Essay

"… die mit dem leibe nit ir aigen sind"

Können wir uns wieder mit den Bauern verbünden? Von Uta Ruge
15.05.2025. Heute vor 500 Jahren wurden die Bauern besiegt, die Thomas Müntzer 1525 gegen die Landsknechtheere der deutschen Fürsten in die Schlacht geführt hatte. Zwei Monate zuvor hatten sie zwölf Artikel zu ihren Forderungen verfasst: Wichtigster Punkt war die Abschaffung der Leibeigenschaft. In diesem Jahr haben die "Freien Bauern" zwölf neue Artikel verkündet: Diesmal geht es um das Überleben regionaler Familienbetriebe angesichts von Klimawandel und industrialisierter Agrarwirtschaft. Aber auch Bruno Latours "Terrestrisches Manifest" könnte helfen, bäuerliche Arbeitsrealitäten, Klimaschutz und die Nahrungsbedürfnisse von fast neun Milliarden Menschen zu vereinbaren.
Hans Multscher, Außenflügel des Wurzacher Altars, um 1437. Ausschnitt


Als ich meinem Bruder, der Milchbauer ist, erzählte, dass ich vorhabe, über den Bauernkrieg zu schreiben, lachte er und sagte: "Der ist bei uns noch nicht vorbei." Aber darf man denn die Bauernkämpfe des 16. Jahrhunderts mit den heutigen Bauern und ihren Kämpfen vergleichen, wurde kürzlich ein Historiker gefragt. Ja, sagte der, vergleichen kann man alles, aber gleichsetzen sollte man nichts.

Etwas freihändiger urteilte dagegen eine Moderatorin in einem der vielen Erklärfilmchen und Dokumentationen, die uns zum 500-jährigen Gedenken im Fernsehen den Bauernkrieg nahebringen sollen: Der Kampf um die Freiheit sei natürlich etwas ganz anderes gewesen als der Streit um höhere Milchpreise, sagte sie selbstgewiss.

Das saß zwar. Aber es war so richtig wie es falsch war.

Denn sobald wir uns darum bemühen, soziale Unruhen und Kämpfe - einer Klasse, eines Standes, einer Berufsgruppe - in Kategorien wie "Transformation", Neuordnung", "globale und regionale Entwicklung" oder auch "ökonomische, soziale und ökologische Veränderungen" zu sehen, kommt man mit simplistischem Spott über Milchpreise, über deren Zustandekommen die junge Moderatorin vermutlich gar nichts wusste, keinen Schritt weiter.

Und auch ich als Ur-ur-Enkelin eines Mecklenburger Bauern, der sich und seine Söhne noch freikaufen musste, und als Schwester und Tante von heutigen Landwirten, komme keinen Schritt weiter, wenn ich ihre Verbündete zu sein versuche, ohne genauer hinzusehen.

So möchte ich mich im Tanz um gesellschaftliche Ein- und Aussichten - vorwärts, rückwärts, seitwärts und ran - von dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu an die Hand nehmen lassen. Er war selbst Bauernsohn und sprach in der Selbstreflexion seiner Arbeit von einer Haltung der "soziologischen Zärtlichkeit", mit der er Studien über sein Herkunftsmilieu angepackt habe. Und den französischen Soziologen und Philosophen Bruno Latour möchte ich dabeihaben, wenn ich aus dem Tauchgang in die dunklen Gefilde der Geschichte des Eigentums an Arbeitskraft, Boden und Kapital wieder in der Gegenwart auftauche - und von dort in eine terrestrische, also erdgebundene und weltzugewandte Zukunft blicken will.

Klar ist, dass viele Menschen in vielen Erdteilen und auch bei uns um die Ecke immer noch an viele Dinge Hand angelegt haben müssen, bevor wir Brot, Butter und Ei, bevor wir Tee, Kaffee und Kakao zum Frühstück auf den Tisch stellen können. Mindestens mit Erde, Pflanzen und Tieren, mit Wasser und Dung müssen sie gearbeitet haben - meist noch vor dem eigenen Frühstück, regional und global, oder eben terrestrisch, wie Latour es als neue Bezeichnung vorschlägt, d.h. in Verbindung mit einem bestimmten Ort und offen für die Welt.

Aber eins nach dem anderen.

Zuerst will ich an die Bauernkrieger und -rebellen des 16. Jahrhunderts und an ihre Verbündeten erinnern und sie ehren. Und muss natürlich gleich zur Kenntnis nehmen, dass von der Freiheit der Frauen, der Bäuerinnen und Bürgerinnen, der Schwestern, Töchter und Enkelinnen der Rebellen hier nicht die Rede war. Erst vierhundert Jahre später wurden die Frauen in Sachen Freiheit mitgedacht, konnten selbst zu Wort kommen. Warum wurden sie noch so lange niedergehalten? War es, weil auch der 'gemeine Mann', als dessen Freiheitskampf der Bauernkrieg inzwischen gilt, ein Hinterland und einen Besitz haben will, und wenn es nur seine Frau und seine Kinder sind? Eine schwierige Wahrheit - überall und bis heute.

