Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

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Magazinrundschau vom 02.11.2021 - Elet es Irodalom

Der Literaturhistoriker István Margócsy würdigt den Lyriker István Kemény, der seinen sechzigsten Geburtstag feiert: "Der junge (und spätere) Kemény fragt radikal nach der eigenen Subjektivität und der Legitimität des Sprechers, er spricht im Singular der ersten Person und aus dieser Position stellt er seine Fragen, skizziert seine Träume und malt seine Wunder. (…) Kemény schuf den Übergang von  der ironischen Sprache der Neoavantgarde zur melancholisch satirischen Lyriksprache der Postmoderne - und es ist kein Zufall, dass die Dichter und Dichtergruppen der folgenden Jahre ihn als ein beinahe kultisches Vorbild betrachten. Wenn es um die Jahrtausendwende einen 'Paradigmenwechsel' in der Lyrik in Ungarn gab (und es gab ihn ganz offensichtlich), dann war dessen wichtigster Initiator István Kemény, denn er war auch derjenige, der in die moralischen Fragestellungen der Postmoderne die Dilemmata des Blicks auf die Geschichte mit einbrachte."

Magazinrundschau vom 26.10.2021 - Elet es Irodalom

Was würde es für die ungarische Zivilgesellschaft bedeuten, würde die Opposition bei den Wahlen siegen? Der Schriftsteller, Dichter und Literaturhistoriker Gábor Schein versucht sich das vorzustellen: "Jeden Oppositionspartei behauptet, die Integration sei ein vorrangiges Ziel, damit bestimmte Gruppen, darunter auch der bedeutende Anteil der Roma-Bevölkerung, die aufgrund ihrer Diskriminierung aus der politischen Gemeinschaft exkludiert wurden, erneut und zunehmend zum entscheidungsfähigen Teil der Gesellschaft werden. Das ist nicht zuletzt eine kulturelle Frage. (…) Die Aufgabe ist in ihrer Komplexität äußert schwierig und dringend. Unter den direkten Zielen müssen gleichzeitig Punkte wie die Entwicklung der lokalen Gemeinden, die Erwachsenenbildung, die Verbesserung der gesellschaftlichen Kompetenzen, sozialpsychologischen Entwicklungen, aber auch die Entwicklung der Institutionen und die Wiederherstellung ihrer fachbezogenen Unabhängigkeit beachtet werden. (…) Neben engagierten, exzellenten Experten, braucht es Geld und politischen Willen, damit die Opposition weiß, was sie den lokalen Gemeinden anbieten will. Beispiele zeigen, dass ohne dies das Land sich nach den ersten Enttäuschungen die Diktatur zurückwünschen kann."

Magazinrundschau vom 19.10.2021 - Elet es Irodalom

Der aus der Slowakei stammende Schriftsteller und Literaturhistoriker Pál Szász spricht im Interview mit Zoltán Szalay u.a. über die Verwendung des heimatlichen Dialekts in der Literatur. "In der Tat bin ich oft frustriert, wenn ich literarische Sprache schreiben muss. Ich habe schon in meinem ersten Buch versucht mich davon zu befreien. Obwohl ich sehr viel auf Ungarisch lese, habe ich das Gefühl, dass meine Sprache karg und ärmlich ist. Aus dem Kafka-Buch von Deleuze-Guttari stammt der Ausdruck der Deterritorialisierung der Sprache, was die Entwicklung des Sprachgebrauchs einer Minderheit ist. In Bratislava bin ich in einer Fremdsprachenumgebung, zu Hause dominiert bei uns der Dialekt. Das bedeutet nicht, dass es keine Übergänge gibt, denn Sprachen gehen organisch und flüssig ineinander über und der Mensch ist überall zu Hause und doch wird er überall ausgesperrt bleiben. Wenn ich schreiben muss, entsteht daraus immer Unzufriedenheit, weil ich die Sprache nicht plastisch genug und nicht nuancenreich anwenden kann. Also muss ich eine Sprache erfinden - beziehungsweise findet die Sprache den Autor und nicht umgekehrt - die als Notausgang dient und aus der Klaustrophobie der Ordnung herausführt."
Stichwörter: Szasz, Pal, Dialekt, Slowakei

