Jens Balzer verzweifelt auf Zeit Online schier darüber, wie sich britische Bands wie MassiveAttack, die seit vielen Jahren den BDS und andere antiisraelische Kampagnen unterstützen, ihrerseits als Opfer einer von rechten israelischen Netzwerken lancierten Kampagnen darstellen. Zweifellos mag es interessant sein zu wissen, was rechte bis rechtsextreme israelische Netzwerke politisch so treiben, doch stehen aktuelle Bands wie Kneecap und BobVylan ja nicht in der Kritik, "weil sie sich für ein Ende des Gazakriegs einsetzen oder weil sie rechtsextreme Politiker und Siedler kritisieren", sondern "weil sie sich wie Kneecap als Unterstützer der islamistischen Terrorgruppen Hisbollah und Hamas inszenieren (um sich hinterher davon mit dem Argument zu distanzieren, das sei alles gar nicht so gemeint gewesen ...) oder weil sie wie Bob Vylan allen israelischen Soldatinnen und Soldaten den Tod wünschen. ... Boykotteure beklagen Boykott, wenn sie selbst davon betroffen sind; politische Aktivisten legen die Verbindungen einer Organisation in die religiös-fundamentalistische Politik Israels offen, um davon abzulenken, dass sie selber mit religiös-fundamentalistischenTerrorgruppen sympathisieren. Es scheint wirklich überhaupt kein Weg mehr hinauszuführen aus diesem Spiegelkabinett der vollends verhärteten ideologischen Konfrontationen."
Der Kunsthistoriker und Bodybuilder Jörg Scheller nimmt auf Zeit Online das neue Album "Seeadler" von Rummelsnuff zum Anlass zu einem Liebesbrief auf die schrullig-liebenswerte Elektropunk-Shanty-Welt dieses am Ost-Berliner Stadtrand werkelnden Bodybuilder-Seefahrer-Originals - eine Welt, die durchtränkt ist von Seefahrer- und Stahlarbeiter-Romantik, von schwuler Freude an ausgestellter Männlichkeit, Gewichteheben und DDR-Geschichte. Ja, Rummelsnuff schafft "seit 20 Jahren ein audiovisuelles und performatives Spektakel, das verlässlich für Irritationen bei Menschen mit allzu stabilen Weltbildern und Erwartungshaltungen sorgt." Bei Rummelsnuff geht es um "die Bejahung dessen, was unser zartbesaitetes Gegenwartskommentariat reflexhaft pathologisiert: Kraft, Männlichkeit, Wettbewerb, Mut, Abenteuerlust - nicht das Schlechteste, um der anabolenautoritärenInternationalen mehr als nur symbolisch entgegenwirken zu können. Andererseits das, was die Linke vor dem Siegeszug der Marxisten und dem sedierenden Aufgehen in Staatsapparaten und Universitätsinstituten noch zu schätzen wusste: echterEigensinn, der sich nicht in Leitfäden und Programmpapiere pressen lässt."
Weiteres: Jan Feddersen schreibt in der taz zum Tod von ConnieFrancis. Harald Peters blickt für die WamS auf die Karriere von Madonna, die gerade eine Compilation mit Remixes von Songs aus den Neunzigern veröffentlicht hat. Kathleen Hildebrand überprüft für die SZ durch teilnehmende Beobachtung, was am Trend zum Candlelight-Konzert wirklich dran ist. Besprochen werden Konzerte von Martín GarcíaGarcía (FR), AkiTakase (FR), GiannaNannini (NZZ) und Revolverheld (FR).
Dass es an Musikhochschulen beim Einzelunterricht zu Übergriffen kommen kann, heißt nicht, dass der Einzelunterricht an sich das Problem ist, argumentiert Shoko Kuroe auf Backstage Classical: "Nicht der Einzelunterricht vergewaltigt, sondern die Täterpersonen. ... Im Übrigen gehört die Macht der Lehrenden auch systemisch zum Musikstudium - durch ihre fachliche Expertise, durch die Notengebung und die Fördermöglichkeiten an der Hochschule sowie ihre Gatekeeper-Funktion in die Berufswelt. Auch hier sollte es darum gehen, die Macht nicht per se zu verteufeln, sondern damit verantwortungsbewusst und konstruktiv umzugehen. ... Strukturdebatten sind essenziell. Richtlinien und Verhaltenskodex beispielweise waren unbedingt notwendig, um die Schutzlücken im Antidiskriminierungsgesetz auf eine andere Weise zu schließen."