Natürlich waren die Bauern, die sich im 16. Jahrhundert vor allem im Südwesten Deutschlands und in der Schweiz erhoben, nicht nur Bauern. Es waren auch Stadtbürger dabei - aus Augsburg und Würzburg, Straßburg und Nürnberg. Selbst Männer von geringerem Adel, Amtsleute, Handwerker und Bürgermeister erfasste der Aufstand für die Freiheit. Und gar nicht so wenige Ritter beteiligten sich, die Bekanntesten sind Götz von Berlichingen und Florian Geyer von Giebelstadt. Ihr Beispiel taugt uns zudem gleich als Lehre zum Stand der Dinge der damaligen Gesellschaft. Denn der Ritter, sein Stand und Status, Lassen und Tun galt schon als veraltete Lebensweise gegenüber den moderneren Adelsfamilien, die sich zum Erhalt ihrer Macht lieber Söldnerheere zusammenkauften, als sich auf die störrischen Selbstherrlichkeiten traditioneller Ritter einzulassen. Das ritterliche Kampfreitertum war obsolet geworden, die Ritter oft verarmt - eine sterbende Klasse, deren Vertreter ihr Glück bei kriegerischen Auseinandersetzungen mal auf dieser Seite und dann auch beim Gegner versuchten. Immerhin brachten sie Pferde und Waffen mit in den Kampf. Aber was die aufständischen Bauern damals noch viel dringender brauchten, waren Menschen, die lesen und schreiben konnten. Sie brauchten Verbündete, die der Welt jenseits der Höfe und Felder anders begegnen konnten als nur mit einem heißen Unrechtsbewusstsein, Dreschflegeln und Spießen, mit Heulen und Zähneklappern.

Kurzum: Die Reformation kam zu Hilfe. Oder ist sie überhaupt schon der Auslöser ihrer Unruhe gewesen? Oder waren beide, Reformation und Bauernkrieg Ausdruck derselben gesellschaftlichen Krise jener Zeit? Und welche Krise sollte das gewesen sein? Die Verheerungen der Pest waren vorbei und die um mehr als ein Drittel reduzierte Bevölkerung Europas hatte längst wieder begonnen zu wachsen. Aber der Blick auf die Welt hatte sich verändert.

"Die Freiheit des Christenmenschen", so lautete eine Schrift von Martin Luther von 1520. Schon drei Jahre zuvor, 1517 hatte er seine Thesen an die Kirchentür von Wittenberg geschlagen, sich in Worms dann 1521 geweigert, seine Haltung zu widerrufen - insbesondere die zur Käuflichkeit der Sündenvergebung, also zum Ablass, den man erfunden hatte zur Finanzierung des Petersdoms in Rom. Eine antiklerikale Stimmung hatte es allerdings schon lange in Europa gegeben, sie hatte sich - mal offen, mal versteckt - in dem Maße verbreitet, in dem der von Rom aus geführte Klerus sich immer mehr Rechte, Privilegien und weltlichen Besitz zugeschanzt, immer mehr Abgaben, Frondienste, Hand- und Spanndienste von seinen Untergebenen gefordert hatte. Dieser Druck hat jene am stärksten getroffen, die ihrem Grundherrn vollständig ausgeliefert waren, die seinen Burgen, Klöstern und Bürokraten nicht entkommen konnten, gebunden waren an die Scholle der Herrn und damit an Hand und Fuß gefesselt, arme lüte die mit dem libe nit ir aigen sind, die Leibeigenen also.

Nun forderten die rebellischen Bauern die Abschaffung der Leibeigenschaft. Aber auch hier ist ein genauer Blick vonnöten. Denn die Leibeigenschaft, gemeinhin als der entscheidende Grund für den Bauernkrieg angeführt, herrschte nicht allgemein und nicht gleichzeitig und überall. Wie überhaupt alle Herrschaft in den immerhin tausend Jahren, die wir als Mittelalter bezeichnen, in Europa und schon allein in den deutschsprachigen Ländern höchst unterschiedlich und regional viel kleinteiliger ausgeübt wurde, als wir uns heute vorstellen können. Während etwa in Braunschweig-Wolffenbüttel die Leibeigenschaft schon 1433 aufgehoben wurde, gerieten in Mecklenburg die Bauern erst hundert-zwanzig Jahre nach dem Bauernkrieg überhaupt erstmalig in den Zustand der Leibeigenschaft, nämlich 1645 (abgeschafft wurde sie dort 1822).

Aber zurück zum Lesen und Schreiben, zum Wort, zur Reformation.

