Magazinrundschau - Archiv

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27 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 3

Magazinrundschau vom 12.01.2016 - Hospodarske noviny

Tschechien beschäftigt sich mit Lída Baarová: Kurz bevor ein gleichnamiger Spielfilm über die tschechische Schauspielerin in die Kinos kommt, die in den 30er-Jahren in deutschen UFA-Filmen als slawische Schönheit eingesetzt wurde und der eine Liebelei mit Joseph Goebbels nachgesagt wird, ist auch ein Dokumentarfilm über sie angelaufen, "Zkáza krásou" (etwa: Verderben durch Schönheit). Petr Fischer lobt die Regisseurin Helena Třeštíková dafür, wie sie das Subgenre des Kompilationsfilms in Tschechien wiederbelebt: "Ausgehend von ihrem eigenen, zwanzig Jahre zurückliegenden Gespräch mit der Schauspielerin baut sie darum eine Komposition, in der hauptsächlich historisches Archivmaterial sowie empathisch gelesene Auszüge aus Baarovás Erinnerungen zu Wort kommen - vor allem aber Montage und Schnitt. (…) Die Passage, in der Baarová - vor dem Hintergrund von Filmaufnahmen einer Naziversammlung - ihre Faszination für diesen Goebbels in Aktion, für den Genossen in seinem Element beschreibt, ist die dokumentarisch aufschlussreichste und eindrücklichste Stelle des Films, eine Stelle, die zugleich in wenigen Sekunden die Spannung verdichtet, die auch in den Wörtern 'Schönheit' und 'Verderben' des Filmtitels enthalten ist. 'Darin lag so eine Kraft', erinnert sich Lída Baarová, 'die mich zugleich angezogen und erschreckt hat.'"

Hier ein deutscher Dokumentarfilm von Werner Koch und Günter Krause über und mit Lida Baarova von 1991:



Magazinrundschau vom 08.12.2015 - Hospodarske noviny

Paris vorher-nachher: Der französische Regisseur Arnaud Desplechin, der in Prag seinen neuen Film "Trois souvenirs de ma jeunesse" vorstellte, berichtete dabei auch von seinem aktuellen Schaffen: "Seit dem Sommer arbeite ich intensiv an einem Drehbuch, aber dann sind die Pariser Attentate passiert, und ich sehe bereits jetzt, dass die Geschehnisse die Gestalt meines Films beeinflussen. Für meine Filme sind die Drehorte immer sehr wichtig. Und es ist jetzt nicht mehr möglich, zu filmen, wie die Helden durch die Pariser Straßen spazieren und dabei über die Liebe reden. Die Straßen haben sich verändert. Nicht vollständig, man merkt es nicht auf den ersten Blick, aber sie sehen anders aus."

Magazinrundschau vom 06.10.2015 - Hospodarske noviny

Der tschechische Ökonom Tomáš Sedláček staunt angesichts des VW-Skandals über die Zielrichtung des deutschen Betrugs: "Vergleichen wir ihn mit tschechischer Korruption (der nachkommunistischen Zeit), so läuft das bei uns völlig anders: Wird bei uns geklaut oder bestochen, dann in der Regel für den persönlichen Profit, nicht für den der Firma, zumindest solange der betreffende Betrüger sie nicht selbst besitzt (bzw. seine Verwandten oder Bekannten). In Deutschland hat jemand zum Nutzen des Unternehmens betrogen (VW) und nicht zugunsten eines betrügerischen Individuums."
Stichwörter: Sedlacek, Tomas, VW-Skandal

Magazinrundschau vom 04.08.2015 - Hospodarske noviny

Petr Veber würdigt den letzte Woche verstorbenen Pianisten Ivan Moravec, der zu den größten des vergangenen Jahrhunderts zählt: "Er wirkte immer eher introvertiert und bescheiden, und so war auch sein Spiel - was ihm die Bezeichnung "Dichter des Klaviers" einbrachte. Musik, bei der es auf den inneren Ausdruck, die ziselierten Details und feinen Nuancen ankommt, lag Moravec am nächsten - ob von Chopin und Mozart oder Ravel und Debussy, gelegentlich auch Janáček. Wenn Ivan Moravec etwas fernlag, so war es der oberflächliche Effekt. Er war hingegen Perfektionist und bekannt dafür, dass er an die Vorbereitung der Instrumente hohe Anforderungen stellte und ihre Klanglichkeit beeinflussen, Hämmerchen und Saiten in einen Idealzustand bringen wollte. "Ich habe nicht die Möglichkeit, mit meinem Instrument zu reisen", pflegte er zu sagen, "und so bleibt mir nichts anderes übrig, als so viel wie möglich über das Klavier herauszufinden und mit dem Techniker eine möglichst intelligente Arbeit zu machen.""

