Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.06.2025 - Musik

Lars Fleischmann (taz) lauscht dem "Westafrika der Zukunft" auf dem zweiten Album, das der Berliner Technoproduzent Mark Ernestus und die senegalesische Ndagga Rhythm Force nun aufgenommen haben: "Der vor Kurzem erschienene Zweitling 'Khadim' fasziniert nicht mehr durch das - lapidar ausgedrückt - exotische Moment glaubwürdiger, ungelenkter Volksmusik; 'Khadim' ist vielmehr innovativ und zugleich weit ab von anbiederndem folkloristischem Afrikanischsein. Dafür machen Ernestus und seine nunmehr drei Mitstreiter einen tiefen Tauchgang in die Reduktion. Es trommelt, klar, kommt aber mit deutlich weniger Tam-Tam-Rabba-Drab aus. Dafür übernimmt nun ein Prophet-5-Synthesizer aus dem Technofuhrpark die Leitung; es tanzt jetzt nicht mehr vor der Bühne, sondern in den Stücken selbst. Wobei: Zu diesen minimalistischen Séancen tanzen ohnehin nur hartgesottene Seelen oder bereits erlöste Gestalten, die mit geschlossenen Augen wummernde Bassfrequenzen empfangen." Hartgesottene Seelen wie wir hören gern rein:



Weitere Artikel: Frankreichs Präsident Macron hat sich für die Aufnahme der französischen Housemusik in das immaterielle Kulturerbe der UNESCO ausgesprochen, meldet Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Für die SZ hat sich Joachim Hentschel mit Neue-Deutsche-Welle-Urgestein Annette Humpe zum Waldspaziergang getroffen, um mit ihr über die Neuausgabe ihres Ideal-Debütalbums und das Älterwerden gesprochen. In der FAZ berichtet Selma Schiller von Aufruhr in der niedersächsischen Musikszene: Die niedersächsische Musikförderung hat bekannt gegeben, die bisher ausschließlich Ensembles der Neuen Musik offenstehende Konzeptionsförderung für Ensembles aller anderen Sparten und Genres zu öffnen - ohne das Programm mit höheren Mitteln auszustatten.

Besprochen werden außerdem ein Cypress-Hill-Konzert in Frankfurt (FR) und ein Robbie-Williams-Konzert in Gelsenkirchen (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.06.2025 - Musik

Die Bamberger Symphoniker touren in Ostasien - die FAZ schickt Robin Passon vorbei, der uns aufschlüsselt, wieso das Programm in Städten wie Seoul oder Kaohsiung mit Brahms Erster Symphonie oder Rachmaninoffs Zweitem Klavierkonzert derzeit noch wenig experimentierfreudig ausfällt: "Über Jahrzehnte der kontinuierlichen Zusammenarbeit, die weit mehr ist, als im Ausland 'schön zu spielen', tut sich etwas beim asiatischen Publikum. Sehr zur Freude der Symphoniker wollen die Veranstalter bei der nächsten Tour sogar das finanzielle Wagnis eingehen, Werke von Bruckner oder Mahler ins Programm aufzunehmen; für asiatische Hörgewohnheiten immer noch ein Novum. 'Je weiter wir aus Europa weggehen, desto konventioneller müssen wir die Programme gestalten, wenn wir die Hallen füllen wollen', so Axt (der Intendant, d.Red.). Gerade setzt man bei allen Konzerten noch auf den tradierten Dreisprung aus Ouvertüre - Solokonzert - Symphonie und versucht zaghaft, den asiatischen Horizont vermittels der Ouvertüren zu weiten."

