Efeu - Die Kulturrundschau

Ein spitzer Schrei der Frau von Kalb

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.06.2025. Die FAS unerhält sich mit Mika Kaurismäki über die Monheim Triennale für ungeschriebene Musik, die Kaurismäki in "Every note you play" dokumentiert hat. Die nachtkritik hätte sich mehr Zeit zum Nachdenken gewünscht in Charlotte Sprengers Mannheimer Inszenierung von Schillers "Kabale und Liebe". Die FAZ bestaunt in der Fondation Beyeler den präzisen Nachthimmel der litauische Künstlerin Vija Celmins. Zeit online hört Haim.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.06.2025 finden Sie hier

Kunst

Vija Celmins: Coma Berenices #4, 1973. Bild: Vija Celmins, Matthew Marks Gallery.


Ursula Scheer besucht für die FAZ eine Retrospektive mit Werken von Vija Celmins in der Fondation Beyeler. Die litauische Künstlerin malt ihre präzisen Nachthimmel auf Basis von Satellitenbildern: "Der grenzenlose Raum schnurrt zusammen auf eine begrenzte Fläche, das Unfassbare wird auf Leinwänden und Blättern greifbar zur Ansicht gebracht. Zeit spielt dabei eine wichtige Rolle: Um das Licht von Sternen, die womöglich längst erloschen sind, auf ihre Weise visuell einzufangen, ist die Künstlerin oft jahrelang mit einzelnen Arbeiten beschäftigt. Es sind Meditationen über das Wesen 'unmöglicher Bilder', wie sie es nennt."

Mac Zimmermann, Die Tageszeiten: Mittag, 1954. Bild: Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, Eigentum des Landes Berlin / Jörg P. Anders



Ingeborg Ruthe freut sich in der FR über die surrealistische Ausstellung "Strange!" im Museum Scharf-Gerstenberg, die zeigt, dass mit der Faszination des Absurden zum einen noch lange nicht Schluss ist und sie zum anderen auch in der DDR viele Anhänger hatte: "Zu jedem Bild gehört eine Geschichte, die wie durch eine Übelkeit der Seele ausgelöst wurde. Im Gemälde 'Wachmann' des Belgiers Paul Delvaux von 1961 etwa ist Bahnhofseinsamkeit beschrieben, etwas Befremdliches, das geradezu hilflos macht. Ähnlich ratlos macht das Bild 'Kind und Eltern' der Ostberlinerin Heidrun Hegewald von 1976: Sie malte ein im Nebel versinkendes Paar am Tisch, in der Tür einsam ein Kind. Die Scheidungsrate in der DDR hatte damals ihren Gipfelpunkt erreicht, mit bis zu 38 Prozent war sie die höchste weltweit. Ähnlich gespenstisch wirkt die große leere Einsamkeit im Gemälde 'Tageszeiten (Mittag)' von 1954 des Schwaben und zeitweiligen Westberliners Mac Zimmermann aus dem Surrealistenumkreis der Galerie Rosen und der Malergruppe 'Phantastischer Realismus'. All die eigentümlichen Motive mit ihrem sonderbaren Bildpersonal korrespondieren in dieser Ausstellung eifrig."

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Die Fotografin Andrea Grützner reflektiert in ihrem Buch "Erbgericht" einen Ort ihrer Kindheit und schafft dabei zugleich sehr abstrakte und wunderschöne Fotografien. Peter Truschner schildert in seinem Fotolot für Perlentaucher den enormen Aufwand, der dahinter steht: "Auf die erste Tuchfühlung in einem Skizzenbuch, in dem Lichtsituationen festgehalten werden und mit Brennweiten experimentiert wird, folgen Testaufnahmen (mit Polaroid oder digital). 'Manchmal laufe ich durchs Haus und berühre Dinge mit den Händen. Bewegung im Raum, die dem Abtasten des Raums mit Licht und Farbe gleicht. An manchen Stellen muss man kriechen, um Lichtsituationen auszuprobieren.' Danach wird mit entkoppelten Aufsteckblitzen gearbeitet, die mit farbigen Gels manipuliert werden. Das Interieur wird auf diese Weise eingefärbt, die ursprünglich im Gasthof dominierenden Farben verschwinden."

