Magazinrundschau - Archiv

Il Foglio

72 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 8

Magazinrundschau vom 30.05.2006 - Foglio

Amy Rosenthal trifft den nun neunzigjährigen Orientalisten Bernard Lewis, der erklärt, wie man es hätte machen müssen im Irak. "Als allererstes hätte man eine irakische Autorität aufbauen müssen, an die man die Macht übergeben kann. Die Invasion des Iraks wäre gar nicht nötig gewesen. In den Neunzigern gab es die sogenannte "freie Zone" im Norden. Etwa ein Fünftel des Landes und der Bevölkerung gehörten nicht mehr Saddam Hussein, , sondern wurden von kurdischen Führern und dem Nationalkongress kontrolliert. Da hätte man was machen können, aber es ist nichts passiert. So wurde eine großartige Möglichkeit vergeben. Nach der Invasion ist dieser Widerstand völlig zusammengebrochen."

Marie Antoinette wurde Opfer einer Medienkampagne, meint Siegmund Ginzberg. Angefangen hatte es als von Neidern lancierter Hofklatsch, dann "vervielfältigten sich die Pamphlete und Karikaturen. Die Tatsache dass der junge König seit sieben Jahren nicht imstande war, die Ehe zu vollziehen, wurde zum Objekt von Spekulationen und Schmähungen. Man diskutierte wild und erging sich in sämtlichen intimen Einzelheiten. Wenn der Ehemann irgendein Problem hatte, war es nur logisch, dass sich die junge und brillante Ehefrau nach einer sexuellen Alternative umsehen musste. Man dichtete ihr Haufen an Liebhabern beiderlei Geschlechts an. Man sagte, dass ihre Kinder, die designierten Thornerben, von jemandem anderen stammen müssen (immer wieder gingen die Vermutungen in Richtung des jüngeren Bruders von Ludwig XVI.). " Ihren Höhepunkt fand die öffentliche Antipathie direkt nach der Hinrichtung, schreibt Ginzberg, als ein Revolutionsblatt titelte: "Das Flittchen Marie Antoinette hat den Tod gefunden, den sie verdiente, wie eine Sau im Schlachthof."

Magazinrundschau vom 23.05.2006 - Foglio

Die Wochenendbeilage des Foglio hat die Rede des Schriftstellers Tom Wolfe abgedruckt (wie immer als pdf, Teil 1 und Teil 2), die er im Rahmen der Jefferson Lecturers in Washington gehalten hat. Wolfe glaubt, spätestens seit der Erfindung der Sprache habe sich der menschliche Geist den Niederungen der Darwinschen Evolution entzogen. "Eine der ersten Erfindungen des Homo loquax, nachdem er zu sprechen gelernt hatte, war die Religion. Seit dem 'Ursprung der Arten' (hier der vollständige Text auf Englisch) im Jahr 1859 hat die Doktrin der Evolution mehr als alles andere dazu beigetragen, dem religiösen Glauben unter den gebildeten Bürgern in Europa und Amerika ein Ende zu bereiten; denn Gott ist tot. Dabei war es die Religion, die mehr als jede andere Waffe im nuklearen Arsenal des Homo loquax darür gesorgt hat, die Evolution vor 11.000 Jahren auszulöschen. Zu behaupten, dass die Evolution die Beschaffenheit des modernen Menschen erklärt, ist so ähnlich wie zu sagen, dass der Bessemer-Prozess zur Herstellung von Stahl etwas über das Phänomen des modernen Wolkenkratzers aussagt." Angenehmer zu lesen ist die Rede allerdings in der amerikanischen Html-Version.

Magazinrundschau vom 16.05.2006 - Foglio

In der Wochenendbeilage porträtiert Maurizio Crippa den Vielschreiber Carlo Lucarelli, "einen Schriftsteller und Erzähler, der Romane und Geschichten im Rythmus einer Bergkette herausbringt, normalerweise untertitelt in klassische und Noir-Krimis, Fernsehserien und Drehbücher. Der eine Internetseite von manischer Präzision hat, dass einem beim Scrollen ein Frösteln überkommt - sind der Serienschriftsteller und der Serienmörder Brüder im Geiste? - wo die geführten Interviews ordentlich aufgeführt sind und die fast komplette Bibliografie zehn DINA4-Seiten ausfüllt." Es stimmt: Die Sorgfalt seines Internetauftritts macht Luccarelli in Italien leider zu etwas Besonderem.

