Magazinrundschau - Archiv

Il Foglio

72 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 8

Magazinrundschau vom 05.09.2006 - Foglio

Mit Verwunderung und auch ein wenig Neid blickt Stefano di Michele auf das "eigenartige" editorisch-politische Phänomen der erfolgreichen Autobiografien von italienischen Kommunisten, das nach dem Krieg begann und "nie aufhörte, auch nicht mit der Auflösung der Pci". Die Motive für die Schilderung des eigenen Lebens haben sich aber vom Politischen ins Private verschoben, meint Michele und zitiert das neuste Exemplar des Genres von Walter Vetroni. "Es ist die Nostalgie. Die Nostalgie des Wissens einer vergangenen Zeit, das Wissen des schönen Lebens und begangener Fehler."

Camillo Langonen besucht den Punkmusiker Giovanni Lindo Ferretti auf seinem Hof im Appenin. Ferretti sei ruhiger und sogar fast katholisch geworden. Aber selbst als Züchter kleiner weißer Pferde der Gegend ist er noch ein wenig Punk. "Ich lasse meine Pferde frei ficken, mit den Hengsten, die sie auf den Weiden finden, mit der Beiläufigkeit und den natürlichen Gefahren der Berge. Die Hengste sind brutal, sie beißen und treten, und die Stuten kommen recht mitgenommen zurück. Aber ich will die Rasse beileibe nicht verbessern, wie sie es in der Toskana gemacht haben, wo die Maremmen heute dank der Verbesserungen nicht mehr wie Maremmen aussehen. Ich will sie verschlechtern, ich will sie zurückbringen bis zu den weißen Pferden, die von den Barbaren nach Italien gebracht wurden."

Weiteres: Maurizio Stefanini berichtet vom Krieg der Tuareg gegen andere Beduinen zwischen Niger und dem Tschad. Und Tatiana Boutourline warnt zweiseitig (1 und 2) vor einer Politik des Appeasement gegenüber dem Iran.

Magazinrundschau vom 29.08.2006 - Foglio

Zur Standardausstattung der italienischen UN-Soldaten im Libanon sollte nach Überzeugung von Siegmund Ginzberg eine CD mit Gioacchino Rossinis Oper "Die Italienerin in Algier" (Handlung) sein, als Handbuch für Benehmen im Feindesland. "Im Titel ist von Algerien die Rede, aber vor dem geistigen Auge erscheinen Beirut und seine Umgebung. Die Hauptfigur ist eine Italienerin auf einer 'Mission impossible', die sich in der Höhle des Löwen wiederfindet, weniger versehentlich als mit Vorsatz. Alle Chancen stehen gegen sie. 'Ein Leckerbissen für Mustafa' (der an Nasrallah erinnert), wiederholt der Chor immer wieder. Am Anfang würde niemand einen Heller darauf setzen, dass sie es schafft."

Weiteres: Massimo Fini denkt sehr hart über die kulturelle Bedeutung von Frauenunterwäsche nach und kommt schließlich zu schwerwiegenden Ergebnissen. "Die Bombe und der Bikini, das sind die Symbole der modernen industriellen Zivilisation." Massimiliano Lenzi zeichnet mit Hilfe einer Studie von Jeffrey T. Schnapp die Entwicklung der Bildpropaganda des iranischen Regimes nach. Mariarosa Mancuso empfiehlt ehemalige Schriftstellerrefugien als Reiseziel für den Kulturtouristen.

Magazinrundschau vom 22.08.2006 - Foglio

Amy Rosenthal trifft die jüdisch-amerikanische Schriftstellerin Cynthia Ozick. Man redet über ihr neues Buch "The Din in the Head" und natürlich Israel. "Ich hoffe, dass der jüdische Staat seinen Churchill findet." Bei der Diskussion um die Frage der Muslime in Europa spottet sie: "Ich wette, dass sich die Europäer die Juden anstelle ihrer jetzigen Minderheiten zurückwünschen. Im Vergleich zu ihren muslimischen Pendants waren die Juden vorbildliche Bürger, mit großartigen Beiträgen zu Kunst, Literatur, Musik und Wirtschaft. Von denen, die italienischer als die Italiener, französischer als die Franzosen waren, ganz zu schweigen. Und jene, die sich nicht anglichen, waren friedliche und ruhige Elemente, die niemanden störten."

