Magazinrundschau - Archiv

Atlantic

234 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 24

Magazinrundschau vom 29.04.2025 - The Atlantic

Amerikanische Behörden haben Unmengen an persönlichen Daten der Bürger gesammelt, durften diese aber nie in einen gemeinsamen Pool werfen. Das könnte sich jetzt ändern, berichten Ian Bogost und Charlie Warzelt. Elon Musks Doge hat, während es die Bundesbehörden filzte, eine unbekannte Menge an Daten abgesaugt. Die können ihm ganz persönlich helfen, das Rennen um Künstliche Intelligenz zu gewinnen. Aber auch für Donald Trump können diese Daten der Bürger als Regierungschef wie Privatmann extrem nützlich sein: "Das industrielle Sammeln und Zusammenstellen von Daten ohne erkennbaren Grund würde eine enorme und beunruhigende Veränderung darstellen. So groß, dass die Bundesbediensteten, mit denen wir darüber sprachen, Schwierigkeiten hatten, sich einen Reim darauf zu machen. Sie betonten, dass die Regierung immer versucht habe, den Menschen zu dienen, anstatt sie auszubeuten. Und doch passt diese Umkehrung perfekt zum transaktionalen Ethos von Trump: Aus 'Wie können wir unseren Mitbürgern dienen?' wird 'Was haben wir davon?' Wir, das ist in diesem Fall nicht einmal die Regierung, geschweige denn die amerikanischen Bürger. Es sind Trumps Geschäftsinteressen, die Interessen seiner Freunde und Verbündeten, einschließlich Musk, und anderer Loyalisten. Sobald die Gesetze, Regeln und anderen Schutzmaßnahmen, die eine Vermischung von Bundesdaten verhindert haben, wegfallen - und viele von ihnen sind es praktisch schon -, können zuvor abgeschottete Bundesdaten mit privaten Datensätzen kombiniert werden, z. B. mit denen im Besitz von Trumps Verbündeten oder Mitarbeitern, von Technologieunternehmen, die sich auf die Seite der Regierung stellen wollen, oder von jedem anderen, den die Regierung dazu zwingen kann." Zuerst trifft es immer die Schwächsten - Einwanderer zum Beispiel. Aber sie werden nicht die einzigen sein, die unter dem Datenmissbrauch leiden werden, prophezeien Bogost und Warzel: "Ein Worst-Case-Szenario ist leicht vorstellbar. Einige dieser Informationen könnten einfach für Erpressungen nützlich sein - medizinische Diagnosen und Aufzeichnungen, gezahlte Bundessteuern, Schuldenerlass. In einer Kleptokratie könnten solche Daten gegen Mitglieder des Kongresses und Gouverneure oder andere vom Staat missliebige Personen verwendet werden. Stellen Sie sich das als eine domestizierte, systematisierte Version von kompromat vor - wie beispielsweise Oppositionsausforschung auf Steroiden: Hey, Wisconsin erwägt ein Gesetz, das uns schaden würde. Es gibt vier Gesetzgeber, die noch unentschlossen sind. Fragen Sie die Datenbank ab; sagen Sie mir, was wir über sie haben."

