Magazinrundschau - Archiv

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354 Presseschau-Absätze - Seite 16 von 36

Magazinrundschau vom 20.07.2021 - HVG

Im Interview mit Rita Szentgyörgyi spricht Regisseur Kornél Mundruczó u.a. über seinen neuen Film "Evolution", der dieses Jahr in der Sektion "Cannes Premières" gezeigt wurde. "Wir behielten die dreiteilige Struktur mit den polnischen, Budapester und Berliner Schauplätzen bei. Der erste Teil spielt im Januar 1945 in Birkenau, als das polnische Rote Kreuz anfängt in den Todeslager die Überlebenden einzusammeln. Der zweite Teil spielt 2013 in Budapest, der dritte in einer nicht so fernen postpandemischen Zukunft in Berlin. Es kein gängiges filmisches Narrativ, wonach wir drei ziemlich gleich lange Teile aus unterschiedlichen Epochen sehen, die über Sickerströmungen doch zusammenhängen. Mit 'Evolution' möchten wir ein über Generationen reichendes Problem zeigen, sowohl über die Aufarbeitung von Traumata, als auch über den Hass. (...) Wir wollten keinen Holocaustfilm machen, sondern einen Film über Identität im Wandel, darüber, was wir in uns tragen und was wir weitergeben."

Magazinrundschau vom 13.07.2021 - HVG

Im Interview mit Péter Hamvay spricht der Regisseur und Schauspieler Róbert Alföldi über seine Rolle als Hendrik Höfgens in der "Mephisto"-Inszenierung von András Urbán, angekündigt als "zeitgenössisches Kabarett" im Budapester Theater Atrium: "Ich denke, dass Hendrik Höfgen kaum mit sich ringt, genau aus dem Grunde nicht, weil es keine rote Linie gibt. Es gibt nicht die eine dramatische Entscheidung, mit der du dich an die Macht verkaufst, sondern es gibt kleine, kaum bemerkbare Schritte Richtung moralischem Untergang. Ich denke nicht, dass die heutigen Hendrik Höfgens mit sich selbst ringen, wahrscheinlich denken sie, dass sie etwas Gutes tun. Das entlastet sie freilich nicht, denn jeder trifft die Entscheidungen selbst und es liegt in der eigenen Verantwortung, ob jemand die Situation erkennt. Auch wenn das In-den-Schoß-der-Macht-Rutschen ein langsamer Prozess ist, ist es am Ende eindeutig, was jemand in dieser Position zerstört, was er aus Wut und Frustration vernichtet und wie er die erlangte Macht missbraucht."
Stichwörter: Ungarn, Kabarett

Magazinrundschau vom 06.07.2021 - HVG

Der neueste Film der Regisseurin Ildiko Enyedi (Goldener Bär 2017 für "Körper und Seele"), "Die Geschichte meiner Frau", eine Literaturadaption des gleichnamigen Romans von Milán Füst (Leseprobe), läuft im Wettbewerb der diesjährigen Filmfestspiele von Cannes. Mit Enyedi sprach Zsuzsa Mátraházi über die wiederholten Veränderungen des Drehbuchs: "Ich schrieb dieses Drehbuch mehrmals um. Eine der Versionen, von der mehrere Variationen entstanden, verwendete eine starke Formensprache, damit die Bilder genauso direkt 'ertönen', wie die durch unendliche Zeitdimensionen springende innere Narration des Kapitäns. Dann schmiss ich dieses Autorenkonstrukt raus und schrieb eine transparentere, als klassisch zu bezeichnende Version, bei der nicht ich spreche, sondern lediglich die Situationen und die Texte der Schauspieler blieben. Dann fing ich bei dieser Version an durch Verdichtung und mit dem Finetuning der gegenseitigen Beziehungen die Situationen zu verdeutlichen, was zuvor direkt ins Gesicht des Zuschauers gesagt wurde. Es war eine riskante Entscheidung, oft kam die Versuchung auf, auf den sicheren Boden des 'Autorenfilms' zurückzukehren. Letztlich bin ich glücklich, dass ich durchgehalten habe, ich denke, dass es dadurch ein besserer Film entstanden ist."

