
"Wir leben immer in der Vorstellung, Brüssel wird es schon richten", konstatiert der britische Historiker
Timothy Garton Ash im
Gespräch mit Martin Ehl und fragt sich: Warum reagieren die Europäer nicht auf die Krise? "Die Frage lautet folglich, ob die Menschen die Krise gar nicht so stark spüren? Oder liegt es daran, dass die Hauptbeweggründe, die früher zu jenen Reaktionen geführt haben, nicht mehr existieren bzw. schwächer geworden sind? Ich fürchte, es ist Letzteres. Wichtige Beweggründe, die etwas mit
persönlichen Erfahrungen zu hatten, mit Krieg, Niederlage, Okkupation, Gulag, Holocaust, faschistischen Regimen in Portugal und Spanien, kommunistischen Diktaturen in Osteuropa, all diese Erfahrungen, die drei Generationen von Europäern geprägt haben, von Adenauer, Schuman, Monnet bis zu meiner Generation, haben uns gesagt, dass wir
alles dafür tun müssen, um Europa zu erhalten. Diese Art von Reaktion auf eine Krise gibt es nicht mehr. (…) Als Historiker müssen wir versuchen, diese individuelle Erinnerung durch ein kollektives Gedächtnis zu ersetzen, das wir Geschichte nennen. Und ich fürchte, wir leisten da sehr schlechte Arbeit. Nicht nur in den Schulen, auch im Film, den Medien, in der Literatur. Wir müssen zwei Botschaften weitergeben: Die erste lautet, dass Europa früher
ein viel schlimmerer Ort war, als es jetzt ist. Und die zweite - dass es
wieder viel schlimmer werden kann."