Paola Peduzzi und Rolla Scolari bewerten die zahlreicher werdenden Leading Ladies der Weltpolitik nach Mode und Erscheinugnsbild. Etwa Tzipi Livni, Verteidigungsminsterin und Vizepremier Israels. "Kleider zieht sie selten an. Als große und imponierende Frau bevorzugt Tzip maßgeschneiderte Hosen, dunkel, geradlinig, streng - wie sie auch Angela Merkel trägt - die sie mit einigen weiblichen Tupfern kombiniert: zwei Perlen an den Ohren hinter der einfachen, glatten kurzen Frisur, die ihre imposante Nase aber nicht zu verbergen vermag."

Magazinrundschau vom 25.04.2006 - Foglio

Edoardo Camurri berichtet in der Samstagsbeilage von einer Zugfahrt am Wahltag, die ihm tiefe Einblicke in das Italien an der Basis gewährte. "Da entdeckte ich, dass eines der innigsten Bedürfnisse der Italiener die Güter des Komforts sind. Wir waren alle jenseits der Moral, Prodianer und Berlusconianer, und in diesem Fall, mehr noch als das Schicksal Italiens, zählte unser Überleben. Das spürten wir alle. Wir waren ein Bündel gleicher Erwartungen und Hoffnungen. Und wir hatten das in diesem Moment verstanden, als sich die italienische Bahn beim Halt in Florenz, um einen kleinen Teil der 14.400 Sekunden Verspätung wieder auszubügeln, entschied, uns ein wenig Trost zu spenden. Es kamen Pizzakartons und Tüten mit Burgern von McDonalds. Und die Freude brach aus. Man aß umsonst."

Weiteres: Ugo Bertone weist darauf hin, dass nicht nur das Öl, sondern auch die Schokolade knapp werden wird. Und Giorgio Israel warnt vor der Erschaffung eines künstlichen Verstands.
Stichwörter: Bertone, Florenz

Magazinrundschau vom 11.04.2006 - Foglio

Hier ist der Cavaliere schon Geschichte. Die Wochenendbeilage der Zeitung Il Foglio präsentiert durchaus ironische und großformatige Öl-Porträts von Silvio Berlusconi in den verschiedensten Inkarnationen (und im pdf-Format): als Kaiman, als Napoelon, als Churchill, als Thatcher, und mehr, mehr, mehr, und mehr.
Stichwörter: Berlusconi, Silvio

Magazinrundschau vom 28.03.2006 - Foglio

In San Remo sieht man es jedes Jahr deutlicher: die italienische Musik liegt am Boden. Aber es gibt wieder Hoffnung, und die kommt ausgerechnet aus Sizilien, wo eine junge Musikszene explodiert, wie Bruno Giurato begeistert berichtet (pdf). "Zum Beispiel Roy Paci, aus Augusta, Jahrgang 1969, Sänger und Trompeter. In der neuesten Ausgabe des Zelig Circus gibt er den Orchesterleiter seiner Aretuskas (nach 'Aretus', dem antiken Namen von Syrakus), die mit der Truppe von Claudio Bisio zwischen Reggae, Mambo, Schlager, und Kabarett oszillieren. Paci erinnert an einen Latino, mit dunkler Brille und Nadelstreifenanzug nach Al Capone Art. Paci fängt sofort an zu erzählen: 'Mein Großvater sagte immer: Bevor Du laufen lernst, musst Du gehen können. Man sollte also die Tradition kennen. Für mich ist Rosa Balistreri die absolute Stimme (hier einige Lieder der Balistreri-Interpretin Etta Scollo). Musikalisch wurde ich in einer Musikkapelle geboren, nicht am Konservatorium; die Konzerte auf dem Platz, die Prozessionen, eine praktische Übung für die Bläser des Südens."

