Magazinrundschau
Zirkuläre Bewegungen
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
12.10.2021. Die LRB beobachtet den Untergang Louisianas. In HVG beschreibt der Dramatiker Csaba Székely die ungemütliche Lage transsilvanischer Schwuler. Die NYT legt ihr zwei Jahre altes Porträt der mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten philippinischen Journalistin Maria Ressa neu auf. Mikrokonflikte sind die Währung der Dschihadisten, erklärt Olivier Roy in Le Monde diplomatique. Dlf Kultur blickt nach Tunesien. Die tschechischen Medien analysieren die Parlamentswahlen.
London Review of Books (UK), 11.10.2021
Rosa Lyster reist durch die überschwemmten Landschaften Louisianas, das allein in den vergangenen zehn Monaten von vier Katastrophen heimgesucht wurde, von zwei Hurrikans und zwei Fluten. Früher lag der Durchschnitt bei einer Katastrophe alle zehn Jahre: "Wenn die Menschen in Louisiana sagen, dass eine Stadt verschwindet, meinen sie nicht, dass sie einer Industrie weichen muss oder nach zu vielen Hurrikans aufgegeben wird. Sie meinen, dass sie tatsächlich im Golf von Mexiko versinken wird. Die Erosion zerfrisst die Küste mit einer Geschwindigkeit von einem Hektar alle vier Stunden, wodurch der Staat den Hurrikans noch wehrloser ausgesetzt ist. Einiges davon geht auf das Konto der Deiche und Flutkontrollsysteme, die nötig sind, um das Überleben von New Orleans zu sichern, die aber die Sümpfe von den notwendigen Sedimenten des Mississippis abschneidet. Aber da ist auch noch das Problem des Absinkens, denn das Sediment, das sich im Fluss ansammelt, drückt das Wasser und die Gase unter der Oberfläche hinunter. Teile von New Orleans sinken zwei Zoll pro Jahr ab. Dies würde selbst dann passieren, wenn die Infrastruktur des Staates nicht auf die Prioritäten der Öl- und der Gas-Industrie ausgerichtet sein würde. Aber es gibt beachtliche Hinweise darauf, dass die Petrochemie entscheidenden Anteil daran hat, dass Louisiana im Golf versinkt. Das unregulierte Abpumpen des Grundwassers trägt zum Absinken bei und erhört den Druck auf die Deiche. Die Emissionen der Industrie führen allgemein zu einem Anstieg des Meeresspiegels, und das bedeutet, dass geschätzte fünftausend Quadratmeilen von Louisianas Küstengebiete bis zum Jahr 2100 unter Wasser liegen werden. Schließlich ist da das besonders verheerende Netz von Kanälen, die von den Ölfirmen gebaut und betrieben werden und die tödlicherweise Salzwasser in die Sümpfe einfließen lassen. Nach einem Bericht des amerikanischen Innenministeriums sind sie verantwortlich für 30 bis 59 Prozent des Verlusts, der bereits zu verzeichnen ist."HVG (Ungarn), 07.10.2021
Der aus Siebenbürgen stammende Dramatiker Csaba Székely spricht im Interview mit Erna Sághy u.a. über die Motive seines neuen Stückes (inszeniert von Róbert Alföldi), in dem es um die Behandlung von Schwulen und Lesben innerhalb der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen geht. "Ich wollte einfach ein Stück über die transsilvanischen Schwulen schreiben. Es hat mich interessiert, wie sich die Ungarn in Siebenbürgen gegenüber einer Minderheit in ihren Reihen verhalten. Sind sie in der Lage soviel Verständnis und Akzeptanz zu zeigen, wie sie es von der rumänischen Mehrheitsgesellschaft erwarten? Eindeutig nicht. Das ist eine gesellschaftliche Lektion: die Ungarn erwarten, dass die Gesellschaft ihnen gegenüber Verständnis zeigt, doch sind sie nicht bereit dieses der eigenen Minderheit entgegenzubringen. Dies wird damit begründet, dass Schwulen und Lesben nicht wirklich eine Minderheit seien und dann würden die Kategorien kommen, was Homosexualität alles sei. Diese Einstellung trifft sich mit dem Pädophilen-Gesetz, das alles über einen Kamm schert. Homosexuelle gelten als Perverse, als exhibitionistische Bürgerschrecks und Ähnliches. Schließlich kommen jene - homophoben - Phrasen, wonach alles mit ihnen in Ordnung sei, solange sie mich in Ruhe lassen."New York Times (USA), 09.10.2021