"Was da kürzlich in Köln ablief: Irre. Einfachirre", schreibt Guido Krawinkel auf Backstage Classical: Die via Social Media äußerst populäre gewordene Organistin AnnaLapwood ("Sie gilt vielen als Taylor Swift der Orgel", sagt der Moderator eines Konzertmitschnitts auf BR Klassik), sollte im Dom - ohne Reservierung und obendrein gratis! - spielen und mit einem Mal fanden sich unter entsprechend chaotischen Bedingungen 13.000Menschen ein, die sich das nicht entgehen lassen wollten: "Lapwood selbst wirkte völlig aus dem Häuschen. Die Polizei bei einem Orgelkonzert, das hatte sie auch noch nicht erlebt." Und die Musik selbst? Es war "insgesamt ein wirklich außergewöhnliches Konzerterlebnis. ... Alles war tiptop gespielt. Man hörte wirklich, dass Lapwood sich zwei Nächte mit Einregistrieren um die Ohren geschlagen hatte. Von Müdigkeit allerdings keine Spur! Selten hat man die Domorgeln so differenziert registriert gehört." Lapwood selbst hat über den Abend ein Reel auf Instagramveröffentlicht.
Weitere Artikel: "Der KissingerSommer ist nicht klein, aber intim, er ist regionalabgefedert, schmeckt aber nach großerWeltmusikkultur", schwärmt Manuel Brug in der Welt beim Besuch des erlesenen Festivals in der unterfränkischen Provinz. Merle Krafeld spricht für VAN mit der Musiktherapeutin Beatrix Evers-Grewe, die sich für eine stärkere Regulierung ihres Berufsstands stark macht, da die Berufsbezeichnung nicht geschützt ist und zu oft Laien auf gefährdete Personen angesetzt werden. Hartmut Welscher unterhält sich für VAN mit der Dirigentin RuthReinhardt. Martin Fischer staunt im Tages-Anzeiger, wie viele junge Menschen zu den Revivalkonzerten von Oasis pilgern. Harry Nutt (FR) und Philipp Blanke (Tsp) schreiben zum Tod der Schlagersängerin ConnieFrancis.
Besprochen werden ein neues Album der Berliner Hip-Hop-Crew Tiefbasskommando (taz), ein Konzert von IronMaiden in Wien (Standard), der von Erika Thomalla herausgegebene Band "Die Wahrheit über Kid P" mit ausgewählten Texten des Pop-Journalisten AndreasBanaski (FAZ) und das neue Album von WetLeg (NZZ).
JuliaNawalnaja, die Witwe von AlexeiNawalny, hat in einem "flammenden Plädoyer" in der Repubblica gefordert, dass das für Ende Juli in Italien geplante Konzert unter der Leitung von ValeryGergiev abgesagt wird, berichtet Luzi Bernet in der NZZ. "'Gergiev ist ein enger Freund Putins', schrieb sie in dem Artikel, 'ein Förderer von Putins krimineller Politik, sein Komplize und Mitläufer.' Er sei zwar ein 'ausgezeichneter Dirigent'. Aber wie man aus der Geschichte wisse, 'können auch große Künstler auf der Seite der Schurken stehen und mit ihrem guten Ruf grausame und unmenschliche Regime decken'. Seither ist Feuer im Dach, und die Vorfreude auf einen inspirierenden Abend unter den Sternen ist verflogen. Ob das Konzert am 27. Juli stattfinden wird, ist offen."
"Zurück ist das neue Vorwärts. Es braucht eine Verknappung des Angebots. Es braucht weniger Musik", ruft Johannes Scheerer auf Zeit Online voller Gram darüber, dass das Album im Zuge von Streaming seinen Werkscharakter verloren habe und Musikstreaming - angeblich - die kulturelle Vielfalt aushöhle, weil es Bequemlichkeit fördere. "Ich glaube, es wird verkannt, wie sehr eine Reduktion des Angebots in Wahrheit geschätzt würde." Denn "wer zwischen Millionen Songs wählen kann, dem fällt es schwer, Tiefe und Bedeutung zu erleben. Was selten ist, bekommt Aufmerksamkeit; was jederzeit verfügbar ist, verkommt zum Hintergrundrauschen." Da Scheerer selbst Label- und Studiobetreiber ist, läge es natürlich auch in seiner Hand, einfach selbst für Verknappung von Musik zu sorgen. An seinem Geschäftsmodell möchte er aber nicht rütteln.
