Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

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Magazinrundschau vom 21.07.2020 - Elet es Irodalom

Der Dichter und Literaturhistoriker (Universität Debrecen) János Áfra spricht mit Jozsef Lapis anlässlich seines aktuellen intermedialen Projekts "Termékeny félreértés/ productive Misreadings" über das Zusammenwirken unterschiedlicher Gattungen als Chance für die Lyrik: "In einen erweiterten Lyrikbegriff passen - öfter als zeitgenössische Gedichte - auch mit klassischen poetischen Mitteln versehene Liedertexte genau so wie visuelle Dichtungen. Das wird von der rezipierenden Gemeinschaft geformt, die jeweils andere Vorstellungen über Grenzen der Dichtungssprache hat. Die Gesten der Ausgrenzung und der Akzeptanz sind beide zielorientiert. Auf alle Fälle schafft aber der Dialog mit einer anderen künstlerischen Ausdrucksform eine Möglichkeit zur Erkennung der (eigenen) Eigenheiten und zum Perspektivenwechsel. Viele bedeutende lyrische Leistungen rufen eine ähnliche Verwirrung bei dem sich an die Genregrenzen klammernden Leser hervor, wie z.B. bei einem ungewöhnlichen Versuch zwischen Kunstgattungen, bei dem der gesprochene lyrische Text lediglich eine Komponente ist." (Hier ein Gedicht von Áfra.)

Magazinrundschau vom 14.07.2020 - Elet es Irodalom

Der Publizist István Váncsa kommentiert die Verordnung der Regierung, nach der die Universität der Schauspiel- und Filmkunst in eine Stiftungsuniversität umgewandelt wird, in deren Kuratorium ausschließlich Abgeordnete der Regierung Platz nehmen sollen. Dies ist nach zahlreichen bereits erfolgten Umwandlungen einer der prominentesten Fällen, bei der eine politische Motivation - die Universität galt als offen regierungskritisch - kaum von der Hand zu weisen ist: "Unser Herr Ministerpräsident werkelt an der eliminierenden Erhaltung der akademischen Sphäre. Erhaltung bedeutet hier einerseits, dass höhere Bildungsinstitute auf Befehl stehen, sitzen, liegen und auf Kommando bei Fuß sind; eliminieren bedeutet andererseits, dass sie immer weniger zu Essen bekommen und in absehbarer Zeit nichts mehr erhalten. Sie überlebt so gut sie kann, während die Kranken auf der Strecke bleiben und die anderen Ordnung lehren."
Stichwörter: Ungarn, Filmkunst

Magazinrundschau vom 09.06.2020 - Elet es Irodalom

Anlässlich des hundertsten Jahrestag des Friedensvertrags von Trianon am 4. Juni organisierte die ungarische Regierung feierlich "Tage des nationalen Zusammenhalts". Durch den Friedensvertrag war Ungarn zwar eine unabhängige Republik geworden, es verlor aber gleichzeitig zwei Drittel seines Territoriums und ein Drittel seiner Bevölkerung zugunsten von zum Teil neu entstandenen Nachbarländern (mehr dazu in diesem Podcast der FAZ, ab der fünften Minute). Ein beträchtlicher Teil der ungarischen Bevölkerung lebt seitdem als Minderheit in den Nachbarländern. In der Folge konnten sich in der ungarischen Bevölkerung zu diesem Thema nationalistische, chauvinistische und revisionistische Tendenzen in einem für Europa beispiellosen Maße etablieren, resümiert die Soziologin Mária Vásárhelyi die Ergebnisse einer Langzeitstudie zum Thema. Zum Teil liege das aber auch daran, dass die Opposition zu diesem Thema seit der Wende 1989 geschwiegen hat, kritisiert sie: "Dadurch, dass die hiesige linke und liberale meinungsbildende und politische Elite das Thema den Rechtsradikalen überließ, hat sie einen irreparablen Fehler begangen. Heute sind wir soweit, dass das öffentliche Denken vom mantraartig wiederholten nationalistischen und revisionistischen Regierungsnarrativ bestimmt wird. Uns fehlt schmerzhaft eine ehrliche, rationale und verantwortungsvolle Konfrontation mit unserer Geschichte. Immer wieder dominieren verlogene Mythen, die Suche nach Sündenböcken und die Abweisung von Verantwortung die einschlägigen Debatten. Ebenso wurden die Beziehungen zu den Auslandsungarn und zu den Nachbarländern zum politischen Spielball. Die Opposition hatte dreißig Jahre Zeit, ein eigenes, rational argumentierendes, verantwortliches und sich über die tagespolitischen Interessen erhebendes Narrativ über Trianon zu formulieren und eine politische Strategie zu erarbeitenn, die Frieden mit den Nachbarn herstellt und die Auslandsungarn an ihren Geburtsorten unterstützt. Vor dieser Aufgabe ist die Opposition feige zurückgewichen. Den Preis dafür zahlen nicht nur die heute Lebenden, sondern auch die folgenden Generationen."

