Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

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Magazinrundschau vom 29.06.2021 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller und Fotograf Péter Nádas schreibt über die Nachteile der digitalen Fotografie und wie sie sich beim Schreiben doch als nützlich erweisen können. "Bei Digitalbildern ist es einerlei, ob die Lichtquelle künstlich oder natürlich ist. Der Unterschied wird lediglich als Farbe wahrgenommen. Einzig die Farbe des Gegenstandes zählt und was in der wahren Welt wodurch verfärbt wird, worauf es reflektiert oder durch welchen Lichtbruch es als Farbe entsteht, wo und wie es sich im Paradies der Farben befindet, ist beim Digitalen gleich. Auf dem digitalen Bild ist jegliches Drama dahin. Das digitale Fotografieren, ob es das weiß oder nicht, bildet ein Weltuniversum, in dem es mit Rorty gesagt keine Antwort gibt, denn es gibt auch keine Frage, es gibt keine Misere, denn es gibt kein Problem. (...) Wenn ich aber schon zwei Augen für die Raumsicht, sowie ein teures Smartphone habe, dann drücke ich halt manchmal auf den Auslöser. (...) Die Farben der Dunkelheit zum Beispiel werden wesentlich genauer erkannt, als das menschliche Auge es tut. Es sieht alles heller als das menschliche Auge. Vielleicht aus diesem Grund verträgt es die Kantenlichter nicht. (...) Man kann sagen, dass ich anfing mit den Schwächen der Konstruktion zu spielen. (...) Das Spiel mit den natürlichen menschlichen Schwächen wurde auch aus dem Grunde wichtig, weil ich gerade Gruselgeschichten schreibe und je gruseliger eine Geschichte ist, also je mehr sie aus den magischen und archaischen Schichten der menschlichen Seele stammt, umso mehr brauche ich beim Schreiben eine klare Sicht."

Magazinrundschau vom 22.06.2021 - Elet es Irodalom

Im Interview mit Kácsor Zsolt spricht die Literaturhistorikerin Görgyi Földes über zeitgenössische ungarisch-jüdische Literatur. "Wenn sich die Frage darauf bezieht, ob es heute eine ungarisch-jüdische Lyrik gibt, dann ist die Antwort: unbedingt. Und wenn wir uns auf das Terrain der heutzutage wesentlich betonter betriebenen Prosa oder des Dramas begehen, dann hat die Sache tatsächlich einen großen Lauf. Wenn ich die Ergebnisse charakterisieren müsste, dann würde ich solche Schlüsselwörter nennen wie: jüdische Mystik; chassidische Tradition; Holocausterfahrung und nicht nur aus dem Holocaust stammende Traumata; das Thema der Identität; Judentum vermischt mit anderen Identitätserscheinungen, wie zum Beispiel das Gefühl des Fremdseins; manchmal eine soziologische Perspektive oder queere Fragen. Und all dies läuft sehr oft auf die tiefsten Fragen des Daseins hinaus."

Magazinrundschau vom 08.06.2021 - Elet es Irodalom

Zum fünfzigsten Todestag von György Lukács schreibt der Literaturhistoriker und Mitarbeiter des Budapester Lukács-Archivs András Kardos über die Haltung Lukács' zur Ethik: "In seinem ganzen Leben schwebte ihm die Ausarbeitung einer Ethik vor und es ist kein Zufall, dass daraus lediglich Fragmente und Vorarbeiten entstanden. Doch wenn wir die Frage uns so stellen, ob es möglich sei, auch als Kommunist nach der Maxime der Einhaltung des anständigen Benehmens zu streben, dann muss die Antwort lauten, dass es möglich ist. 'Mein Interesse an Ethik führte (mich) zur Revolution', sagt Lukács am Ende seines Lebens." Kardos geht auf die Schwierigkeiten Lukács' mit der Partei ein: Dass er immer wieder Schwierigkeiten bekam, bedeute "nichts anderes, als dass Moskau und Budapest darauf aufmerksam wurden, dass sie mit Lukacs seit Jahrzehnten eine 'Schlange der Autonomie' an der Brust wärmten. Denn Lukács war einerseits ein Denker; andererseits benahm er sich aber auch in schwierigen Situationen ethisch, trotz aller taktischen Selbstkritik. Er konnte seine Ethik nicht schreiben, doch diese leben, konnte er schon. Gelebtes Denken."
Stichwörter: Lukacs, Georg, Kardos, Andras