Martin Luther hatte viele und sehr frühe Vorgänger. Zu nennen wäre besonders der englische Pastor John Ball, von dem aus einer Predigt von 1381 (!) eine Sentenz stammte, die weit herumkam: "When Adam dalf [dug] and Eve span [spun], Who was then a gentleman? (Als Adam grub und Eva spann, wer war da der Edelmann?)  Auch Bauernaufstände hat es seit dem frühen Mittelalter immer wieder gegeben, in England ebenso wie in deutschsprachigen Landen wie auch besonders in Frankreich.

Worin lag nun der entscheidende Unterschied? Warum konnten sich die Bauernunruhen in Süddeutschland nach langem Gären - man denke an die anonym gebliebene Schrift Reformatio Sigismundi von 1439 ("Es ist ungeheuer, dass ein Christenmensch zum anderen sagen darf: Du bist mein Eigentum!") an Hans Böheim von Niklashausen, den Armen Konrad und Jos Fritz und die Männer vom Bundschuh - jetzt zu einem Krieg auswachsen? Wobei der Ausdruck "Krieg" damals nicht benutzt wurde. Denn es stand den Bauern nicht zu, ein Schwert zu führen. Bewaffnet zu kämpfen war das Privileg der Herren (vielleicht die einzige mittelalterliche Regel, die man sich zurückwünscht).

Der entscheidende Unterschied zu früheren Erhebungen lag 1524/25 wieder im Wort, und zwar dem gedruckten Wort. Denn die Druckerpresse hatte sich inzwischen so weit verbreitet, dass sich dank des Mainzer Kaufmannssohns Johannes Gutenberg alle Ankündigungen, auch die Schriften Luthers und die zwölf Artikel der Bauernrebellen in zuvor unerreichbar hoher Auflage und kürzester Zeit verbreiten konnten. In Ochsenkarren, auf Eselrücken und in den Kiepen wandernder Pilger und Händler erreichten sie die Schenken, Marktplätze und geheimen Versammlungen der Bauern und konnten dort vorgelesen werden. Und erst nachdem die vielen, vielen lokalen Verhandlungsversuche der Bauern mit Bischöfen und Grafen, mit Äbten und Äbtissinnen zu nichts geführt hatten, gründete man vielerorts bewaffnete Haufen und verabredete sich zur gemeinsamen Aktion.

Reformation und Bauernkrieg waren auch Medienereignisse.

Luther und seine Mitstreiter forderten den Verzicht des Papstes, seiner Bischöfe, Kardinäle und Pfarrer auf weltlichen Besitz und weltliche Macht. Die reformatorisch gesinnten Pfarrer und Theologen appellierten in oft heftiger und grober Weise an ihre Berufskollegen, sie sollten sich alleine auf geistliche Dinge und das Seelenheil der Gläubigen beschränken. Dem stimmte die katholische Kirche jedoch nicht zu und über diese Frage - unter anderem - wurde noch hundert Jahre nach dem Wittenbergischen Thesenanschlag dreißig Jahre lang Krieg geführt (1618-48). Danach waren 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung tot und man einigte sich im Westfälischen Frieden auf eine Gleichstellung der Religionen und ihrer Gemeinden. Seither existierten katholische und protestantische Gemeinden und Gotteshäuser nebeneinander - an verschiedenen Orten der Welt und zu verschiedenen Zeiten mehr oder weniger friedlich.

Aber was genau forderten die Bauern?

Ihre zwölf Artikel sind eng angelehnt an die Grundstimmung und Überzeugung der Reformatoren - aber sie gehen noch einen kleinen, entscheidenden Schritt weiter. Sie buchstabieren aus, was für Bauern und Bürger die Aufgabe der weltlichen Macht der Kirche heißen würde. Im ersten Artikel fordern sie das Recht der Gemeinden auf Wahl und Entlassung ihres Pfarrers. Im zweiten wollte man der Kirche wohl den 'rechten Zehnt' weiterhin zahlen, aber dieses Geld sollte nur den Lebensunterhalt des Pfarrers bestreiten, der Rest an Bedürftige abgegeben werden; zudem sollte Schluss sein mit Fastnachthennen, Osterbutter und den ganzen Extras, mit denen sich die Geistlichkeit versorgt hatte und als ihr Gewohnheitsrecht auf den 'kleinen Zehnt' oder 'Schmalzehnt' für rechtens hielt. Erst im dritten Artikel forderte man die Abschaffung der Leibeigenschaft - und zwar mit der Begründung, 'dass uns Christus alle mit seinem kostbaren vergossenen Blut erlöst hat'. Artikel Vier und Fünf beschrieben die Rückgabe der Wald- und Wasserrechte, dass also wieder von allen gejagt und gefischt werden dürfe, Sechs und Sieben wollten die Frondienste in Grenzen gehalten wissen und forderten, dass die Bauern für Extraarbeiten entlohnt würden. Der achte Artikel mahnte an, die Grundsteuer zu senken - ein wichtiger Hinweis darauf, dass auch Landbesitzer unter den Aufständischen waren. Der neunte Artikel wollte eine unparteiische Justiz, und der zehnte Artikel, dass die ungerecht angeeigneten Güter des Gemeinbesitzes, also die Allmende, an die Allgemeinheit zurückgegeben wird. Mit dem elften wollten die Bauern die besonders verhasste Abgabe, nämlich die Todfallzahlung, abgeschafft wissen, durch die den hinterbliebenen Witwen und Waisen fast der gesamte Besitz nach dem Tod des Gatten und Vaters genommen werden konnte. Dass die Bauern ihre Rebellion gewissermaßen als Gottesdienst ansahen, wird schließlich im zwölften Artikel deutlich, denn da hieß es sinngemäß, dass ihre Forderungen sofort als ungültig angesehen werden sollten, wenn man beweisen könne, dass sie allesamt oder auch nur in Teilen 'wider Gott' seien. Im Schlusssatz segnen sie sich gewissermaßen selbst: "Der Friede Christi sei mit uns allen".

