Auch ein verregneter Sommer kann einen Sommerhit hervorbringen, schreibt Joachim Hentschel in der SZ. 1980 gelang das etwa der Goombay Dance Band mit "Sun of Jamaica" (gottlob längst vergessen), aber auch Lipps Inc mit "Funkytown" (bis heute ein Abräumer). Die Voraussetzungen dafür sind natürlich trotzdem eingeschränkt, denn Sommerhits machen "ja besonders ihre völlig ungefragte Präsenz aus. Diese bestimmte, nicht verhinderbare Art von Play-ohne-Demand, wie man sie fast nur im Sommer erlebt, wenn öffentliche Orte, Flussufer oder Plastikstuhl-Sitzgruppen zu ständigen Schauplätzen werden." Und in diesem Jahr? Vielleicht schafft es ja auf den letzten Metern doch noch dieser Youtube-Zufallsfund der früheren Viva-Moderatorin Luca Vasta, der "auf magische Art alles einlöst, für einen Moment. 'Disco Mare', Ende Juli hochgeladen, hört sich an wie der letzte Blick in die tiefstehende Feriensonne. Ein wunderbarer kleiner Ohrwurm mit klarer, nicht zu aufdringlicher Spätachtziger-Farbe, zum Tanzen, aber auch ein Stich ins Herz."
Für Nick-Drake-Philologen ist die umfangreiche Box "The Making Of 'Five Leaves Left'" schlicht eine "Sensation", versichert Jürgen Goldstein in der FAZ. Zu hören sind zahlreiche Probeaufnahmen und abweichende Einspielungen aus den Sessions zu Drakes Debütalbum von 1969. "Für Puristen, die das Debüt für überproduziert halten, werden diese Einspielungen die gültigen Fassungen darstellen. Der Klang ist superb, die Songs sind bemerkenswert. ... Drake eilt der Ruf voraus, ein einsamer Schweiger gewesen zu sein, ein schüchterner Melancholiker. Nun aber hört man einen entspannten Drake kommentieren, mal humorvoll, immer zupackend. Als Musiker wusste er, was er wollte. Die ersten Einspielungen lassen auch das Potential erkennen, das Boyd entfalten sollte. Was bei den Proben nach Rohdiamanten klingt, hat auf dem Album seinen letzten Schliff erhalten. ... Das Herantasten an die finalen Fassungen wird nacherlebbar."
Weitere Artikel: Max Nyffeler spricht für die FAZ mit Michael Haefliger, der nach 26 Jahren seinen letzten Jahrgang als Leiter des LucerneFestivals bestreitet. Adrian Schräder stellt in der NZZ den Schweizer Rapper OGFlorin und dessen Produzenten Melodiesinfonie vor.
Besprochen werden Konzerte von RomanBorisov und dem TenebraeChoir beim Rheingau Musik Festival (hier und dort in der FR), FrançoisLazarevitchs Album "Voix humaines" mit Kompositionen von MarinMarais (FAZ) und das Album "Puff of Smoke" von den WoodBrothers ("Selten hat man einen Kontrabass auf einer Studioaufnahme derart scheppern und schnarren, dabei aber schlafwandlerisch sicher grooven gehört wie jenen von ChrisWood", freut sich Jan Wiele in der FAZ).
Schostakowitsch-Festspiele in den Feuilletons zum heutigen 50. Todestag des russischen Komponisten. Insbesondere sein Verhältnis zur sowjetischenFührung steht anhaltend im Mittelpunkt des Interesses: Mit Stalin habe er viele Jahre "ein lebensgefährliches Katz-und-Maus-Spiel" getrieben, erinnert Jakob Knaus in der NZZ - und immer wieder werden in seiner Musik gut versteckte "subversive Botschaften" aufgedeckt. Angesichts des politischen Klimas in Russland heute aber stellt sich die Frage, ob "die Diskussion um den geheimen Hintersinn vieler Werke Schostakowitschs schon wieder systemfeindlich" ist. "Die Kulturbürokratie ist sich offenbar noch uneins, wie man mit dem nicht mehr zu leugnenden subversiven Gehalt von Schostakowitschs Musik umgehen soll." Kerstin Holm (FAZ) ist da schon besser informiert: In einem neuen Buch hat der äußerst linientreue Historiker LeonidMaximenkow unlängst den Versuch unternommen, den Komponisten wieder eindeutig auf sowjetischen Hurra-Patriotismus festzulegen. Der Autor "exerziert die feindliche Übernahme der Hochkultur durch den Staat vor, der auf deren Prestigewert Anspruch erhebt, während er auf deren menschlich-künstlerische Substanz pfeift."
