Essay
Verlegenes Schweigen
Von Pascal Bruckner
30.05.2025. Algier scheint nicht existieren, nicht atmen, nicht denken zu können, ohne Frankreich, den ewigen, unverzichtbaren Gegner, zu verteufeln. Aber auch wenn es richtig ist, seiner Geschichte ins Gesicht zu schauen, muss man doch auch die heutige Realität betrachten: Algerische Dissidenten suchen in Frankreich Zuflucht, die algerische Jugend wendet sich nach Frankreich, der ebenso verhassten wie begehrten Stiefmutter, und giert nach Visa. Dass Boualem Sansal zu einer Staatsgeisel wird, ist aber auch der schwankenden Haltung Emmanuel Macrons zu verdanken.
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Über jeder Inhaftierung eines Intellektuellen oder Dissidenten durch eine autoritäre Macht schwebt der Schatten von Alexander Nawalny, der im Februar 2024 in russischen Kerkern in der Strafanstalt Charp in Jamalien im Ural starb. Die Verhaftung des algerisch-französischen Schriftstellers Boualem Sansal am 16. November in Algier durch die Militärpolizei lässt das Schlimmste befürchten.
Fassen wir kurz zusammen: Boualem Sansal, ein persönlicher Freund von mir, ist ein 75-jähriger französisch-algerischer Schriftsteller, der mehrere Literaturpreise erhalten hat, darunter 2015 den Preis der Académie française. Sein Vater ist marokkanischer Abstammung, er wurde als Ingenieur und Wirtschaftswissenschaftler ausgebildet. Nach der Veröffentlichung seines Romans "Dis-moi le Paradis" (2003), der sich kritisch mit der algerischen Regierung und den Islamisten auseinandersetzt, wurde er aus seinem Amt entlassen. Mit seinem Pferdeschwanz aus weißen Haaren und seinem Apachengesicht ist Boualem Sansal das Paradebeispiel eines sanften, aber dickköpfigen Rebellen. Er beleidigt nicht, spießt nicht auf, gibt aber in nichts nach. Diese Affäre löst einen wahren Tsunami in den französisch-algerischen Beziehungen aus.
Alles beginnt damit, dass Kamel Daoud am 4. November im Restaurant Drouant der Prix Goncourt für seinen Roman "Houris" verliehen wird, trotz der Verleumdungskampagnen, die von Algier aus über autorisierte Postillen, darunter die von Edwy Plenel gegründete islamistisch-trotzkistische Website Mediapart, inszeniert wurden. Eine Stunde lang erklärt Daoud den zehn Juroren des Preises, zu denen ich gehöre, dass er auf einer schwarzen Liste von Personen steht, die beobachtet werden, dass er umziehen musste, dass sein Sohn die Schule wechseln musste und dass er beim Betreten des Restaurants befürchtete, von einem Fanatiker zusammengeschlagen oder erstochen zu werden, obwohl etwa vierzig Zivilbeamte der französischen Polizei anwesend waren.
In der algerischen Presse erschienen zahlreiche Artikel, in denen Daoud, ein guter Freund von Boualem Sansal, beschuldigt wurde, seine ehemalige Frau geschlagen und die Geschichte einer Patientin seiner Frau, die Psychiaterin ist, plagiiert zu haben. Mit diesem sowohl politischen als auch literarischen Literaturpreis sind die französisch-algerischen Beziehungen in trübes Wasser abgedriftet. Einige Tage zuvor, Ende Oktober, hatte Emmanuel Macron einen offiziellen Versöhnungsbesuch in Marokko absolviert, das er in den ersten Jahren seiner Präsidentschaft gemieden hatte. Während seines Aufenthalts bestätigte Macron, was er bereits im Sommer angekündigt hatte: die Anerkennung der Souveränität Rabats über die Westsahara, die ein Zankapfel mit Algerien ist.
Damit ist das Fass für die algerischen Behörden übergelaufen, die eine regelrechte stalinistische Kampagne gegen Frankreich starten. Am 22. November veröffentlicht die offizielle Agentur Alger Presse Service eine Erklärung: "Das Macronisto-zionistische Frankreich nimmt Anstoß an der Verhaftung von Boualem Sansal am Flughafen von Algier". Mit anderen Worten: Die jüdische Lobby macht in Paris das Gesetz, um den Islam und Algerien nur um so gründlicher zu diskreditieren. Dies Psychodrama intensiviert sich noch durch ein Interview, das Boualem Sansal dem französischen Medium Frontières gab und in dem er der Position Marokkos zustimmt und hinzufügt, dass der gesamte westliche Teil des heutigen Algerien vor der französischen Kolonialisierung marokkanisch war, darunter die drei Städte Tlemcen, Oran und Mascara.
