Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

652 Presseschau-Absätze - Seite 16 von 66

Magazinrundschau vom 30.11.2021 - Elet es Irodalom

Seit mehreren Wochen diskutiert die ungarische Opposition, wie sie überhaupt das Land regieren könnte, da Viktor Orban und seine Fidesz-Partei mit einem Grundgesetz dafür gesorgt haben, dass etliche Gesetze, aber auch die personelle Zusammensetzung von Behörden und Institutionen nur mit einer Zweidrittelmehrheit geändert werden können. Was könnte eine künftige Mehrheit tun: Es bei der Eliminierung einzelne Paragraphen belassen oder das gesamte Grundgesetz aufheben? Der Jurist und Ökonom Péter Róna argumentiert, dass das aktuelle Grundgesetz weder historisch noch rechtlich eine Verfassung darstellt, und schreibt: "Es könnte sein, dass der Neoabsolutismus von Viktor Orbán eine Antwort auf die Modernisierungskrise der ungarischen Gesellschaft war wie die absolutistischen Monarchien eine Antwort auf den westeuropäischen Feudalismus waren. Es gibt jedoch einen wesentlichen Unterschied: Während die absolutistischen Herrscher die Autonomie der Zivilgesellschaft, die auf Regeln aufbauende Bürokratie, die Entwicklung der Technologien und die gesellschaftliche Mobilität vorantrieben (noblesse de robe), betrachtet Orbán die Aufhebung der Zivilgesellschaft, die Zerschlagung der öffentlichen Verwaltung und das Einfrieren der gesellschaftlichen Mobilität als seine Mission, also in ihrer Gänze den Aufbau einer Machtkonstruktion östlichen Typs, bei der die übertriebene Idee der nationalen Souveränität den gesellschaftlichen Fortschritt verhindert. Die Überwindung dieser Konstruktion ist der bevorstehende politische und historische Spieleinsatz. Die große Frage ist somit, ob die ungarische Gesellschaft soweit ist, dass sie eine vertragliche Einrichtung gegenüber der Macht einfordert, ob sie überhaupt eine ehrliche Verfassung will, oder ob sie ihre eigene Tilgung aus der Kontrolle der Macht akzeptiert. Wenn sie bereit ist, dann wird es den Vertrag in Form einer neuen Verfassung geben. Wenn nicht, dann ist alles gleich."

Magazinrundschau vom 23.11.2021 - Elet es Irodalom

Der junge Politologe Ábris Béndek plädiert für ein Nachdenken über und eine Erneuerung des Westens: "Alles scheint solange irrational, solange es entgegen der durch jahrelange, manchmal jahrzehntelange Arbeit niedergelegten gedanklichen Paradigmen steht. Die Idee des 'liberalen Westens' ist jedoch genauso ein Paradigma - ein narrativer Rahmen, der die Außenwelt als irrational und unwahrscheinlich erscheinen lässt. Die politische Aristokratie, die Europa zwischen den zwei Weltkriegen entgleisen ließ, verlor mit ihrem statischen Vertrauen auf alte liberale Instinkte den Frieden. Jener Elite, die ihre Entscheidungen auf die am 'Ende der Geschichte' entstehende Einheit von Geopolitik und Globalisierung baute, gibt der verlorene Krieg in Afghanistan vielleicht eine neue Gelegenheit, ihre Denkweise neu zu gestalten. Es gibt keine Garantien im Hinblick auf die 'westliche Welt'. Wie auch nichts garantiert wird in Verbindung mit dem liberalen Westen. (…) Vielleicht haben wir es nicht eindringlich erkannt, welche ungeheuerliche Formen der Gesellschaftsorganisation im Zuge großer Veränderungen ermöglicht werden können und wie schwach wir ihnen gegenüber sind ohne eine Verpflichtung zum Pluralismus und den ihn ermöglichenden Institutionen."