Die Pop-Welt ist in Bewegung, befindet Dietmar Dath in der FAZ angesichts des neuen Films, den Miley Cyrus als Begleitung für ihr neues Album "Something Beautiful" hat drehen lassen: Er "reproduziert jetzt die historische Hallström-Abba-Mischung von Vergnügtheit, Pathos, Disco, Sehnsucht, Sex und inneren Alltagskummerüberwindungskämpfen nicht einfallslos, als wäre der Zugriff auf die entschiedene Verneinung moderner Einsamkeit, den diese Mischung seinerzeit mit Energie versorgte, heute gerade so leicht zu haben wie damals. Vielmehr drückt das Ding, durch das Frau Cyrus hier singt und tanzt, zwar einerseits aus, dass jene Abba-bis-Madonna-Welt zwingend sterben musste, ja: dass sie auf Tiktok jeden Tag weiter stirbt. Aber der Film knuddelt die besagte Welt andererseits noch mal besonders heftig, genießt und beweint sie simultan."



Weiteres: Der Sänger Bobby Sherman ist gestorben, melden Tagesspiegel und FRJüri Reinvere gewinnt den Opus Klassik als Komponist des Jahres, meldet die FAZ. Dirigentin des Jahres ist Joana Mallwitz, Leiterin des Konzerthausorchesters Berlin, wie der FR zu entnehmen ist. Die Auszeichnung als Sängerin und Sänger des Jahres geht an die Mezzosopranistin Emily D'Angelo und den Tenor Benjamin Bernheim. Simon Rattle erinnert in der Zeit an seinen Lehrer, den eben verstorbenen Pianisten Alfred Brendel. Eleonore Brüning berichtet für das VAN Magazin von den Potsdamer Musikfestspielen, wo "Orlando generoso" von Agostino Steffani mit Dorothee Oberlinger und dem Ensemble 1700 aufgeführt wird. Besprochen wird: Der Auftritt von Ludovico Einaudi in der Frankfurter Festhalle (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.06.2025 - Musik

Jan Brachmann resümiert in der FAZ die ersten Tage des Kissinger Sommers. Dessen Jahrgangsmotto "Je Ne Regrette Rien" findet er zwar eher unglücklich gewählt, auch siedelt das eine oder andere Konzert hart an der Grenze zum Kitsch, doch dass Festival-Intendant Alexander Steinbeis die Violinistin Lisa Batiashvili, den Cellisten Gautier Capuçon und den Pianisten Jean-Yves Thibaudet für Ravels Klaviertrio in die unterfränkische Kleinstadt holen konnte, ist in seinen Ohren ein absoluter Coup: "Thibaudet wendet die Akkorde des baskisch federnden Eingangsthemas wie Kristalle hin und her, um in deren Mittelstimmen den unterschiedlichen Lichteinfall zu studieren. Batiashvili und Capuçon überziehen den mineralischen Gesang mit einem Eishauch. Doch mit der Überleitung des Cellos wechselt die Musik ihren Aggregatzustand: Aus dem Anorganischen gleitet sie ins Organische, aus Kristall und Licht werden Fleisch und Blut." Thibaudet "sorgt für Transparenz, wenn Ravel mehrere Themen überlagert und jedes von ihnen Metamorphosen durchläuft, die sich der deutschen Sonatenkonsequenzlogik entziehen - und dann facht er die Glut an für die finale Ekstase, die abläuft wie die Kernschmelze unter Aufsicht eines Ingenieurs."

Weiteres: Tim Wirth spricht für den Tages-Anzeiger mit Rike van Kleef (die zum Thema auch ein Buch geschrieben hat) darüber, warum bei den großen Pop-Festivals trotz aller Debatten der letzten Jahre immer noch hauptsächlich Männer die Headliner stellen. Arne Löffel plaudert für die FR mit der Musikerin Lisa Harres. Im Standard freut sich Karl Fluch auf das Wiener Konzert von The The mit Matt Johnson. Jakob Biazza schreibt in der SZ zum Tod des Singer-Songwriters Mick Ralphs. Besprochen wird Alex Paxtons Auftritt beim Happy New Ears Festival in Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.06.2025 - Musik