Magazinrundschau vom 15.04.2025 - The Atlantic

Trump führt einen Kampf gegen die sogenannte "Kreative Klasse", die Franklin Foer nicht so sehr an den so häufig bemühten Faschismus, sondern eher an Mao erinnert. Es geht gegen die "Wissensarbeiter der Gesellschaft, ihre kognitive Elite, die Gewinner des Turniers, das die amerikanische Meritokratie darstellt. Sie umfasst nicht nur Anwälte, Universitätsverwalter und Professoren, sondern auch Berater, Investmentbanker, Wissenschaftler, Journalisten und andere Angestellte, die im Informationszeitalter zu Wohlstand gekommen sind." Der Hass auf diese Klasse, der darin gipfelt, "ihre institutionelle Heimat und die Grundlage für ihren Lebensunterhalt zu zerstören", wuchs mit der Expansion eben dieser Klasse über die Jahre. "Dank des Babybooms explodierten die Universitäten in den späten 1960er Jahren und schufen eine riesige neue Professorenklasse. Dank Lyndon Johnsons 'Great Society' expandierte auch die Bundesbürokratie und schuf ein Heer von Sozialarbeitern, Staatsanwälten und Wirtschaftswissenschaftlern. Die Gesellschaft zeigte den Einfluss dessen, was Irving Kristol als 'die neue Klasse' bezeichnete. Kristol, der den Weg vom Trotzkismus zum Konservatismus gegangen war, schien diese Klasse verwerflich, weil sie wenig Interesse am Geldverdienen zeigte. Stattdessen strebte sie nach Macht und nutzte fortschrittliche Ideen als Deckmantel, um diese zu erlangen. Kristol zufolge nutzte die neue Klasse ihre Kontrolle über die Medien, die akademische Sphäre und die Regierung, um ihre eigennützigen Ideen in der Nation zu verankern. Jetzt also der Backlash, Ausdruck einer lange unterdrückten Wut, die dazu führt, "gleich die ganze Krebsforschung und das gesammelte Wissen über die Funktionsweise der Wirtschaft zu ignorieren. In gewisser Weise praktiziert Trump seine ganz eigene Form des Maoismus, eine Kulturrevolution gegen die Intelligenz - das, was die Kommunistische Partei Chinas denkwürdigerweise als 'stinkende neunte Klasse' bezeichnete. Obwohl Trumps Säuberungen im Vergleich dazu zahm sind, gibt es Parallelen. Wie Trump wollte Mao Arbeitsplätze in der verarbeitenden Industrie im eigenen Land schaffen."

Magazinrundschau vom 25.03.2025 - The Atlantic

Robert F. Worth fragt sich, ob es dem Interimspräsidenten Ahmed al-Sharaa gelingen wird, für ein stabileres Syrien zu sorgen. Mangelnde Regierungserfahrung vieler der von ihm eingesetzten Beamten und Spannungen zwischen Alawiten, Schiiten, Kurden und Drusen sind nur zwei der vielen Probleme, die das Land nach dem Sturz Assads beschäftigen. Die dringendste Sorge ist aber wohl eine andere, mutmaßt Worth: "Geld ist wahrscheinlich die größte Herausforderung von allen für Sharaa. Sein Land ist seit mehr als sechzig Jahren ökonomisch vom Rest der Welt isoliert, dank seiner eigenen xenophoben Richtlinien und einer Mauer aus Sanktionen, die gegen das Assad-Regime erhoben wurden. Die EU hat einige Restriktionen syrischer Banken im Februar behoben, aber die Trump-Administration scheint nicht zu folgen, insbesondere nach den Massakern diesen März. Die Amerikaner und Europäer bleiben skeptisch wegen Sharaas islamistischer Vorgeschichte und sind sowieso mit anderen Dingen beschäftigt, siehe Ukraine und Gaza. Sharaa hat sich umsonst dafür eingesetzt, dass das Milizenbündnis HTS von den USA nicht mehr als terroristische Vereinigung gesehen wird, ein weiteres Hindernis für Investments. Selbst seine Bitten für Nothilfe haben nicht viel ergeben. Die Saudis und Kataris haben versprochen zu helfen, aber bislang wenig geliefert. Immerhin hat niemand in Syrien Geld, einen weiteren Krieg anzuzetteln. Aber wenn Sharaa keinen Weg findet, das Land wirtschaftlich überlebensfähig zu machen, könnte seine Koalition aus ehemaligen Kämpfern zusammenbrechen. Menschen, die sich seit Jahren mit Syrien beschäftigen, halten mir dieses Szenario wieder und wieder vor Augen: Kein weiterer Bürgerkrieg, aber ein langsamer Zerfall in Anarchie, nicht so anders als in Libyen, mit einem Land, das in einen Flickenteppich aus Enklaven zerstückelt wird, die von lokalen Milizen regiert werden."