Er fügt einen Satz hinzu, der die algerische Regierung aufschreien lässt: Dass Frankreich Marokko nicht kolonisiert habe (es war ein Protektorat von 1912 bis 1955), liege daran, dass es "ein großer Staat" sei, der seit 13 Jahrhunderten existiere. In der Tat sei es leicht, "kleine Dinge zu kolonisieren, die keine Geschichte haben, aber einen Staat zu kolonisieren ist schwierig". Die Führer des "kleinen Dings" sehen rot. Zur Erinnerung: Algerien war von 1516 bis 1835 der osmanischen Herrschaft unterworfen, behielt aber eine weitgehende Autonomie. Aber seine Führer richten ihre Schläge gegen Frankreich, denn die Sublime Pforte war muslimisch. Boualem Sansal hat sich demnach des Verrats und der Verletzung der territorialen Integrität seines Landes schuldig gemacht.
Die Frage wäre nicht so brennend, wenn Macron nicht auf beunruhigende Weise laviert hätte. In Algier dient der Verweis auf den französischen Feind nur dazu, die unauslöschliche Schuld wieder aufleben zu lassen, die Paris angeblich gegenüber seinem ehemaligen Departement auf sich geladen hat. Am erstaunlichsten ist, dass man jene Rede des Kandidaten Macron von 2017 bei einem Besuch in Algier wieder aufgriff. War es Ruhmsucht, eine List oder Ignoranz: Der künftige Präsident sprach damals von der französischen Kolonialisierung als einem "Verbrechen gegen die Menschlichkeit".
In mimetischer Annäherung an Jacques Chirac verkündete er, mit dem Thema Algerien verfahren zu wollen, wie es sein Vorgänger im Elysée-Palast mit der Schoa im Jahr 1995 getan hatte. Der Vergleich ist zwar etwas großartig, aber wird durch die Behauptung gerechtfertigt, dass der Algerienkrieg "das Verdrängte" (l'impensé) in unserer Erinnerungspolitik sei. Verdrängt, im Ernst? Dies Verdrängte ist doch sehr wortreich, dies Beschwiegene sehr redselig, die Tausenden von Büchern, Hunderten von Dokumentarfilmen und die Dutzenden von Filmen, die dieser Geschichte gewidmet sind, lassen sich kaum mehr zählen.
Algier scheint nicht existieren, nicht atmen, nicht denken zu können, ohne Frankreich, den ewigen, unverzichtbaren Gegner, zu verteufeln. Eine Erkenntnis drängt sich auf: Macron will von Algerien nicht lassen. Unwillkürlich vielleicht spricht er weiterhin die religiöse Sprache der Reue, um eine endlich fällige friedliche Partnerschaft Paris und Algier immer weiter aufzuschieben. Er ist der Atlas, der diese ewige Last trägt, die er der Nachwelt anvertraut. Er stellt wider besseres Wissen eine zweifelhafte Verbindung zwischen der Kolonialisierung und dem Holocaust her, zwei unterschiedliche Phänomene. Die Wunde soll weiter schwären: Aber warum?
Auch wenn es richtig ist, seiner Geschichte ins Gesicht zu schauen, muss man doch auch die heutige Realität betrachten: Algerische Dissidenten suchen in Frankreich Zuflucht, die algerische Jugend wendet sich nach Frankreich, der ebenso verhassten wie begehrten Stiefmutter, und giert nach Visa. Algerien will stets das Opfer Frankreichs bleiben, um es immer neu zur Rechenschaft zu ziehen und jene "Erinnerungsrente" einzutreiben, von der Macron im Oktober 2021 so treffend gesprochen hatte, bevor er, wie erschrocken über seine eigene Kühnheit, einen Rückzieher machte.