Weiteres: Welt und FAZ informieren über die aktuelle Art Basel. Besprochen wird Sivasubramaniam Kajendrans Ausstellung, "Ecology of Resilience" in der Gallery Under the Mango Tree (Tsp).
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Literatur

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In der FAZ stellt Paul Ingendaay die spanische Schriftstellerin Sara Mesa vor, deren Roman "Die Familie" über einen Familientyrann gerade hierzulande erschienen ist: "Nicht nur die Fairness ihres Blicks zeichnet Sara Mesas Romane aus, die Fähigkeit, im Täter auch das Opfer zu sehen, in der Übertretung die Getriebenheit, in der Verfehlung die seelische Not. Ihre Bücher haben auch einen sehr langen Filterprozess durchlaufen, so dass sie schlank und frei von Schlacken vor uns liegen. Der Roman 'Die Familie' wirkt, als sei er aus einem Material von vielen Hundert Seiten herausgeschlagen, und wahrscheinlich hätten andere Schriftsteller ein viel epischeres Werk daraus gemacht. 'Das Buch ist intelligenter als die Autorin', sagt Mesa dazu. 'Die Form weiß etwas, was ich nicht weiß.' In der Verdichtung liegt das Geheimnis ihrer Bücher." Auch die Perlentaucher Lukas Pazzini und Benita Berthmann haben in der ersten Folge ihres Podcasts "Bücherbrief Live" über das Buch und die seelischen Verstrickungen der Familie diskutiert.

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Thomas David unterhält sich für die FAS, mit Rachel Kushner über ihren neuen Roman "See der Schöpfung" und über Donald Trump. Sie hat keinen Zweifel daran, dass die USA bereits in den Faschismus abgerutscht sind: "Ich war am vorigen Donnerstag mit dem Auto unterwegs und habe einen riesigen SUV voller maskierter bewaffneter Männer gesehen. Der Wagen hatte keine Nummernschilder, und ich war mir sicher, dass es sich um die ICE handelte. Die ICE ist so was wie der KGB geworden: keine Abzeichen, keine Identität, keine Rechenschaftspflicht. Die Leute, die früher im Heimatschutzministerium für die Überwachung zuständig waren, sind ohnehin alle entlassen worden. Menschen werden von den Straßen entführt."

Weitere Artikel: Anna Prizkau besucht für die FAS Serhij Zhadans Band "Sobaky" (Hunde) und andere Künstler und Bekannte in Kiew. In "Bilder und Zeiten" (FAZ) empfiehlt Leander Berger den Schweizer Autor C. F. Ramuz (1878 bis 1947). Und Martin Mulsow liest Agostino Steucos Werk "De perenni philosophia" von 1540, das nun in einer deutschen Übersetzung vorliegt.

Besprochen werden "Ein Hauch von Grauen und verborgene Hoffnung", eine Anthologie ukrainischer Literatur des Ersten Weltkriegs (FR), Michael Thumanns Reportage "Eisiges Schweigen flussabwärts" (NZZ), Herbert Kapfers Roman "Der Planet diskreter Liebe" (taz), Slata Roschals Gedichtband "Ich brauche einen Waffenschein …" (taz), Ulf Erdmann Zieglers "Es gibt kein Zurück" (taz), Birgit Weyhes Graphic Novel "Schweigen" (SZ), Elin Anna Labbas Roman "Das Echo der Sommer" (FAZ), Isabella Hammads Roman "Enter Ghost" (FAZ), Alfred Brendels "Naivität und Ironie" (FAZ) und Band 43 der Schiller-Nationalausgabe (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Film

Syrer statt Ukrainer? Szene aus Julie Delpys "Die Barbaren"