Magazinrundschau vom 16.11.2021 - Elet es Irodalom

Der Philosoph Mihály Szilágyi-Gál reagiert auf die Wörter des Ministerialkommissars für Kultur (Direktor des Literaturmuseums und Beauftragter für ungarische Popmusik) Szilárd Demeter, der in einem vor kurzem veröffentlichten Interview u.a. feststellte, dass achtzig Prozent der ungarischen Literatur entsorgt werden könne, dass der Schriftsteller Lajos Parti Nagy "Scheiße" schreibe und dass er, Demeter, Theater in Gänze hasse (mehr dazu auf Englisch hier). "Der Staat selbst ist ebenfalls Darsteller, denn durch seine Institutionen, seine Symbole, seine Feiertage, seine Denkmäler im öffentlichen Raum 'spricht' er - zeigt ein Gesicht, eine kollektive Idee von Selbstbestimmung. Repräsentanten des Staates können Denkmäler bekränzen, sich an nationale Helden, an gewonnene oder verlorene Kriege erinnern. Doch der öffentliche Vortrag des Staates darf niemals der private Vortrag des staatlichen Repräsentanten sein. (…) Dass einer unserer anerkanntesten Schriftsteller 'Scheißstücke schreibt', oder dass achtzig Prozent der ungarischen Literatur in die 'Mülltonne gehören', sind Sätze, die ein Mensch nicht einmal in einer Kneipe sagt. Für einen Kulturpolitiker sind sie tabu. Aber auch ansonsten, denn wo bleibt hier das überlegte Urteil, der Gedanke, die analytische Bewertung?"

Magazinrundschau vom 02.11.2021 - Elet es Irodalom

Der Literaturhistoriker István Margócsy würdigt den Lyriker István Kemény, der seinen sechzigsten Geburtstag feiert: "Der junge (und spätere) Kemény fragt radikal nach der eigenen Subjektivität und der Legitimität des Sprechers, er spricht im Singular der ersten Person und aus dieser Position stellt er seine Fragen, skizziert seine Träume und malt seine Wunder. (…) Kemény schuf den Übergang von  der ironischen Sprache der Neoavantgarde zur melancholisch satirischen Lyriksprache der Postmoderne - und es ist kein Zufall, dass die Dichter und Dichtergruppen der folgenden Jahre ihn als ein beinahe kultisches Vorbild betrachten. Wenn es um die Jahrtausendwende einen 'Paradigmenwechsel' in der Lyrik in Ungarn gab (und es gab ihn ganz offensichtlich), dann war dessen wichtigster Initiator István Kemény, denn er war auch derjenige, der in die moralischen Fragestellungen der Postmoderne die Dilemmata des Blicks auf die Geschichte mit einbrachte."

Magazinrundschau vom 26.10.2021 - Elet es Irodalom

Was würde es für die ungarische Zivilgesellschaft bedeuten, würde die Opposition bei den Wahlen siegen? Der Schriftsteller, Dichter und Literaturhistoriker Gábor Schein versucht sich das vorzustellen: "Jeden Oppositionspartei behauptet, die Integration sei ein vorrangiges Ziel, damit bestimmte Gruppen, darunter auch der bedeutende Anteil der Roma-Bevölkerung, die aufgrund ihrer Diskriminierung aus der politischen Gemeinschaft exkludiert wurden, erneut und zunehmend zum entscheidungsfähigen Teil der Gesellschaft werden. Das ist nicht zuletzt eine kulturelle Frage. (…) Die Aufgabe ist in ihrer Komplexität äußert schwierig und dringend. Unter den direkten Zielen müssen gleichzeitig Punkte wie die Entwicklung der lokalen Gemeinden, die Erwachsenenbildung, die Verbesserung der gesellschaftlichen Kompetenzen, sozialpsychologischen Entwicklungen, aber auch die Entwicklung der Institutionen und die Wiederherstellung ihrer fachbezogenen Unabhängigkeit beachtet werden. (…) Neben engagierten, exzellenten Experten, braucht es Geld und politischen Willen, damit die Opposition weiß, was sie den lokalen Gemeinden anbieten will. Beispiele zeigen, dass ohne dies das Land sich nach den ersten Enttäuschungen die Diktatur zurückwünschen kann."