Jan Brachmann (FAZ) stellt sich viele Fragen: "Gelingt es Schostakowitsch nie mehr, aus dem SchattenStalins herauszutreten? Oder zynischer: Ist Stalin ein Werbe- und Gruselmaskottchen für eine Kunst, der man sonst nichts zutraut? Und Schostakowitsch ein zielgruppenoptimierterDissident für ein westliches Publikum, das Helden liebt, aber selbst nichts riskieren will? Wer sich heute ehrlich mit Schostakowitsch auseinandersetzt, muss sich fragen: War der Komponist wirklich der 'Dissident', als den ihn die westliche Rezeption seit vier Jahrzehnten zu zeichnen versucht?" Nun, "politisch hat Schostakowitsch laviert wie zweihundert Millionen andere Sowjetbürger auch, hat manchem aus der Patsche geholfen und viele peinliche Unterschriften geleistet. ... Er war - spätestens nach 1936 - kein Stalinist mehr, aber nie ein offener Dissident. Was er als Künstler eigentlich war, muss erst noch entdeckt werden."
Der russische Exil-SchriftstellerMichailSchischkin (NZZ) sieht Schostakowitsch im Lichte seiner letzten Sinfonie - es gibt bei ihm "keine nichtautobiografische Musik" - als innerlich schwer zerrissenen, an seinen Widersprüchen leidenden Künstler: "Er wusste genau, was um ihn herum vorging, und schrieb doch Musik, die der verlogenen Propaganda diente. Er hasste die Partei und war in sie eingetreten. Er verachtete die Lakaien der Sowjetmacht und hielt untertänige Reden. Als man ihn anwies, einen Stein auf einen Gerechten zu werfen, tat er es: Er unterschrieb zornige Erklärungen der 'sowjetischen Intelligenz' gegen das Akademiemitglied Andrei Sacharow. Er wusste, er wurde als menschliches Antlitz eines Sklavenimperiums benutzt. Aber er wusste auch: Seine Musik hilft den Sklaven, zu überleben. Nicht allen, aber doch einigen."
Hier eine Aufnahme der Fünfzehnten durch das hr-Sinfonieorchester unter AndrésOrozco-Estrada:
Für Manuel Brug (Welt) ist Schostakowitsch gerade wegen dieser Ambivalenzen "der Klangchronist des 20. Jahrhunderts." Marco Frei spricht in der NZZ mit seit den Neunzigern in Deutschland lebenden Komponisten SergeiNewski darüber, was Schostakowitsch heutigen Komponisten noch zu sagen hat. Und das ND bringt einen epischen, dreigeteilten Longread von Berthold Seliger: Hier der erste Teil, die beiden weiteren sind unter dem Text verlinkt.
Themenwechsel: Mit "sehr hoher Wahrscheinlichkeit" liegt die US-Forscherin CarlaShapreau richtig, die zu dem Schluss gekommen ist, dass sich die seit Ende des Zweiten Weltkriegs verschollene Stradivari der Familie Mendelssohn seit 2005 im Besitz des japanischen Geigers EijinNimura befindet, schreibt Helmut Mauró in der SZ. "Das ist nicht nur überraschend. Wenn sich all das bewahrheitet, ist es schlichtweg eine Sensation. Das Verblüffende an Shapreaus Fund: Jeder konnte dieses Instrument sehen, es war nicht verschwunden. Es hieß offenbar nur anders." Auf ihrer Website gibt Shapreau einen detaillierten Einblick in ihre Aufdeckung.
