise kapieren, was für atemberaubende, schöne, erschreckende Musik das ist: bukolischer Punkrock. Folklore mit satanischen Tätowierungen. Emily Brontës 'Sturmhöhe', aber in der Feminismus-5.0-Version. ... Klar, hier prallen viele, sehr viele, zum Teil auch leicht durchgelutschte Buzzwords aufeinander. Stadtflucht und Gothic-Horror, schwarze Magie, weibliches Empowerment und Animismus." Aber kurz: Das aktuelle Album der New Eves klingt "so großartig, verstörend und absolut einzigartig wie derzeit sonst nichts im knöcheltiefen Tümpel, der von verzweifelten T-Shirt-Olmen noch immer Indierock genannt wird".
Dass gerade diverse Indiebands, die in ihren Nischen zwar Ansehen haben, aber darüber hinaus kaum abstrahlen, Spotify aufgrund der KI-Waffeninvestitionen von CEO DanielEk verlassen, könnte fürs Musikgeschäft durchaus Folgen haben, meint Kristoffer Cornils auf Zeit Online. Als Stichwortgeber dient ihm die "Weggabel-Theorie" des Marktforschungsunternehmens Midia, derzufolge künftig kleine Bands, die von Spotify meist weniger als wenig haben, künftig wieder auf engmaschige Beziehungen zu ihren Fans setzen. Sollte es Bands wie Deerhoof, XiuXiu und KingGizzardandtheLizardWizard "gelingen, ihre Karrieren weitgehend unbeschadet fortzusetzen, vielleicht sogar aufzublühen durch den Ausstieg aus einem System, das nie für sie gedacht war, könnte ihr Beispiel Schule machen, zumindest unter Musikerinnen und Musikern einer bestimmten Größenordnung. Bei null müssten diese Musikerinnen und Musiker nicht anfangen. Bereits jetzt gibt es zahlreiche Streamingangebote, deren Ausschüttungsmodalitäten, stilistische Spezialisierung oder genossenschaftliche Organisation den Bedürfnissen kleinerer Bands und Künstlerinnen entgegenkommen."
Weitere Artikel: Nicht nur den Berliner, sondern auch den WienerClubs geht es nicht sonderlich gut, berichtet Christian Schneider in einer Standard-Reportage. Boris Herrmann erzählt in der SZ davon, wie er den Konzerten von Phish hinterher reist: "Nicht jedes Konzert ist gut, aber jedes ist ein eigenesKunstwerk", erfährt er von den Fans, die dies seit vielen Jahren tun. Der Smashing-Pumpkins-Sänger BillyCorganerinnert sich im Zeit-Online-Gespräch mit Sinem Kılıç an OzzyOsbourne. Christiane Albiez (NZZ) und Wolf-Dieter Peter (NMZ) erinnern an MikisTheodorakis, der heute vor 100 Jahren geboren wurde. Nicht ohne Amüsement nimmt Michael Wurmitzer in einer Standard-Glosse zur Kenntnis, dass HarryStyles in seinem Onlineshop auch Dildos und Gleitgel anbietet. Julia Neumann schreibt in der taz einen Nachruf auf den Oriental-Jazz-Pionier ZiadRahbani. Und Jan Wiele verabschiedet sich in der FAZ von dem Mathematiker und Satiriker TomLehrer, der von Georg Kreisler über den Freak Folk bis zu den Simpsons wohl so ziemlich alles und jeden inspriert hat. Unvergessen ist seine schöne Abrechnung mit dem Opportunismus eines WernhervonBraun:
Besprochen werden neue Alben von Tyler, theCreator ("Schön ist, dass das Album alle Phasen einer gelungenen Party abdeckt", meinttazler Johann Voigt) und des Münchner Rappers Shindy ("Mit seiner Mischung aus Dekadenz und Katholizismus bewegt" er sich "ganz in der Fin-de-siècle-Tradition der Dandys und deren Flucht in ästhetische Gegenwelten", meint Jens Ulrich Eckhard in der Welt) sowie Veröffentlichungen anspruchsvoller Musik, darunter "A Dark Flaring" des Signum Quartetts (Standard).