Magazinrundschau vom 19.10.2021 - Elet es Irodalom

Der aus der Slowakei stammende Schriftsteller und Literaturhistoriker Pál Szász spricht im Interview mit Zoltán Szalay u.a. über die Verwendung des heimatlichen Dialekts in der Literatur. "In der Tat bin ich oft frustriert, wenn ich literarische Sprache schreiben muss. Ich habe schon in meinem ersten Buch versucht mich davon zu befreien. Obwohl ich sehr viel auf Ungarisch lese, habe ich das Gefühl, dass meine Sprache karg und ärmlich ist. Aus dem Kafka-Buch von Deleuze-Guttari stammt der Ausdruck der Deterritorialisierung der Sprache, was die Entwicklung des Sprachgebrauchs einer Minderheit ist. In Bratislava bin ich in einer Fremdsprachenumgebung, zu Hause dominiert bei uns der Dialekt. Das bedeutet nicht, dass es keine Übergänge gibt, denn Sprachen gehen organisch und flüssig ineinander über und der Mensch ist überall zu Hause und doch wird er überall ausgesperrt bleiben. Wenn ich schreiben muss, entsteht daraus immer Unzufriedenheit, weil ich die Sprache nicht plastisch genug und nicht nuancenreich anwenden kann. Also muss ich eine Sprache erfinden - beziehungsweise findet die Sprache den Autor und nicht umgekehrt - die als Notausgang dient und aus der Klaustrophobie der Ordnung herausführt."
Stichwörter: Szasz, Pal, Dialekt, Slowakei

Magazinrundschau vom 07.09.2021 - Elet es Irodalom

Die aus Siebenbürgen stammende Lyrikerin und Schriftstellerin Anna T. Szabó eröffnete am 2. September in Budapest die diesjährige Buchwoche. Élet és Irodalom publiziert ihre Eröffnungsrede: "Dies ist das Fest des Papiers und der Druckfarbe, des Buches und der Tinte, der Fiktion und der Erinnerung, der Liebe und der Freiheit. Das Fest der kleinen und großen wahren Geschichten und nicht der fetischisierten Geschichte. Dinge, an die man sich erinnern und die man aufzeichnen kann, haben wir reichlich. Wenn auch nicht jedermann Geschichte schreiben kann, Geschichten aufschreiben kann jeder. Geschichte setzt sich aus persönlichen Geschichten zusammen, aus Leser werden Schreiber, Schriftsteller oder Tagebuchschreiber. Jeder stellt die eigene Geschichte für die Interpretation und das gegenseitige Verständnis zur Verfügung. Bibliothek und Archiv sind ebenso wichtig. Wir brauchen unsere aller Geschichten, so sollen wir diese mutig aufschreiben - für unsere Zeitgenossen, für unsere Nachfahren oder einfach für uns selbst, damit kein einziges Leben spurlos verschwinden kann."

Magazinrundschau vom 31.08.2021 - Elet es Irodalom

Der Philosoph Gáspár Miklós Tamás schreibt über die Lage der grünen Bewegungen in Europa: "Mit dem Ende der neuen Linken (seit Anfang der 1980er Jahren) verschwand auch der utopische Inhalt der Umweltproblematik. Obwohl es offensichtlich ist, dass nach den Faschismen und später post-stalinistischen Regimen und religiösen (meist islamistischen) Fundamentalismen am Ende auch die parlamentarisch-marktwirtschaftlichen Systeme zum Scheitern verurteilt sind. Einzigartig dabei ist, dass es ohne Alternativen, ja gar ohne alternativen Gedanken passiert. Die heutigen grünen Bewegungen bieten keine alternativ organisierten Gesellschaften an, sondern versuchen die (bisher gescheiterten) Staatsgebilde davon zu überzeugen, dass diese die notwendigen Maßnahmen einführen, obgleich sie, die Grünen nicht mal in der Lage sind, Wahlen zu gewinnen - was wiederum bedauerlich ist. (...) Der Römischer Bericht 'Die Grenzen des Wachstums' ist beinahe 50 Jahre alt. Eine Wirkung auf die Politik hatte er nicht. Der letzte Zweig der neuen Linken, nämlich die grünen Bewegungen (welche den Bricht ernst nahmen) lavieren von Kompromiss zu Kompromiss und sind der Lieblingskoalitionspartner von konservativen Parteien. Und die am Rande der Vernichtung stehenden (oder sich auf den letzten Verrat vorbereitenden) westlichen sozialdemokratischen Parteien haben die 'demokratische Planung' längst aufgegeben."