Weiteres: Ronald Pohl arbeitet sich im Standard an den politischen Fehlgriffen von RogerWaters ab, der gerade ein neues Livealbum veröffentlicht hat. Ruth Lang Fuentes versucht in der taz herauszufinden, warum Italopop in all seinen Schattierungen und Qualitätsniveaus in Deutschland von einem Revival ins nächste stolpert. Besprochen werden HerbertBlomstedts Gesprächsband "Mission Musik" (Standard), ein Konzert von Leftfield in Zürich (NZZ), KaeTempests Album "Self Titled" (FR) und ein Konzert der Jazzmusikerin NoraKamm in Frankfurt (FR).
Jazzlegende EddiePalmieri ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Er war "eine Naturgewalt", schreibt Andrian Kreye in der SZ, "Kraftakte waren sein Markenzeichen" - wenn er am Flügel "mit festen Tastenhieben diese verzinkten Blockakkorde der Nuyorican Salsa aus dem Klangkörper schaufelte, konnte es einem schon mal in Beine und Unterleib schießen. ... 'Madman of Salsa' war der Spitzname, den sich Eddie Palmieri damals mit seinem frenetischen Spiel einhandelte. Da konnte es schon mal passieren, dass er die Tasten mit den Unterarmen traktierte und so die Cluster des Free Jazz mit der Präzision des Salsero in den Saal splittern ließ."
Von seinen Derwisch-Qualitäten an den Tasten kann man sich in dieser Live-Aufnahme überzeugen:
Auch Wolfgang Sandner erinnert sich in der FAZ an Klang gewordene Drastik: "Kopfgeburten waren diese Klänge nie, eher somatische Stimulanzien. ... Für Eddie Palmieri war das Klavier immer auch ein Schlagzeug. ... Selbst wenn er einmal auf vollgriffige Blockakkorde in beiden Händen verzichtete und Töne aneinanderreihte, kamen keine Perlenketten dabei heraus, eher Geräusche wie von Chain-Gangs auf der Flucht." Vor acht Jahren hatte er einen Auftritt in der schönen Tiny-Desk-Konzertreihe des NPR:
Angesichts der KI-Musik-Schwemme ist tazlerin Johanna Schmidt einigermaßen fassungslos, "wie unkritisch manch ein Musikjournalist mit der zusammengenerierten Musik umgeht, teilweise selbst immer wieder damit experimentiert und ganz begeistert ist. Wenn das der Weg der Wahl ist, dann wird man den Musikjournalismus bald auch in Anführungszeichen setzen können, denn wer könnte KI-Musik besser besprechen als eine KI? ... Zu Beginn des Jahres veröffentlichte Deezer, der einzige Streamingdienst, der KI-Songs explizit auch als diese ausweist, Zahlen dazu. 18 Prozent aller neu hochgeladenen Songs sind generiert. Das sind pro Tag mehr als 20.000. 20.000 Songs, die ohne Produktionskosten in die Welt geworfen werden und dem Schaffen von Künstlerinnen und Künstlern gegenüberstehen, die selbst von ihrer Musik leben wollen, die Studios und Proberäume, Mixing und Mastering und vieles mehr bezahlen müssen."
Weitere Artikel: Christian Schachinger erklärt im Standard, wer die irische BDS-Band Kneecap ist, die auch schon mal eine Hamas-Flagge geschwenkt hat und auch ansonsten gerne daneben greift. Stefan Schickhaus spricht für die FR mit Lucas und Arthur Jussen. Matthieu Praun berichtet in der taz vom sorbischen FestvialMeta Solis in der Lausitz. "Subtil und präzise" nimmt der Deutschrapper Apache 207 in seinem neuen Video "Mann muss" toxische Männlichkeit aufs Korn, freut sich Majd El-Safadi in der FAZ.
Besprochen werden Steven Leckarts Eminem-Kinoporträt "Stans" (Welt), ein Konzert der SmashingPumpkins in Berlin (Tsp) und die nach Auffinden der Mastertapes endlich offizielle Erstveröffentlichung der experimentellen Filmmusik von Tobe Hoopers Horrorfilmklassiker "The Texas Chain Saw Massacre" (tazler Benjamin Moldenhauer hat an diesem "Frontalangriff auf den Hörapparat" sehr viel Freude).