Magazinrundschau vom 19.05.2020 - Elet es Irodalom

Mitte April gab der ehemalige EU-Ratspräsident Donald Tusk dem Spiegel ein Interview, in dem er im Bezug auf das ungarische Notstandsgesetzes sagte, dass Carl Schmitt stolz wäre auf Viktor Orbán, wobei Tusk diese Aussage nicht weiter ausführte. Es entstand eine Empörungswelle in der ungarischen Politik und bei den angeschlossenen Medien. In Élet és Irodalom geht jetzt der Jurist und Historiker Péter Techet der Frage nach, was Tusk gemeint haben könnte: "Bei Schmitt ist Demokratie nicht parlamentarisch, sondern charismatisch. Der Wille des Führers und des Volkes können sich nur dann treffen, wenn dieses Volk homogen ist - profaner: wenn dieses Volk nichts anderes will als dessen Führer." Das "System der nationalen Zusammenarbeit", als das Orban seine Regierungsform beschreibt, beruhe "auf folgendem Vulgärschmittismus: die Feinde sind direkt unter uns 'lieben Freunden', und wenn wir eine wahre Demokratie sein wollen, müssen wir sie zunächst ausschließen (in der Terminologie von Carl Schmitt: 'wir müssen sie vernichten'). Wenn Tusk das meinte, als er sagte, dass Schmitt stolz auf Orbán wäre, dann ist das eine sehr starke Behauptung, denn hier geht es nicht um die Abstemplung als Nazi - sondern darum zu verstehen, was das Orbansche Versprechen der 'illiberalen Demokratie' bedeutet. In diesem Falle aber haben die Journalisten des Spiegel vergessen zu fragen: seit wann und wie lange haben die vulgarisierten Ansichten von Carl Schmitts einen Platz in der Europäischen Volkspartei, der Tusk vorsteht... Oder mit Schmitt gefragt: Wer ist der Souverän in der Europäischen Volkspartei?"

Magazinrundschau vom 12.05.2020 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller László Csabai spricht im Interview mit Zsolt Kácsor über seine Inspirationsquellen: "Ich betrachte mich als Ost-Mitteleuropäer zu betrachten, denn Ungarn ist nicht Osteuropa, sondern Mitteleuropas Osten. (…) Diese Umgebung bietet sich so sehr an, dass ich nie nach einem Thema suchen muss. Die Ideen strömen mir nur so zu. Die Familiengeschichte ist ebenso voll von Geschichten über Armut, Entbehrung, Krieg aber auch freudvollen Dingen. Somit führt mich nicht irgendein schriftstellerischer Patriotismus, sondern diese Sphäre umgibt mich einfach, dies ist meine Welt, also schreibe ich darüber. (…) Es werden immer mehr Geschichten mit Lebensgeruch, immer weniger Politik, Ideologie und überhaupt: weniger schriftstellerisches Grübeln und Philosophieren. Wenn jedoch der Leser durch meine Bücher auf Gedanken gebracht wird, dagegen habe ich nichts. Das höre ich mir auch gerne an. Vielleicht lerne ich etwas über mein eigenes Werk. Was übrigens nicht selten passiert."