Stichwortgeber unter sich: "Hier wurde Hip-Hop geboren" (Paramount+) Die auf Paramount+ gezeigte Doku-Serie "Hier wurde Hip-Hop geboren" konnte Welt-Kritiker Dennis Sand nicht überzeugen: An Aufarbeitungen der Geschichte von Hip-Hop herrscht seit vielen Jahren kein Mangel, dieser Versuch hier wärme allerdings nur auf, was andernorts schon ausführlicher erzählt wurde. Als Host der Serie konnte immerhin LL Cool J gewonnen werden, "an sich eine gute Wahl, gilt er als eine respektierte und anerkannte Old-School-Instanz, dessen eigene Geschichte interessant genug wäre, ihr eine Folge zu widmen. Stattdessen bekommt der Zuschauer von ihm aber nur einige lose Geschichten angerissen, die bedauerlicherweise nie auserzählt werden. Auch die eigentlich interessanten Gesprächspartner (Big Daddy Kane, Fat Joe, etc.) werden bloß zu Stichwortgebern degradiert." Aber "auch wenn das Konzept im Ganzen nicht aufgeht, so bleiben doch einige Details immerhin ganz spannend. Wenn etwa die Bedeutung von alternativen Fahrdiensten (Schwarze haben damals fast nie Taxis bekommen und sich entsprechend selbst organisiert) für den Vertrieb von Mixtapes dargelegt wird. Doch dann geht es auch wieder viel zu lange um Belanglosigkeiten."
Elmar Krekeler erinnert in der Welt an die Werke der afro-amerikanischen Komponistin FlorencePrice, deren vor über hundert Jahren entstandene Werke nun "in einer fabelhaft musikantischen, fast schon zu ernsten, glasklaren und doch angemessen süffigen Aufnahme mit dem MalmöOperaOrchestra unter dem Price-Experten JohnJeter" veröffentlicht wurden. "Was Florence Price schrieb, hätte zu Lebzeiten keinen Avantgardepreis gewonnen. Würde man ihre Violinkonzerte und das Klavierkonzert ... in einer Art akustischer Blindverkostung abhören, würde man sie auf ein halbes Jahrhundert vor ihrer Entstehung datieren. Aber unbedingt der Meinung sein, dass es große Musik ist, die mit großer Lust den Farbenreichtum des (nicht allzu späten) romantischen Orchester als Basis nutzt, in durchaus konservativen Strukturen neue Geschichten zu erzählen und elegant, ansteckend spielerisch und manchmal umwerfend unangestrengt afroamerikanische Elemente mit einer stilistischen Quersumme von Mendelssohn bis Dvorak zu einer ganz eigenen, sich ihrer Kraft und Imaginationsfähigkeit bewussten Sprache zu verbinden." Mehr dazu auch bei SWR Kultur.
Außerdem: Elmar Krekeler porträtiert in der WeltOmer Meir Wellber, den neuen Generalmusikdirektor an der Hamburger Staatsoper. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ zum Tod von Jazzsängerin CleoLaine. Besprochen werden eine das Konzert von IronMaiden in Frankfurt (FR, FAZ), ein Konzert von DieHandlung in Hamburg (taz) und Spindrifts Album "Trio Studies" (FR).
Tobi Müller porträtiert in der Zeit den Leipziger Jazzmusiker VincentMeissner, der mit 25 Jahren schon sein drittes Album, "Eigengrau", veröffentlicht. Zu hören ist "Musik mit geometrischer Klarheit und jugendlicher Spielfreude. 'Ich mag simple oder reduzierte Strukturen, die ich dann verkette zu einer Art Collage', sagt Meissner. ... Auf dem neuen Album hört man zunächst einfache Dur-Akkorde. Mit der Zeit türmt Meissner sie auf, wobei sich die Harmonie dennoch dehnen und strecken kann. Die klaren Konturen in seiner Musik suchen nicht die unbedingte Romantik in dauerweichem Moll. Selbst wenn Innerlichkeit aufkommt, wirken die Akkorde belastbar. Meissner erklärt das mit einfacher Harmonielehre, erzählt, welche stabilen Kirchentonleitern er bevorzugt - dorisch, mixolydisch, lydisch - und warum er viel in D komponiert. "Ich sehe da Farben, und beiD-DurseheichGelb. Vor ein paar Jahren habe ich Gelb noch gehasst, jetzt ist es meine Lieblingsfarbe."