Auch Handy-Terror und anhaltende Hustenanfälle im Publikum konnten für Jürgen Kesting den Brahms- und Schostakowitsch-Abend mit IgorLevit bei den SalzburgerFestspielen nicht eintrüben. Der Pianist spielte ein Programm von Jewgeni Kissin, der krankheitsbedingt ausfallen musste. Insbesondere die Interpretation der zweiten, während des Zweiten Weltkriegs entstandenen und die Finsternis dieser Zeit reflektierenden Klaviersonate von Schostakowitsch beeindruckte den FAZ-Kritiker: "Nach dem kontrapunktisch dichten Finalsatz war bei vielen Hörern das Gefühl staunender Irritation spürbar": "Es ist eine Komposition tastender und immer wieder neuer Anläufe. Zu Beginn des Larghetto führt eine scheinbar improvisierte Passage laufender Sechzehntel in ein melodisches Selbstzitat: die Umkehrung des Eröffnungsmotivs der ersten Symphonie. Ein in den ruhelosen Toccata-Satz eingeschobener, schnell-virtuoser Marsch hat einen sarkastischen Charakter - vielleicht den einer parodistischen Schlachtenmusik. Beklemmend der zweite Satz mit bruchstückhaften, quasialeatorisch auftauchenden melodischen Fragmenten. Dann ein dramatisch geballtes Variationsfinale: ganz und gar durchdrungen von der tiefen Trauer der russischen Musik und von einem Unterton der Gewalt - ein Weg ins Herz der Finsternis."
Weitere Artikel: Ueli Bernays berichtet in der NZZ von Streit in der Hiphop-Szene um Drake - zum Beispiel habe Kendrick Lamar dem in einem jüdischen Umfeld aufgewachsenen Kanadier in exemplarischem "schwarzen Chauvinismus" vorgeworfen, eine zu helle Hautfarbe zu haben. Jakob Biazza schreibt in der SZ zum Tod des Sängers TerryReid.
Besprochen werden ein Konzert des European Union Youth Orchestra in Berlin (Tsp), das Album "This Every Place" des FabianDudekQuartets (FR), ein Abend mit Rey&Kjavik in Frankfurt (FR), GwennoSaunders' Album "Utopia" (NZZ) und StevenLeckartsEminem-Kinoporträt "Stans" (FAZ, SZ).
Jan Brachmann spricht in der FAZ mit AndreasBomba, der aktuell seinen letzten Jahrgang als Leiter der Bachwochein Ansbach bestreitet, bei der, so Brachmann, "bis heute vieleDurchlauchten, Erlauchten, Exzellenzen, amtierende und ehemalige Konzernvorstände und Aufsichtsräte zusammenkommen". Oder wie Bomba es ausdrückt: "Wir haben hier ein westdeutsches Publikum." Michael Ernst spricht in der FAZ mit dem Pianisten GeraldFauth, der eben als Leiter der Hochschule für Musik und Theaterin Leipzig im Amt bestätigt wurde. Außerdem meldet Jan Brachmann in der FAZ, dass das Brahms-Portal der Musikhochschule Lübeck mit zahlreichen kommentierten Digitalisaten und Archivalia online gegangen ist.
Besprochen werden aus Salzburg ein Schostakowitsch- und Brahms-Abend mit IgorLevit (Presse), ein Abend mit GeorgNigl (Standard) und ein Liederabend mit SabineDevieilhe und MathieuPordoy (FAZ) sowie Leikeli47s Album "For Promotional Use Only" (FR).