Mit nur zwei Konzertveranstaltungen fällt das Musikprogramm der Wiener Festwochen eher mau aus - und das wenige hat zumindest FAZ-Kritiker Peter Blaha dann auch nicht überzeugt. Dass dabei ausschließlich Komponistinnen der Gegenwart auf dem Programm standen, findet er zwar "löblich", künstlerisch war es aber "durchwachsen": "Im ersten Konzert wurden 'Identität, Krieg und Freiheit thematisiert, doch über Behauptungen und oberflächliche Gesten der Betroffenheit kamen die meisten Werke nicht hinaus. So spielt 'Bombs of Beirut' von Mary Kouyoumdjian auf den Kriegsalltag in Libanon zwischen 1976 und 1978 an, vermag aber nicht, das Material des live spielenden Streichquartetts mit den Tonaufnahmen von Interviews mit Angehörigen der Komponistin, geschweige denn mit dem Tondokument eines Bombenangriffs, zu verschmelzen. Es bleibt bei einer beziehungslosen Parallelaktion zwischen Musik und Zuspiel, in der die Geräusche des Bombardements allenfalls ein Intermezzo darstellen, ohne die danach wiederaufgenommene Musik zu verändern."

Weiteres: Wolfgang Schreiber porträtiert in der SZ die Dirigentin Anja Bihlmaier. Guido Holze resümiert in der FAZ den Auftakt des Rheingau Musik Festivals. Max Nyffeler gratuliert in der FAZ dem Komponisten Terry Riley zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden Sophie Gilberts Buch "Girl vs. Girl" über die Frauenfeindlichkeit in der Popkultur der Nullerjahre (Standard), Bruchs Album "The Harbour of the Broken Hearted" (Standard), ein Auftritt von Marie Jacquot mit dem DSO in der Philharmonie Berlin (Tsp), zwei Konzerte von Marillion (Welt), neue Veröffentlichungen anspruchsvoller Musik, darunter Fred Herschs "The Surrounding Green", das laut Standard-Kritiker Ljubiša Tošić "die paradoxe, reizvolle Mixtur aus Struktur und sich entfaltender Individualität erreicht", und Charif Megarbanes Album "Hawalat" (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.06.2025 - Musik

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Bachs "Kunst der Fuge" bricht, anders als ein beliebter Mythos der Bachrezeption behauptet, keineswegs unvollendet mit dem Tod Bachs ausgerechnet hinter der Tonfolge B-A-C-H ab. Ganz im Gegenteil gehört dieser Teil der Fuge ins Zentrum des Werks und nicht an ihr Ende. So zumindest der Befund in Meinolf Brüsers Bach-Monografie "Es ist alles Windhauch", den der Musikwissenschaftler Hans-Joachim Hinrichsen online nachgereicht in der NZZ für reizvoll und plausibel hält. An dieser Position im Gesamtwerk wird der "Abbruch bewusst inszeniert. Weshalb? Brüser sieht darin eine subtile Demutsgeste des alten Bach, ein Zurücktreten des endlichen Schöpfersubjekts vor seinem Schöpfergott. ... Die "Kunst der Fuge" wäre, wenn das alles stimmt, also keineswegs ein vom Schicksal zum Torso gemachtes Projekt. ... Der Mythos der durch Bachs Tod verhinderten Vollendung erscheint vielmehr als ein postumes Konstrukt. In diesem zeigt sich das Weltbild einer neuen Generation, das auch noch uns Heutigen nähersteht. ... Es deutet den (vermeintlichen) Torso-Charakter der 'Kunst der Fuge' als visionären Vorgriff auf die Faszination für Fragmente, die in der Epoche der Empfindsamkeit aufkam und in der Frühromantik um sich griff."