Magazinrundschau vom 07.09.2021 - Elet es Irodalom

Die aus Siebenbürgen stammende Lyrikerin und Schriftstellerin Anna T. Szabó eröffnete am 2. September in Budapest die diesjährige Buchwoche. Élet és Irodalom publiziert ihre Eröffnungsrede: "Dies ist das Fest des Papiers und der Druckfarbe, des Buches und der Tinte, der Fiktion und der Erinnerung, der Liebe und der Freiheit. Das Fest der kleinen und großen wahren Geschichten und nicht der fetischisierten Geschichte. Dinge, an die man sich erinnern und die man aufzeichnen kann, haben wir reichlich. Wenn auch nicht jedermann Geschichte schreiben kann, Geschichten aufschreiben kann jeder. Geschichte setzt sich aus persönlichen Geschichten zusammen, aus Leser werden Schreiber, Schriftsteller oder Tagebuchschreiber. Jeder stellt die eigene Geschichte für die Interpretation und das gegenseitige Verständnis zur Verfügung. Bibliothek und Archiv sind ebenso wichtig. Wir brauchen unsere aller Geschichten, so sollen wir diese mutig aufschreiben - für unsere Zeitgenossen, für unsere Nachfahren oder einfach für uns selbst, damit kein einziges Leben spurlos verschwinden kann."

Magazinrundschau vom 31.08.2021 - Elet es Irodalom

Der Philosoph Gáspár Miklós Tamás schreibt über die Lage der grünen Bewegungen in Europa: "Mit dem Ende der neuen Linken (seit Anfang der 1980er Jahren) verschwand auch der utopische Inhalt der Umweltproblematik. Obwohl es offensichtlich ist, dass nach den Faschismen und später post-stalinistischen Regimen und religiösen (meist islamistischen) Fundamentalismen am Ende auch die parlamentarisch-marktwirtschaftlichen Systeme zum Scheitern verurteilt sind. Einzigartig dabei ist, dass es ohne Alternativen, ja gar ohne alternativen Gedanken passiert. Die heutigen grünen Bewegungen bieten keine alternativ organisierten Gesellschaften an, sondern versuchen die (bisher gescheiterten) Staatsgebilde davon zu überzeugen, dass diese die notwendigen Maßnahmen einführen, obgleich sie, die Grünen nicht mal in der Lage sind, Wahlen zu gewinnen - was wiederum bedauerlich ist. (...) Der Römischer Bericht 'Die Grenzen des Wachstums' ist beinahe 50 Jahre alt. Eine Wirkung auf die Politik hatte er nicht. Der letzte Zweig der neuen Linken, nämlich die grünen Bewegungen (welche den Bricht ernst nahmen) lavieren von Kompromiss zu Kompromiss und sind der Lieblingskoalitionspartner von konservativen Parteien. Und die am Rande der Vernichtung stehenden (oder sich auf den letzten Verrat vorbereitenden) westlichen sozialdemokratischen Parteien haben die 'demokratische Planung' längst aufgegeben."

Magazinrundschau vom 24.08.2021 - Elet es Irodalom

Eine historischen Analogie aus der Kádár-Ära verwendend, in der ein Mitglied des Schriftstellerverbandes Anfang der 80er-Jahre um die Einführung der Zensur bat, um die seelische Stabilität der Schriftsteller zu bewahren, bittet der Schriftsteller Zoltán András Bán auf den Seiten der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom (ironisierend) um die Veröffentlichung einer Liste von verbotenen Büchern durch die Regierung, die im Rahmen des umstrittenen Gesetzes zur Diskriminierung von LGBTQI-Menschen unter das "Propagieren von Homosexualität" fallen könnten. "Mein bescheidener Antrag ist verhaltener, jedoch auch praktischer als die in der Idylle des Ancient Regime der Kádár-Ära formulierte Bitte. Denn ich bitte lediglich die weise Regierung darum, dass für das Sicherheitsgefühl der Buchhändler und der Autoren ein Verzeichnis der 'Verbotenen Bücher' eingeführt, und in allen Buchdruckertinte verkaufenden Geschäften und Institutionen ausgehängt werden soll. Obwohl unbestritten, dass in unserem zutiefst christlichen Lande das Index librorum prohibitorum über eine angenehm patinierte Nebenresonanz verfügen kann, hat es einen faden Beigeschmack, dass diese Liste durch die Verkündung der Glaubenskongregation vom 14. Juni 1966 offiziell rechtlich aufhörte zu existieren, obgleich - wie der spätere Papst, Kardinal Ratzinger bestätigte - moralisch weiterhin verpflichtend blieb. Was ist aber eine Verbotsliste wert, die lediglich moralisch verpflichtend ist?! Wie Immanuel Kant einst erwähnte, Legalität könne erzwungen werden, Moralität jedoch nicht."