Die Bauern wollten keinen Krieg, sie wollten mit der Gegenseite verhandeln. Die Fürsten, Grafen, Äbte und Äbtissinnen jedoch verhandelten meistens nur zum Schein. Sie ließen die Bauern abziehen - und schickte den unbewaffneten Bauern bewaffnete Reiter hinterher, die ihnen in den Rücken fielen, sie gefangen nahmen, abschlachteten und dem Henker übergaben.

Manchmal gehe ich, wenn ich mit Worten nicht weiterkomme, in die nächstgelegene Gemäldegalerie. Heute sehe ich mir nur die Hände an. Was tun die Menschen, die in alten Gemälden dargestellt werden, mit ihren Händen? In den Mittelalterabteilungen sind es neben dem Beten und Segnen oft auch Gesten des Zeigens, manchmal mit ausgestrecktem Finger: da, das Kind, das Lamm, das Kreuz, die Wundmale. Wie ausdrucksstark sie sind, die erhobenen, bittenden, flehenden Hände, auch die Gesten des Bittens und der Abwehr! Und da sitzt der Kirchenvater Hieronymus, der seinen Kopf in die Hand stützt zum Zeichen des Nachdenkens. Schließlich die Hände der Verzweifelten, die den Stamm des Kreuzes umschlingen, fast immer sind es die Frauen, sie ringen die Hände, verhüllen ihr Gesicht, stützen sich die eine auf die andere. Diese Szenen liegen am Ende des zentralen Heilsgeschehens, der Kreuzigung dessen, der, wie die Bauern schreiben, sein "kostbares vergossenes Blut" für alle gegeben hat. Lasse ich die Bilder von Verkündigung und Geburt aus, so überwiegen die Bilder des Folterns. Da werden Peitschen, Stöcke und Lanzen gefasst, und Ruten und Keulen. Hinzu kommt die Körperhaltung des Ausholens zum Zuschlagen, -stechen und -spießen. Und die Hände von Knaben nehmen Steine auf, um sie dem gleich zu Tode Gefolterten an den Kopf zu werfen. Am Ende sind da die Riesenschwerter in kräftigen Männerhänden, die hoch erhoben gleich auf den entblößten Hals des Opfers niedersausen, und im selben Bild etwas seitlich tropft das blutige Schwert, hängt herab in der Mörderhand, während aus dem Halsstumpf des Opfers das Blut schießt. Es wird hier zum Krieg getrommelt, gehenkt und enthauptet, erstochen, gerädert und ertränkt.

In vielen dieser Gemälde ist die Geißelung Christi dargestellt, dazu die Todesarten der von der Kirche zu Heiligen erklärten frühen Christen. Aber die Darstellungen der Mord- und Schlachtszenen häufen sich, scheint mir, im 16. und 17. Jahrhundert - sind Auftragsarbeiten für die siegreichen Fürsten und Bischöfe, sind sowohl Propaganda der Gegenreformation als auch das Erfahrungswissen der Maler aus allen Kriegen und Schlachten ihrer Zeit. 

Es muss am Ende noch einmal dringend gesagt werden, dass die schwäbischen, badischen und elsässischen Bauern immer und überall ihren Herren und Besitzern, den Grafen, Bischöfen und Äbten zuallererst Verhandlungen anboten, auch, weil sie in ihnen trotz allem ihre christlichen Brüder sahen. Die aber wollten weder mit ihnen verhandeln - oder nur so lange, bis sie die Heere beisammen hatten. Noch wollten sie ihre Brüder sein. Einer ihrer schärfsten Gegner, Kanzler des Schwäbischen Bunds, Leonhard von Eck schrieb: "Der Bauern brüderliche Liebe ist mir ganz zuwider. Ich habe mit meinen natürlichen und leiblichen Geschwistern nicht gerne geteilt; geschweige, dass ich das mit Fremden und Bauern täte." So kam es, dass die Zahl der inzwischen bewaffneten Bauernhaufen im Frühjahr 1525 anwuchs.
 