Magazinrundschau vom 14.03.2006 - Foglio

Edoardo Camurri wettert gegen die Allgegenwart und Allmacht der Zahlen, sei es in den Bestsellerlisten oder in Wahlumfragen (Artikel als pdf). "Die Politik ist wie das Kamasutra. Es ist offensichtlich, dass während einer Umfrage einige befragte Bürger gut dastehen wollen und nicht zugeben, jemanden zu wählen, gegen den es irgendwelche gesellschaftlichen Vorbehalte gibt. Wie mit jedem großen erotischen Vergnügen besteht das Schöne darin, es hinauszuzögern, es erst in der Wahlkabine zuzugeben: die luxuriöse Enthüllung des eigenen politischen Es in der Form des ungewünschten Kreuzchens, hinter einem schützenden Vorhang. Die wissenschaftliche Umfrage ist in gesellschaftlicher und qualitativer Hinsicht ein Hirngespinst."

Andrea Pipino porträtiert den umstrittenen russischen Autor Eduard Limonow, der die nationalbolschewistische Partei gegründet hat und sich als einziger moderner Schriftsteller seines Landes bezeichnet (pdf).
Stichwörter: Limonow, Eduard

Magazinrundschau vom 07.03.2006 - Foglio

Stefano di Michele schreibt über die untergegangene Tradition der großen Wahlkampfveranstaltungen unter freiem Himmel, die durch das Fernsehen verdrängt wurden: "Die Nachkriegszeit war die goldene Ära der Kundgebungen (genau dokumentiert in den Filmen von Don Camillo und Peppone), aber noch 1960, im Regierungswahlkampf, berichten die Zeitungen über die erstaunliche Menge von einer Million Kundgebungen. Und Il Giorno titelte: 'Ein Heer von Rednern (vierzigtausend) auf den Plätzen'. Es war eine ernste Angelegenheit, die Kundgebung. Die Feier und der Gefeierte, die letzte Ölung der lebendigen Haut der Politik." Den ganzen Artikel gibt es als pdf.
Stichwörter: Nachkriegszeit

Magazinrundschau vom 14.02.2006 - Foglio

Unter Rückgriff auf den byzantinischen Bilderstreit (Wikipedia) betont Sandro Fusina, wie glücklich sich das Christentum doch schätzen kann, dass die seiner Meinung nach vom Islam inspirierten Ikonoklasten verloren haben. "Das Verdienst des Christentums besteht sicher nicht darin, die okzidentale figurative Kunst aus dem Nichts erschaffen zu haben, aber es hat die klassische figurative Tradition vor dem radikalen islamischen ikonoklastischen Furor gerettet, vor dem desaströsen byzantinischen Versuch des Bildersturms. Vor allem aber besteht sein Verdienst darin, dass es eine lebendige Tradition geschaffen hat, die in der Lage war, sich andere Richtungen und Auffassungen anzueignen. Daraus hat sich die darstellende Kunst entwickelt, einer der einflussreichsten und charakteristischsten Züge der abendländischen Identität." Teil 1 und 2 des Artikels sind als pdf abzurufen.

Magazinrundschau vom 17.01.2006 - Foglio

Wer hat Angst vor Mozart?, fragt Siegmund Ginzberg. Die Mullahs in Teheran wahrscheinlich! "Der erfolgreichste Film in den iranischen Kinos ist eine Komödie mit musikalischem Bezug. Sie heißt 'Max'. Es geht um einen iranischen Musiker, der nach seiner Emigration in die Vereinigten Staaten zurückkehrt und mit allen Ehren empfangen wird. Er macht Rapmusik, wird aber missverständlicherweise für einen klassischen Musiker gehalten. Nach einigen Gags bringt er sogar die Revolutionäre Garde dazu, die 'Musik Satans" zu schätzen. Alle im Saal lachen bis zum Umfallen, vom Anfang bis zum Ende. Leider genügt ein Lachen nicht, um ein Regime zu stürzen. Aber man kann sich keine Situation vorstellen, die mehr nach Mozarts Geschmack wäre: sich über etwas lustig machen, die Freude darüber, dass auch die 'ernsthaftesten' Fragen durch das Gelächter des enfant terrible entheiligt werden. Was Mozart von allen anderen unterscheidet, auch vom leidenschaftlichen, militanten und sehr ernsten Beethoven, ist sein Humor, seine Fähigkeit, optimistisch zu bleiben und zugleich zauberhaft spitzbübisch." (Der Artikel kann als pdf 1 und 2 gelesen werden.)