Hier das erhabene Werk in ziemlich eigenwilliger Interpretation:



Weitere Artikel: Karl Fluch spricht für den Standard mit der Songwriterin österreichischen Spngwriterin Oska. Besprochen werden der Essay- und Gesprächeband "Naivität und Ironie" des eben verstorbenen Pianisten Alfred Brendel (online nachgereicht von der FAZ), ein Sammelband mit Artikeln des Popkritikers Kid D (Freitag), ein Konzert der Wiener Symphoniker unter Manfred Honeck (Standard), der Auftakt der Styriarte in Graz (Standard), das Auftaktkonzert des Rheingau Musik Festivals (FR) und ein Konzert von Faber in Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.06.2025 - Musik

Bert Rebhandl unterhält sich für die FAS mit Mika Kaurismäki, der eine Doku über die Musikfestival in Monheim am Rhein gedreht hat: "Every note you play". Monheim ist ein sehr spezielles Festival, "eine Triennale für Musik, und zwar für eine ganz bestimmte Form: ungeschriebene Musik, die aus dem Moment entsteht". Bei der Triennale 2024 traf Kaurismäki dort "auf Ganavya Doraiswamy aus Indien, Peni Candra Rini aus Indonesien, deren Instrument in erster Linie die eigene Stimme ist, oder Brìghde Chaimbeul, die den schottischen Dudelsack spielt, und zwar eher unorthodox. Oder Oren Ambarchi aus Australien, der als Schlagzeuger begann und heute alles spielt, was ihm in die Hände kommt. ... Die Monheim Triennale lebt sehr wesentlich davon, dass Musiker in einen Austausch treten und miteinander spielen, die vom Festival füreinander kuratiert werden. 'Man hatte den Eindruck, dass das Festival eine große Familie ist', fand Kaurismäki, der 'Every Note You Play' dementsprechend auch als ein Stadtporträt angelegt hat. Und als einen Dokumentarfilm über die Rolle oder die Funktion von Kultur für eine Kommune."

Hier eine Hörprobe mit Anushka Chkheidze and Rojin Sharafi:



Annett Scheffel unterhält sich für Zeit online mit Haim über deren neues Album "I Quit" - obwohl so richtig scheint ein Gespräch nicht zustande zu kommen: "Natürlich muss nicht jede Popmusik politisch sein. Das neue Album von Haim gerät nun aber in die seltsame Situation, dass es von gegenwärtigen Beziehungs- und Singleproblemen handelt und doch wie aus der Zeit gefallen klingt. Über Donald Trump oder Politik möchten Haim nicht sprechen, auch ihre Antwort auf eine Frage zu den Waldbränden in Los Angeles zu Beginn des Jahres ziehen sie nachträglich zurück. Auf musikalischer Ebene aber ist 'I Quit' smart und präzise, arrangiert von Danielle Haim und ihrem neuen Co-Produzenten Rostam Batmanglij, ausgestattet mit so vielen popkulturellen Anspielungen, dass man den Rest des Sommers brauchen wird, um sie alle zu entschlüsseln."

Hier eine Kostprobe:



Weitere Artikel: Im Tagesspiegel annoncieren Lea Schulze und Julia Weiss die Fête de la Musique, die heute in Berlin stattfindet. Michael Ebert unterhält sich für die SZ mit Bruce Springsteen über die Musik und das Leben. Auf Zeit online schreibt Bodo Mrozek über Brian Wilson und die Poputopie Kalifornien.

Besprochen werden Giorgio Pois neue Platte "Schegge" ("die ideale Platte für den frühen Sommer", versichert Tobias Rüther in der FAS), ein Konzert von Iggy Pop in Berlin (Tsp), Feruccio Busonis Klavierkonzert mit Igor Levit unter Antonio Pappano und dem BR-Symphonieorchester in der Münchner Isarphilharmonie (SZ) und das neue Album von Yungblud (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.06.2025 - Musik

Bruce Springsteen macht auf seiner Europatournee Halt in Frankfurt, und Jan Wiele pilgert für die FAZ hin. Ihm kommt das Konzert ein bisschen wie ein "Gottesdienst" vor, was er ganz angemessen findet: "Die Liedzeile 'Maybe everything that dies someday comes back' bezieht man plötzlich nicht mehr nur auf die besagte Stadt, sondern auch auf das transatlantische Verhältnis, um das es bekanntlich nicht mehr so gut bestellt ist wie einst. Springsteen sagt an diesem Abend einmal, er habe immer versucht, ein guter Botschafter für Amerika zu sein. Dieses Sendungsbewusstsein ist so ungebrochen, dass man fast denken könnte: Hier steht ein letzter großer Transatlantiker und singt sein Herz raus. Wer, wenn nicht er, sollte die Dinge zum Besseren wenden?"

