Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 16.11.2021 - HVG

Der Verleger, Literaturhistoriker und Schriftsteller Krisztián Nyáry ist Herausgeber einer im Januar erscheinenden Anthologie von literarischen Texten, die sich mit Homosexualität beschäftigen. Der Sammelband erscheint, obgleich er nach einem kürzlich verabschiedeten Gesetz unter "Verbreitung unerwünschter sexuellen Propaganda" fällt und damit jungen Menschen unter 18 Jahren nicht zugänglich gemacht werden darf. "Eine der Erkenntnisse in diesem Band ist, dass es Perioden in der europäischen Kulturgeschichte gab, als man über dieses Thema ziemlich frei sprechen konnte", erklärt Nyáry im Interview mit Hanna Csatlós, "es war kein Problem für eine Frau, ein Liebesgedicht an eine Frau zu schreiben, oder für einen Mann an einen Mann. Die gesamte antike Literatur beginnt damit, mit Sappho und Homer. Doch es gab auch Augenblicke, in denen man solche Gefühle verheimlichen musste, in solchen Texten ist das Sich-Verstecken, die Angst, das Schuldbewusstsein, das Verdrängen wesentlich stärker vorhanden. (…) In meinem Kopf lesen überwiegend junge Menschen dieses Buch, Gymnasiasten, für die es im Moment verboten ist, solche Bücher in Buchläden zu kaufen."
Stichwörter: Homosexualität, Ungarn

Magazinrundschau vom 26.10.2021 - HVG

Der Kritiker und Kulturjournalist Bálint Kovács ist hin und weg von "Marshal Fifty-Six", der neuen Inszenierung des Autors und Regisseurs Béla Pintér: Denn "Pintér zeigt endlich, dass es möglich ist, über das Ungarn des Jahres 2021 im Theater konkret, gültig und prägnant zu sprechen, ohne zum sechshundertfünfundfünfzigsten Mal 'Richard III.', 'Cabaret' und andere Klassiker hervorzuholen und darin ein paar ironische Anspielungen auf das aktuelle System zu verbergen, wie es - mit Ausnahme einiger weniger Ausnahmekünstler - der kleine Teil des ungarischen Theaters tut, der sich überhaupt für das interessiert, was ihn hier und jetzt umgibt. Pintér beweist auch, dass eine Aufführung über die aktuellsten Themen des öffentlichen Lebens nicht automatisch zu einem politischen Kabarett werden muss." Und er ist sehr hart zu den Goldjungs von Orbáns System der "nationalen Kooperation" (NER), "in einer Art und Weise, die in diesem Land, das stark durch Selbstzensur belastet ist, nicht üblich ist. Die meisten würden sich das nicht mal in einer Vorlesung oder einem Interview trauen. Ob das alles mutig von Pintér ist, ob jemand, der so offen seine Meinung vertritt, wirklich den Kopf hinhält, oder ob im Gegenteil eine ständige Selbstzensur im heutigen Ungarn unnötig ist, sei dahingestellt, aber es sagt auf jeden Fall viel über den gegenwärtigen Zustand der öffentlichen Angelegenheiten in Ungarn aus, dass die erste Option überhaupt in Erwägung gezogen wird - denn natürlich wird sie das."

Magazinrundschau vom 12.10.2021 - HVG

Der aus Siebenbürgen stammende Dramatiker Csaba Székely spricht im Interview mit Erna Sághy u.a. über die Motive seines neuen Stückes (inszeniert von Róbert Alföldi), in dem es um die Behandlung von Schwulen und Lesben innerhalb der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen geht. "Ich wollte einfach ein Stück über die transsilvanischen Schwulen schreiben. Es hat mich interessiert, wie sich die Ungarn in Siebenbürgen gegenüber einer Minderheit in ihren Reihen verhalten. Sind sie in der Lage soviel Verständnis und Akzeptanz zu zeigen, wie sie es von der rumänischen Mehrheitsgesellschaft erwarten? Eindeutig nicht. Das ist eine gesellschaftliche Lektion: die Ungarn erwarten, dass die Gesellschaft ihnen gegenüber Verständnis zeigt, doch sind sie nicht bereit dieses der eigenen Minderheit entgegenzubringen. Dies wird damit begründet, dass Schwulen und Lesben nicht wirklich eine Minderheit seien und dann würden die Kategorien kommen, was Homosexualität alles sei. Diese Einstellung trifft sich mit dem Pädophilen-Gesetz, das alles über einen Kamm schert. Homosexuelle gelten als Perverse, als exhibitionistische Bürgerschrecks und Ähnliches. Schließlich kommen jene - homophoben - Phrasen, wonach alles mit ihnen in Ordnung sei, solange sie mich in Ruhe lassen."