Magazinrundschau vom 24.08.2021 - Elet es Irodalom

Eine historischen Analogie aus der Kádár-Ära verwendend, in der ein Mitglied des Schriftstellerverbandes Anfang der 80er-Jahre um die Einführung der Zensur bat, um die seelische Stabilität der Schriftsteller zu bewahren, bittet der Schriftsteller Zoltán András Bán auf den Seiten der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom (ironisierend) um die Veröffentlichung einer Liste von verbotenen Büchern durch die Regierung, die im Rahmen des umstrittenen Gesetzes zur Diskriminierung von LGBTQI-Menschen unter das "Propagieren von Homosexualität" fallen könnten. "Mein bescheidener Antrag ist verhaltener, jedoch auch praktischer als die in der Idylle des Ancient Regime der Kádár-Ära formulierte Bitte. Denn ich bitte lediglich die weise Regierung darum, dass für das Sicherheitsgefühl der Buchhändler und der Autoren ein Verzeichnis der 'Verbotenen Bücher' eingeführt, und in allen Buchdruckertinte verkaufenden Geschäften und Institutionen ausgehängt werden soll. Obwohl unbestritten, dass in unserem zutiefst christlichen Lande das Index librorum prohibitorum über eine angenehm patinierte Nebenresonanz verfügen kann, hat es einen faden Beigeschmack, dass diese Liste durch die Verkündung der Glaubenskongregation vom 14. Juni 1966 offiziell rechtlich aufhörte zu existieren, obgleich - wie der spätere Papst, Kardinal Ratzinger bestätigte - moralisch weiterhin verpflichtend blieb. Was ist aber eine Verbotsliste wert, die lediglich moralisch verpflichtend ist?! Wie Immanuel Kant einst erwähnte, Legalität könne erzwungen werden, Moralität jedoch nicht."

Magazinrundschau vom 17.08.2021 - Elet es Irodalom

Norwegen zahlt zusammen mit Island und Lichtenstein in jeder EU-Haushaltperiode Ausgleichszahlungen an EU-Mitgliedsstaaten mit unterdurchschnittlichem Entwicklungsstand - so auch an Ungarn - als Kompensation für den Zugang zum europäischen Binnenmarkt. Die Zahlungen sollen zivilgesellschaftlichen Initiativen zugute kommen, welche unabhängig von der jeweiligen Regierung sind, wobei über die geförderten Organisationen Konsens zwischen den zwei Staaten herrschen soll. Ungarn hat als einziges Land die Vereinbarung einseitig aufgekündigt, denn nach der Beurteilung der Regierung gehört eine der Organisationen dem "Soros-Netzwerk" an. Die Abrufbarkeit der Mittel ist damit laut Norwegen hinfällig, die ungarische Regierung wiederum spricht vom "Diktat der Geberländer", kündigt rechtliche Schritte an und überprüft laut einer Verordnung des Ministerpräsidenten die wirtschaftlichen Beziehungen zu Norwegen (mehr zu dem Thema in der NZZ). Der Publizist János Széky kommentiert die paradoxe, ja absurde Situation. "Das Problem ist einerseits, dass die Regierung des EU-Mitglieds Ungarn, mit ausreichend Zeit und Kapazität ausgestattet, seit 2010 Techniken perfektionierte, Brüssel für dumm zu halten und - siehe die Geschichte des EU-Haushaltes und des Corona-Hilfspakets - zu erpressen. Norwegen ist aber nicht die EU und auch nicht Deutschland. (...) Schon die 'Rechtsgrundlage' ist eine propagandistische Dummheit, also dass das Königreich Norwegen Ungarn diese Summe 'schuldet', weil 'es die Vorteile des Binnenmarktes der EU genießt', genau so wie die Gelder aus den EU-Kohäsionsfonds Ungarn 'zustehen'. Nicht mit dem 'Ziel', dass das Land sich schneller entwickelt, sondern aus dem 'Grund', dass private Firmen Euromilliarden in Form von Gewinnen aus dem Land herauspumpten, was jetzt die west-europäischen Steuerzahler lediglich zurückzahlten. Wenn jemand das hier zum ersten Mal liest: dieses auf betriebswirtschaftlichen Analphabetismus ruhende Geschwätz wurde vor Jahren entwickelt und seitdem mantraartig von Regierungsmitgliedern und Staatspresse wiederholt - dagegen soll man argumentieren, wenn man es mit der Lautstärke hinbekommt."
Stichwörter: Ungarn, Norwegen, Corona