Auch Sylvia Staude ist für die FR da, auch sie sieht ein zutiefst politisches Konzert, erfreut sich aber auch an der musikalischen Performance des mittlerweile 75-jährigen: "Dies ist aber schon auch ein typisches Springsteen-Konzert, das das gloriose Können der E Street Band nicht unter den Scheffel stellt, das hingebungsvolle Gniedeln von Steven Van Zandt und Nils Lofgren, die Unerschütterlichkeit des Drummers Max Weinberg, Patti Scialfas Allgegenwärtigkeit. Im Zugabenblock stimmen alle - und natürlich das Publikum - ein beim Cover 'Twist and Shout'." Wir hören rein:



Weiteres: Der Pianist Francesco Piemontesi erinnert sich an den soeben verstorbenen Alfred Brendel (FAZ). Der Tagesspiegel überprüft neue Alben im Soundcheck der Woche. Besprochen wird Bruce Springsteens "Tracks II. The Lost Albums" (FR).
Stichwörter: Springsteen, Bruce

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.06.2025 - Musik

In Großbritannien wird es mehr und mehr zur Selbstverständlichkeit, dass auch Mädchen in früher reinen Knabenchören integriert und als Singstimmen aufgebaut werden, beobachtet Merle Krafeld in VAN. In Deutschland tut man sich damit weiterhin schwer, eher setzt man auf parallele Strukturen: auf Mädchenchöre, die das prestigereichere Angebot der Knabenchöre eher erweitern, statt damit zu fusionieren. Doch "ein Mädchenchor unterscheidet sich grundlegend von einem Knabenchor. Allem voran ist das Repertoire ein völlig anderes (bei einem Knabenchor mit Männerstimmen wie in Regensburg handelt es sich um einen gemischten Chor mit Sopran, Alt, Tenor und Bass. Mädchenchöre sind gleichstimmig, hier fehlen also die beiden tiefen Stimmen, es singen nur Sopran und Alt). Das Mädchen-Repertoire ist deutlich schmaler, was sowohl Umfang als auch Epochen angeht, und zudem bei weitem nicht so bekannt und renommiert wie das der Knaben. Auch das Prestige des Mädchenchores bleibt weit hinter dem einer Marke wie den Domspatzen zurück." Dabei zeigen mehrere Studien, so Krafeld, dass auch manchen Mädchen eine Stimme haben, die mit entsprechender Ausbildung dem "Knabenchor-Klangideal entspricht".

Sylvia Prahl hört sich für die taz durch "More", das Comeback-Album der britischen Band Pulp nach 24 Jahren. "Nach wie vor singt Jarvis Cocker nicht nur, sondern er ächzt, haucht, murmelt und stöhnt zusätzlich über mehrere Oktaven. Die Zeilen 'I was born to perform / It's a calling' im Auftaktsong 'Spike Island' sind nicht Attitüde, sondern Tatsache. Doch während er früher alle Register zog, vor allem, um jemanden zu entblößen - unerreicht die mit verzweifelter Überzeugung und hochnerviger Stimme vorgetragene Erzählung des Upper-Class-Mädchens, das mal wissen wollte, wie die 'Common People' (1995) so leben, um sie dann mit ein paar fast beiläufig gemurmelten Worten zu vernichten -, nutzt er diese Tools jetzt vor allem, um Gefühle zu transportieren: Sarkasmus, Ironie und Humor sind natürlich immer noch am Start. 'Tina's always attentive to my needs / We're really good together / Cos we never meet.'" 