Progressive Rock im Frankreich der Siebziger: Heldon (Bild: Bureau B / Heldon) RichardPinhas hat in den frühen Siebzigern bei Lyotard promoviert, ein Kumpel von Deleuze war er auch. Und mit seiner Band Heldon zeigte er den zeitgenössischen Krautrockern jenseits des Rheins mit seiner "total singulären" Musik, wie man in Frankreich die verschwurbelte Teutonen-Transzendenz auf den Boden der Tatsachen holt, freut sich Diedrich Diederichsen in der taz, nachdem das Label bureau b einen weiteren Schwung alter Heldon-Platten wiederveröffentlicht hat und damit an eine Wiederveröffentlichung vor ein paar Jahren (unser Resümee) anschließt. "Die flächigen oder extrem repetitiven Klangdome und Katarakte suggerieren hier eben nichts Geistiges, sich aus dem Körper herausverflüchtigende Transzendentalien, sondern sind eben gerade körperlich und materiell. Hier steppt der Cyborg. Ihre Dehnungen, Schwellungen und Zuckungen sind das Ergebnis des ständigen Mit- und Gegeneinanders von Programmierung und Empfindung - und schließlich deren Ineinanderübergehen. Pinhas' Projekt, an dem er nun schon so lange festhält, beschäftigt sich entlang all der rhizosphärischen, chronolytischen - und was da an Deleuze orientierten Neologismen in seinem Werk sonst noch flimmert - Affekte mit dem Projekt einer Körpermusik, wie das im Rest der Welt erst in den 1990ern denkbar wurde."
Sara Peschke hält in der SZ überhaupt nichts davon, wie die in den Neunzigern auf junge Frauen geradezu befreiende Wucht der Spice Girls heute insbesondere aus feministischer Perspektive zunehmend skeptisch als bloß eskapistischer Tand gesehen wird: "Popmusik soll ja auch unterhalten, erfreuen und zerstreuen", zudem helfe es, sich noch "einmal bewusst zu machen, wo die Neunziger feministisch sonst so standen - und weshalb 'Wannabe' aus späterer Sicht vielleicht nicht besonders progressiv ist, aber damals trotzdem einiges für junge Menschen getan hat. ... Bei allem Schimpfen über Stereotypisierung, Sexualisierung und Kommerzialisierung der Spice Girls: Sie fanden die richtige Ansprache, um eine neue Generation mit feministischem Rüstzeug auszustatten; mit einfachen Botschaften ermutigten sie junge Frauen dazu, sich nicht zu verstecken, sondern hör- undsichtbar zu sein. Etwas, das akademische Diskurse eher selten in dieser massentauglichen Unmittelbarkeit schaffen."
Außerdem: Corina Kolbe berichtet vom Menuhin-Festival in Gstaad, das sich in diesem Jahr dem Thema "Migration" widmet. Philipp Schröder resümiert in der FAZ das Bardentreffenin Nürnberg, dessen Titel kaschiert, dass es sich um ein Weltmusikfestival handelt und dass das Programm in diesem Jahr sehr weiblich ist: "Der Liedermacher ist, zumindest in diesem Jahr, nicht mehr nur der Mann mit Bart, UkuleleundMundharmonika, sondern vor allem eine Liedermacherin."
Besprochen werden MarkStewarts postum veröffentlichtes Album "The Fateful Symmetry" ("In teilweise atemberaubend schönen Songs zelebriert Stewart die Absurdität der Schicksalhaftigkeit des Lebens", schreibt Max Dax in der FR), ein Auftritt von DeeDeeBridgewater in Wiesbaden (FR) und neue Rockmusik, darunter ein neues Album von PharaohOverlord ("klingt so, als ob deutsche Magic-Mushroom-Experten mit Synthies und Noisegitarre bewaffnet mit einem schweren Kater im Studio stehen und nach einer Tagesstruktur suchen würden", schreibt Christian Schachinger im Standard).
Sven Beckstette hört für die taz neue Jazzveröffentlichungen, darunter auch BrandeeYoungers "Gadabaout Season". Die Harfinistin verortet sich in der Tradition von AliceColtrane, deren restaurierte Harfe die New Yorkerin bei sich verwahrte. Auf dem gemeinsam mit den Shabaka Hutchings, Joel Ross, Makaya McCraven und Niia Bertino eingespielten Album ist das historische Instrument tatsächlich auch teilweise zu hören. "Younger ... versteht ihr Album jedoch nicht als Anlehnung an ihre Heldin Alice Coltrane, sondern als persönliche Weiterentwicklung." Dafür "mischt sie die Klänge der Harfe mit elektronischenSoundelementen. Der Titel 'Gadabout Season' - Zeit des Herumtreibens - bezieht sich auf das Suchen und Finden von Sinn und Schönheit." Neben sehr von Coltrane inspirierten Stücken sind auch deutlich eigenständige Kompositionen zu hören, "wie 'Breaking Point': Über einem treibenden Groove aus Bass und Schlagzeug spielt Younger hier die ganze Resonanzfülle ihres Instruments von scharf gezupften Saiten bis zu an- und abschwellenden Arpeggiokaskaden voll aus."