Magazinrundschau vom 05.10.2021 - HVG

Zum hundertsten Geburtstag des ungarischen Filmregisseurs Miklós Jancsó verehrt Istvan Balla den zum Nationalheiligen avancierten Künstler, der sich zu Lebzeiten nicht vereinnahmen lassen wollte: "Als oppositioneller Filmemacher trotzte er der Macht, obwohl diese ihn zum eigenen Kader zählte. Als marxistischer Künstler tänzelte er weg von der fröhlichen Gruppe der Oppositionellen, die ihn aber selbstverständlich für einen der ihren hielt. Die Volkstümlichen hätten ihn ebenfalls selbstverständlich zum Fahnenträger gemacht, doch stattdessen wählte er - scheinbar! - die Urbanen. Jeder, der damals in den Elfenbeinturm der hohen Kunst Einzug halten wollte, reklamierte ihn als seinen Paten ... Es steht außer Zweifel, dass Jancsós Lebenswerk bis zum heutigen Tage eines der bekanntesten ungarischen Kulturprodukte auf der Welt ist. Dessen Formsprache wird von Filmemachern wie Martin Scorsese, Guillermo del Toro, Michael Haneke oder Béla Tarr als Ausgangspunkt angesehen, seine Kunst wird an allen Filmhochschulen und Universitäten gelehrt."

Magazinrundschau vom 28.09.2021 - HVG

In einem Interview mit Péter Hamvay spricht der Historiker János Gyurgyák u.a. über die Aussichten des Landes bei den Parlamentswahlen im Frühjahr 2022 in Ungarn. "Es gab schon vier, fünf Momente in der Geschichte von Fidesz, da dache ich, hier steht eine Wand, da geht es nicht weiter, und dennoch ist keine Verbesserung eingetreten. Mittlerweile warte ich nicht mehr darauf, was soll man denn an diesem System verbessern. (...) Ich bin kein Politologe und vielleicht irre ich mich, aber ich verspüre keine Wechselstimmung. Denn selbst wenn die Opposition gewinnt, wird sie nicht die Kraft haben, das Orbán-System wegzufegen. (...) Der Historiker in mir sagt, dass sich Systeme in Ungarn für die Dauer eines Menschenlebens einrichten und das gegenwärtige hat auch noch Reserven. Doch für mich ist das nicht ausschlaggebend. Wenn sich das Land weiterhin in sinnlosen und ungewinnbaren erinnerungspolitischen Kämpfen verliert, dann wird es verbluten."
Stichwörter: Ungarn

Magazinrundschau vom 21.09.2021 - HVG

Péter Hamvay stellt eine Studie von Luca Kristóf vor, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, die die Veränderungen innerhalb der ungarischen kulturellen Elite und die Auswirkungen des durch die Regierung seit 2010 forcierten Elitenwechsels untersucht wurden. Zwar sind die Veränderungen beträchtlich, aber die kulturelle Elite erwies sich zumindest in den letzten elf Jahren am resistentesten im Vergleich zu anderen Eliten des Landen. Die Situation lässt sich immer noch mit den Worten des verstorbenen Péter Esterházy beschreiben: "Einen Staatssekretär kann man ernennen, einen Dichter nicht." Vergeblich, so Hamvay, "wurden aus beinahe allen Institutionen die linksliberalen Künstler hinausgefegt, denn in den breiten Schichten der Gesellschaft werden sie weiterhin als maßgeblich betrachtet. (...) Laut der Studie wurde seit 2010 ein Viertel der kulturellen Elite ausgetauscht. Die Veränderung - die gleichzeitig ein Rechtsruck ist - betraf mit ca. 50 Prozent in erster Linie die Leitung der kulturellen Institutionen sowie die Medien, was erheblich ist. Dennoch gelang der Austausch der kulturellen Elite nicht in dem Maße wie zum Beispiel in der Wirtschaft."
Stichwörter: Rechtsruck