Es kommt vor, dass der Präsident in einer langen Kette von Ausführungen eine unbequeme Wahrheit fallen lässt, die seine Gesprächspartner in Verlegenheit bringt. Das ist das Wesen seiner berühmten Formel "en même temps" ("und gleichzeitig"): So verärgert er alle, ohne jemanden zufrieden zu stellen. Macron behauptete zwar am 6. Januar 2025 auf der Botschafterkonferenz, Algerien habe sich durch die Festnahme des algerisch-französischen Schriftstellers entehrt. Es folgten aber keine konkreten Konsequenzen in Bezug auf Visa oder mögliche Vergeltungsmaßnahmen gegen das islamistisch-mafiöse Regime. Der französische Präsident will die Rechnung nicht begleichen, lieber verharrt er in ewigem Pathos. Wenn es richtig war, die Verbrechen des Kolonialismus zu verurteilen, hätte er auch an die der Unabhängigkeitskämpfer und insbesondere an das Massaker an den "Harkis" erinnern können, an Algeriern also, die für die Franzosen im Sold gestanden hatten. Eine klarer Satz hätte den gordischen Knoten auch mit Algier durchschlagen und eine gelassene Zukunft für beide Länder eröffnen können. Boualem Sansal ist ein Sündenbock für die Ambivalenzen der Elysée-Regierung.
Der Historiker Benjamin Stora, der von der französischen Regierung offiziell mit der Leitung der Versöhnungsarbeit betraut ist, übte in der Sendung "C politique" eines öffentlich-rechtlichen Senders erstaunliche Kritik an dem französisch-algerischen Schriftsteller Sansal. Statt ihn zu verteidigen, betonte er, dass der Autor nicht frei von Tadel sei, da er mit seinen Äußerungen "das algerische Nationalgefühl verletzt" habe. Kurz zuvor hatte der Politologe Nedjib Sidi Moussa, der den Salafisten nahesteht, Boualem Sansal scharf kritisiert und ihn beschuldigt, seit einigen Jahren einen feindseligen Diskurs gegen Einwanderer und Muslime zu schüren.
Im Januar 2025 weigerten sich die die Europa-Abgeordneten von Mélenchons linkspopulisischer Partei La France Insoumise Rima Hassan und Manon Aubry, einen Antrag auf Freilassung von Boualem Sansal zu unterstützen. Wie soll man hier nicht an die Blindheit der französischen Linken gegenüber Solschenizyn denken? An die abfälligen Bemerkungen eines Jean Daniel, Chef des Nouvel Observateur, in der Literatursendung "Apostrophes", der den russischen Dissidenten am 11. April 1975 darauf hinwies, dass man die Vergehen des Kapitalismus und des europäischen Kolonialismus nicht vergessen dürfe.
Die Linke, insbesondere die Sozialistische Partei, befindet sich jedoch in einer unangenehmen Lage gegenüber dem ehemaligen französischen Departement Algerien: Schwer zu vergessen, dass einer ihrer Helden, François Mitterrand, ein Befürworter von Französisch-Algerien und ein großer Guillotineur algerischer Patrioten war: Als Justizminister in der Regierung von René Coty von Februar 1956 bis Mai 1957 genehmigte er die Hinrichtung von 45 Rebellen, darunter des Franzosen Fernand Yveton, der eine Gasfabrik in der Nähe von Algier in die Luft gesprengt hatte, ohne dass jemand zu Schaden gekommen war. Der Mann, der 1981 die Abschaffung der Todesstrafe durchsetzen sollte, war während der "Ereignisse" ihr glühender Verfechter, so wie der spätere Gegner von Jean Marie le Pens 1943 von Marschall Pétain mit der Francisque ausgezeichnet worden war.
Insgesamt verhielten sich die Sozialisten und Kommunisten in Bezug auf Algerien eher lau und wollten sich nicht als Ausverkäufer des Kolonialreichs erweisen. Das erklärt vielleicht ihr heutiges verlegenes Schweigen gegenüber der sowjetisch-islamistischen Macht, die in Algier vorherrscht und die herzlichsten Beziehungen zu Wladimir Putin unterhält, der von Präsident Tebboune als "großer Freund der Menschheit" bezeichnet wird. Nicht auszuschließen, dass es eines Tages bei gemeinsamen algerisch-russischen Manövern im Mittelmeer zu einer bewaffneten Konfrontation oder gar Geiselnahme gegenüber französischen Schiffen kommen könnte. Von einem Regime, das in Bedrängnis ist und von internen Streitigkeiten geplagt wird, ist das Schlimmste zu erwarten. Boualem Sansal, ein Freiheitskämpfer und großer frankophoner Schriftsteller, muss angesichts der Willkür einer diktatorischen Macht bedingungslos verteidigt werden. Jede Zurückhaltung in seinem Fall kommt einer Billigung dieser legalen Entführung gleich. Dem Präsidenten Tebboune, der Paris mit seinem schlechten Gewissen erpressen will, sei gesagt: Nehmen Sie Ihre Ausreisepflichtigen zurück und geben Sie uns den großen Boualem wieder.
Pascal Bruckner
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