Magazinrundschau vom 18.03.2025 - The Atlantic

Ein Gutes hat die Trump-Regierung: Zum ersten Mal seit langem sind Europas Rechtspopulisten in der Defensive, meint die britische Publizistin Helen Lewis. "Wähler außerhalb der Vereinigten Staaten haben ein Problem mit der MAGA-Bewegung: Trump und seine Verbündeten sprechen über andere Länder auf eine zutiefst befremdliche Weise. 'Amerika zuerst'? Schön und gut, aber 'Amerika denkt, dass dein Zinnsoldatenland ein Witz ist'? Nicht so gut. Die giftige Kombination aus Trumps pro-russischen Neigungen, der Arroganz und Herablassung von Vizepräsident J. D. Vance und Musks traurigem Fall von fortgeschrittener Twitterkrankheit hat Amerikas Ansehen bei seinen traditionellen Verbündeten in den Keller gedrückt." Das verstehen auch die hiesigen Rechtspopulisten: "Trumps Abkehr von der Ukraine ist in Europa so unpopulär, dass sich die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und die französische Rechtsaußen-Führerin Marine Le Pen - zwei natürliche MAGA-Sympathisanten - vorsichtig davon distanziert haben." Noch problematischer ist das für den britischen Rechtsaußen und bekennenden Trumpfan Nigel Farage, der wesentlich am Brexit beteiligt war. Trump ist weitgehend unpopulär in Großbritannien, wo Farage mit seiner Reform-Partei "hofft, seinen Stimmenanteil von 14,3 Prozent bei der letzten Wahl zu verbessern. (Wahrscheinlich muss er diesen Anteil mindestens verdoppeln, wenn er eines Tages Premierminister werden will.) Noch schlimmer für ihn ist, dass Trumps MAGA-Bewegung als offen rassistisch und pro-russisch angesehen wird, zwei Dinge, die die Mehrheit der britischen Wähler ablehnt. Selbst rechte britische Zeitungen waren empört über Trumps schäbigen Umgang mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski im Oval Office, während die bisherigen Wähler der Reform-Partei mit ihren scharf einwanderungsfeindlichen Ansichten bereits Ausreißer sind. Weiter nach rechts zu rücken, ist in Großbritannien keine erfolgreiche Strategie. Oder anderswo. 'Die populistische Rechte auf der ganzen Welt hat ein MAGA-Problem', sagte mir Sunder Katwala, der Direktor der Denkfabrik British Future. 'In Ländern, die nicht Amerika sind, gibt es einen Rückkopplungseffekt.'"

Magazinrundschau vom 11.03.2025 - The Atlantic

Man kann sich gern schwarz ärgern, aber es nützt nichts: Das 21. Jahrhundert ist - bis jetzt - die Epoche Wladimir Putins, meint Franklin Foers und zählt Putins Siege auf, "angefangen mit dem Brexit, einem Ereignis, das er sich sehnlichst wünschte und auf das er hinarbeitete. Das war ein reines Omen. Seine populistischen Verbündeten in Frankreich und Deutschland bilden heute die stärksten Oppositionsblöcke in diesen Ländern. In der Europäischen Union kann er auf Viktor Orbán zählen, der Brüssel zum Schweigen bringt, wenn es gegen russische Interessen vorgehen will." Mit dem Einfrieren der Militärhilfe für die Ukraine und der Weigerung, ihr Geheimdienstinformationen weiterzugeben, hat die Trump-Administration Russland im Ukrainekrieg gerade "unglaubliche Vorteile auf dem Schlachtfeld verschafft", und sogar Putins Privatvermögen ist sicher: "Eines von Putins Kernzielen war der Schutz seines persönlichen Vermögens, das er mit Schmiergeldern und Geldern, die er heimlich von öffentlichen Konten abgeschöpft hat, aufgebaut hat. Der Schutz dieses unrechtmäßig erworbenen Geldes und des Geldes seines inneren Kreises beruht auf Geheimhaltung, Irreführung und Diebstahl - alles Werte, die der Demokratie abträglich sind. Kleptokraten, ganz nach dem Vorbild der russischen Oligarchie, wollen ihr Geld in der relativen Sicherheit und Anonymität amerikanischer Immobilien und Banken aufbewahren. Vor nicht allzu langer Zeit hat sich ein parteiübergreifender Konsens gebildet, um Gesetze zu verabschieden, die es ausländischen Kleptokraten erschweren, Briefkastenfirmen zu missbrauchen, um ihr Geld hierher zu bringen. Doch als eine seiner ersten Amtshandlungen hat Trump diese Reformen zerschreddert."