Außerdem besprochen werden UweSchüttes Buch "Sternenmenschen" über DavidBowies Besuch in der Nervenklinik "Künstlerhaus" im östereichischen Gugging im Jahr 1994 (online nachgereicht von der FAZ), WolfgangZechners Buch "Völlig schwerelos", das in 99 Songs durch die deutschsprachigePopmusik führt (Standard), ein Konzert von KateNash in Frankfurt (FR), ein Konzert des Joven Orquesta Nacional de España mit dem Solisten ThibautGarcia in Wiesbaden (FR) und EdSheerans Auftritt in Zürich (NZZ, TA).
In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Jan Wiele über ShelSilversteins, von BobbyBare gesungenes Stück "Lullabys, Legends and Lies":
Klaus Walter verzweifelt in der FR angesichts des Zustands der Poplinken, deren Vertreter sich scharenweise dem BDS und vergleichbaren Bewegungen anschließen - nicht alle von ihnen sind antisemitisch eingestellt, aber bei einigen verwischen die Grenzen ins ungut Diffuse. "Ins Groteske kippt der Anti-Israel-Furor bei Künstlern, die sich außerhalb der Heteronorm verorten und gegen queerfeindliche Politiken agi(ti)eren, angesichts der Tatsache, dass Israel das einzige Land weit und breit ist, in dem Nichtheteros halbwegs gefahrlos leben können. ... Und es geht noch absurder: 'Stonewall war eine Intifada', verkünden Lesben und Queers 'for Palestine', klar, das Massaker der Hamas beim unter LGBTQ+ People beliebten Supernova Festival war demnach ein legitimer Akt des Widerstands?" Dem Furor der antideutschen Linken oder eines KoljaPodkowik von der Antilopen Gang, für den der Popbetrieb ein einziges "antisemitisches Shithole" sei, will Walter sich aber auch nicht anschließen.
Weitere Artikel: Gunnar Meinhardt plaudert für die WamS mit Hendrick Simons, der in seiner Kindheit Heintje war und demnächst siebzig wird. Sehr bewundernswert findet es Jens Jessen in der Zeit am Wochenende, dass NickCave, der anfangs noch sehr gegen KI gewettert hatte, nun einen ki-reanimiertenElvis durch sein Video tanzen lässt und diese Entscheidung in seinem Online-Journal auch tapfer vor seinen Fans verteidigt: "Die wirklich erschütternde Pointe besteht vielmehr in dem dumpfen Fankult eines Publikums, das auf der Unwandelbarkeit seiner Idole besteht."
Besprochen werden das neue Album von WetLeg ("ein zeitgemäßes Album, dem jede Form von Nostalgie fremd ist", freut sich Philipp Kressmann in der Jungle World), ein Auftritt von MountZion in Linz (Presse), ein Konzert von KateNash in Frankfurt (FAZ) und BarbraStreisands neues Album "The Secret of Life: Partners Volume 2" mit Duetten mit Kollegen ("Hier klingen Gegenwart und Überzeitlichkeit als weltlich entspannte, wettbewerbsfreie Klangtrinität harmonisch zusammen", hält Manuel Brug in der WamS fest). Hier schmust sie sich gemeinsam mit BobDylan durch ein Liebeslied:
Bestellen Sie bei eichendorff21!Äußerst anregend findettazlerin Yelizaveta Landenberger die Lektüre des von Rui Pedro Dâmaso, Alexander Pehlemann und Lucia Udvardyová herausgegebenen Buches "Unearthing the Music. Footnotes to Sonic Resistance in Non-DemocraticEurope (1950-2000)". Zeitzeugen berichten darin davon, wie sie sich Pop- und Subkultur trotz und gegen der Regime, die ihnen auferzwungen wurden, erschlossen und gestaltet haben. Die tschechische Kulturwissenschaftlerin und Musikerin PavlaJonssonová etwa erzählt unter anderem von ihrer um 1980 gegründeten Punkband Zuby nehty. "Ihr Fazit lautet: In den 1980ern haben junge Frauen nicht mehr nur Fans oder Groupies sein wollen. Nein, sie hatten etwas zu sagen. Zugleich wäre es falsch, schreibt Jonssonová, von den Ostpunk-Protagonist:innen feministische Statements zu erwarten, wo es noch gar keinen solchen Diskurs gab. Trotzdem hätten sie 'ihren Teil zur Geschichte beigetragen und den Kanon' mit neuen Themen, vitaler Energie und Humor bereichert."