Die Beschreibungen der Zeit vor dem Ausbruch der Gewalt der Bauern erinnern mich an den Vorlauf zur Revolution in Russland, genauer gesagt, an die Zeit der Verhandlungen in der Staatsduma nach dem Petersburger Blutsonntag von 1905. Als dort 1907 einer der adligen Delegierten über seinen Besitz sprechen wollte, rief ein Bauerndelegierter ihm zu: "Wir kennen euren Besitz, denn wir selbst waren einst euer Besitz", und weil auch zehn Jahre später die Forderungen der russischen Bauern nach einer Agrarreform, nach Böden, Saatgut und generell Teilhabe -, weiterhin nicht eingelöst war, nahm die Gewalt gegen Grundbesitzer zu. Der damalige Premierminister Fürst Lwow, selbst natürlich ein Gutsherr, sprach von der Rache der Leibeigenen und der Gewalt als Ergebnis "unserer ureigensten Sünde": "Hätten wir die Bauern als Menschen und nicht wie Hunde behandelt, dann vielleicht wäre alles anders verlaufen."

Der Glaube der Aufständigen des 16. Jahrhunderts, dass nämlich ihre zwölf Forderungen im Sinne Gottes seien, hat sie enorm radikalisiert. Als dann Zar Nikolaus II. am Petersburger Blutsonntag auf betende Demonstranten schießen ließ, hat dies den Glauben der russischen Bauern so schwer erschüttert, dass selbst sie zu den Bolschewiki überliefen.

Und wie ist es heute? Und wann kommt endlich Bruno Latour ins Spiel?

Fangen wir einmal mit ihm und seinem "Terrestrischen Manifest" an. Wie ich es verstehe, ruft er uns in diesem Text dazu auf, angesichts des Klimawandels zwischen lokal und global einen dritten Weg des Miteinander zu wählen, den er 'terrestrisch' nennt. Für ihn hat weder Rechts noch Links als politische Kategorie eine Zukunft, noch bringen Globalität des Marktes oder die darauf reagierende Beschränkung auf das Lokale, Nationalistische die Rettung. Was nottut ist etwas jenseits davon, eine Orts- und Erdgebundenheit, die offen ist zur Welt. Ja, es geht ihm tatsächlich wieder um Bindung an das Lebensterrain - Latour stammte aus einem Weinbaugebiet, sein Vater war Weinhändler -, um eine Bindung an Mitmenschen und andere Mitwesen, Pflanzen, Tiere, Flüsse, Seen und Meere.

Wenn es um alle auf dem ganzen Planeten geht, die mit natürlichen Ressourcen für die Nahrungsmittel aller arbeiten, wären die heutigen Bauern wahrhaftig in ihrem Denken viel weiter als uns das Mahnmal an diesem Ort, an dem sie sich versammelt haben, nämlich in Bad Frankenhausen, weismachen will.

Denn tatsächlich hat eine jener Bauernorganisationen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten jenseits des Deutschen Bauernverbands entstanden sind, die "Freien Bauern", ihre Mitglieder zum 500. Jahrestag der Zwölf Artikel, nämlich im März 2025, nach Bad Frankenhausen gerufen, um zwölf neue Artikel zu verkünden. Schade, dass es nicht im schwäbischen Memmingen war, an dem die Artikel im März 1525 formuliert und verkündet worden sind, sondern dass dieser Ort gewählt wurde, der Ort der entscheidenden Niederlage der Bauern, heute das Zuhause des gigantischen, grotesken Bauernkriegspanoramas von Werner Tübke.

Deshalb sei mir noch ein Seitenschritt erlaubt, bevor wir endlich auf die neuen Forderungen der heutigen Bauern kommen, die sie in Anlehnung an alten Artikel von vor 500 Jahren formulierten. Bei dieser monomanischen Inszenierung von Thomas Müntzer (1489-1525) als dem Anführer der "Frühbürgerlichen Revolution", wie der Bauernkrieg in der DDR-Diktion hieß, geht es natürlich auch um die verschiedenen Arten von Ost- und Westdeutschland, sich die Geschichte des Bauernkrieges anzueignen. Einem Theologen und Mystiker wie Thomas Müntzer lag die Idee einer apokalyptischen Endzeit nahe, jeder Gedanke an Verhandlungen und Kompromisse jedoch fern. Während es Martin Luther um die Freiheit des Glaubens gegangen war, hatte er sich von den rebellischen Bauern, als einige ihrer bewaffneten Haufen anfingen, Schlösser und Klöster zu stürmen und anzuzünden, von ihnen distanziert und sogar gegen sie angeschrieben. In seiner berühmten Schrift "Wider die mordischen und reubischen rotten der Bawren" von 1525 hieß es, "man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich…, wie man einen tollen Hund erschlagen muss". (Hat sich übrigens die Evangelische Kirche bei ihren 500-Jahr-Reformationsfeiern bei den Bauern entschuldigt?)