Magazinrundschau vom 01.06.2021 - Elet es Irodalom

Der Dichter, Kritiker und Redakteur Tamás Korpa war bis vor kurzem Co-Vorsitzender des Bundes Junger Schriftsteller (FISZ) und wurde 2021 mit dem János-Sziveri-Literaturpreis ausgezeichnet. Im Interview mit József Lapis spricht er über die Beziehung seiner Texte zu Ort und Raum: "Ich orientiere mich sehr schlecht. Doch steht es außer Zweifel, dass sich der Großteil meiner Texte an gewisse Räume, Städte, Wohngemeinschaften, oder natürliche Formationen bindet. Diese verfügen über sammelnde und zerstrahlende Kräfte, seit geraumer Zeit beschäftige ich mich und träume mit ihnen, manchmal besuche ich sie, wenn ich sie gerade finde. Sie sind Erlebniskomplexe. (...) Diese Orte mit ihren Räumen, Traditionen und Erinnerungen sind typischerweise multikulturell, es muss also schon ein tapferer einheimischer Leser sein, der sich darin zurechtfindet. Noch dazu ist meine Position die des äußeren Außenstehenden, wenn ich es noch verschärfen darf, der über sprachliche, kulturelle, religiöse, weltanschauliche und geografische Distanzen verfügt, er weiß und kennt zwar ein wenig, aber anders. Er formt mindestens soviel, wie er auf dem 'Arbeitsgelände' deformiert."

Magazinrundschau vom 18.05.2021 - Elet es Irodalom

Die in Warschau lebende ungarische Politikwissenschaftlerin Edit Zgut beschreibt informelle Machtstrukturen in Ungarn und in Polen und erklärt, warum die Gegenwehr der EU so schwach ausfällt: "Die Europäische Kommission versteht weiterhin nicht die Essenz des ungarischen und polnischen Demokratieabbaus. Sie fokussiert weiterhin auf die formale Verletzung von Gesetzen, erkennt aber nicht dass für ein Verstehen das Nachvollziehen der informellen Seite der Politik in diesen Ländern notwendig ist. Während informelle Normen und Praktiken organische Bestandteile aller politischen Regierungen sind, stellen manche ihre Formen eine außerordentliche Gefahr für demokratische Institutionen dar. In Mittel-Ost-Europa schuf der Kommunismus ganz eigene Bedingungen für die Festigung informeller Institutionen. Das war nicht anders in Ungarn und in Polen, wo ironischer Weise zwei antikommunistische Gallionsfiguren der demokratischen Wende den Abbau der Rechtstaatlichkeit und der liberalen Demokratie vollzogen. (...) Das juristische Rahmensystem der EU eignet sich nicht dazu, den informellen Missbrauch zu hindern, noch weniger ihn zu eliminieren."
Stichwörter: Ungarn, Polen, Zgut, Edit

Magazinrundschau vom 04.05.2021 - Elet es Irodalom

In der vergangenen Woche wurde nicht nur die Umwandlung weiterer Universitäten in private Stiftungen beschlossen, sondern auch die Übertragung staatlichen Vermögens an die Universitätskuratorien, die ausschließlich von aktiven Politikern der Regierungspartei oder dem Ministerpräsidenten ergebenen Wirtschaftsakteuren bestehen (Ministerpräsident Orbán betonte in seiner wöchentlichen Radioansprache, dass "internationalistisch-globalistische" Vertreter keinen Platz in den Universitätskuratorien erhalten werden.) Beobachter meinten, dass Orbán - die kommenden Wahlen im Blick - versuche, sich auf eine mögliche Niederlage vorzubereiten und so einen Parallelstaat aufzubauen, der eine Regierung durch die Opposition unmöglich machen würde. Der Publizist János Széky zweifelt daran, dass es überhaupt zu einer Wahlniederlage von Orbán kommen kann: "In Ungarn entscheidet für unabsehbare Zeit eine Zwei-Drittel-Mehrheit nicht nur über die Wirtschaft, sondern auch über Schlüsselpositionen der Staatsmacht, von der 'Wahl' des Generalstaatsanwalts über das Nationale Wahlkomitee bis zum Medienrat. Meiner Meinung nach ist Demokratie etwas anderes. (...) Ja, Ungarn wurde in den vergangenen Jahren aus Mitteleuropa in jene Region verschoben, wo eine bunte Revolution nicht mehr auszuschließen ist. Doch wenn wir uns die bunten Revolutionen anschauen, brachten die romantischen Ereignisse überall bereits existierende starke Parteien an die Macht. In Ungarn fehlt aber der politische Wettbewerb, der geeignete Politiker und charakterliche Parteien entstehen lässt. Dass die Opposition nun versucht, ja dazu gezwungen wird, sich wie 'eine Partei' zu benehmen und zu agieren, soll einem nur vorgaukeln, es könne in den nächsten vierzig Jahren Freiheit geben."
Stichwörter: Ungarn