Für William Ward sind die Engländer fast zu tolerant gegenüber ihren zahlreichen Minderheiten. Das liege an einer kulturellen Besonderheit der Briten, dem "Trust": "Mit derartig starken und langlebigen Institutionen im Rücken, verstärkt durch die fast schon naturgesetzliche geografische Unangreifbarkeit und die treue Beachtung der Regeln der Zivilität, kann man verstehen, warum die Briten zu leugnen scheinen, was in ihren Ghettos vor sich geht. Berühmte Bürgertugenden der Engländer - Fairness, Toleranz und Ehrlichkeit - rühren von einem nationalen Gefühl her, dem 'Trust', dessen Wesen schwer zu übertragen und erklären ist: mehr oder weniger ein gegenseitiges Vertrauen, auch mit geschlossenen Augen."
Stichwörter: Ozick, Cynthia, Din

Magazinrundschau vom 15.08.2006 - Foglio

Seit Ende Juni wird Top-Beamten der chinesischen Regierung zur Abschreckung ein Video von dem Prozess gegen den - später hingerichteten - taiwanesischen Spion Tong Daning gezeigt. Antonio Talia nimmt den Fall zum Anlass, die aufsehenerregendsten Fälle des andauernden Spionagekriegs zwischen China und Taiwan zu beschreiben. "Zhu Gongxun etwa ist ein Angehöriger des taiwanesischen Geheimdienstes. Die Chinesen haben ihn im vergangenen Mai in der Provinz Guangxi gefasst, im Südwesten des Landes, nachdem er über die Grenze zu Vietnam herein gekommen war, mit einem weiteren Agenten, von dem man nur den Nachnamen weiß, Li. Die Details der Operation sind diffus. Zhu sei in die Falle eines fiktiven chinesischen Verräters gegangen, heißt es. Zhu ist kein gewöhnlicher Agent. Er ist der Vizechef der Abteilung, die für alle taiwanesischen Zellen im südöstlichen asiatischen Raum verantwortlich ist."

Desweiteren erinnert Andro Fusina an Richard Hamilton, der der Pop-Art vor fünfzig Jahren mit einer Collage ihren Namen gab.

Magazinrundschau vom 08.08.2006 - Foglio

Andrew Higgins stellt (auf einer Doppelseite hier und hier) den texanischen Prediger John Hagee vor, eine der aktivsten Stimmen der pro-israelischen christlichen Bewegung in den USA. "Christlichen Zionismus gibt es schon länger, mit dem Marketing-Instinkt von Hagee und anderen religiösen Entrepreneuren hat er aber einen gewaltigen Schub bekommen. Hagee hat enorme Ressourcen bereitgestellt, um Unterstützung für Israel zusammenzutrommeln. Er leitet eine Megakirche in San Antonio mit 19.000 Mitgliedern, betreibt eine Fernsehgesellschaft und unterhält enge Beziehungen zu einflussreichen Republikanern. Sein Bankett in Washington vergangene Woche kostete nach Angaben eines Veranstalters 500.000 Dollar. Ein großer christlicher Sender, Daystar, übertrug das Ereignis live. Am nächsten Tag organisierte er Evangelikale aus allen 50 Staaten für einen Lobbying-Blitz in der Hauptstadt." Der Artikel erschien im Original in der Pittsburgher Post-Gazette.

Weiteres: Die neue Mafia bedroht oder bezahlt keine Politiker mehr, weiß Riccardo Arena, sie berät sie - ganz legal und auch noch profitabel. Angiolo Bandinelli stellt anlässlich einer Ausstellung in Rom den italienischen Maler Galileo Chini vor, den "italienischen Gauguin" (zwei Beispiele).

Magazinrundschau vom 18.07.2006 - Foglio

Claudio Cerasa porträtiert (hier als pdf) den indo-pakistanischen Drogenpapst und Terroristen Ibrahim Dawood, den man hinter den Bombenattentaten in Bombay in der letzten Woche vermutet. Er ist Sohn eines wichtigen Geheimdienstmannes aus Pakistan, hat viel Besitz in Bombay und gilt als Finanzier der Islamisten von Kaschmir. Lange Zeit lebte er in Karachi: "Seine Geschäfte reichen bis nach Thailand, Sri Lanka, Nepal, Dubai, Deutschland, Frankreich. Die 30 Millionen Rupien (60 Millionen Dollar) auf seinen Auslandskonten verleihen ihm Respekt und Sicherheit. In seinen Palästen in Karachi empfängt er viele Politiker. Alle wissen, wo er wohnt, kennen die Größe seiner Villa mit Schwimmbad, Tennisplatz und vielen schönen Gespielinnen."

Sehr schön auch ein Artikel (pdf) von Richard Newbury, der die Rolle des Wartens in Becketts Werken aus seiner sehr unirischen Vorliebe für den Crickett-Sport erklärt: "Crickett ist ein Symptom der Entfremdung Becketts von dem Land aus dem er kam" und in dem er als Nachfahre französischer Hugenotten niemals heimisch geworden sei.

Magazinrundschau vom 11.07.2006 - Foglio

Claudio Cerasa bricht eine Lanze für Luciano Moggi. Der Sportdirektor von Juventus Turin ist die zentrale Figur im Skandal um bestochene Schiedsrichter, der den italienischen Fußball erschüttert. Cerasa bleibt ungerührt: "Welche Partien wurden denn geschoben? Es gibt keine. Keine manipulierte Partie, also muss das ganze System manipuliert sein. Die einzigen wahren Beweise sind die abgefangenen Telefongespräche. Es lässt sich keine einzelne Ungesetzlichkeit finden. Also muss alles ungesetzlich sein." Überhaupt sei das Finale ein Leistungsbeweis des (sportlichen) Systems Moggi: Cannavaro, Zambrotta, Buffon, Viera, Trezeguet, Camoranesi, Thuram , Del Piero - "Es ist kein Zufall, dass Juventus beim Finale morgen in Berlin von acht sehr moggianischen Spielern repräsentiert wird."