Magazinrundschau vom 05.05.2020 - Elet es Irodalom

Die Philosophen Péter Bajomi-Lázár und Mihály Szilágyi-Gál beklagen das Fehlen von gesellschaftlichen Debatten und somit die Möglichkeit der Kontrolle von politischen Amtsträgern durch die Öffentlichkeit: "Es wurde zum organischem Teil, ja zum Organisationsprinzip der Kommunikationsstrategie der ungarischen Regierung, beim kleinsten Anzeichen einer Krise Sündenböcke zu markieren, auf die sich dann die Frustration und Wut der Gemeinschaft richten kann. Die Bedürfnisse jener Gruppe verlieren somit in den Augen der Gemeinschaft ihre Legitimation, sie werden bagatellisiert. (...) Regierungskritische Medien werden bezichtigt, Falschmeldungen zu produzieren. Das wiederholte Eintrichtern fertiger Kommunikationsbausteine wie "Soros-Agent" und "Migrantenstreichler" - verbunden mit Angst und Anpassung - erzeugt einen Kommunikationsdunst, in dem rationale Argumente keinen Platz mehr haben. Ein Beispiel dafür ist die Antwort der Regierung auf internationale Kritik. Statt rationaler Argumente gewinnen Autoritätsargumente an Geltung. Die Frage ist, wer spricht und nicht, was gesagt wird. Nach Brian McNair ist die politische Kommunikation nichts anderes als eine gesellschaftliche Debatte über die Verteilung der Ressourcen. In Ungarn gibt es solch eine Debatte nicht. Und ohne Debatte gibt es auch keine Demokratie."

Magazinrundschau vom 21.04.2020 - Elet es Irodalom

Die unter dem Vorwand der Pandemiebekämpfung verabschiedete Notstandsverordnung in Ungarn sowie dessen Verteidigung in den europäischen Öffentlichkeiten durch Regierungsmitglieder, bewertet der Publizist István Váncsa nicht ganz frei von Ironie. "Nach unserer Ansicht wird die Notstandsverordnung in absehbarer Zeit auslaufen: Denn man braucht sie eigentlich nicht. In Ungarn herrscht seit 2010 permanenter Notstand, also macht die Regierung, was ihr gerade einfällt. Was wiederum nicht bedeutet, dass die Errungenschaften des jetzigen, unkonventionellen Notstandes aus dem Fenster geworfen werden müssten. Die Justizministerin wies bereits darauf hin, dass einige Elemente des Notstandsgesetzes auch weiterhin benötigt werden, doch darüber wird dann das Parlament entscheiden. Dann werden diese Elemente 'ordentliche Gesetze und keine Verordnungen' sein. (…) Wir können somit davon ausgehen, dass das Parlament mit großer Wahrscheinlichkeit in ein Gesetz gießt, dass die Regierung die Anwendung der Gesetze aussetzen darf, von Gesetzesverordnungen abweichen darf und weitere außerordentliche Verordnungen erlassen darf. Mit anderen Worten, das Recht kann rechtmäßig getreten werden, während über dem Land Marias (Ungarn) der Geist von Alfred Jarry schwebt."