Magazinrundschau vom 20.04.2021 - Elet es Irodalom

Máté Gáspár, gegenwärtig der Direktor des Budapester Frühlingsfestivals, ist einer der wichtigsten Kulturmanager Ungarns. Im Interview mit Júlia Váradi spricht er über eine für das Land verlorene Generation von Kulturschaffenden. "Die Entwicklung des Theaters zeigt wie in einem Brennglas die gesamte gesellschaftliche Veränderungen. (...) Ich denke nicht nur an West-Europäer, sondern auch an Litauen oder Polen, die ebenfalls umsichtiger und bewusster mit ihren Talenten umgegangen sind. Eine beispiellose Blindheit, Konzeptionslosigkeit, Werteverschwendung herrscht bei uns, was dazu führte, dass man es hinbekommen hat, die Generation der Regisseure und Theaterleiter um vierzig entweder aus dem Lande zu verjagen oder in die Ecke zu drängen. Dies gefährdet sowohl die Tradierung als auch die Erneuerung von Kultur."
Stichwörter: Ungarn, Litauen

Magazinrundschau vom 13.04.2021 - Elet es Irodalom

Der Soziologe Péter Bodor (Universität ELTE Budapest) kritisiert scharf die Umwandlung der ungarischen Universitäten in private Stiftungen mit Kuratoriumsmitgliedern, die aus der Regierungspartei Fidesz kommen oder ihr geschäftlich nahe stehen: "In diesen Monaten werden den ungarischen Universitäten von außen neue Regularien aufgezwungen, für die sich nicht die Bürger der Universitäten, also nicht die Hörer, die Professoren und der akademische Mittelbau entschieden haben. Es steht außer Zweifel, dass diese Regularien das Funktionieren der Institutionen, ihr Alltagsleben und ihre Mikrosoziologie verändern werden. Die Erfinder und Überwacher der Regularien sind keine Vertreter der Bürger der Universitäten, sie sind ihnen keine Rechenschaft schuldig. Grundlage ihrer Macht ist nicht die Wahl und die Verantwortung, sondern die Spende und die Loyalität zum Orban-System (...). Es entstehen so streng kontrollierte Universitäten: Orte, an denen nicht die ausgewogene Dynamik der Innovation und Tradition, nicht die Dialektik der Disziplin und der Kreativität, nicht die aus dem Spiel des Nützlichen und Nutzlosem entstehende Fruchtbarkeit, nicht die Vereinigung von Würde und Verdienst im Vordergrund stehen, sondern Disziplin, Kontrolle und Ergebenheit."

Magazinrundschau vom 23.03.2021 - Elet es Irodalom

Nach dem Austritt der ungarischen Europaabgeordneten der Regierungspartei Fidesz aus der Fraktion der EVP, trat nun auch die Fidesz als Partei aus der EVP aus (und kam damit einem Verweis zuvor). Kurzer Zeit später verkündete der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán, dass er nun bemüht sei, eine "neue europäische Rechte" aufzubauen. János Széky meint dazu: "Und da haben wir auch gleich das Problem, denn was die ungarische Regierungspropaganda als 'neue demokratische Rechte' bezeichnet ist weder neu noch demokratisch, vielmehr die Aufwärmung der katholisch gefärbten faschistischen und faschistoiden Versuche der 1930er und frühen 40er Jahre (Salazar, Dollfuß und Schuschnigg, Franco und das Vichy-Regime). ... Es kann zwar als Deckungsideologie durchgehen, doch ihre Strahlkraft wird kaum ausreichen, zumal wenn die Erfinder selbst an dem Ideenkonstrukt nicht glauben. (...) Was allerdings gelingen kann, ist ein auf das politische Machtmonopol basierender Wirtschaftserfolg und die innenpolitische Ausschaltung jeglicher Feinde."

Magazinrundschau vom 09.03.2021 - Elet es Irodalom

Im Interview mit Ádám Galambos erklärt der Maler Ákos Matzon, einer der bedeutendsten Vertreter der abstrakten Kunst in Ungarn, warum er den Begriff der Kunst oder Kultur eher eng fassen möchte: "Wenn wir von der Wurstfüllung bis Beethoven alles zur Kultur zählen, dann verwischen wir die Dinge. Zur Kultur gehören dann die klassischen griechischen Ideale ebenso wie die heutigen populistischen Ideen. Kultur ist in ihrer Gesamtheit die Voraussetzung für die Veredelung des Menschen. Es reicht nicht aus, sie bloß ästhetisch zu definieren, die ethische Annäherung ist ebenfalls sehr wichtig. (…) Jede Ära und jede Ideologie braucht Provokation. Dies ist aber eine sehr heikle Sache. Denn wenn heute etwas im Interesse einer Gruppe steht, wird dies nicht durch durch Argumente untermauert oder konstruktiv kritisch formuliert, sondern mit Geschrei verkündet, so dass andere Gruppen und Interessen direkt verletzt werden. Dies müssten wir irgendwie hinter uns lassen, damit wir unsere Beziehungen normalisieren können. Hier kann nur Kultur helfen, indem sie dem Publikum Normalität bietet."