Magazinrundschau vom 17.08.2021 - Elet es Irodalom

Norwegen zahlt zusammen mit Island und Lichtenstein in jeder EU-Haushaltperiode Ausgleichszahlungen an EU-Mitgliedsstaaten mit unterdurchschnittlichem Entwicklungsstand - so auch an Ungarn - als Kompensation für den Zugang zum europäischen Binnenmarkt. Die Zahlungen sollen zivilgesellschaftlichen Initiativen zugute kommen, welche unabhängig von der jeweiligen Regierung sind, wobei über die geförderten Organisationen Konsens zwischen den zwei Staaten herrschen soll. Ungarn hat als einziges Land die Vereinbarung einseitig aufgekündigt, denn nach der Beurteilung der Regierung gehört eine der Organisationen dem "Soros-Netzwerk" an. Die Abrufbarkeit der Mittel ist damit laut Norwegen hinfällig, die ungarische Regierung wiederum spricht vom "Diktat der Geberländer", kündigt rechtliche Schritte an und überprüft laut einer Verordnung des Ministerpräsidenten die wirtschaftlichen Beziehungen zu Norwegen (mehr zu dem Thema in der NZZ). Der Publizist János Széky kommentiert die paradoxe, ja absurde Situation. "Das Problem ist einerseits, dass die Regierung des EU-Mitglieds Ungarn, mit ausreichend Zeit und Kapazität ausgestattet, seit 2010 Techniken perfektionierte, Brüssel für dumm zu halten und - siehe die Geschichte des EU-Haushaltes und des Corona-Hilfspakets - zu erpressen. Norwegen ist aber nicht die EU und auch nicht Deutschland. (...) Schon die 'Rechtsgrundlage' ist eine propagandistische Dummheit, also dass das Königreich Norwegen Ungarn diese Summe 'schuldet', weil 'es die Vorteile des Binnenmarktes der EU genießt', genau so wie die Gelder aus den EU-Kohäsionsfonds Ungarn 'zustehen'. Nicht mit dem 'Ziel', dass das Land sich schneller entwickelt, sondern aus dem 'Grund', dass private Firmen Euromilliarden in Form von Gewinnen aus dem Land herauspumpten, was jetzt die west-europäischen Steuerzahler lediglich zurückzahlten. Wenn jemand das hier zum ersten Mal liest: dieses auf betriebswirtschaftlichen Analphabetismus ruhende Geschwätz wurde vor Jahren entwickelt und seitdem mantraartig von Regierungsmitgliedern und Staatspresse wiederholt - dagegen soll man argumentieren, wenn man es mit der Lautstärke hinbekommt."
Stichwörter: Ungarn, Norwegen, Corona