Hier spielt Moravec Beethovens Klavierkonzert Nr.4:


Stichwörter: Moravec, Ivan, Klavier, Chopin

Magazinrundschau vom 14.07.2015 - Hospodarske noviny

"Wir leben immer in der Vorstellung, Brüssel wird es schon richten", konstatiert der britische Historiker Timothy Garton Ash im Gespräch mit Martin Ehl und fragt sich: Warum reagieren die Europäer nicht auf die Krise? "Die Frage lautet folglich, ob die Menschen die Krise gar nicht so stark spüren? Oder liegt es daran, dass die Hauptbeweggründe, die früher zu jenen Reaktionen geführt haben, nicht mehr existieren bzw. schwächer geworden sind? Ich fürchte, es ist Letzteres. Wichtige Beweggründe, die etwas mit persönlichen Erfahrungen zu hatten, mit Krieg, Niederlage, Okkupation, Gulag, Holocaust, faschistischen Regimen in Portugal und Spanien, kommunistischen Diktaturen in Osteuropa, all diese Erfahrungen, die drei Generationen von Europäern geprägt haben, von Adenauer, Schuman, Monnet bis zu meiner Generation, haben uns gesagt, dass wir alles dafür tun müssen, um Europa zu erhalten. Diese Art von Reaktion auf eine Krise gibt es nicht mehr. (…) Als Historiker müssen wir versuchen, diese individuelle Erinnerung durch ein kollektives Gedächtnis zu ersetzen, das wir Geschichte nennen. Und ich fürchte, wir leisten da sehr schlechte Arbeit. Nicht nur in den Schulen, auch im Film, den Medien, in der Literatur. Wir müssen zwei Botschaften weitergeben: Die erste lautet, dass Europa früher ein viel schlimmerer Ort war, als es jetzt ist. Und die zweite - dass es wieder viel schlimmer werden kann."

Magazinrundschau vom 28.04.2015 - Hospodarske noviny

Im Gespräch mit Jindřiška Bláhová erzählt die tschechischstämmige amerikanische Schauspielerin Kim Novak über ihre Zeit in Hollywood: "Ich hatte immer das Gefühl, dass ich nicht dorthin gehöre (…) Meine Arbeit war mit großer Unfreiheit verbunden, mit einer fortwährenden Kontrolle und Manipulation durch das Filmstudio. Ständig diktierte mir jemand, was ich zu tragen, wie ich mich zu verhalten, was ich zu sagen hatte. (…) Mit anderen Stars hatte ich keinen Kontakt. Nur mit James Stewart, der der wunderbarste Mensch war, den man sich denken kann. Er verstand mich ohne Einschränkung. Ich litt damals an einer bipolaren Störung, was ich aber nicht wusste. Ich nahm also keinerlei Medikamente und wusste nicht mit meinen "Stimmungen" umzugehen. Jimmy verstand das und half mir. Er begriff, dass ich ab und zu eine Verschnaufpause brauchte. Vielleicht deshalb, weil er selbst das Gefühl hatte, nicht nach Hollywood zu gehören." Bezüglich Hitchcock meint Novak, sie könne den Mythos nicht bestätigen, nach dem er sich zu seinen Schauspielerinnen hingezogen fühlte und sie zugleich habe beherrschen wollen: "Er war aufmerksam, höflich und hatte ein wunderbares Verhältnis zu seiner Frau. Ich habe nie erlebt, dass er mit einer anderen kokettiert hätte. Als Regisseur wusste er genau, was er wollte, und war darin unbeugsam, aber er hat niemanden terrorisiert." Hitchcocks Besessenheit sei vor allem eine technische gewesen: "Er war immer auf das Bild fixiert. Ständig klebte er am Sucher der Kamera und verfolgte die Szene. Er war die Kamera."

Magazinrundschau vom 31.03.2015 - Hospodarske noviny

Ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Kommunismus fragt der tschechische Ökonom Tomáš Sedláček: "Waren damals die Freiheit, die Rückkehr nach Europa der Motor für die Samtene Revolution, oder war es der Wunsch nach Reichtum? Wir haben beides bekommen, und dennoch jammern wir." Die Unzufriedenheit der Tschechen mit dem Ist-Zustand, nachdem man einmal die Ziele der Samtenen Revolution erreicht habe, bezeichnet Sedláček als eine Art "postkoitale Depression". Gleichzeitig konstatiert er einen Wandel in der Wahrnehmung von Politik und Wirtschaft: "In den 90er-Jahren galt man etwas als Politiker, während "Unternehmer" oder "Selbständiger" fast ein Schimpfwort war. Heute ist es anders herum, das Metier des Politikers ist in der Achtung der Menschen gravierend gefallen, während Unternehmertum in der Öffentlichkeit Anerkennung genießt. Dies äußert sich zum einen darin, dass Unternehmer in die Rolle von Politikern rutschen, siehe der Erfolg der Bewegung ANO; zum anderen darin, dass das wirtschaftskritische Phänomen Occupy in der Tschechischen Republik schlicht nicht existiert. Hingegen wird immer wieder der Rücktritt von Politikern gefordert und Unmut über den jeweiligen Präsidenten geäußert, für den sich die Leute auf der Straße lauthals schämen. Es sieht so aus, als sei die Wirtschaft bei uns in einem wesentlich besseren Zustand als die Politik."