Weitere Artikel: Marion Löhndorf porträtiert in der NZZ die Organistin Anna Lapwood, deren Reichweite sich weit über die Klassik erstreckt, auch weil "sie alles einbezieht, was ihren eigenen Vorlieben entspricht". Adrian Schräder porträtiert in der NZZ die Schweizer Band The Young Gods, die gerade ihr 13. Album "Appear Disappear" veröffentlicht hat. Alexander Cammann schreibt in der Zeit zum Tod des Pianisten Alfred Brendel (hier unser Resümee der Nachrufe).

Besprochen werden ein Konzert von András Schiff in Wien (Standard) und Bruce Springsteens Auftrtt in Frankfurt (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.06.2025 - Musik

Die Feuilletons trauern um den Jahrhundertpianisten Alfred Brendel. Er begann als "Exzentriker und Sonderling", schreibt Martin Meyer in der NZZ, doch erzeugte seine "Kunst der Interpretation fortlaufend Wunder". Denn "Brendel war anders. Er wirkte vital und distanziert, verwundert und entschlossen, nachdenklich und witzig. ... Der ganze Körper war in Aktion, das Gesicht figurierte als Ort des Ausdrucks für alle möglichen Seelenlagen, sei es in dramatischer, sei es in heroischer, in lyrisch-zärtlicher oder in philosophisch-erhabener Absicht. ... Brendel war auch deshalb anders, weil das Instrument als solches nicht den Vorrang vor den Stücken genoss, die es zur Darstellung bringen sollte. Trug Brendel seine Favoriten vor, Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert, ließ er im Nu vergessen, dass diese für die Tasten geschrieben hatten."

Am allerberühmtesten waren vielleicht seine Schubert-Interpretationen. Hier das Impromptu in As-Dur:


"Es gab eine Zeit, da hätte man diesen Pianisten für den Stellvertreter Ludwig van Beethovens wie Franz Schuberts auf Erden halten können", erinnert sich Manuel Brug in der Welt. "Keiner zog die architektonischen Linien des einen in so kühnen Bogen und blieb doch gleichzeitig bei aller Dramatik sachlich unterkühlt, zurückhaltend, ja scheinbar objektiv. Die Traumverlorenheit des anderen kostete er mit unvergleichlicher Zartheit aus, ohne in den heißen Tränenfluss des Weinerlich-Schluchzigen abzugleiten. Die von ihm besonders geliebte letzte, die B-Dur-Sonate, nahm er unsentimental, wehmutsvoll, nie im Tempo nachlassend, aufgelichtet in der Struktur, konturenstark ausgeprägt in der thematischen Entwicklung. Auch hier wahrte er den wohlmeinenden Abstand, der seine Interpretation so klug wie gütig, gültig sowieso machten."

Brendel "wollte den Kern und vor allem den Charakter einer Komposition ... herausfinden und herausarbeiten", hält Helmut Mauró in der SZ fest. "Charakter war ihm, wie der Kriegsgeneration generell, dabei ein positiv besetzter Schlüsselbegriff. Es ging um individuelle Gestaltung und um Gestalten. In den Beethoven-Sonaten orientierte er sich tatsächlich an einer umfangreichen Personage unterschiedlichster Charaktere, die er in den Stücken fand oder die er dort hineinstellte. Auch sein Schubert-Spiel kann man vor diesem Hintergrund besser verstehen."

Außerdem zu Brendel: Die legendäre britische Zeitschrift Gramophone bringt das letzte Interview mit ihm, geführt im Jahr 2015, und eine Liste mit seinen zehn besten Alben. Michael Krüger erinnert sich in der FAZ an persönliche Begegnungen mit Brendel. Weitere Nachrufe schreiben Frederik Hanssen (Tsp), Gerald Felber (FAZ) und Judith von Sternburg (FR).

