Magazinrundschau - Archiv

El Pais Semanal

75 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 8

Magazinrundschau vom 06.08.2019 - El Pais Semanal

Neue Wege in Brasilien. Die Journalistin Naiara Galarraga Gortázar stellt die 25 Jahre alte Nachwuchspolitikerin Tabata Amaral vor, "die brasilianische Alexandria Ocasio-Cortez": "Ihre Wahl zur Abgeordneten war der krönende Abschluss einer sorgfältig geplanten Strategie, die eine andere, neue Art von Abgeordneten ins brasilianische Parlament bringen soll. Nachdem sie einen Ethik-Test bestanden hatte, wurden Amaral und weitere 132 - unter insgesamt 4000 Bewerbern ausgewählte - Personen, die noch nie ein öffentliches Amt innegehabt hatten, sechs Monate in Gesundheit, Erziehung, öffentliche Verwaltung, Wirtschaft und Führungskompetenz ausgebildet, mit dem Ziel, einen Parlamentssitz zu erreichen. Ausgedacht hat sich das Ganze der Unternehmer Eduardo Mufarej, der zu diesem Zweck die Gruppierung 'RenovaBR' ins Leben gerufen hat. Zehn von ihnen schafften es tatsächlich ins Parlament, wo sie nun verschiedenen politischen Formationen angehören, linken wie rechten. Andere Organisationen, die in ähnlicher Weise versuchen Nachwuchstalente in die Politik zu bringen, sind RAPs, begründet von dem Miteigentümer des Naturkosmetik-Riesen 'Natura' Guilherme Leal, oder 'Ocupa Política', die vier junge Abgeordnete der linken PSOL unterstützen. (...) Der Politologe Fernando Limongi gibt allerdings zu bedenken, dass sich hinter manchen dieser Gruppierungen auch altbekannte Vertreter herkömmlicher Interessen verbergen: 'Da Parteispenden seit 2015 verboten sind, versuchen manche Unternehmer auf diese Weise, ihre Leute indirekt an die Macht zu bringen.' Mufarej selbst beschreibt seine Gruppierung so: 'RenovaBR hat kein politisches Programm, unsere Mission ist es, talentierte Menschen für die Politik zu gewinnen,von der sich die brasilianische Gesellschaft in den letzten 30 Jahren abgewandt hat. Wir brauchen neue Bezugsfiguren, egal ob links oder rechts, damit die Leute wieder an die Politik glauben.'"

Magazinrundschau vom 30.07.2019 - El Pais Semanal

"Was für ein Glück, dass das Siegertrikot der Tour de France gelb ist!", jubelt Héctor Abad: "In diesem Juli und August feiert Kolumbien 200 Jahre Unabhängigkeit. Zweihundert Jahre Einsamkeit haben uns Kolumbianern nicht gereicht, um zusammenzufinden und unsere Gegensätze zu überwinden. Die Fahne, die sich unsere Republik einst gegeben hat, ist in drei Streifen unterteilt. Die obere Hälfte ist gelb, die untere Hälfte teilen sich Blau und Rot. Blau ist die Farbe der 'Goten' (der Konservativen), Rot die der Progressiven (der Liberalen). Die Gegenüberstellung von Roten und Blauen, Linken und Rechten, war oftmals der Auslöser unserer Bürgerkriege. Viele Führerfiguren werden bei uns wahrscheinlich deshalb umgebracht, weil sie als Rote betrachtet werden, als Bedrohung für die Blauen. Seit einigen Jahren wird in Kolumbien jedoch auch eine pazifistische, nicht sektiererische Alternative verteidigt, die mit dem gelben Streifen gleichgesetzt wird. Für uns ist Egan Bernals Triumph ein Symbol der Vereinigung: Goten und Liberale, Linke und Rechte, Katholiken und Priestertöter, Atheisten und Evangelikale sind gleichermaßen glücklich darüber. Wir wünschen uns, dass Egan Bernal noch lange lebt und noch viele Male triumphiert, und dabei immer gelb trägt - gelb, die letzte Farbe, die Borges sah, bevor er blind wurd, gelb, die Farbe, mit der Gabriel García Márquez stets seinen Tisch bedeckte, um das Unglück fernzuhalten, gelb, die Farbe, die das Zusammenleben und die Versöhnung eines Landes symbolisiert, das noch viele friedliche Triumphe benötigt, um zusammenfinden und überleben zu können."
Stichwörter: Kolumbien, Bernal, Egan