Magazinrundschau vom 22.06.2021 - HVG

Im Interview mit Farkas Zoltán spricht der Verfassungsrechtler Imre Vörös u.a. über den systematischen Verstoß der gegenwärtigen ungarischen Regierung gegen die eigene Verfassung durch das Regieren per Verordnungen. "In den Ausübungen all unserer Menschenrechte werden wir gegenwärtig eingeschränkt, vielleicht mit Ausnahme des Rechts auf Menschenwürde. Das kann nicht eingeschränkt werden. Obgleich dies auch nicht sicher ist, denn Obdachlose können eingesperrt werden. Das Wesentliche der außerordentlichen Rechtsordnung ist, dass sie allerlei Rechte einschränken kann, doch nur in Verbindung mit einer Gefahrensituation und lediglich auf beschränkte Zeit, mit dem Ziel, dass wir schnellstmöglich zum normalen Leben zurückkehren können. Aber es ist vollkommen absurd, dass man sich in Angelegenheiten vom normalen Gesetz entfernt, die mit der Gefahrensituation oder mit der Pandemie nichts zu tun haben, wie z.B. die Aberkennung des Semesters der Universität für Theater- und Filmkünste. Hierbei verstoßen ja die erlassenen Verordnungen gegen die gesetzliche Bestimmung. (...) Die wiederholte Verlängerung der Gefahrensituation (bezüglich Migration und Pandemie) zeigt gut, dass wir in einem Potemkin-Rechtsstaat leben: Bei Fußballspielen darf eine Masse von über fünfzigtausend Menschen zusammenkommen, bei Demonstrationen dürfen dies nicht mal fünfhundert tun."

Magazinrundschau vom 15.06.2021 - HVG

Kann es so etwas wie eine regierungstreue Kultur geben? Der Publizist Árpád W. Tóta glaubt nicht daran: "Das Schlüsselwort ist ein weitgehend abgenutzter Begriff: Souveränität. (...) Nun, bei der Souveränität geht es unter anderem darum, dass der Schriftsteller oder der Regisseur selbst seine eigene Weltansicht zusammenstellt, selbst sein Werk aufbaut und wenn er fertig ist, dann wird ihm applaudiert, wenn es denn gefällt. Das ist das Geheimnis der als Liberale beschimpften Künstler. Es gibt keine Fidesz-Kultur. (...) Die Partei betrachtet nur denjenigen als unterstützungswürdigen Künstler, der taktvoll und mit der Disziplin eines Zahnrades arbeitet. Alles andere gilt als uninteressant oder feindlich. (...) Doch der Künstler oder der Journalist kann nur dann ruhig schlafen, wenn er alles gegeben hat, was in ihm war. Und dies ist nur dann interessant, wenn außer Loyalität noch mehr in ihm steckte. Damit können die Parteimedien und die parteidienenden Künstler nicht mithalten."
Stichwörter: Ungarn, Souveränität

Magazinrundschau vom 08.06.2021 - HVG

Im Interview mit Zsuzsa Mátraházi spricht der Unternehmer Gábor Bojár u.a. über das von der Orban-Regierung vorangetriebene, umstrittene Projekt der der chinesischen Universität Fudan, die einen Ableger in Budapest gründen will (mehr bei der Deutschen Welle): "Ländern wie Singapur oder Finnland, die aus einem gewissen Rückstand aufgestiegen sind, haben gemeinsam, dass sie das meiste Geld in Bildung gesteckt haben. Doch die in Bildung investierten Summen bringen keine sichtbaren Ergebnisse innerhalb von vier Jahren - und nur dafür interessiert sich die Politik hierzulande (...) Das Gute an dem Fudan-Projekt ist, dass die Bildung in den Fokus gerät. Doch eine Universität in chinesischem Eigentum, aufgebaut von chinesischen Arbeitern, mit chinesischem Kredit, bezahlt jedoch vom Geld der ungarischen Steuerzahler - das ist ein Skandal. Die hiesige Hochschulbildung hat man umgemodelt, weil die Regierung eine eigene Elite erziehen will, und erwartungsgemäß wird in dieses Feld viel Geld aus der EU fließen."

Magazinrundschau vom 18.05.2021 - HVG

National Power Dispatch Centre by Csaba Virág (LAKÓTERV) 2020. Foto: Dániel Dömölky


Im Gespräch mit Hanna Csatlós stellen die Kuratoren des ungarischen Beitrags zur 17. Architekturbiennale in Venedig - Attila Róbert Csóka, Dániel Kovács, Dávid Smiló und Szabolcs Molnár - ihr Projekt Othernity vor, bei dem das architektonische Erbe des Realsozialismus im Mittelpunkt steht. "Laut den ungarischen Kuratoren müssen wir versuchen unsere Gebäude zu akzeptieren und zu verstehen, bevor man sie mit dem Bulldozer abreißt. So könnten die alten Konstruktionen noch eine Chance bekommen. Denn ob es uns gefällt oder nicht, 71 Meer hohe Wassertürme inmitten des Betondschungels sind ebenso Teil unserer Identität wie die klassizistisch-romantische Budapester Innenstadt. (...) Wir müssen anfangen uns über diese Gebäude zu unterhalten, dies ist das Hauptziel von Othernity. Wenn wir es verstehen, warum und wie überhaupt sie entstanden sind, warum sie so aussehen, wie sie aussehen, warum sie so verlassen wirken, dann wird vielleicht die Ablehnung nicht so reflexartig sein und wir können uns so auch selbst besser akzeptieren. Diese Gebäude sind Teil unserer Geschichte, bei ihrer Akzeptanz geht es letztendlich auch darum, ob wir uns mit uns selbst identifizieren können."