Im Interview mit der FAS spricht Julie Delpy über ihren neuen Film "Die Barbaren". Thema ist ein bretonisches Dorf, das eine ukrainische Familie aufnehmen will und betreten feststellen muss, dass es Syrer sind, die da ankommen: "Es ist ein Statement", sagt Delpy. "Es geht mir darum, zu verstehen, warum Menschen rassistisch sind, warum sie Angst vor Ausländern haben, warum sie Einwanderer fürchten. Was ist der Mechanismus, der Menschen mit Hass erfüllt, sie dazu bringt, sich zu bekämpfen oder zu töten? Das Eintauchen in die menschliche Seele ist für mich immer interessant, zu untersuchen, wer wir sind. ... Meine Komödie ist eine Möglichkeit, die Angst, die ich in mir habe, zu trainieren und in Schach zu halten."

Weiteres: In der NZZ erinnert Christoph Egger an Steven Spielbergs "Weißen Hai", der vor fünfzig Jahren in die Kinos kam. Besprochen werden Nicolas Humberts und Werner Penzels Film "Step Across the Border", den sie vor fast vierzig Jahren über den Musiker Fred Frith gedreht haben, der jetzt in restaurierter Form wieder in die Kinos kommt (Zeit) und Alauda Ruiz de Azúas Vergewaltigungsdrama "Querer" (NZZ).
Archiv: Film
Stichwörter: Delpy, Julie, Bretagne

Bühne

"Kabale und Liebe." Bild: Christian Kleiner.


Nachtkritiker Steffen Becker erlebt mit Charlotte Sprengers Inszenierung von Schillers "Kabale und Liebe" am Nationaltheater Mannheim eine ziemlich wild getunte Version der Geschichte um eine nicht standesgemäße Liebe zwischen Adel und Bürgertum. Dort trifft "Friedrich Schiller auf Pedro Almodóvar und ein im wahrstem Sinne des Wortes überwältigendes Set von Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, einen wilden Kostüm-Mix aus Rokoko, 'Charlie und die Schokoladenfabrik' und dem Style aus Donna Leon-Verfilmungen." Das ist allerdings manchmal fast zu viel des Guten: "Das bestimmende Element der Aufführung - der Wechsel zwischen Bühne und Video-Action - geht in der inszenatorischen Hektik nicht auf. Die gefilmten Szenen in den geschützten Räumen des Bühnenhintergrunds könnten die Menschen in ihrer echten Verfasstheit zeigen, während sie vorne theatralisch das zum Ausdruck bringen, was von ihren gesellschaftlichen Rollen erwartet wird. Kaum aber widmet man sich dem Gedanken, zack, wieder ein Schnitt, ein Raumwechsel, ein spitzer Schrei der Frau von Kalb und weg ist er."

Weiteres: Peter Laudenbach berichtet von den Budgetkürzungen im Berliner Gefängnistheater AufBruch (SZ). Manuel Brug trifft sich für die Welt mit dem Choreografen Jiří Kylián: "Es gibt keinen besonderen Anlass, außer dass es bei ihm immer einen gibt: Das Norwegian National Ballet ehrt mit einem Festival diesen längst zum Weltbürger der Kunst gewordenen tschechischen Tanzschöpfer, der sich in erster Linie als Prager versteht, der in Deutschland heranreifte, eine deutsche Frau heiratete, sieben Sprachen spricht, 120 Werke schuf, von den Niederlanden aus berühmt wurde und dort immer noch lebt: 'In Schevenigen am Meer, da höre ich in den Sirenen der Schiffe die Welt resonieren.'"

Besprochen werden Franz Xaver Kroetz' Neufassung von Franz von Kobells "Brandner Kaspar" am Münchner Residenztheater (NZZ), "Das Stillleben" von Carmen Jeß, Regie von Lisa Froschauer am Theater Lübeck (Nachtkritik) und Joseph Haydns "Schöpfung" am Staatstheater Wiesbaden unter der Regie von Franziska Angerer (FR).
Archiv: Bühne

