Die Feuilletons trauern um den Jahrhundertpianisten
Alfred Brendel. Er begann als "Exzentriker und Sonderling",
schreibt Martin Meyer in der
NZZ, doch erzeugte seine "Kunst der Interpretation fortlaufend
Wunder". Denn "Brendel war
anders. Er wirkte vital und distanziert, verwundert und entschlossen, nachdenklich und witzig. ... Der ganze Körper war in Aktion, das Gesicht figurierte als Ort des Ausdrucks für alle möglichen Seelenlagen, sei es in dramatischer, sei es in heroischer, in lyrisch-zärtlicher oder in philosophisch-erhabener Absicht. ... Brendel war auch deshalb anders, weil das Instrument als solches nicht den Vorrang vor den Stücken genoss, die es zur Darstellung bringen sollte. Trug Brendel seine Favoriten vor, Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert, ließ er im Nu vergessen,
dass diese für die Tasten geschrieben hatten."
Am allerberühmtesten waren vielleicht seine Schubert-Interpretationen. Hier das Impromptu in As-Dur:
"Es gab eine Zeit, da hätte man diesen Pianisten für den Stellvertreter Ludwig van Beethovens wie Franz Schuberts auf Erden halten können",
erinnert sich Manuel Brug in der
Welt. "Keiner zog die architektonischen Linien des einen in so kühnen Bogen und blieb doch gleichzeitig bei aller Dramatik sachlich unterkühlt, zurückhaltend, ja scheinbar objektiv. Die Traumverlorenheit des anderen kostete er
mit unvergleichlicher Zartheit aus, ohne in den heißen Tränenfluss des Weinerlich-Schluchzigen abzugleiten. Die von ihm besonders geliebte letzte, die B-Dur-Sonate, nahm er unsentimental, wehmutsvoll, nie im Tempo nachlassend, aufgelichtet in der Struktur, konturenstark ausgeprägt in der thematischen Entwicklung. Auch hier wahrte er den wohlmeinenden Abstand, der seine Interpretation so klug wie gütig, gültig sowieso machten."
Brendel "wollte den Kern und vor allem den
Charakter einer Komposition ... herausfinden und herausarbeiten", hält Helmut Mauró in der
SZ fest. "Charakter war ihm, wie der Kriegsgeneration generell, dabei ein positiv besetzter Schlüsselbegriff. Es ging um individuelle Gestaltung und um Gestalten. In den Beethoven-Sonaten orientierte er sich tatsächlich an einer
umfangreichen Personage unterschiedlichster Charaktere, die er in den Stücken fand oder die er dort hineinstellte. Auch sein Schubert-Spiel kann man vor diesem Hintergrund besser verstehen."
Außerdem zu Brendel: Die legendäre britische Zeitschrift
Gramophone bringt das
letzte Interview mit ihm, geführt im Jahr 2015, und eine Liste mit seinen
zehn besten Alben. Michael Krüger
erinnert sich in der
FAZ an persönliche Begegnungen mit Brendel. Weitere Nachrufe schreiben Frederik Hanssen (
Tsp), Gerald Felber (
FAZ) und Judith von Sternburg (
FR).
Weitere Artikel: Im Podcast von
Backstage Classical spricht Met-Intendant
Peter Gelb über die Kultur in den USA unter den Eindrücken der Kulturpolitik Donald Trumps. Gerald Felber
berichtet in der
FAZ vom
Bachfest Leipzig. Im
SZ-Gespräch mit Kathleen Hildebrand identifiziert die Journalistin Sophie Gilbert die
Spice Girls als jenen Kippmoment, an dem der klassische
Feminismus zugunsten eines diffusen "Girl Power"-Gutelaune-Pop-Feminismus entkernt wurde - was es den aktuellen Angriffen auf die Errungenschaften des Feminismus besonders leicht gemacht hat.
Besprochen werden eine Berliner Aufführung von
Jessie Montgomerys Komposition "Hymn for Everyone" durch das
Deutsche Sinfonie-
Orchester unter
André Raphael (
taz),
Schumann- und
Bruckner-Aufnahmen des Orchesters
Le Concert des Nation unter
Jordi Savall (
Welt), das neue
Haim-Album "I Quit" (
Standard), ein Auftritt von
Massive Attack in Zürich (
NZZ),
Seilers und
Speers Album "Hödn" (
Standard) und
Sophia Kennedys Album "Squeeze Me" (
Jungle World).