Magazinrundschau vom 11.02.2025 - The Atlantic

Der russisch-amerikanische Schriftsteller Gary Shteyngart hat sich einen Anzug schneidern lassen. Aus mitternachtsblauem italienischem Wollstoff, von einem japanischen Schneider namens Yuhei Yamamoto, denn Shteyngart braucht für seinen Körper einen Sackanzug und dieses, von den Brook Brothers perfektionierte Modell, verstehen japanische Schneider offenbar am besten. Von 10.000 Dollar ist die Rede, aber ob das wirklich die vier Maßhemden und die Maßschuhe umfasst? Egal, die Redaktion bezahlt, denn für Shteyngard ist dieser Anzug eine Reise: "Ich wurde 1972 in der Sowjetunion geboren und bekam schnell ein Matrosen-Outfit mit weißen Strumpfhosen und sexy Shorts angezogen und dann eine Balalaika geschenkt, um damit vor der Kamera zu spielen. Die Tatsache, dass Russland heute eine der mörderischsten Armeen der Welt aufstellt, lässt sich teilweise durch Fotos wie dieses erklären." Und es wurde nicht viel besser, als er in die USA kam, zumal er als Teenager in einen kurzen, schiefen, schmalschultrigen Körper hineinwuchs, der heute nach vor gebeugt ist. Und er hat keinen Hintern. Kein Wunder, dass er eine calvinistische Haltung Kleidung gegenüber einnahm. Und nun steht er zur Anprobe bei Yamamoto in Tokio: "In diesem Stadium der Maßanfertigung verunstaltete der Heftfaden das Jackett, indem er es in Quadranten teilte, und die Knöpfe waren nichts als Aufkleber. Aber ich konnte schon erahnen, was für ein Wunder der Anzug werden würde. Der schwere, sechsfädige Stoff fühlte sich urbefriedigend an, wie eine leichte Rüstung, die sich jedoch nahezu perfekt an meinen Körper schmiegte. Bei der zweiten Anprobe gab es kein 'nahezu' mehr. 'Es gibt eine verlängerte Schulter, aber kein Polster', erklärte Yamamoto-san durch einen Übersetzer. Aber er schaffte es dennoch, meine hängende rechte Schulter zu stützen. 'Es gibt einen leeren Raum in der Brust', betonte Yamamoto-san. Weil ich so stark gebeugt bin, hatte er eine Drapierungstechnik angewandt, um, wie Mark es ausdrückte, 'der Brust ein wenig mehr Volumen zu geben'. Die Jacke machte meine Röllchen so gut wie unsichtbar, während sie ihnen ironischerweise neuen Raum zum Herumstreifen verschaffte. 'Verdammt, das ist dramatisch', sagte der sonst so unerschütterliche Mark. 'So wie Sie es tragen', sagte Yamamoto-san, 'sieht es aus wie das Frankreich der 50er Jahre oder wie Alain Delon in den 60ern'. Wir sprachen über Bereiche, die verbessert werden mussten. Ich hob meine Arme und drehte mich um. 'Was machen wir mit Garys Hintern?' fragte Mark, während die beiden Männer nach meinem Hintern suchten. 'Offenbar hast du seit der ersten Anprobe etwas an Hintern verloren.' 'Er sollte seine Hosen so eng wie möglich tragen', sagte Yamamoto-san. Das gefürchtete Wort Hosenträger kam wieder zur Sprache. 'Wenn die Hose über dem Bauchnabel sitzt, ist alles in Ordnung.' 'Er könnte ein paar Kniebeugen machen', sagte Mark, ein Vorschlag, den ich mit keiner Antwort würdigte."