Magazinrundschau vom 29.01.2019 - El Pais Semanal

Der argentinische Schriftsteller und Journalist Martín Caparrós liefert einen sehr ausührlichen und lohnenden Bericht aus der venezolanischen Hauptstadt Caracas: "Seit dem Tod von Hugo Chávez haben etwa drei bis vier Millionen Venezolaner ihr Land verlassen, anders gesagt, ungefähr jeder Zehnte. In Caracas gibt es folglich Tausende leerstehender Wohnungen, vor allem in den Vierteln der Mittel- und Oberschicht. Manche müssen zu beschämenden Preisen an irgendwelche Spekulanten verkaufen, die die Lage ausnutzen. Von den anderen vermieten viele ihre Wohnungen lieber nicht, wenn sie weggehen, weil sie fürchten, dass sie die (Zwischen-)Mieter später nie mehr aus ihren Wohnungen herausbekommen. So ist ein neuer Beruf entstanden: Betreuer leerstehender Wohnungen. 'Da muss man vielleicht so alle zwei Tage vorbeischauen, mindestens einmal die Woche, ein bisschen lüften, saubermachen, das Wasser laufen lassen, die Blumen gießen, falls es welche gibt, Rasen mähen. Die Besitzer zahlen einem dafür 50 oder 100 Dollar, das ist hier viel Geld', erzählt Carlos, ein vierzigjähriger arbeitsloser Bankangestellter. Manche Leute kümmern sich um mehrere Wohnungen gleichzeitig - so bietet das massenhafte Weggehen einigen die Chance, zu bleiben."
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Magazinrundschau vom 02.10.2018 - El Pais Semanal

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"Wie Gabriel García Márquez einmal eben schnell einen Verlag rettete (der gar nicht sein Verlag war)." Der spanische Journalist Juan Cruz rekapituliert die Geschichte des berühmten spanischen Verlags Tusquets Editores, der nächstes Jahr seinen fünfzigsten Geburtstag feiert und sich in seiner Bedeutung für die spanischsprachige Welt mit der des Hanser-Verlages hierzulande vergleichen lässt. Seit kurzem befindet Tusquets sich allerdings unter dem Dach der Planeta-Verlagsgruppe. "Als der Bankrott drohte, rief Beatriz de Moura, die den Verlag erst ein Jahr davor mit ihrem damaligen Mann, dem Architekten Oscar Tusquets gegründet hatte, García Márquez an, den sie im Nachtleben von Barcelona kennengelernt hatte, als er noch kein berühmter Schriftsteller war: 'Gabo (wie García Márquez' Spitzname lautete), du bist sehr reich, und Tusquets braucht Geld.' Worauf der eher wortkarge García Márquez, der sich bereits im Erfolg seines Romans 'Hundert Jahre Einsamkeit ' sonnte, erwiderte: 'Ich schenk dir was, das dich reich machen wird.' Dieses Geschenk waren die Rechte an der Jahre zuvor in der Zeitschrift El Espectador veröffentlichten Reportage Bericht eines Schiffbrüchigen, die in Buchform in über hundert Auflagen millionenfach verkauft wurde und Tusquets buchstäblich vor dem Schiffbruch rettete."