Dagegen rief Thomas Müntzer im Mai 1525 die Bauern zur Entscheidungsschlacht nach Frankenhausen - obwohl eigentlich alles dagegen sprach, vor allem die vereinigte Fürstenmacht und ihre vielen Tausend bis an die Zähne bewaffneten, gut ausgebildeten und im Kriegshandwerk bestens erfahrenen Söldner. Nach Müntzer kämpfte jedoch Gott selbst auf der Seite der Bauern. Er ruft ihnen zu: "Lasst euch nicht erbarmen! Lasst euer Schwert nicht kalt werden…! Solange sie leben, könnt ihr nicht ohne Furcht sein… Gott geht voran, folget, folget." Diese Radikalität führte ins Unheil, wurde aber in der Diktion der DDR umfassend zelebriert, sodass es viele Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften mit dem Namen Thomas Müntzers gab und sein Konterfei auf dem 5-Mark-Schein der DDR prangte.

So steht denn auch Müntzer im Mittelpunkt jenes Riesen-Panoramagemäldes, das sich über 1.700 Quadratmeter Leinwand erstreckt und für das in den 1980er Jahren eigens vor der Stadt ein Rundbau errichtet wurde - auf jenem Hügel, von dem das Blut der Aufständischen am Tag der letzten Schlacht in Strömen herabgeflossen sein soll.

Der monumentale Rundbau beherbergt das staatlich beauftragte und von Werner Tübke entworfene Gemälde zum Bauernkrieg. Wie passend war es doch, dass Bau und Bild weniger als zwei Monate vor dem Fall der Mauer der Öffentlichkeit übergeben und so zu einem spektakulären Schlussstein der DDR wurde. Dieses Bild zeigt es nun wieder im Überfluss: Krieg und Mord in allen Formen und Farben. Trommeln werden geschlagen, Fahnen wehen und enden im Staub, allenthalben schwebt Ende und Himmelssturz in der Luft, Kriegs- und Mordtat, Verrat, Blindheit und Herrschaft des Geldes - anverwandelt der Ikonografie eines Hieronymus Bosch mit ihren Bilderfindungen monströser Körper von Mensch-Tier-Fabelwesen und Satansfiguren. Daneben Folter zuhauf, Menschen vom Galgen hängend, gefangen, enthauptet, daniederliegend und auf allen Vieren. Alles in allem eine furchtbare Geschichte von Aufruhr und Verrat, Zusammenrottung, Überfall und Schändung, Mord und grausamer Rache. Und kaum ein paar Quadratzentimeter hat Tübke für die Darstellung friedlicher Fürsorge für Land, Mensch und Tier übrig gehabt, nicht einmal als Bild einer realistischen Utopie - oder anders gesagt, als gleichzeitige Realität in jedem, selbst im apokalyptischen Alltag der Menschen in Ländern und Regionen, in denen Krieg herrscht - wie es im Moment in der Ukraine und in Gaza der Fall ist.

Nun also, an diesem historischen Ort haben die heutigen Bauern - und Bäuerinnen! - mit zwölf neuen Artikeln der damaligen Forderungen gedacht. Es war keine riesige oder riesig erfolgreiche Veranstaltung, wie das auf Youtube gepostete Video zeigt. Und dennoch sollten wir solche Versammlungen und Forderungen sehr ernst nehmen. Denn es wäre ja möglich, dass die Proteste der Bauern mit einer umfassenderen Krise zu tun haben. Und dass diese Krise uns alle angeht. Womöglich brauchen wir einander sogar als Verbündete zu deren Bewältigung, die Bauern und Land- und Stadtbewohner.

Die erste Forderung der Bauern ist, dass Freihandelsverträge nur noch mit Ländern geschlossen werden, die Lebensmittel zu unseren sozialen und ökologischen Standards erzeugen, an zweiter Stelle richten sie sich an die EU mit dem Appell, die nach Bodenfläche der landwirtschaftlich genutzten Hektare direkt an Grundbesitzer ausgeschütteten Gelder zu kappen, das heißt Direktzahlungen stattdessen zur Stützung regionaler Familienbetriebe zu nutzen.  Denn tatsächlich wird ein sehr großer Teil der Agrarförderung im Moment an die sehr großen Player ausgezahlt - wie Agrarholding-Firmen oder sogar Unternehmen wie Aldi, die sich - ganz im Trend der großen Einzelhandelsketten - immer mehr zu großen Landbesitzern mausern, auf deren Böden angestellte Agrar-(Fach-)Arbeiter säen und ernten. Die Freien Bauern wollen dagegen, dass diese Gelder nur noch an ortsansässige selbständige Landwirte gehen. Ihre dritte Forderung ist, dass der gigantische Flächenverbrauch in Deutschland eingestellt wird, ob für Straßen, Wohngebiete oder den sie angeblich kompensierenden Pflicht-Naturschutz. Dann wird es etwas kleinteiliger, es geht um die Forderungen Vier, Fünf und Sechs, die vermutlich nur noch Agrarexperten verstehen. Was aber jeder verstehen kann ist, dass sie sich gegen die pauschale Schuldzuweisung an die Landwirtschaft in Sachen Insektensterben, Nitratverseuchung der Böden und gegen die staatliche Definition von 'Tierwohl' richten. Dagegen werden neutrale Untersuchungen, etwa ein flächendeckendes Nitrat-Messnetz und die Überprüfung von Kläranlagen gefordert und eine Ökonomie, die das Tierwohl zu achten zu einer Selbstverständlichkeit machen. Einfacher für uns zu verstehen sind die Forderungen Sieben und Acht: Keine Patente auf Tier- und Pflanzengene, keine Gentechnik und eine Ablehnung einer durch Produktionsvorschriften Einzug haltenden Zwangsdigitalisierung.