Magazinrundschau vom 10.08.2021 - Elet es Irodalom

Ist Ungarn verloren? Chefredakteur Zoltán Kovács, wirft einen ernüchterten Blick auf Viktor Orbans Regime: "Seit zehn Jahren stehen wir im Krieg mit der Europäischen Union. Der in der fieberhaften Suche nach Staatsfeinden und Wählerstimmen so erfolgreiche Viktor Orbán sucht stets die Zerreißproben: Was wird Brüssel noch ertragen? (…) Nachdem seine natürliche Parteienfamilie genug von seinen Tabubrüchen hatte, versucht er jetzt eine mehr als fragwürdige rechtsextreme Truppe zu organisieren. Wenn es nur um seine eigene Zukunft und die Zukunft seiner Partei ginge, wäre Mitleid angesagt. Aber als Ministerpräsident zieht er das gesamte Land in eine vernebelte Zukunft. Während er sich mit Marine Le Pen und manchen verrückten nordeuropäischen Nazis verbündet, sucht er gleichzeitig Gunst Putins und der chinesischen Führung. (…) Er fängt mit zweifelhaften defizitären Projekten an, etwa der Ansiedlung der chinesischen Fudan Universität, der Erweiterung des AKW Paks oder der chinesische Eisenbahn zwischen Belgrad und Budapest. Zugleich verjagt er die Central European University, ein Ende der schmutzigen Regierungsgeschäften ist nicht abzusehen, der Abhörskandal Pegasus tobt, das Land versinkt in Korruption. Im Amtsblatt aber erscheint eine Regierungspublizistik, in der angekündigt wird, dass alle pandemiebedingten Maßnahmen für die Feierlichkeiten am 20. August, dem Nationalfeiertag, ausgesetzt werden. (...) Es werden keine Impfnachweise verlangt, es wird keine Begrenzung der Teilnehmer geben, jeder kann kommen, nur über die Delta-Variante soll kein Wort gesagt werden."

Magazinrundschau vom 03.08.2021 - Elet es Irodalom

Der Philosoph Gáspár Miklós Tamás beschreibt die aussichtslose, weil bereits verlorene Auseinandersetzung der grünen Linken mit der "unteren Mittelschicht", ihrer früheren Basis. "Jede Antwort auf den Klimawandel geht mit Verzicht, aber auch mit Verarmung der reicheren Ländern und reicheren gesellschaftlichen Schichten einher, mit Einschränkungen von Annehmlichkeiten (Autos und Flugzeugen), mit schmerzhaften Veränderungen der Landwirtschaft (und damit des Essens). Grüne Initiativen zur Selbstbegrenzung stützen sich nicht auf die demokratisch-hedonistische Öffentlichkeit, sondern auf die Erkenntnisse (und Diskussionen!) der Wissenschaft, deren Prestige ziemlich begrenzt ist, sonst wäre zum Beispiel in Ungarn die Zerstörung der Akademie der Wissenschaften, der Universitäten, der öffentlichen Sammlungen und des Denkmalschutzes sowie die Verbreitung von Aberglauben mit staatlicher Hilfe nicht möglich gewesen. Die angebliche moralische Überheblichkeit der Grünen, ihre rational-hochmütige Attitüde, die sich um die angeblichen Interessen des 'Durchschnittsmenschen' nicht kümmert - wie wir dies in der äußerst hässlichen, an Ost-Europa erinnernden 'Wahlkampagne' in Deutschland sehen können - steht dem 'traditionellen' auf Wettbewerb, Konsum oder Konservatismus ausgerichteten Ethos gegenüber, und darum gelten sie zunehmend als volksfeindlich, denn heutzutage ist das Volk die Mittelschicht, der autofahrende, fleischessende, biertrinkende, am Meer urlaubende, fußballbegeisterte, serienabhängige 'Durchschnittsmensch'."

Magazinrundschau vom 20.07.2021 - Elet es Irodalom

Vor sieben Jahren wurde in Budapest das "Mahnmal für die Opfer der deutschen Besatzung" aufgestellt. Die Soziolinguistin Ágnes Huszár (Universität Pécs) erinnert an die damit verbundene Kontroverse: "In dem Mahnmal wurde die Einheit des Inhalts und der Form verwirklicht. Der lügnerische Inhalt erhielt eine kitschig-horrorhafte, erschreckende Form. Die in ihm formulierte Lüge - dass für den Massenmord der ungarischen Juden ausschließlich die Deutschen verantwortlich wären - verkünden seitdem die Mitglieder der Regierung und ihre Medien. Beim diesjährigen Gedenktag der ungarischen Opfer des Holocaust sprach im Namen der Regierung auch die Justizministerin: Welche tragischen Konsequenzen es hat, wenn eine Nation ihre Freiheit verliert, wird sie zitiert, obgleich sie auch die Präambel der Verfassung hätte zitieren können. (...) Die Übermalung der historischen Erinnerung, die lügnerische Selbstbestätigung nehmen jene Menschen nicht hin, die sich seit sieben Jahren und so auch jetzt wieder am Freiheitsplatz versammelten und die 'Gruppe des lebendigen Mahnmals' bildeten."