Außerdem: Christian Wildhagen freut sich in der NZZ auf den Festivalsommer. Besprochen werden ein Konzert von AltinGün (FR), ConradBauers und KalleKalimas Album "13 Kuukautta" (FR), WetLegs neues Album "Moisturizer" (Standard) und das neue Melvins-Album "Thunderball" (die einst avantgardistischen Noise-Rock-Sludge-Monster haben sich in ihrer Nische gut eingerichtet, stellt Benjamin Moldenhauer in der taz mit sanfter Melancholie fest).
Ueli Bernays resümiert in der NZZ die Auftritte der wichtigsten Pop-Acts beim Jazzfestival in Montreux, darunter FKATwigs , bei der "die lustvolle Präsentation sinnlich-synchroner Physis" im Vordergrund stand, und die eben frisch reformierten Pulp aus den Neunzigern. Bei letzteren war auch Standard-Kritiker Karl Fluch im Publikum und begeisterte sich dort restlos: "Die Stimmung war unglaublich, die Band eine Wucht, der Sound glasklar." Christoph Forsthoff porträtiert in der NZZ die Cellistin SolGabetta, die im Aargau das Solsberg-Festival organisiert. Stefan Ender berichtet im Standard von der Schubertiadein Hohenems.
Es ist der Festivalsommer der großen Nostalgie: Oasis, BlackSabbath, ELO, AC/DC, SexPistols, die Scorpions - Revivals und Abschiede allenthalben, stellt Joachim Hentschel in der SZ fest. Alles nur alte Herren, die ein letztes, aber wirklich nur ein allerletztes Mal ihre Jugend nochmal aufleben lassen wollen? Zumindest beim Blick ins Publikum bestätigt sich das Hentschel nicht, denn dort sind auffällig viele junge Leute unterwegs. "Auch die Generation Z gehört zur Kundschaft der Reunion- und Abschiedsindustrie. Sie feiert bei Bruce Springsteen in Reihe eins mit, versucht sich bei Oasis im ersten, zaghaftenBierbecher-Weitwurf. Weil viele ihrer Mitglieder nun mal zu spüren scheinen, dass es Bands wie diese, für die sie noch als Teenager die Eltern matt belächelt haben, in zwanzig Jahren nicht mehr geben könnte, mitsamt ihren unerhörten Narrativen. Die vornehmlich aus dem Internet geborenen Pop-Acts, die man am vergangenen Wochenende beim Berliner Lollapalooza-Festival sehen und hören konnte, singen sicher die passenderen Sentenzen. Aber sie werden nie die Helikopterbilder der Gemeinschaft produzieren, die Oasis im August 1996 wie aus dem Handgelenk kreierten, als in Knebworth 250 000 Menschen zusammenkamen, auf engstem Raum gemeinsam Musik hörten und sich gegenseitig mit harmlosen Bazillen ansteckten, gegen die man keinen Impfstoff brauchte. All die gigantischen, dummen, schönen Geschichten - man muss sie nicht selbst erlebt haben, um Sehnsucht nach ihnen zu kriegen."
Außerdem: Andreas Hergeth spricht in der taz mit Emiko Gejic von der Berliner Clubcommission über die bedrückende wirtschaftliche Lage der BerlinerClubs: "46 Prozent der Clubbetreibenden hat angegeben, dass die Lage finanziell und wirtschaftlich sehr schwierig ist und dass viele in Erwägung ziehen, ihren Betrieb irgendwann im nächsten Jahr zu schließen." Stephanie Grimm resümiert in der taz das Berliner FestivalHeroines of Sound, das Frauen in der elektronischen Musik präsentiert. Karl Fluch berichtet im Standard vom Jazz Festival in Montreux. Für die NZZwar Florian Bissig bei Festival da Jazzin St. Moritz. Besprochen werden das Album "Still Shakin'" der North Mississippi Allstars (FR) und ein Konzert von JustinTimberlake in Wien (Standard).