Magazinrundschau vom 04.05.2021 - HVG

Im Interview mit Zsuzsa Mátraházi spricht der Maler Miklós Szűts über seinen Schaffensprozess, der von der Pandemie nicht unbeeinflusst blieb: "Im gegenwärtigen Belagerungszustand gelangt das eine oder andere Bild leider zu den Sammlern, ohne vorher ausgestellt worden zu sein. Obwohl ich erst dann das Gefühl habe, an einem Bild nichts mehr zu schaffen zu haben, wenn es in der Öffentlichkeit ausgestellt worden ist. Seit vierzig Jahren fotografiere ich jedes fertiggestellte Bild, seit fünfzehn Jahren lade ich das Bild auch sofort auf meine Webseite hoch. (...) Es ist eine Freude sich von einem Bild zu trennen, das schlecht ist. Ganz gleich wie viel man daran gearbeitet hat. Das Leben der Maler ist bitter, denn sie stehen immer vor einem schlechten Bild."

Magazinrundschau vom 30.03.2021 - HVG

Die Drehbuchautorin Kata Weber wurde vor kurzem vom Magazin Variety zu den zehn vielversprechendsten Drehbuchautorinnen gewählt. Im Interview mit Rita Szentgyörgyi spricht sie über ihr gemeinsames Filmprojekt mit Kornél Mundruczó, "Pieces of a Woman", dessen Premiere letztes Jahr in Venedig gefeiert wurde (zu sehen jetzt auf Netflix). Erzählt wird die Geschichte einer Frau, deren Kind bei einer Hausgeburt stirbt. Die Hauptdarstellerin des Films, Vanessa Kirby gewann in Venedig den Darstellerinnenpreis und wurde in der vergangenen Woche in derselben Rolle für den Oscar nominiert. "Als wir mit dem Film anfingen, spürten wir, dass wir eine Geschichte aufarbeiten, die noch nicht erzählt wurde. (...) Mit der Mutterschaft scheint die Frau zum Gemeingut zu werden, bereits die Themen der Mutterschaft oder ihre Ablehnung, wie das Kind ausgetragen und wie es erzogen wird, erhalten oft eine politische Farbe. Es ist ersichtlich, dass die Welt damit in Schwierigkeiten steckt und so entstehen landesabhängige, oft extreme Antworten auf diese Fragen. Den tabubrechenden Inhalt spürten wir, als wir die Bühnenfassung von 'Pieces of a Woman' am Teatr Rozmaitości in Warschau aufführten. (...) Später wurde es aus der Rezeption und den Zuschauerquoten des Films offensichtlich, dass es unzählige Betroffene gibt."

Magazinrundschau vom 02.03.2021 - HVG

Der Serienproduzenten Gábor Krigler erzählt im Interview von der Serienidee "Balaton-Brigade", eine Stasi-Agentengeschichte am Plattensee in den 1980er-Jahren, bei der Ildikó Enyedi Regie führen soll. Die Idee (mehr dazu bei Variety) wird in dieser Woche auf der diesjährigen Berlinale vorgestellt. "Als wir uns überlegten, wer für die Balaton-Brigade als Regisseur in Frage kommen könnte, dachten wir zunächst, dass wir dafür bestimmt einen deutschen Regisseur brauchen. Dann haben wir erkannt, dass dies kein Kriterium ist. Warum sollten wir diese Aufgabe aus unserer Hand geben? So haben wir Ildikó Enyedi aufgesucht, die diese Zeit durchlebt und eine deutsche Bindung hat, denn sie ist mit einem Deutschen (Wilhelm Droste) verheiratet und verbringt viel Zeit in Deutschland. (...) Tatsächlich ist das internationale Publikum unsere Zielgruppe, obwohl es zu 70 Prozent eine deutsche Geschichte ist. Von den vier Hauptsträngen hat einer einen ungarischen Helden. Sehr wichtig war mir aber, dass wir uns in den Kopf des Stasi-Agenten hineinversetzen konnten, der grundsätzlich der Böse in einer Agentengeschichte wäre, doch wir gehen der Geschichte aus seiner Perspektive nach, wie er gedacht und Kompromisse geschlossen habt."