Magazinrundschau vom 29.05.2018 - El Pais Semanal

"Die Sandräuber sind unterwegs." Passend zum Beginn der europäischen Strandsaison beschreibt die Journalistin Carmen Gómez-Cotta die katastrophalen ökologischen Folgen des weltweit steigenden, vielfach illegalen Sandhandels: "Nach Wasser und noch vor fossilen Brennstoffen ist Sand heute der weltweit meistnachgefragte Rohstoff: Etwa 59 Milliarden Tonnen Sand werden inzwischen jährlich auf der Erde verbraucht, 85 Prozent davon für Bauvorhaben - für ein mittelgroßes Haus braucht man 200 Tonnen, für ein Krankenhaus 3000 Tonnen, für einen Kilometer Auttobahn 30.000 Tonnen. Zu den größten Sand-Importeuren gehören ausgerechnet die von Wüsten umgebenen Vereinigten Arabischen Emirate - Wüstensand ist für das Anrühren von Beton nur schlecht geeignet, also importiert man Sand aus Australien, allein für den 828 Meter hohen Burj Khalifa-Tower in Dubai etwa 110.000 Tonnen, für die künstlichen Palm Islands bislang 385 Millionen Tonnen.. Gleichzeitig verschwinden die Strände - die Strände der Kanarischen Inseln etwa überleben heutzutage durch Sandimporte aus der West-Sahara."

Magazinrundschau vom 10.04.2018 - El Pais Semanal

Javier Cercas folgt dem Ratschlag eines alten amerikanischen Freundes: "Mein Freund wirft mir vor, dass ich zu viel über Politik schreibe, besonders über katalanische Politik: 'Das Beste, was ein Romancier zu sagen hat, sagt er mit seinen Romanen, nicht mit seinen Meinungen. Hast du ernsthaft geglaubt, mit all deinen Zeitungsartikeln und Interviews könntest du die Unfähigkeit der spanischen Regierung abmildern, die nicht begriffen hat, dass man einen Putschversuch des 21. Jahrhunderts nicht mit Mitteln des 20. oder 19. Jahrhunderts aufhalten kann? Oder dass all deine Argumente irgendwen von seinen Überzeugungen abbringen könnten? In Katalonien geht es jetzt nur noch um Glaube, nicht mehr um Vernunft. Wie lautet das Proust-Zitat, das du immer so gerne anführst: 'Was auf unvernünftige Weise in einen Kopf hineingelangt ist, kann nicht vernünftig wieder herauskommen.' Beim Abschied bittet er mich, nie wieder über Katalonien zu schreiben. 'Das verspreche ich dir', antworte ich."

Magazinrundschau vom 03.04.2018 - El Pais Semanal

Die spanische Journalistin und Schriftstellerin Rosa Montero erklärt, warum sie auf einmal stolz auf ihr Land ist: "Ausländische Beobachter haben sich immer schon darüber gewundert, wie hart und verbissen wir Spanier miteinander umgehen. Mehr als einmal habe ich selbst mir deshalb gewünscht, einem stinklangweiligen Land wie etwa der Schweiz zu entstammen. Umso mehr freue ich mich jetzt, dass wir der Welt mit dem Generalstreik und den Demonstrationen am letzten Weltfrauentag ein Beispiel gegeben haben. Unsere Gesellschaft war extrem machistisch, bis 1975 durften verheiratete Frauen hierzulande ohne die Erlaubnis ihres Ehemanns weder arbeiten noch ein Konto eröffnen. Seitdem haben wir jedoch eine Riesenstrecke zurückgelegt und den Machismus einer jahrzehntelangen Dekonstrukionsarbeit unterzogen. Natürlich gibt es immer noch Sexismus, aber die Debatte darüber nimmt heute eine vorrangige Rolle ein - 82 Prozent der spanischen Bevölkerung haben den Streik vom 8. März befürwortet. Die euphorische Begeisterung darüber, Teil dieser sozialen Bewegung zu sein, lässt mich heute sagen, dass ich stolz bin, Spanierin zu sein."
Stichwörter: Sexismus