Weiteres: Hansgeorg Hermann erinnert in "Bilder und Zeiten" der FAZ an den vor 100 Jahren geborenen Komponisten MikisTheodorakis und dessen Rolle im Kampf gegen den griechischen Faschismus der späten Sechziger. Im "Literarischen Leben" der FAZblickt Jan Brachmann auf Beethovens Musik und die ungarische Sprache. Besprochen werden Rike van Kleefs Buch "Billige Plätze. Gender, Macht und Diskriminierung in der Musikbranche" (FR), Hans Platzgumers Buch "'What Goes Up Must Come Down'. Kleine Geschichte der Popmusik" (FAZ) ein Auftritt von Guns N' Roses in Wien (Standard) und eine Neuausgabe von BobbyBlands Soul-Klassiker "California Album" (Standard).
Manuel Gogos erinnert in der taz an den griechischen Sänger MikisTheodorakis, der am 29. Juli 100 Jahre alt geworden wäre, und vor allem an dessen Rolle in der Protestbewegung gegen die faschistische Regierung, die in Griechenland 1967 die Macht übernommen hatte. Lars Fleischmann porträtiert in der taz die Musikerin und Labelbetreiberin MarieMontexier.
Besprochen werden ein Konzert von GregoryPorter in Wiesbaden (FAZ) und Hotline TNTs Album "Raspberry Moon" (FR).
Die Zeitungen liefern weitere Nachrufe auf OzzyOsbourne nach (hier unser erstes Resümee). Er war zwar "kein versierter Sänger", schreibt Jörg Scheller in der NZZ. Die Stimme "passte eigentlich nicht recht zur erhabenen Härte des Heavy Metal. Aber es war seine unverkennbare Stimme. Und gerade dieser Mut zum Nonkonformismus machte ihn für viele zum Idol. ... Dem Außenseiter-Image zum Trotz passte der Osbourne-Mythos perfekt in die 'Gesellschaft der Singularitäten' (Andreas Reckwitz) des postindustriellen Kreativkapitalismus, in der das Besondere das Allgemeine sticht. Eine typische Figur des Simulationszeitalters, wie es der Medientheoretiker Jean Baudrillard in den 1970er und 1980er Jahren analysierte, war 'The Madman' obendrein. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion lösen sich in diesem Zeitalter auf" und so "rätselten viele: War Ozzys Wahnsinn nur gespielt? Biss er Tauben auch privat den Kopf ab? Bediente er geschickt eine mediale Erwartungshaltung? Oder hatte die Erwartungshaltung in ihm einfach das perfekte Subjekt gefunden?" Weitere Nachrufe schreiben Benjamin Moldenhauer (taz), Peter Praschl (Welt), Harry Nutt (FR), Karl Bruckmaier (FAZ) und Jakob Biazza (SZ).
Sollte Ozzys Wahnsinn nur gespielt gewesen sein, dann gelang ihm das in diesem Auftritt in den frühen Neunzigern jedenfalls sehr glaubhaft:
Vor zwei Wochen hatte er noch, von seiner Parkinson-Erkrankung schwer gezeichnet, mit BlackSabbath bei einem international viel beachteten Festival seinen Bühnenabschied gefeiert, jetzt ist OzzyOsbourne, der Prince of Darkness, im Alter von 76 Jahren gestorben. Alleine mit den ersten vier Alben schufen Black Sabbath mehrere Genres, schreibt Frank Schäfer in der NZZ: "HeavyMetal, BlackMetal, DoomMetal, StonerRock." Es folgten Aufstieg und Streit, sowie eine beachtliche Solokarriere, die zumindest in ihrer Frühphase "weitere Genre-Klassiker" hervorbrachte, und ein paar Jahre als Protagonist einer Reality-Show. "Sogar mit seiner Stamm-Band versöhnte er sich wieder. Seit den späten neunziger Jahren kam es zu mehreren Reunions mit Black Sabbath, die vor allem das kanonische Frühwerk zelebrierten. Am Ende fanden sich Ozzy, Iommi und Butler (wenn auch ohne Bill Ward) noch einmal im Studio zusammen. Unter den treusorgenden Händen Rick Rubins entstand '13' - ein monumentaler, einwürdigerSchlussstein." Schon 2017 gab es einen ersten, dann aber doch nicht finalen Bühnenabschied - Arte hat dazu den Konzertfilm im Onlineangebot. Und nicht unerwähnt bleiben sollte auch, dass die Band sich nach dem englischen Verleihtitel eines italienischen Horrorfilms von Meister Mario Bava benannte - hier der Trailer.