Magazinrundschau vom 04.03.2025 - The Atlantic

In einem bemerkenswerten Essay kommt Garri Kasparow auf Trumps und Musks Aktivitäten in den letzten Wochen zurück. Er setzt Elon Musks Schleifen der Institutionen mit Trumps totaler Lossage von Selenski und Europa in Zusammenhang. Eigentlich, schreibt Kasparow, "habe ich Verständnis für diejenigen, die die Macht von Regierung einschränken und begrenzen wollen. Aber sie durch eine Junta aus nicht rechenschaftspflichtigen Eliten zu ersetzen - das Putin-Modell - ist keine Verbesserung." Die Hauptfrage aber ist, so Kasparow: "Warum hat Trump Putins Agenda zu seiner obersten Priorität gemacht? Den genauen Grund, warum Trump auf so perverse Art loyal zu Putin ist, werden wir vielleicht nie erfahren... Aber die Dringlichkeit ihres Handelns verstehe ich, und sie ist eine ernste Warnung. Dies sind keine Handlungen von Menschen, die damit rechnen, in naher Zukunft oder überhaupt an Macht zu verlieren. Sie rasen auf einen Punkt zu, an dem sie es sich nicht mehr leisten können, die Kontrolle über die Mechanismen zu verlieren, die sie nach ihrem Bilde neu gestalten und umgestalten. Was solche Menschen tun werden, wenn sie glauben, dass ein Staatsstreich das geringste Risiko für ihr Vermögen und ihre Macht darstellt, lässt sich nicht vorhersagen."
Stichwörter: Kasparow, Garri

Magazinrundschau vom 27.01.2025 - The Atlantic

Anne Applebaum blickt auf die "Rasputins" des 21. Jahrhunderts, die nach und nach in der Weltpolitik Fuß fassen: Der rechtsextreme rumänische Politiker Călin Georgescu glaubt, dass "kohlensäurehaltige Getränke Nanochips enthalten", in den USA schlug Donald Trump Tulsi Gabbard als Direktorin des nationalen Geheimdienstes vor, eine ehemalige progressive Demokratin mit lebenslangen Verbindungen zur "Science of Identity Foundation", einer abgespaltenen Hare-Krishna-Sekte, und mit dem Anwalt Kash Patel wurde ein entschiedener Impfgegner zum neuen Direktor des FBI auserkoren: "Für die Amerikaner stellt die Verschmelzung von Pseudo-Spiritualität mit Politik eine Abkehr von einigen unserer tiefsten Prinzipien dar: dass Logik und Vernunft zu einer guten Regierung führen; dass faktenbasierte Debatten zu einer guten Politik führen; dass Regierungsführung im Sonnenlicht gedeiht; und dass die politische Ordnung auf Regeln, Gesetzen und Prozessen beruht, nicht auf mystischem Charisma. Die Anhänger des neuen Obskurantismus haben zudem mit den Idealen der Gründerväter Amerikas gebrochen, die sich alle als Männer der Aufklärung betrachteten. Benjamin Franklin war nicht nur ein politischer Denker, sondern auch Wissenschaftler und ein mutiger Befürworter der Pockenimpfung. George Washington lehnte die Monarchie strikt ab, beschränkte die Macht der Exekutive und etablierte die Rechtsstaatlichkeit. Spätere amerikanische Führer - Lincoln, Roosevelt, King - zitierten die Verfassung und ihre Autoren, um ihre eigenen Argumente zu untermauern. Im Gegensatz dazu schafft diese aufstrebende internationale Elite etwas ganz anderes: eine Gesellschaft, in der Aberglaube Vernunft und Logik besiegt, Transparenz verschwindet und die schändlichen Handlungen politischer Führer hinter einer Wolke aus Unsinn und Ablenkung verborgen werden. In einer Welt, in der nur Charisma zählt, gibt es keine Kontrollen und Ausgleiche, in einer Welt, in der Emotionen die Vernunft besiegen, gibt es keine Rechtsstaatlichkeit - nur eine Leere, die jeder mit einer schockierenden und fesselnden Geschichte füllen kann."