Magazinrundschau vom 12.02.2018 - El Pais Semanal

Der spanische Autor Javier Cercas erinnert an eine grundlegende Tatsache im Verhältnis von Kunst und correctness: "Zu den ersten Pflichten eines Schriftstellers gehört es, beim Schreiben seine Überzeugungen beiseite zu lassen, sie unter Quarantäne zu stellen, aufzuhören zu urteilen; nur so kann er hoffen, wirklich lebendige Werke hervorzubringen, mit deren Hilfe sich die labyrinthische Komplexität unseres Daseins verstehen lässt. Verstehen - es ist peinlich, das immer wieder sagen zu müssen - heißt nicht entschuldigen. Verstehen heißt, sich die nötigen Werkzeuge zu beschaffen, um nicht immer wieder die gleichen Fehler zu begehen. Ich glaube nicht an den modernen oder vielmehr postmodernen Aberglauben, demzufolge Kunst nutzlos ist, zweckfrei. Natürlich ist die Kunst nützlich, aber nur dann, wenn sie sich nicht vornimmt, nützlich zu sein. Kunst, die nützlich sein will, wird Propaganda oder Pädagogik und ist keine Kunst mehr. Genau das passiert, wenn der Künstler, statt hartnäckig und mutig zu versuchen zu verstehen, so feige und bequem ist, Partei zu ergreifen und zu urteilen. In seinem Leben darf ein Künstler Partei ergreifen, in seinem Werk darf er das gerade nicht."

Magazinrundschau vom 30.01.2018 - El Pais Semanal

"Ich hasse das Wort 'empowerment'." Die von den Separatisten ihres Heimatlands schwer angefeindete katalanische Filmemacherin Isabel Coixet (s. a. hier), Mitglied der Berlinale-Jury 2009, spricht im Interview mit Anatxu Zabalbeascoa über ihren neuen, 2017 mit dem Preis der Frankfurter Buchmesse für die beste Literaturverfilmung ausgezeichneten und für den spanischen Goya-Preis nominierten Film "La librería" (Der Buchladen): "Warum kommen in von Männern gedrehten Filmen so selten aktive und lustige Frauen vor? - Männliche Regisseure denken einfach nicht an so was. In von Frauen gedrehten Filmen macht immer auch mal jemand sein Bett, bei männlichen Regisseuren gibt es das nicht. Das tägliche Leben sehen sie nicht. Das, was wir neben unserer Arbeit noch so alles machen, entgeht ihnen - die Kinder zum Zahnarzt bringen, das Essen kochen... In jedem Fall ist eine starke Frau einfach eine starke Frau - wer ihre Stärke als das Ergebnis von Ermächtigungsstrategien darstellt, zeigt, dass er nicht wirklich an diese Stärke glaubt, als wäre sie bloß gespielt."

Magazinrundschau vom 18.12.2017 - El Pais Semanal

Der spanischen Schriftsteller Javier Cercas hofft, dass am Donnerstag, den 21. Dezember, genügend Menschen in Katalonien aus vernünftiger Angst ihre Stimme nicht den Separatisten geben werden, sich also nicht wie zuvor etwa die Wähler in England oder den USA oder auch bei den letzten katalanischen Wahlen von "waghalsig-blindwütigen und zugleich lügnerischen Utopien" verführen lassen - denn "die Wahrheit und die Vernunft sind zwar langweilig, aber in der Politik führen sie fast immer zu etwas viel Besserem. Gibt es etwas Vernünftigeres und Langweiligeres als die Sozialdemokratie? Und doch sind die gerechtesten, wohlhabendsten und freiesten Gesellschaften der Welt, nämlich die Skandinaviens, das Ergebnis des 'nordischen Modells', also der kontinuierlichen Anwendung sozialdemokratischer Programme ohne besondere Aufregungen, kollektive Erregungen oder illusionsträchtige Projekte."