Andrian Kreye spricht in der SZ mit den Jazzmusikerinnen TerriLyneCarrington und ChristieDashiell, die gerade ihr neues Album "We Insist" herausgebracht haben und Jazz auch für politischen Protest nutzen. Der gängigen Auffassung, dass Jazz generell eine aktivistischeKunstform sei, widerspricht Carrington allerdings vehement: "Meiner Meinung nach war er das meist nur in Bezug auf Rassengerechtigkeit. Aber bei anderen Themen, insbesondere beim Thema Geschlecht, hat der Jazz meiner Meinung nach versagt." Die Gründe dafür sind historisch bedingt: "Als die Sklaverei zu Ende ging, konnten Menschen zum ersten Mal reisen. Es waren aber vor allem Männer, die reisen konnten. Für Frauen war es nicht sicher. Jazz wurde in Bordellen, Juke Joints, Bars gespielt." Das "war nie ein Umfeld, das Frauen zur Teilnahme eingeladen hat - es sei denn, sie standen vorn und sangen. ... Es gab (und gibt) eine gewisse Aggressivität in der Musik, die sich bis heute hält. Das ist großartig - das hat seinen Platz. Ich sage nur: Es sollte auch Platz geben für eine andere Ästhetik in dieser Musik."
BillCalahan kommt für eine kleine Handvoll Konzerte nach Deutschland und hat Max Dax von der FR eines seiner seltenen Interviews gegeben. Unter anderem geht es die Wurzeln des heute alternativenCountry-Folk spielenden Musikers im Noise, um die Schönheit und Flüchtigkeit der Wahrheit und darum, dass seine Songs vom Text her entstehen: "Manchmal dauert es ewig, und es gelingt mir einfach nicht, diese Worte in Musik umzusetzen. ... Ich ändere den Text dann so lange, ersetze die Songzeilen mit anderen Niederschriften von Tagträumereien, bis mir die Musik in den Schoß fällt. ... Die Phrasierung ist der Schlüssel zum Song. Wenn ich einen Text schließlich mit geschlossenen Augen singen kann, wenn ich ihn richtig rüberbringen kann, dann ist es egal, welche Musik mir ursprünglich vorgeschwebt haben mag. Die Phrasierung erweckt den Song zum Leben und hebt ihn auf eine andere Ebene, die über das Verständnis der Sprache hinausgeht. Deshalb kann man großartige Songs in fremden Sprachen verstehen, etwa den arabischen Gesang von OumKalthoum. Wenn die Phrasierung stimmt, kann man trotzdem etwasganzKonkretes aus einem Song mitnehmen."
Jens Balzer hat auf Zeit Online keine Freude an "Swag", dem neuen Album von JustinBieber. Zum einen klingt es so, "als ob es von einem Mann eingespielt worden wäre, der durch den Gebrauch von Jugendwörtern des Jahres 2011 jugendlich zu klingen versucht, mit entsprechend überschaubarem Erfolg." Zudem haben die Stücke "eine gute einschläfernde Wirkung. Sie sind durchweg in mittlerem Tempo komponiert und in lauwarmen Temperaturen gehalten. Das Klangbild wird vom Gebrauch des Yamaha-DX7-Synthesizers geprägt, dessen metallisch-glockenartige Töne man aus vielen R'n'B- und Soulproduktionen der Achtzigerjahre kennt, darunter auch 'Thriller' und 'Billie Jean' von Michael Jackson, der schon immer ein großes Vorbild von Justin Bieber war. Am Anfang kann man diesen Einsatz antiquierter Technologie für eine Reminiszenz an eine schönere Vergangenheit halten; wenn freilich auch das zehnte Lied immer noch mit denselben Achtzigerjahreklängen beginnt, nimmt demgegenüber der Eindruck einer starken Inspirationslosigkeit überhand." Auch NZZ-Kritiker Ueli Bernays sieht den früheren Teeniestar nicht gerade auf der Höhe seiner Kunst: "Biebers erstaunliche Musikalität schwächelt bisweilen wie eine E-Gitarre ohne Verstärker oder eine Orgel mit defekter Pneumatik."