Le Monde diplomatique (Deutschland / Frankreich), 08.10.2021
Dem globalen Dschihadismus von al-Qaida und Islamischem Staat mag die Luft ausgehen, nicht aber dem lokalen Dschihadismus, betont der französische Islam-Experte Olivier Roy, auch wenn letzterer international weniger Aufmerksamkeit erlangt: "Das zeigen der Sieg der Taliban ebenso wie die Schwierigkeiten, mit denen Frankreich in Mali zu kämpfen hat. Solche territorialisierten Konflikte dürfen nicht länger als bloße Nebenschauplätze eines globalisierten heiligen Kriegs betrachtet werden, sondern im Gegenteil als Prozesse, die tief in den Gesellschaften verankert sind, in denen sie stattfinden. Dabei kann der Blickwinkel der politischen Anthropologie weiterhelfen: Alle lokalen Dschihads, die Bestand haben, begnügen sich nicht damit, zu töten oder eine Terrorherrschaft zu errichten. Die Taliban verdanken ihren Einfluss vor allem der Tatsache, dass sie in der Lage sind, Mikrokonflikte - um Land und Wasser oder wegen Blutrache und so weiter - zu lösen. Und das dschihadistische Hin und Her in der Sahelzone durchschaut man nur, wenn man versteht, dass die Dschihadisten sich in bestehende Konflikte einschalten, die die Staaten nicht in den Griff bekommen (Land, Wasser, ethnische und soziale Spannungen). Diese lokalen Konflikte ziehen nur wenige ausländische Freiwillige an und können nicht das bieten, was die größte Kraft von al-Qaida und dem IS ausmachte: die Erschaffung eines großen millenaristischen Narrativs, das junge radikale Internationalisten, die mit der Gesellschaft gebrochen haben, zu Helden einer neuen Welt erhob."Deutschlandfunk Kultur (Deutschland), 12.10.2021
Denik N (Tschechien), 12.10.2021
Deník Referendum (Tschechien), 10.10.2021
Film-Dienst (Deutschland), 11.10.2021
Im Filmdienst widmet sich Esther Buss Videotagebüchern und Film-Essays, die sich um Krankheitserfahrungen drehen. Insbesondere Joaquim Pintos Tagebuchfilm "E Agora? Lembra-me" aus dem Jahr 2013, in dem der portugiesische Filmemacher seine 1996 diagnostizierte HIV-Erkrankung umkreist, zieht sie in in den Bann. Pinto dokumentiert ein Jahr mit der Krankheit, unter anderem beim Erproben nicht zugelassener Medikamente mit erheblichen Nebenwirkungen. "An manchen Tagen ist seine Erschöpfung so überwältigend, dass sein Körper selbst die einfachsten Dinge nicht auszuführen vermag, die er ihm aufträgt." Auch "beschreibt Pinto beschreibt den Wunsch, dem eigenen Körper entweichen zu wollen, ein Gefühl, für das er mit einer Überblendung ein so einfaches wie konkretes Bild findet: Während er auf dem Sessel sitzt, erhebt er sich gleichzeitig und geht davon. ... Zirkuläre Bewegungen bestimmen die Dramaturgie des Films, Pinto hat dabei einen ganz eigenen Begriff von Wiederholung." Doch "bei allen Einschränkungen, mit denen der Künstler zu leben hat, gibt es in seinem Film unendlich viel Platz. Etwa für Lektüren literarischer Texte und medizinischer Bücher, für philosophische Überlegungen und Rückblicke auf sein Leben und die Menschen und Dinge, die ihn prägten: all die Filme, die er nach der Revolution plötzlich zu sehen bekam, das sexuelle Erwachen, die Begegnung mit dem französischen Philosophen und Aktivisten der Schwulenbewegung Guy Hocquenghem, die Arbeit mit Raul Ruiz, die Reisen, die Liebe zu Nuno." Er "metaphorisiert die Krankheit nicht, aber das, was sie mit seiner Wahrnehmung, seinem Körper und seinem Gefühl des In-der-Welt-Seins macht, nimmt er an als etwas ihm Zugehöriges. Er ist nicht im Krieg." Einige Eindrücke verschafft der Trailer:
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