Architektur

Der Neubau des Petri-Museums für Vor- und Frühgeschichte fügt sich für Andreas Kilb (FAZ) ganz hervorragend ein ins Berliner Stadtbild, das hier Elemente seiner fast 800-jährigen Geschichte zeigen kann: "Das nach einem Entwurf des Münchner Architekten Florian Nagler entstandene fünfstöckige Gebäude füllt die Lücke zwischen der erhaltenen Randbebauung des Petriplatzes und dem im Projektstadium stecken gebliebenen interreligiösen Zentrum 'House of One' und vernetzt zugleich die beiden großen Player bei der Erforschung der Berliner Stadtgeschichte, das Landesdenkmalamt und das Museum für Vor- und Frühgeschichte der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Dass hier für 35 Millionen Euro, von denen der Bund den Löwenanteil getragen hat, kein neues architektonisches Wahrzeichen der Hauptstadt entstanden ist, wird niemanden überraschen. Überraschend ist vielmehr, wie gut Naglers Zweckbau seinen Zweck erfüllt."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Nagler, Florian, Petri Berlin

Musik

Bert Rebhandl unterhält sich für die FAS mit Mika Kaurismäki, der eine Doku über die Musikfestival in Monheim am Rhein gedreht hat: "Every note you play". Monheim ist ein sehr spezielles Festival, "eine Triennale für Musik, und zwar für eine ganz bestimmte Form: ungeschriebene Musik, die aus dem Moment entsteht". Bei der Triennale 2024 traf Kaurismäki dort "auf Ganavya Doraiswamy aus Indien, Peni Candra Rini aus Indonesien, deren Instrument in erster Linie die eigene Stimme ist, oder Brìghde Chaimbeul, die den schottischen Dudelsack spielt, und zwar eher unorthodox. Oder Oren Ambarchi aus Australien, der als Schlagzeuger begann und heute alles spielt, was ihm in die Hände kommt. ... Die Monheim Triennale lebt sehr wesentlich davon, dass Musiker in einen Austausch treten und miteinander spielen, die vom Festival füreinander kuratiert werden. 'Man hatte den Eindruck, dass das Festival eine große Familie ist', fand Kaurismäki, der 'Every Note You Play' dementsprechend auch als ein Stadtporträt angelegt hat. Und als einen Dokumentarfilm über die Rolle oder die Funktion von Kultur für eine Kommune."

Hier eine Hörprobe mit Anushka Chkheidze and Rojin Sharafi:



Annett Scheffel unterhält sich für Zeit online mit Haim über deren neues Album "I Quit" - obwohl so richtig scheint ein Gespräch nicht zustande zu kommen: "Natürlich muss nicht jede Popmusik politisch sein. Das neue Album von Haim gerät nun aber in die seltsame Situation, dass es von gegenwärtigen Beziehungs- und Singleproblemen handelt und doch wie aus der Zeit gefallen klingt. Über Donald Trump oder Politik möchten Haim nicht sprechen, auch ihre Antwort auf eine Frage zu den Waldbränden in Los Angeles zu Beginn des Jahres ziehen sie nachträglich zurück. Auf musikalischer Ebene aber ist 'I Quit' smart und präzise, arrangiert von Danielle Haim und ihrem neuen Co-Produzenten Rostam Batmanglij, ausgestattet mit so vielen popkulturellen Anspielungen, dass man den Rest des Sommers brauchen wird, um sie alle zu entschlüsseln."

Hier eine Kostprobe:



Weitere Artikel: Im Tagesspiegel annoncieren Lea Schulze und Julia Weiss die Fête de la Musique, die heute in Berlin stattfindet. Michael Ebert unterhält sich für die SZ mit Bruce Springsteen über die Musik und das Leben. Auf Zeit online schreibt Bodo Mrozek über Brian Wilson und die Poputopie Kalifornien.

Besprochen werden Giorgio Pois neue Platte "Schegge" ("die ideale Platte für den frühen Sommer", versichert Tobias Rüther in der FAS), ein Konzert von Iggy Pop in Berlin (Tsp), Feruccio Busonis Klavierkonzert mit Igor Levit unter Antonio Pappano und dem BR-Symphonieorchester in der Münchner Isarphilharmonie (SZ) und das neue Album von Yungblud (FR).
Archiv: Musik