Forderungen Neun und Zehn beschäftigen sich mit staatlichen Hilfen bei Witterungsschäden, die abgelehnt werden, sowie mit einer Ausweitung der sogenannten Höfeordnung, die das geltende Erbrecht zugunsten des einen Erben, wie es in Norddeutschland existiert, in ganz Deutschland umsetzen soll. Die elfte Forderung erwähnt tatsächlich die Milch. Dabei geht es um die Knebelverträge, durch die seit Jahrzehnten die großen Milchindustrie-Unternehmen die Milchbauern übervorteilen. Die letzte, die zwölfte Forderung will "Ruhe am Weidezaun", nämlich die Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht. - Diese letzte Forderung macht es wahrscheinlich wieder vielen Städtern etwas schwerer, sich mit den Bauern zu verbünden - da ihre Toleranz gegenüber den Wölfen groß ist, solange sie weitab vom Problem leben und keine Weidetiere vor ihnen schützen müssen. Und auch mit einigen anderen dieser Forderungen hat eine Gesellschaft es schwer, die ihre Einfamilienhäuschen ebenso heiß liebt wie ihre Autos, die gerne mit dem zurückgekehrten Wolf tanzt, aber auch gerne möglichst viele Kühe, Pferde und Schafe auf den Weiden artgerecht grasen sehen möchten. Vor der darin enthaltenen Widersprüchlichkeit verschließen alle gerne und nachhaltig Augen und Ohren.

Immerhin, einige andere Forderungen sind höchst kompatibel mit unserem städtischen Bewusstsein: kein Zustrom 'schmutziger' Lebensmitteln, keine Gentechnik, Kappung der EU-Zahlungen an Riesenunternehmen, Schluss mit Flächenversiegelung und einer alles durchdringenden und kontrollierenden Digitalisierung.

Wären einige der heutigen Forderungen der Bauern nicht das ideale Terrain, auf dem sie sich mit Stadtbewohnern im Terrestrischen treffen könnten, in einer Erdgebundenheit, die sich öffnet zur Welt? Und müsste man nicht über die anderen miteinander verhandeln können? Sie überhaupt erst einmal verstehen lernen?

Der österreichische Schriftsteller und Kulturphilosoph Egon Friedell schrieb: "Um die Wende des fünfzehnten Jahrhunderts ereignet sich… etwas sehr Merkwürdiges. Der Mensch, bisher in dumpfer andächtiger Gebundenheit den Geheimnissen Gottes, der Ewigkeit und seiner eigenen Seele hingegeben, schlägt die Augen auf und blickt um sich. Er blickt nicht mehr ü b e r sich, verloren in die heiligen Mysterien des Himmels, nicht mehr u n t e r sich, erschauernd vor den schaurigen Schrecknissen der Hölle, nicht mehr  i n  sich, vergrübelt in die Schicksalsfragen seiner dunklen Herkunft und noch dunkleren Bestimmung, sondern geradeaus…  Dieser Blick ist von einer eigentümlich tiefen Flachheit. Es ist der Blick der untragischen Zufriedenheit, des philiströsen Wohlbehagens, der praktischen Klugheit, der problemlosen Vernünftigkeit..."

So ambivalent hat schon Friedell vor knapp hundert Jahren die Neuzeit beschrieben, und er hat ihr ganz entschieden die Sünde des Kolonialismus zugewiesen. Zu dieser Ambivalenz, geben wir es zu, gehört auch die Freiheit der Bauern, die nicht weiter zu den Objekten der Unterwerfung gehören wollten. Auch sie wollten nicht mehr unterworfene Körper sein, ihrer Hände Arbeit unter der Verfügungsgewalt anderer Menschen. Vielleicht wollten sie schlicht teilhaben an der "untragischen Zufriedenheit" der Bürger, wie Friedell es nennt, und womöglich auch an der Beute der Kolonisierung der anderen Bauern, jenseits des eigenen Blickfelds.