Osbourne "hat zeitlebens mehr über das Danach sinniert als andere über das Jetzt", schreibt Martin Wittmann in der SZ (online gestellt vom Tages-Anzeiger). "Weltberüchtigt gemacht hat" ihn "eine Fledermaus, die 1982 bei einem seiner Konzerte auf die Bühne geworfen wurde und der er im Glauben, sie sei aus Plastik, den Kopf abgebissen hat. Eine Legende, geboren im Rausch, aus Versehen, das ist Pop-Essenz. Weltberühmt als Musiker war Osbourne da längst." Der Sound von Black Sabbath klang "brachialer und bedrohlicher an als der gängige Hardrock. ... Und das Gesicht dazu, vorne auf der Bühne: der junge, unschuldige, entrückte, überdrehte und verzweifelte Ozzy, der fremde Zeilen über Tod und Teufel sang. Das reichte damals, um die Leute gewaltig zu erschrecken. Die Welt und Ozzy Osbourne sollten sich nie mehr voneinander erholen." Nicht zuletzt wegen seiner Jahre im Trash-TV hatte Osbourne in den letzten knapp 25 Jahren eher den zweifelhaften Ruf eines peinlichen Anarcho-Clowns, schreibt Christian Schachinger im Standard. Und dennoch war da "trotz aller Kaputtheit und Richtung betreutes Wohnen tippelbrudernder Unbeholfenheit immer noch jeneanarchische, dunkleKraft zu spüren, die einst den Motor seiner alten Band Black Sabbath ausmachte".
Dem deutschen Langhaarigenpublikum wurde Black Sabbath maßgeblich durch einen Auftritt im Beat-Club im Jahr 1970 bekannt. Auf dem offiziellen Youtube-Kanal der Sendereihe gibt es eine Playlist mit allen damals gespielten Stücken:
In der Welt ärgert sich Manuel Brug über die "schräge" Begründung für die Absage des ursprünglich für Ende des Monats in Italien geplanten, von ValeryGergiev dirigierten Konzerts: "Man hätte wegen zu erwartender proukrainischer Proteste die Durchführung der Veranstaltung nicht mehr garantieren können. Keinerlei Einsicht also darüber, wie grundfalsch, leichtfertigundperfide die Einladung allein gewesen ist." Gergiev einzuladen "war von vornherein eine blöde Idee", schreibt auch Egbert Tholl in der SZ, zumal es für den Auftritt des Putin-Intimus "keine unabdingbaren künstlerischen Gründe" gebe.
Weiteres: Benjamin Moldenhauer seufzt in der taz, dass im Zuge der Nahostkontroverse "nun auch das eher unpolitische Genre Metal von aufgepeitschten Mitteilungsbedürftigen polarisiert wird". Besprochen werden Konzerte von GiannaNannini (FR), Martin James Bartlett (FR), und Imagine Dragons (FR) sowie neue Alben von AdrianQuesada (taz) und Tyler, theCreator (Zeit Online).
Viel Trubel um Rap gerade. Deutschrap diffundiert in den Pop-Mainstream, will von der alten Szene nichts mehr wissen und liegt damit im Sterben, stellt Dennis Sand bekümmert in der Welt fest: Anders als bei früheren Reibereien zwischen alter Garde und dem Nachwuchs, würden "heute keine neuen Werte, Ideen oder Ästhetiken mehr geschaffen, sie werden einfach aufgelöst. Deutschrap geht bloß im Pop auf. Und ja, damit wird Deutschrap so groß, bunt, breit und erfolgreich, wie er es gerade ist, er wird aber auch so beliebig wie nie zuvor. Wer heute Deutschrap hört, der hört auch Schlager, Techno, Pop, Ballermann oder einfach nur Radio. Wer vom Mainstream gefressen wird, der tauscht Erfolg gegen kulturelle Potenz. Und das führt dazu, dass das tragende Fundament einer Subkultur zerbricht. Festivals werden nicht mehr von distinktiv Gleichgesinnten, sondern von der Beliebigkeit einer Generation Yolo geflutet, Mode als Erkennungscode spielt keine Rolle mehr, und die großen Stars sind lange abgetreten."