Außerdem: Sehr gut findet es Cornelius Pollmer in der Zeit, dass sich die schwarzrote Koalition wenigstens auf RolandKaiser einigen kann, "weil Roland Kaiser jenes Deutschland verkörpert, von dem es jetzt mehr braucht". Besprochen werden PaulWellers Album "Find El Dorado" (Presse), BurkardKunkels Album "Monxarella" mit Interpretationen von Stücken von TheloniousMonk (FR)und FrankieCosmos' neues Album "Different Talking" ("ein Album übers Älterwerden aus der Perspektive eines sympathischen Millennials aus New York", freut sich Johann Voigt in der taz).
"An den WienerPhilharmonikern ist der Zug der Zeit vorbeigefahren", seufzt Jan Brachmann in der FAZ. Großes hat er von ihnen lange nicht mehr gehört, in fast allen früheren Spezialgebieten haben mittlerweile andere Orchester die Nase vorn, so sein Befund. "Die aktuelle Situation bei den Salzburger Festspielen ist nun pikant, weil der Dirigent Esa-PekkaSalonen diesen Sommer die szenische Einrichtung von ArnoldSchönbergs 'Erwartung' in Verbindung mit dem 'Abschied' aus GustavMahlers 'Lied von der Erde' dirigierte, dazu auch das Konzert mit IgorStrawinskys 'Oedipus Rex', kombiniert mit der 'Symphonie fantastique' von HectorBerlioz. Salonen war nämlich schon die Zentralgestalt der diesjährigen Osterfestspiele - dort freilich mit dem FinnischenRundfunk-Sinfonieorchester. Der direkte Vergleich zeigt: Am Dirigenten liegt es nicht, wenn jetzt, im Sommer, fast alles pauschal, konturlos und konfektioniert klingt - die Leistungen einzelner Holzbläser ausgenommen. ... Dass man in Saarbrücken und Wuppertal orchestral einen besseren Schönberg hört als in Salzburg, ist schon bemerkenswert."
Ozzy Osbourne mag tot sein, aber Metal kann ja gar nicht sterben, schreibt Jens Balzer in der Zeit, "weil es sich beim Metal eben zunächst und zuletzt um spirituelle Musik handelt, um Musik zur Erhebung des Geistes. Und das Bedürfnis nach dieser Art von Musik ist unstillbar, zumal in spirituell so obdachlosen Zeiten wie den heutigen. Metal erhebt den Geist, weil er den Körper verlässlich zu Boden drückt durch kompetenten Einsatz von Lautstärke und Bass. ... Metal ist meditative Musik, gerade die vonSunnO))) eignet sich hervorragend zur inneren Einkehr und zum Yoga. Doom-Metal-Yoga gehörte in den vergangenen Jahren zu den interessantesten Trends in der Yogaszene. ... Es ist Musik, die fremde Menschen - gerade auch Männer, die sich sonst dagegen wehren - zu zärtlichen Gemeinschaften verbindet; und es ist eine Musik, die dazu geeignet ist, alte Kulturen und archaisches Wissen in die Gegenwart zu retten." Aktuell lässt Balzer die Mähne im übrigen am liebsten zum aktuellen Album "Ül" der chilenischen Band Mawiza rotieren.
Außerdem: Frederik Hanssen freut sich im Tagesspiegel, dass in Berlin auch im Sommer kaum ein spielfreier Tag zu vermelden ist. Besprochen wird das Berliner Konzert der aktuellen Iron-Maiden-Tour (Tsp).
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