Heute haben es die Bauern in aller Welt - ob Groß- oder Kleinbauern, ob in Europa, Indien oder Ägypten - mit dem Druck verteuerter Böden und immer billiger werdenden Erzeugerpreise zu tun. Dabei sind sie es, die verantwortlich sind für die Ernährung der acht Milliarden Menschen auf diesem Planeten. Tief verunsichert wie wir alle sind auch sie durch den Klimawandel, den wir alle täglich verdrängen. Die Gewalt dieser Verhältnisse sieht nicht mehr aus wie die Gewalt, die der leibeigene Bauer vor Hunderten von Jahren alltäglich erlitten hat als ein Mensch, der sich nicht selbst gehörte. Und der seine Rebellion nach der Niederlage im Bauernkrieg mit Folter und gewaltsamem Tod auf den öffentlichen Plätzen des Landes und der Städte hunderttausendfach bezahlte. Heute sind es die Dürren und Überschwemmungen, die unzeitigen Fröste und langanhaltende Hitze, die den Lebensmittelanbau und die Haltung von Vieh so schwer machen, dass immer mehr Bauern weltweit ihre kleinen und auch die großen Betriebe aufgeben müssen.

Tatsächlich kämpfen die Bauern heute gegen ihr Verschwinden - auf kultureller, symbolischer und sogar konkret-realer Ebene. Tatsächlich hat sich ja die Produktion unserer Lebensmittel weitgehend dorthin verlagert, wo wir sie nicht sehen - in die hiesigen riesigen Ställe und in die früher kolonialisierten Länder Amerikas, Afrikas und Asiens. Wenn dann manche Stadtbewohner vor den riesigen Traktoren in ihren Städten erschrecken, möchte man sie fragen, ob sie wissen, wie viele Hunderttausende, sogar Millionen Menschen und Tiere durch diese Maschinen, die statt ihrer pflügen und säen, heben, schieben und ziehen, ersetzt worden sind.

Könnte es sein, dass es weltweit die Bauern sind, die am unmittelbarsten spüren, welche Klimaveränderungen in der Welt schon bald nicht mehr handhabbar sein werden?

Und könnte es auch sein, dass wir auf irrationale Weise gerade diejenigen, die Wasser und Böden, Pflanzen und Tiere für unsere Ernährung nutzen, verantwortlich dafür machen, dass Erde und Wasser bald nicht mehr ausreichen werden? Jedenfalls können sie nicht für acht oder bald neun Milliarden Menschen sorgen - außer um den Preis einer elektronischen und digitalen Optimierung, einer Massenproduktion, die wir ihnen übelnehmen, weil wenigstens unser Kindheitsbild von der Welt noch gelten soll: Bauer mit Mistforke im Stall, Kühe auf der Weide und die Bauerfrau sammelt im Hühnerstall die Eier ein, während der Hahn auf dem Mist kräht.

Auch dieses Bild gehört zu dem, was Bruno Latour als das falsche Lokale beschreibt, dessen Protagonisten sich gerne als Retter vor dem Globalen anbieten. Aber beides trägt Zerstörung in sich, das durchkapitalisierte Globale ebenso wie die falsche Idylle des Abgegrenzten, Eigenen, Autochthonen. Mir scheint, dass wir alle es sind, Land- und Stadtmenschen, die sich kundig machen müssen, das Terrestrische beschreiben und Verbündete suchen. Denn es geht um Bindung und Fürsorge, um Offenheit und Einsicht in die Notwendigkeiten für Menschen und Böden, Tiere und Pflanzen.

In den alten Bildern in den Galerien des Mittelalters wird am Anfang der christlichen Heilsgeschichte, bei der Verkündigung, ein Buch in den Händen gehalten, da ist Maria die lesende Frau par excellence. Sie ist die, die sich kundig macht. Und nach der Geburt wird uns dieses merkwürdig vaterlose Kind auf ihrem Schoß sitzenden gezeigt, da gibt es bei den alten holzgeschnitzten Bildnissen höchst bewegliche, lachende Kinder auf dem Schoß, die manchmal wegstreben, dann wieder ganz gemütlich ihren Platz ausfüllen mit einem abgewinkeltem Bein und einer Hand an der Brust der Mutter.

Wir sehen die Hände der Frauen, die der jungen Mutter im Kindbett Speise anbieten, die ein Tuch zum Trocknen des Kindes bereithalten, sie ordnen und kochen und fegen. Auch Joseph, Marias Mann gehört manchmal zu den Helfenden, mal hält er das Licht so, dass man das Kind in der Krippe sehen kann, mal bringt er Maria einen Brei. Und rechts vom Altar mit der Darstellung des Joseph, der während der Anbetung der Könige seiner Frau einen Brei anbietet, gibt es in der Berliner Gemäldegalerie eine Nachbarin, eine Maria mit einem hell auflachenden Jesuskind auf dem Arm seiner Mutter.

So werden, wenn man sehr genau hinsieht, auf diesen alten Menschendarstellungen auch die gezeigt, die in der alltäglichen Fürsorge füreinander leben. Sie können Bilder einer Solidarität im Alltag sein, die man gerne auch als terrestrische, reale Utopie in Anspruch nehmen möchte.

Uta Ruge
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