Beim großen Vorbild aus den USA sieht es nicht viel besser aus, stellt Jakob Biazza in der SZ anlässlich des neuen Albums von Travis fest: Rap tendierte zuletzt musikalisch arg in Richtung Unauffälligkeit und Innovationsunlust - ein Phänomen, das in anderen Spielarten populärer Musik schon seit vielen Jahren zu beobachten ist. "Rap nun hatte über viele, viele Jahre das Privileg (und, wohl wichtiger: den innovativen Drang), sich qua steter Weiterentwicklung davor zu bewahren, dass seine Codes allzu abgegriffen wurden. ... Gut möglich, dass diese Epoche des Rap wenigstens für den Moment, wenigsten in den erfolgreichsten Varianten, vorbei ist. Künstlerisch. Gut möglich, dass der Rap gerade den Peak dessen erreicht hat, was man mangels eines etablierten Begriffs vielleicht 'Playlistisierung' nennen könnte." Wobei Biazza dann doch wiederum staunt, dass Tyler, theCreator mit seinem eben ohne Vorankündigung veröffentlichtem Album "Don't Tap The Glass" das genaue Gegenteil seiner zuvor dargelegten Thesen vorlegt.
Und dann ist da ja noch das Ärgernis namens Macklemore. Dem BDS-Rapper aus Seattle ist das fragwürdige Kunststück gelungen, sich innerhalb eines halben Jahres nicht durch seine Musik, sondern durch seine Fixierung auf Pali-Parolen einen Namen gemacht zu haben - wobei ihm Richtung Hamas und Hisbollah auch schon der eine oder andere vielsagende Ausrutscher passiert ist. Beim Deichbrand-Festival bekam er dessen ungeachtet "die große Bühne", schreibt Sabine Winkler in der Welt. Die hat er genutzt, auch um dunkle Machenschaften zu suggerieren, die ihm und seinesgleichen das Leben schwer machen. "Das Publikum beim Deichbrand applaudierte während der Rede, es waren 'Free Palestine'-Rufe zu hören, Plakate mit Wassermelonen-Symbolen wurden in die Höhe gehalten, Palästina-, aber auch einige Israel-Flaggen wurden geschwenkt. Der Auftrifft wurde nicht boykottiert, der Besucherraum war voll." Es "zeigt sich das komplette Versagen der Veranstalter: Wie kann es bitte sein, das 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Schoah, dem größten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ein Musiker eindeutig antisemitische Liedtexte performen darf vor mehr als 60.000 Besuchern?"
Weiteres: Die Agenturen melden, dass das für Ende Juli in Italien angekündigte Konzert von ValeryGergiev abgesagt wurde. Wolfram Goertz (Zeit Online) und Wolfgang Stähr (NZZ) schreiben Nachrufe auf den Dirigenten RogerNorrington (hier unser Resümee der ersten Nachrufe). Besprochen werden ein Auftritt von DeeDeeBridgewater in Wiesbaden (FR) und neue Popveröffentlichungen, darunter ein postumes Album von MarkStewart (Standard).
Der Dirigent RogerNorrington ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Er richtete sich entschieden "gegen das Vibrato, eine der größten Selbstverständlichkeiten des Orchesterlebens, die er aber für eine späte, erst in den 1920ern in Mode gekommene Unart hielt", schreibt Judith von Sternburg in der FR. "Man mag das Radikale daran entnervt ablehnen und den Aufnahmen Norringtons dennoch erstaunliche Hörerlebnisse verdanken", denn "Norrington eröffnet beim Hören Freiräume. Seine Beethoven-Sinfonien sind das Paradebeispiel dafür, weil hier noch sein zweites großes Thema hinzukommt: Tempo, Tempo, Tempo." Er "war zu Späßen aufgelegt, aber nicht in der Frage Beethovenscher Metronomangaben. Diese gelten als unwahrscheinlich hoch, und es gibt Theorien, woran das liegen könnte (bis hin zum falsch eingestellten Metronom). Norrington hingegen tat wie geschrieben und dirigierte seine Werke rasant."
"Im Kern der Sache ging es ihm darum, den reichen, schillerndenKlang der Musik freizulegen", schreibt Laszlo Molnar in der FAZ. "Seine Einspielung aller Beethoven-Sinfonien mit den London Classical Players von 1987 bis 1989 war ein Paukenschlag, der in der ganzen Musikwelt vernommen wurde. Norrington zeigte mit seiner Darstellung, dass diese Musik weniger einer 'Interpretation' bedurfte als einer strukturierten Aufführungsweise, in der alle Stimmen des Orchesters zu ihrem Recht - und damit zu Gehör - kommen. Mit Instrumenten in ihrer Beschaffenheit zur Zeit der Komponisten, mit passenden Verhältnissen zwischen der Zahl der Streicher und jener der Bläser, mit hörbar getrennten ersten und zweiten Geigen und mit einem deutlich schnelleren Tempo. Mit seiner temperamentvollen, etwas aufgekratzten Art nahm er gleichzeitig all den Kritikern den Wind aus den Segeln, die meinten, die historische Aufführungspraxis bedeute automatisch eine vor lauter Korrektheit akademische Bräsigkeit."