Weitere Artikel: Axel Brüggemann wirft für Backstage Classical einen Blick darauf, wie Orchester und Opernhäuser in Zeiten schwindender Öffentlichkeit selber zu Medienhäusern werden. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Philipp Krohn über "My Sister" von den Tindersticks.
Besprochen werden der Auftritt von GraceJones beim JazzFestivalMontreux (Standard), ein Konzert der QueensoftheStoneAge (Standard), das Oasis-Konzert in Manchester (NZZ), ein Auftritt von RobbieWilliams in Wien (Standard), ein Konzert des SplitterOrchesters in einer leerstehenden Rossmann-Filiale (taz), ein Konzert von AnnaVinnitskaya und JanLisiecki in Frankfurt (FR), neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine von JohnEliotGardiner dirigierte Brahms-Aufnahme (FAZ), und das Album "Po$t American" der ziemlich angepissten US-Post-Punkband DeadPioneers (Standard).
Im Interview mit der Welt ist Peter Gelb, Generaldirektor der New Yorker Met, empört, dass Putin-Unterstützer ValeriGergiev Ende Juli - "noch dazu indirekt mit EU-Geldern finanziert" - im Königsschloss von Caserta bei Neapel dirigieren soll: "Es ist ein Beispiel für moralische Korruption, Schwäche und möglicherweise Naivität. Die Menschen sollten es eigentlich besser wissen. Denn Valery Gergiev ist de facto Kulturminister Russlands, auch wenn es da noch einen anderen Apparatschik gibt. Ich finde es einfach schrecklich für die Welt, dass ein westliches Land, das an irgendeine Form von Demokratie glaubt, einen solchen Auftritt in diesem Moment zulässt, in dem Putin ukrainische Städte mit enormer Wucht bombardiert."
Hinter den Kulissen der Musikproduktion dürfte sich gerade eine Revolution abspielen, nimmt Dorothea Walchshäusl in der NZZ mit Blick auf aktuelle KI-Entwicklungen an. Von Alarmismus hält sie aber spürbar wenig, weshalb sie sich vor allem bei Projekten und Forschern umgehört hat, die die Sicht vertreten, dass Mensch und Maschine zum Vorteil der ersteren Hand in Hand arbeiten können. Etwa AliNikrang, Komponist und Professor an der Musikhochschule München: "Einen Widerspruch zwischen künstlerischer Originalität und kalter Statistik sieht er nicht. Tatsächlich komponieren Menschen ja auch nicht im luftleeren Raum ... Im Gegensatz zum Menschen hat die KI allerdings keine gefilterte Wahrnehmung, die eine ästhetische Bewertung vornehmen könnte. Für den Forscher liegt darin auch eine Chance: 'Die KI kann uns neue Perspektiven geben auf die Musik.'" Bloße Kopien sind für KIs kein Problem mehr. "'Für einen Komponisten aber ist das nicht besonders interessant. Ihn interessiert vielmehr: Wo bin ich in der Musik? Wie kann ich die KI so nützen, dass sie nicht einfach nur nachahmt, sondern für mich als Person mit meinem Ausdruckswillen nützlich ist?", sagt Nikrang." Weiteres: Detlef Diederichsen erinnert in seiner taz-Kolumne mit Kittler daran, dass Pop-, Rock- und elektronische Musik einst aus militärischerTechnologie entstanden sind, weshalb es wohl ein gallig-zynischer Treppenwitz der Geschichte ist, dass Spotify-CEO DanielEk heute seine den Musikern abgezockten Millionen in KI-Kriegsgerät investiert. Gerald Felber erzählt in "Bilder und Zeiten" der FAZ vom Weg in den Tod des im April verstorbenen Komponisten ChristfriedSchmidt. Claudia Reinhard ärgert sich im Tagesspiegel über das Comeback von XavierNaidoo. Außerdem bringt die NZZ eine Beilage zum LucerneFestival.
