
Der russisch-amerikanische Schriftsteller
Gary Shteyngart hat sich einen Anzug schneidern lassen. Aus mitternachtsblauem italienischem Wollstoff, von einem japanischen Schneider namens
Yuhei Yamamoto, denn Shteyngart braucht für seinen Körper einen
Sackanzug und dieses, von den Brook Brothers perfektionierte Modell, verstehen japanische Schneider offenbar am besten. Von 10.000 Dollar ist die Rede, aber ob das wirklich die vier Maßhemden und die Maßschuhe umfasst? Egal, die Redaktion bezahlt, denn für Shteyngard
ist dieser Anzug eine Reise: "Ich wurde 1972 in der Sowjetunion geboren und bekam schnell ein
Matrosen-
Outfit mit weißen Strumpfhosen und sexy Shorts angezogen und dann eine Balalaika geschenkt, um damit vor der Kamera zu spielen. Die Tatsache, dass Russland heute eine der mörderischsten Armeen der Welt aufstellt, lässt sich teilweise durch Fotos wie dieses erklären." Und es wurde nicht viel besser, als er in die USA kam, zumal er als Teenager in einen kurzen, schiefen, schmalschultrigen Körper hineinwuchs, der heute nach vor gebeugt ist. Und er hat keinen Hintern. Kein Wunder, dass er eine
calvinistische Haltung Kleidung gegenüber einnahm. Und nun steht er zur Anprobe bei Yamamoto in
Tokio: "In diesem Stadium der Maßanfertigung verunstaltete der Heftfaden das Jackett, indem er es in Quadranten teilte, und die Knöpfe waren nichts als Aufkleber. Aber ich konnte schon erahnen,
was für ein Wunder der Anzug werden würde. Der schwere, sechsfädige Stoff fühlte sich urbefriedigend an, wie eine leichte Rüstung, die sich jedoch nahezu perfekt an meinen Körper schmiegte. Bei der zweiten Anprobe gab es kein 'nahezu' mehr. 'Es gibt eine verlängerte Schulter, aber kein Polster', erklärte Yamamoto-san durch einen Übersetzer. Aber er schaffte es dennoch,
meine hängende rechte Schulter zu stützen. 'Es gibt einen leeren Raum in der Brust', betonte Yamamoto-san. Weil ich so stark gebeugt bin, hatte er eine Drapierungstechnik angewandt, um, wie Mark es ausdrückte, 'der Brust ein wenig mehr Volumen zu geben'. Die Jacke machte meine Röllchen so gut wie unsichtbar, während sie ihnen ironischerweise neuen Raum zum Herumstreifen verschaffte. 'Verdammt, das ist dramatisch', sagte der sonst so unerschütterliche Mark. 'So wie Sie es tragen', sagte Yamamoto-san, 'sieht es aus wie das Frankreich der 50er Jahre oder wie
Alain Delon in den 60ern'. Wir sprachen über Bereiche, die verbessert werden mussten. Ich hob meine Arme und drehte mich um. 'Was machen wir mit
Garys Hintern?' fragte Mark, während die beiden Männer nach meinem Hintern suchten. 'Offenbar hast du seit der ersten Anprobe etwas an Hintern verloren.' 'Er sollte seine Hosen so eng wie möglich tragen', sagte Yamamoto-san. Das gefürchtete Wort Hosenträger kam wieder zur Sprache. 'Wenn die Hose über dem Bauchnabel sitzt, ist alles in Ordnung.' 'Er könnte ein paar Kniebeugen machen', sagte Mark, ein Vorschlag, den ich mit keiner Antwort würdigte."