Hier spielt er die "Eroica" mit dem SWR-Symphonieorchester:
Weiteres: Francois Barras spricht für den Tages-Anzeiger mit MikeLove, dem letzten verbliebenen BeachBoy. Besprochen werden HansPlatzgumers Buch "Kleine Geschichte der Popmusik" (FR), ein Auftritt des Austropop-Duos SeilerundSpeer (Standard) und zwei Konzerte von WillSmith (FR, TA).
Jens Balzer verzweifelt auf Zeit Online schier darüber, wie sich britische Bands wie MassiveAttack, die seit vielen Jahren den BDS und andere antiisraelische Kampagnen unterstützen, ihrerseits als Opfer einer von rechten israelischen Netzwerken lancierten Kampagnen darstellen. Zweifellos mag es interessant sein zu wissen, was rechte bis rechtsextreme israelische Netzwerke politisch so treiben, doch stehen aktuelle Bands wie Kneecap und BobVylan ja nicht in der Kritik, "weil sie sich für ein Ende des Gazakriegs einsetzen oder weil sie rechtsextreme Politiker und Siedler kritisieren", sondern "weil sie sich wie Kneecap als Unterstützer der islamistischen Terrorgruppen Hisbollah und Hamas inszenieren (um sich hinterher davon mit dem Argument zu distanzieren, das sei alles gar nicht so gemeint gewesen ...) oder weil sie wie Bob Vylan allen israelischen Soldatinnen und Soldaten den Tod wünschen. ... Boykotteure beklagen Boykott, wenn sie selbst davon betroffen sind; politische Aktivisten legen die Verbindungen einer Organisation in die religiös-fundamentalistische Politik Israels offen, um davon abzulenken, dass sie selber mit religiös-fundamentalistischenTerrorgruppen sympathisieren. Es scheint wirklich überhaupt kein Weg mehr hinauszuführen aus diesem Spiegelkabinett der vollends verhärteten ideologischen Konfrontationen."
Der Kunsthistoriker und Bodybuilder Jörg Scheller nimmt auf Zeit Online das neue Album "Seeadler" von Rummelsnuff zum Anlass zu einem Liebesbrief auf die schrullig-liebenswerte Elektropunk-Shanty-Welt dieses am Ost-Berliner Stadtrand werkelnden Bodybuilder-Seefahrer-Originals - eine Welt, die durchtränkt ist von Seefahrer- und Stahlarbeiter-Romantik, von schwuler Freude an ausgestellter Männlichkeit, Gewichteheben und DDR-Geschichte. Ja, Rummelsnuff schafft "seit 20 Jahren ein audiovisuelles und performatives Spektakel, das verlässlich für Irritationen bei Menschen mit allzu stabilen Weltbildern und Erwartungshaltungen sorgt." Bei Rummelsnuff geht es um "die Bejahung dessen, was unser zartbesaitetes Gegenwartskommentariat reflexhaft pathologisiert: Kraft, Männlichkeit, Wettbewerb, Mut, Abenteuerlust - nicht das Schlechteste, um der anabolenautoritärenInternationalen mehr als nur symbolisch entgegenwirken zu können. Andererseits das, was die Linke vor dem Siegeszug der Marxisten und dem sedierenden Aufgehen in Staatsapparaten und Universitätsinstituten noch zu schätzen wusste: echterEigensinn, der sich nicht in Leitfäden und Programmpapiere pressen lässt."
Weiteres: Jan Feddersen schreibt in der taz zum Tod von ConnieFrancis. Harald Peters blickt für die WamS auf die Karriere von Madonna, die gerade eine Compilation mit Remixes von Songs aus den Neunzigern veröffentlicht hat. Kathleen Hildebrand überprüft für die SZ durch teilnehmende Beobachtung, was am Trend zum Candlelight-Konzert wirklich dran ist. Besprochen werden Konzerte von Martín GarcíaGarcía (FR), AkiTakase (FR), GiannaNannini (NZZ) und Revolverheld (FR).
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