Besprochen werden HansUlrichGumbrechts Essay "Leben der Stimme" (FR), die Ausstellung "Afrosonica Soundscape" im Ethnografischen Museum in Genf ("Es ist interessant, einem Museum beim Nachdenken über sich selbst zuzusehen", schreibt Andi Schoon in der taz), Justin Biebers neues Album "Swag" (Tsp, SZ), der Auftritt von ErciRibb beim Rheingau Musik Festival (FR), das Auftaktkonzert der Frankfurter ReiheJazz im Palmengarten (FR), das Jubiläumskonzert in Köln zu 30 Jahren Erdmöbel (FAZ) und das neue Album von WetLeg (SZ, Zeit Online).
Einerseits ja durchaus löblich, findet Albrecht Selge in VAN, dass ChristianThielemann und die BerlinerStaatskapelle sich um selten gespielte Werke bekannter Komponisten kümmern und im Zuge zum Beispiel den kompletten Reigen von Liszts symphonischen Dichtungen in chronologischer Reihenfolge spielen wollen. Der Auftakt mit den ersten beiden geriet dann aber doch zur Belastungsprobe, sodass der Kritiker sich irgendwann fragte, "ob das jene Repertoire-Dehnungen sind, die die Klassikwelt braucht. Dirigentisch wie solistisch ist das gewiss erste Lisztsahne. ... Und doch kann das alles nicht den hölzernen Eindruck dieser von einem Victor-Hugo-Gedicht inspirierten Berg-Symphonie ausräumen, ja die regelrechte Anmutung kompositorischer Unbeholfenheit. Tonmalen nach Zahlen: Nach jedem erzählerischen Längsstrich im Verlauf (und es gibt viele) wird ein Stift beiseitegelegt und der nächste gegriffen, um das kommende Feld auszumalen. Bei der x-ten dramatischen Diminution entwickelt sich durchaus unfreiwilligeKomik. So ist diese Berg-Symphonie eines jener Stücke, bei dem man irgendwann weniger die Ohren spitzt, als dass man die Augen zukneift: um auf dem Dirigentenpult zu erkennen, wie viele Seiten der Partitur schon umgeblättert worden sind und wie viele noch umgeblättert werden müssen."
Weitere Artikel: XavierNaidoo, der jahrelang mit dem Verbreiten krudester Verschwörungstheorien für erhebliche Irritationen gesorgt hat, hat eine Chance auf ein Comeback auf der Bühne verdient, findet Dennis Sand in der Welt, denn "Deradikalisierung kann nur dann funktionieren, wenn ihr der Gedanke einer Resozialisierung zugrunde liegt". Auf BackstageClassicalsammelt Axel Brüggemann kritische Stimmen zum geplanten, mit EU-Mittel finanzierten Comeback von Valery Gergiev beim italienischen Festival Un'Estate de RE. In einem VAN-Essay ruft der Musikethnologe Nepomuk Riva die Musikpädagogik dazu auf, sich entschiedener gegen Rassismus in Kinderliedern zu stellen. Edo Reents kann sich in der FAZ im Gegensatz zu seinen Kollegen aus den anderen Feuilletons mit der Musik der in den letzten Wochen sehr erfolgreichen, aber reinen KI-Band The Velvet Sundown soweit schon ganz gut arrangieren. Karl Fluch durchleuchtet für den Standard die Herausforderungen und Probleme der großen Pop- und Rock-Festivals beim Zusammenstellen von Headlinern. Rahel Zingg porträtiert in der NZZBobGeldof.
Besprochen werden HerbieHancocks Auftritt beim Klavier-Festival Ruhr in Essen (FAZ), MarcusS. Kleiners Buch "Keine Macht für Niemand. Pop und Politik in Deutschland" (FAZ) und die neue vom Londoner Archivlabel Soul Jazz zusammengestellte Compilation "Queen Dem", die diesmal mit 16 Künstlerinnen auf Gegenwartspop setzt (tazlerin Emilia Papadakis hört sich angeregt durch diesen labyrinthischen "Musikkosmos").