Magazinrundschau vom 31.03.2020 - Elet es Irodalom

Das ungarische Parlament hat mit der Mehrheit der Regierungspartei Fidesz eine Notstandsermächtigung erlassen, die es Viktor Orban erlaubt, auf unbestimmte Zeit per Dekret zu regieren. Das Parlament hat sich damit selbst seiner Kontroll- und gesetzgebenden Funktionen entbunden. Die Regierungspartei verfügt im Parlament seit der dritten Legislaturperiode über eine Zweidrittelmehrheit. Auch die während der Flüchtlingskrise 2015 verabschiedete "Migrations-Notstandsregelung" ist bis zum heutigen Tage in Kraft. Das Verfassungsgericht wurde in seiner Kontrollfunktion stark eingeschränkt. Somit ist die Funktion des neuen Notstandsgesetzes, das in der Öffentlichkeit als "Ermächtigungsgesetz" bezeichnet wird, selbst in der gegenwärtigen Pandemie-Krise unklar, denn der Regierung stehen bereits alle ansonsten unüblichen Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Die gesetzliche Beschränkungen und Kontrollmöglichkeiten von Parlament und Justiz wurden in den vergangenen Jahren konsequent abgebaut. In den Zeitschriften Élet és Irodalom und 168 óra bewerten der Soziologe Márton Kozák und der Kritiker Győző Mátyás die Situation in ihrer Tendenz ähnlich. "Im gesetzgebenden Schwung der Regierung will ich kein Hindernis, sondern Motor sein - sagte vor seiner Wahl Pál Schmidt, der 2012 wegen Plagiats zurückgetretene Staatspräsident", schreibt Marton Kozak. "Und das wurde er auch. Die jetzige Nationalversammlung unterscheidet sich vom ehemaligen Staatspräsidenten nur dadurch, dass die in den letzten zehn Jahre funktionslos gewordene Institution weder Hindernis noch Motor sein möchte - eigentlich will sie gar nicht sein. (...) Mit dem Ermächtigungsgesetz gibt die parlamentarische Mehrheit einem Pyromanen einen Flammenwerfer in die Hand. Dafür wurde sie Kopf für Kopf von Orbán ausgesucht."

Magazinrundschau vom 17.03.2020 - Elet es Irodalom

In der Debatte um das neugegründete staatliche Stipendium für Schriftsteller der mittleren Generation, benannt nach dem kürzlich verstorbenen János Térey, scheint kein Konsens auf. Erneute Kontroversen löste eine Äußerung des Direktors des Petőfi Literaturmuseums aus, der gleichzeitig Initiator des Stipendiums ist: Seiner Meinung nach kann ein Schriftsteller, der übersetzt wird und im westlichen Ausland erfolgreich ist, kein ungarischer Schriftsteller seien. Einigkeit herrscht dagegen in der Beurteilung des Lebenswerks Téreys, worauf der Bibliothekwissenschaftler und Lyriker János Márton (Universität Szeged) hinweist. "Das Lebenswerk des Literaten János Térey ist unantastbar, es gehört uns allen. Man muss allerdings hinzufügen: wer sich heutzutage im kulturpolitischen Sumpf verirrt, der wird heruntergezogen."

Magazinrundschau vom 03.03.2020 - Elet es Irodalom

Das neugegründete staatliche Térey-Stipendium für Schriftsteller der mittleren Generation ist weiterhin Gegenstand heftiger Debatten. Der Schriftsteller Gábor Schein nimmt nun erneut Stellung und präzisiert seine frühere Aussage, warum die Situation für jene schaden kann, die aus unterschiedlichen persönlichen Gründen das Stipendium annahmen. "Zuerst möchte ich erneut betonen, dass für die Annahme des Stipendiums jeder seine eigene Begründung und Überlegung haben kann, welche ich moralisch nicht beurteile. Selbstverständlich möchte ich genauso wenig, dass sich meine Sorgen bewahrheiten. Das Stipendium ... bringt die Stipendiaten zwangsweise immer dann in eine schwierige Situation, wenn sie in den kommenden zwei oder mehreren Jahren etwas hören, was auch für sie inakzeptabel ist.  Es kann auch Freunde eines Schriftstellers in eine schwierige Situation bringen, die noch nicht wissen, ob sie ihr Verständnis für die Annahme des Stipendiums aufrechterhalten können. Doch was schwer ist, ist nicht unmöglich. … Sicherlich verstehe ich auch die Ironie der Debatte. Ein schlechterer Schriftsteller wird durch das Stipendium wohl niemand werden. Aber ein besserer vielleicht. Denn hat die Ästhetik eine Moral? Und wenn ja, wer wird sagen, was sie ist und wie sie existiert? Wir sollen aufregend leben! Arbeiten!"