Weitere Artikel: Im Podcast von Backstage Classical spricht Met-Intendant Peter Gelb über die Kultur in den USA unter den Eindrücken der Kulturpolitik Donald Trumps. Gerald Felber berichtet in der FAZ vom Bachfest Leipzig. Im SZ-Gespräch mit Kathleen Hildebrand identifiziert die Journalistin Sophie Gilbert die Spice Girls als jenen Kippmoment, an dem der klassische Feminismus zugunsten eines diffusen "Girl Power"-Gutelaune-Pop-Feminismus entkernt wurde - was es den aktuellen Angriffen auf die Errungenschaften des Feminismus besonders leicht gemacht hat.

Besprochen werden eine Berliner Aufführung von Jessie Montgomerys Komposition "Hymn for Everyone" durch das Deutsche Sinfonie-Orchester unter André Raphael (taz), Schumann- und Bruckner-Aufnahmen des Orchesters Le Concert des Nation unter Jordi Savall (Welt), das neue Haim-Album "I Quit" (Standard), ein Auftritt von Massive Attack in Zürich (NZZ), Seilers und Speers Album "Hödn" (Standard) und Sophia Kennedys Album "Squeeze Me" (Jungle World).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.06.2025 - Musik

Karl Bruckmaier trauert in der taz um den Freejazzer und Experimentalmusiker Sven-Åke Johansson, der im Alter von 82 Jahren in Berlin gestorben ist. "Er war vor allem ein unerreicht neugieriger Hörer. ...  Mit einem ungeahnten Ernst konnte er über den Klang von Fliesen, sich drehender Ventilatoren, von geöffneten und geschlossenen Telefonbüchern, von Pappkartons oder Zweitaktern referieren. Und Gurken. Und Becken aus Schaumstoff. Und mit Springerdreckszeitungen vollgestopften Klavieren. Und wenn er im coolen Dreiteiler Alltagsgeräusche als Musik kenntlich machte, hat er so viele von uns beschämt, dass wir dieses oder jenes nicht gleich und von Natur aus so gehört haben wie er: als Manifest schwingender Schönheit."

Auf Zeit Online sorgt sich Tobi Müller um die Zukunft des Musikvideos: Während Künstler von Rang und Namen immer mehr auf Fanvideos setzen, um ihre Musik zu promoten, gibt es für Künstler mit geringerer Reichweite immer weniger bis kein Budget, um ansprechende Videoclips zu produzieren. Vor zehn Jahren etwa engagierte Adele noch Autorenfilmer wie Xavier Dolan ("Hello"), Childish Gambinos Clip-Klassiker "This is America" wurde 2018 gar noch auf Filmmaterial gedreht. Aber es regt sich auch Hoffnung: "Interessanterweise erinnern viele, die trotzdem noch gedreht werden, wieder an eine Grundlage der Musik, nämlich den Körper in Bewegung. Die aussagekräftigsten Videos waren in den letzten Jahren weniger Konzept- und Materialschlachten als Tanzclips. Man muss etwa die deutschtürkische Rapperin Ebow tanzen sehen, um ihre queerfeministische Aneignung von deutschem Hip-Hop besser zu begreifen ... Tanz ist im Pop schon immer ein Mittelfinger gegen Disziplinierung und Vereinzelung gewesen. Wenn Videos in Zukunft wieder von diesem Freiheitswunsch erzählen, wird die Kunstform ein zweites Mal auferstehen."



Besprochen werden eines der raren Konzerte des Pianisten Krystian Zimerman (NZZ), das Wiener Konzert von Primal Scream (Presse), Carlos Santanas Auftritt in Hamburg (FAZ), ein Frankfurter Konzert des Jazz-Kollektivs FÄZZ mit Stefan Karl Schmid (FR), Pressyes' Album "Sundrops!" (Presse) und ein neues Album von Haim (Tsp).