Lanfranco Pace hält eine Lobrede auf Serge July, den scheidenden Gründer und Chefredakteur der französischen Tageszeitung Liberation. "Er war der einzige, der die Rollen des Vaters und des Chefs, des Psychoanalytikers und Stategen, des Managers und ersten Redakteurs, des Meinungsmachers und Berichterstatters gleichermaßen ausfüllte."

Magazinrundschau vom 04.07.2006 - Foglio

Ugo Bertone stellt den indischen Giovanni Agnelli vor, der nun, siebzig Jahre nach dem Fiat Topolino, ein Volksauto für 2.000 Euro entwickeln lässt. "Ratan Tata, 68 Jahre alt, ein eleganter Herr von hohem Ansehen, der mit dem Stahlkönig Lakhsmi Mittal um den Titel als lebende Verkörperung des 'indischen Modells' ringt. Ein Tycoon, der an der Spitze der Tata-Gruppe steht, ein Gigant, der verteilt auf 91 Firmen 220.000 Leute beschäftigt und ein wenig von allem macht: Stahl, Chemie, Telekommunikation, biomedizinische Apparate und so weiter."

Marin Valensise trifft in Paris den Ethik- und Biotechnologieprofessor Gregory Katz Benichou und schmilzt dahin. "Stellen Sie sich einen europäischen Gregory Peck vor, aber ohne die Dreistigkeit." Das Gespräch dreht sich um ernüchterndere Themen wie die bald erschwingliche DNA-Vorselektion bei Embryos. "Plötzlich unterbricht er sich, hebt seinen Blick und gesteht mit einem Lächeln, das schließlich die Schüchternheit besiegt: 'Wenn man diesen genetischen Test an dem Embyro durchgeführt hätte, der ich vor 36 Jahren war, würde ich hier nicht sitzen und mit Ihnen reden... Es wäre mir nicht erlaubt worden, geboren zu werden, weil ich verdammt schlechte Chromosomen habe, ein furchtbares genetisches Erbe.'" (Das wäre wirklich schade gewesen!)

Weiteres: Maurizio Stefanini durchstreift literarische Landschaften, von Gabriel Garcia Marquez' Macondo (das vor kurzem fast real geworden wäre) bis zu Tolkiens Mittelerde. Der römische Esquilin wird zum chinesischen Viertel der ewigen Stadt, beobachtet Roberta Tatafiore.

Magazinrundschau vom 13.06.2006 - Foglio

Der Golf GTI war zumindest soziologisch der Vorläufer der heute umstrittenen SUVs, behauptet Maurizio Crippa, und nebenbei ein perfektes Abbild der Achtziger. "Wenn die Autos einen Geist haben, dann ist er wohl böse, dämonisch. Es steckt ein Feind in ihnen, ein Mann, wie in 'Christine' von Stephen King 1983. Christine war vielleicht ein Plymouth Fury von 1958, sein verfluchter Geist aber deckte die Abgründe unter dem Jahrzehnt des GT und all den aufgemotzten, turbogeladenen und aufgebohrten Motoren auf. Das hörte 1989 auf, bekanntermaßen das Jahr des Heils. Der Golf, besonders der GTI, der schwarze - und wir sprechen nicht von jenen mit der Hasenpfote hinten drin - war agressiv, fordernd, laut."
Stichwörter: King, Stephen, Suvs

Magazinrundschau vom 06.06.2006 - Foglio

Für den französischen Historiker Pierre Nora hat die wachsende Kultur der Erinnerung, der Gedenkfeiern und der Vergangenheitsschau die Rolle der Moderne übernommen. "Die Moderne stellte bis vor kurzem immer den Motor einer dynamischen Geschichte dar. Das Erinnern war nur ihr bleicher Schatten. Mit dem Heraufkommen der oben beschriebenen sogenannten 'Erinnerungsmoderne' ist es zu einer kompletten Umwertung dieser beiden Kategorien gekommen. Heute ist das Konzept der Moderne entwertet, leblos und in einem gewissen Sinne 'mittelalterlich'. Die Moderne, wie sie heute aufgefasst wird, scheint tatsächlich die Wiederkehr des Archaischen zu betreiben und nicht den Fortschritt. Das Erinnern hingegen in seiner neuen Bedeutung wird mit Dynamik und Entwicklung assoziert. Nun müssen wir noch herausfinden, ob diese Umwertung den Weg zum Besseren oder zum Schlimmeren öffnet." Hier gibt es einen grundsätzlichen Aufsatz zu Noras Theorie der Erinnerungskonjunktur.
Stichwörter: Gedenkfeiern, Nora, Pierre