Magazinrundschau vom 05.03.2024 - The Atlantic

Franklin Foer legt die bisher beste Analyse des neuen Antisemitismus vor, der sich in seiner Obszönität nach dem 7. Oktober offenbarte, aber eine längere Vorgeschichte hat. In seinem Artikel erzählt Foer zunächst vom "Goldenen Zeitalter" jüdischen Lebens in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem die Juden die Champions des klassischen amerikanischen "Liberalism" waren. Der Wind drehte sich nach dem 11. September - und stärkte in Amerika sowohl den rechten als auch den linken Antisemitismus. Während die extreme Rechte in Amerika George Soros als Vogelscheuche herrichteten, um damit ihr Märchen vom "Großen Austausch" zu illustrieren, brach die Linke zusehends mit den Ideen des "Liberalism", der eine Harmonie zwischen den Minderheiten anstrebte und sich etwa im jüdischen Engagement für Martin Luther Kings Bürgerrechtskampf manifestierte. Foers Essay ist ausgedruckt über dreißig Seiten lang und hat viele Aspekte. Unter anderem kommt er auch dem antisemitischen Kern des "intersektionalen" Denkens auf die Spur: "Nazideutschland schloss Juden endgültig aus einer Kategorie aus, die wir heute 'weiß' nennen. Heute werden Juden in Teilen der Linken als der Inbegriff des Weißseins behandelt. Aber jede Analyse, die sich so unerbittlich auf die Rolle eines Privilegs konzentriert, wie es die Linke tut, ist gefährlich blind für den Antisemitismus, weil Antisemitismus selbst eine angebliche Privilegiertheit anprangert. Eine solche Theorie sieht den Juden als eine allmächtige Figur in der Gesellschaft, eine Position, die er sich angeblich mit hinterhältigen Mitteln erworben hat. In den Annalen der jüdischen Geschichte ist der Vorwurf der Privilegiertheit die Grundlage für Hass, das Zündholz für Pogrome. Aber die Universitäten haben diese Lektion aus der Vergangenheit zu oft ignoriert."

Magazinrundschau vom 14.03.2023 - The Atlantic

Leitfäden für gerechte Sprache sind derzeit schwer in Mode. Fast jede große Institution und Universität in den USA hat einen. Sie sollen Sprache weniger diskriminierend machen, aber dabei möglichst einfach und verständlich bleiben. Diese Mission ist schon mal spektakulär gescheitert, notiert kühl George Packer. Ganz abgesehen von der Hybris, die hinter diesen Leitfäden aufscheint. Was ihn jedoch am meisten schockiert, ist die Realitätsverleugnung, die der eigentliche Zweck dieser "Sprachreform" zu sein scheint: "Die ganze Tendenz der gerechten Sprache besteht darin, die Konturen harter, oft unangenehmer Tatsachen zu verwischen. Diese Abneigung gegen die Realität macht ihren größten Reiz aus. Wenn man sich das Vokabular einmal angeeignet hat, ist es tatsächlich einfacher, von 'Menschen mit begrenzten finanziellen Mitteln' zu sprechen als von Armen. Ersteres rollt ohne Unterbrechung von der Zunge, hinterlässt keinen Nachgeschmack, weckt keine Emotionen. Das zweite ist unhöflich und bitter und könnte jemanden wütend oder traurig machen. Eine ungenaue Sprache ist weniger geeignet, jemanden zu verletzen. Gute Texte - lebendige Bilder, starke Aussagen - werden wehtun, weil sie zwangsläufig schmerzhafte Wahrheiten vermitteln. ... Die gerechte Sprache täuscht niemanden, der mit echten Problemen lebt. Sie soll nur die Gefühle derer schonen, die sie benutzen."