
Anlässlich des hundertsten Jahrestag des
Friedensvertrags von Trianon am 4. Juni organisierte die ungarische Regierung feierlich "Tage des nationalen Zusammenhalts". Durch den Friedensvertrag war Ungarn zwar eine unabhängige Republik geworden, es verlor aber gleichzeitig zwei Drittel seines Territoriums und ein Drittel seiner Bevölkerung zugunsten von zum Teil neu entstandenen Nachbarländern (mehr dazu in diesem
Podcast der
FAZ, ab der fünften Minute). Ein beträchtlicher Teil der ungarischen Bevölkerung lebt seitdem als Minderheit in den Nachbarländern. In der Folge konnten sich in der ungarischen Bevölkerung zu diesem Thema nationalistische, chauvinistische und revisionistische Tendenzen in einem für Europa beispiellosen Maße etablieren,
resümiert die Soziologin
Mária Vásárhelyi die Ergebnisse einer Langzeitstudie zum Thema. Zum Teil liege das aber auch daran, dass die Opposition zu diesem Thema seit der Wende 1989 geschwiegen hat, kritisiert sie: "Dadurch, dass die hiesige linke und liberale meinungsbildende und politische Elite das Thema
den Rechtsradikalen überließ, hat sie einen irreparablen Fehler begangen. Heute sind wir soweit, dass das öffentliche Denken vom mantraartig wiederholten nationalistischen und revisionistischen Regierungsnarrativ bestimmt wird. Uns fehlt schmerzhaft eine ehrliche, rationale und verantwortungsvolle
Konfrontation mit unserer Geschichte. Immer wieder dominieren verlogene Mythen, die Suche nach Sündenböcken und die Abweisung von Verantwortung die einschlägigen Debatten. Ebenso wurden die Beziehungen zu den Auslandsungarn und zu den Nachbarländern zum politischen Spielball. Die Opposition hatte
dreißig Jahre Zeit, ein eigenes, rational argumentierendes, verantwortliches und sich über die tagespolitischen Interessen erhebendes Narrativ über Trianon zu formulieren und eine politische Strategie zu erarbeitenn, die Frieden mit den Nachbarn herstellt und die Auslandsungarn an ihren Geburtsorten unterstützt. Vor dieser Aufgabe ist die Opposition
feige zurückgewichen. Den Preis dafür zahlen nicht nur die heute Lebenden, sondern auch die folgenden Generationen."