Wer in der Musikszene punkten will, muss nur lautstark pro-palästinensisch bis antiisraelisch trommeln und dabei vielleicht sogar - ob bewusst oder schlicht unbedarft - die Grenze zum Antisemitismus überschreiten. So zumindest die Eindrücke, die Lucien Scherrer in der NZZschildert. Beispiele liefert er in großen Mengen, vor allem aber der us-irische Rapper Macklemore steht in seinem Fokus. "Er betätigt sich als Wanderprediger, der es trotz angeblich drohendem Karriereende wagt, 'die Wahrheit' auszusprechen. ... Sein Song 'Hind's Hall' lieferte vor einem Jahr den Soundtrack für die antiisraelischen Aufmärsche und Randale an der Columbia University. Joe Biden, so heißt es darin, habe 'Blut an den Händen'. Natürlich will auch Macklemore nur Antizionist sein. Als er 2014 in Seattle als Kostümjude auftrat, mit schwarzer Perücke, Bart und riesiger Hakennase, will er nicht gewusst haben, welcheStereotype er bediente. Die Episode wäre kaum von Belang, wenn Macklemores Reden und seine millionenfach aufgerufenen Musikvideos nicht auch von Wahnvorstellungen und altbekannten Klischees durchzogen wären. Etwa, dass jüdischesGeld Medien und 'Eliten' manipuliere."
Passend dazu schimpftAntilopen-Gang-Rapper KoljaPodkowik in seiner Jungle-World-Kolumne: "Die internationale Musikszene ist ein antisemitisches shithole. ... Antisemitismus ist eine hippe Jugendbewegung. "
Weiteres: Ueli Bernays (NZZ) und Leon Frei (SZ) denken über The Velvet Sundown nach, eine komplett per KI erstellte Alternativerock-Band, die innerhalb eines Monats mit zwei Alben (das dritte erscheint am Freitag) über eine Million mal gehört wurde (mehr dazu bereits hier). Clemens Haustein liest für die FAZMarketing-Ratgeberfür Orchester.
Da werden Milli Vanilli glatt zu einer Feier der gelebten Authentizität: Die Alternativrock-Band The Velvet Sundown hat in den letzten zwei Monaten mit zwei Alben (das dritte steht bereits unmittelbar bevor) buchstäblich aus dem Nichts die Streamingplattformen weltweit erobert - und ist von vorne bis hinten doch nichts anderes als ein reinesKI-Produkt (wobei der Streaming-Erfolg nach Recherchen von Watson wohl durch gezielten Bot-Einsatz erzwungen worden sein könnte). Zu hören gibt es "Nebenbeihörer nicht allzu sehr störende Nullachtfünfzehn-Lieder", schreibt Christian Schachinger im Standard. Aber wenigstens muss das Management keine Musiker und deren Grillen betütteln, kommentiert er gallig. Zudem helfen KI-Musiker den Streamern "beim Einsparen anteiliger Tantiemenauszahlungen des gesamten Einnahmekuchens. Zwar werden schon jetzt reale Künstler und Künstlerinnen mit einem Hungerlohn abgespeist. Aber wo von den Betreibern dieser Plattformen noch mehr Geld zu holen ist, dort wird es auch geholt werden. Die Gier wird die Welt im Gleichschritt mit KI killen."
"Die Musik schafft es, eigentlich keine zu sein", schreibt Michael Pilz in der Welt über The Velvet Sundown, "es sind Songs ohne Eigenschaften". Was Pilz zu grundsätzlichen Fragen anregt: "Ist das falsch? Können 1,1 Millionen irren? ... Wo sind bei Spotify die Hinweise auf Komponisten und Autoren, Produzenten und Verleger? Wer betreibt ihre Accounts bei Instagram, Facebook und X? Ist es 1,1 Millionen gleichgültig, dass es die Band nicht gibt oder auch vielleicht doch? Und wenn es sie nicht gäbe, was kann man dagegen haben? Wenn es doch nur Streams sind, also klingende Datenströme, die mit irgendwelchen Clouds verwehen? ... Wer sich hinter The Velvet Sundown auch verbergen mag: Die Band ist groß genug, um alle offenenFragen zu verhandeln."
Weiteres: Sara Peschke plauscht für die SZ mit Smashing-Pumpkins-Sänger WilliamCorgan. Jan Wiele plaudert in der FAZ mit WillSmith, der demnächst mit einem neuen Hiphop-Album auf Deutschlandtournee kommt. Besprochen werden ein Bildband zum Leben des Komponisten GabrielFauré (online nachgereicht von der FAZ), NeilYoungs "Talking to the Trees" (JungleWorld), HerbieHancocks Auftritt in München ("ein großer Abend", schwärmt Andrian Kreye in der SZ) und das neue Album der Sparks (FR).
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