Magazinrundschau vom 14.09.2021 - HVG

Der neue Film des Regisseuren Gábor Herendi stellt die Konfrontation eines drogenabhängigen Schauspielers mit seinem Psychiater in den Mittelpunkt (Toxikoma, 2021). Der Kritiker Gellért Kovács spricht im Interview mit Dóra Matalin über die Frage, warum das Thema Drogenkonsum - insbesondere in ländlichen Regionen - in ungarischen Filmen kaum thematisiert wird. "Bis zur Wende war es ein Tabu, danach scheint es, als hätten die Filmemacher hierzulande keinen Zugang zum Thema Drogen gefunden. Es sind vielschichtige Gründe, warum hiesige Filme nicht die aktuelle Drogensituation reflektieren und wenn dann nur als Witz oder in einem Nebenstrang. Es gab und gibt erfolgreiche Kultfilme im Ausland. (…) Und es ist nicht einfache mit ihnen im Wettbewerb zu stehen, eine neue Herangehensweise oder Ausdrucksform zu entwickeln. Darüber hinaus sind ungarische Filmschaffende stets hauptstadtbezogen, die Drogensituation auf dem Lande konnte so nicht ins Blickfeld geraten. Ein Film entsteht aber auch, wenn er gefördert wird, also hängt es in erster Linie von den Entscheidungsträgern ab, welche Werke es in die Kinos schaffen. Gegenwärtig sind Dramedys und historische Filme beliebt, das Zeigen zeitgenössischer Gesellschaftsfragen hingegen weniger. Aber neben den sich rasch verbreitenden Designerdrogen schaffen es auch andere brennenden Fragen des heutigen Ungarns nicht auf die Leinwand. Im Gegensatz zu Polen, oder Rumänien, wo solche Filme regelmäßig entstehen."
Stichwörter: Rumänien, Ungarischer Film

Magazinrundschau vom 24.08.2021 - HVG

Die katholische Theologin Rita Perintfalvi spricht im Interview mit Györgyi Balla u.a. über den Verlust der Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche in Ungarn heute: "Wenn die Regierung eine Gruppe - wie jetzt die Homosexuellen - kriminalisiert und bestraft, wäre es die Aufgabe der Kirche ihre Stimme zu erheben, sonst verliert sie ihre Glaubwürdigkeit. Doch die Kirche interessiert die Situation ihrer Gläubigen nicht, was kein Zufall ist, denn sie wird nicht von den Gläubigen am Leben gehalten. (...) Die Ungarische Katholische Kirche muss sich mit ihrer kommunistischen Vergangenheit auseinandersetzen, die IM-Akten müssen geöffnet werden, sie muss der eigenen politischen Prostituierung, der Verflechtung mit den gegenwärtigen Machthabern ein Ende setzen. Buße und Wiedergutmachung werden benötigt, nur so kann Glaubwürdigkeit bewahrt werden. Seit der Flüchtlingskrise 2015 beobachte ich, dass die ungarische Katholische Kirche ihren eigenen Sarg zimmert."

Magazinrundschau vom 27.07.2021 - HVG

Der Schriftsteller László Végel spricht im Interview über die Lage der Ungarn in der (heute in Serbien liegenden) Vojvodina vor und nach dem Balkankrieg. "Vor dem südslawischen Krieg lebten die Ungarn in der Vojvodina verhältnismäßig konsolidiert, sie schlossen mit dem westlich lächelnden Titoismus einen Kompromiss, wobei seine Schulden und Verbrechen vergessen wurden. Ausreisen wollte kaum jemand. Die ungarischen Arbeiter, die vorübergehend in den Westen gegangen waren, kamen zurück und lebten wieder in ihrem Geburtsort. Ihre Dorfhäuser rissen sie ab, bauten postmoderne Villen und kauften Wochenendhäuser am Meer. Sie nannten sich stolz Ungarn aus der Vojvodina und in Ungarn selbst reisten sie wie westliche Touristen. Der Krieg unterbrach dies unwiederbringlich. Der Großteil der Ungarn verlor sein Selbstbewusstsein und die Bindung zur Heimat. (...) In den neunziger Jahren begann eine Auswanderung, die seitdem nur zunahm. Die zukünftigen Generationen müssen klären, wie es sein kann, dass es den Ungarn in der Vojvodina nach Meinung ungarischer und serbischer Politikern noch nie in der Geschichte so gut ging wie jetzt, obwohl die Abwanderung noch nie so massenhaft war wie jetzt."

Magazinrundschau vom 20.07.2021 - HVG

Im Interview mit Rita Szentgyörgyi spricht Regisseur Kornél Mundruczó u.a. über seinen neuen Film "Evolution", der dieses Jahr in der Sektion "Cannes Premières" gezeigt wurde. "Wir behielten die dreiteilige Struktur mit den polnischen, Budapester und Berliner Schauplätzen bei. Der erste Teil spielt im Januar 1945 in Birkenau, als das polnische Rote Kreuz anfängt in den Todeslager die Überlebenden einzusammeln. Der zweite Teil spielt 2013 in Budapest, der dritte in einer nicht so fernen postpandemischen Zukunft in Berlin. Es kein gängiges filmisches Narrativ, wonach wir drei ziemlich gleich lange Teile aus unterschiedlichen Epochen sehen, die über Sickerströmungen doch zusammenhängen. Mit 'Evolution' möchten wir ein über Generationen reichendes Problem zeigen, sowohl über die Aufarbeitung von Traumata, als auch über den Hass. (...) Wir wollten keinen Holocaustfilm machen, sondern einen Film über Identität im Wandel, darüber, was wir in uns tragen und was wir weitergeben."