Magazinrundschau - Archiv

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367 Presseschau-Absätze - Seite 16 von 37

Magazinrundschau vom 01.02.2022 - HVG

Im Interview mit István Balla spricht der Erziehungs- und Bildungswissenschaftler Imre Knausz über die Nützlichkeit der Schulbildung zum Beispiel im Hinblick auf den Erhalt und die Festigung der Demokratie. "Die funktionierende Demokratie ist ein Langzeitprozess, dessen Bedingungen erschafft werden müssen und an denen dann ständig gearbeitet werden muss. Wenn es auch in Ungarn wieder gelingt, eine wahre Demokratie auszuarbeiten, dann muss sie wohl gut gestützt werden, was nicht ohne eine Demokratisierung der Bildung gehen wird. Man kannte ja das Problem schon in der Antike: Wenn jeder in der Politik mitreden kann, dann entscheiden ungebildete Menschen, denn sie sind in der Mehrheit. Aber wie kann von ihnen erwartet werden, dass sie sinnvolle Entscheidungen treffen? In diesem Sinne muss eben eher erklärt werden, wie im Westen so lange die Demokratie funktionieren konnte. Doch die richtige Antwort auf dieses Dilemma ist nicht, dass wir dann keine Demokratie brauchen, sondern dass wir weniger ungebildete Menschen haben sollten."
Stichwörter: Ungarn, Demokratie

Magazinrundschau vom 21.12.2021 - HVG

Im Gespräch mit HVG erzählt der Dichter, Slammer und Übersetzer Ferenc André, der gerade neben neben Zsófia Czakó ein Literaturstipendium erhalten hat, von seinem neuen, noch nicht veröffentlichten Buch: "Nach Ansicht des Dichters besteht die Schönheit des Textes darin, dass er die Figuren zwar von Enttäuschung zu Enttäuschung führt, sie aber immer wieder davor bewahrt, in die Hoffnungslosigkeit abzudriften: denn wenn alles hoffnungslos erscheint, kann man zumindest versuchen zu hoffen. 'Es hat einen romantischen Aspekt, und das ist eines der wichtigsten Dinge, die ich suche. Zum Beispiel, was mit der Liebe im Jahr 2021 zu tun ist. Es ist keine spezifische Trauma-Geschichte, es geht nicht darum, dass alles kaputt ist und oh mein Gott, was wird mit uns passieren. Von der Antike bis zur Gegenwart kann man feststellen, dass jemand, der über sehr nahe politische Themen schreibt, in Hoffnungslosigkeit versinkt. Aber natürlich sind in den letzten zweitausend Jahren eine Menge cooler Dinge passiert, und ich hoffe, dass sie wieder passieren werden."

Magazinrundschau vom 07.12.2021 - HVG

Die Historikerin Andrea Pethő ist von ihrem Posten in der Ungarischen Akkreditierungskommission von Hochschulstudiengängen zurückgetreten, nachdem sie von der Präsidentin der Kommission aufgefordert worden war, die Ergebnisse ihrer Studie über die Instrumentalisierung des höheren Bildungs- und Forschungssektors durch illiberalen Regime vor der Veröffentlichung zu verändern. Im Gespräch mit Hanna Csatlós begründet sie ihre Entscheidung: "Die illiberalen politischen Berater haben erkannt, dass die wissenschaftliche Legitimierung, die solche Institutionen gewährleisten, nicht nur für die ideologische Grundlage benötigt wird, sondern auch um loyale Unterstützer beschäftigen zu können, die wiederum weitere loyale Unterstützer ausbilden, die später dann die Leitung realer Bildungs- und Forschungsstätte übernehmen können. (...) Illiberale Staaten versuchen ein Schaufenster zu errichten, in dem es so aussieht, als wäre alles in Ordnung, denn das ist freilich die Bedingung, dass Fördergelder aus der EU zugänglich sind."
Stichwörter: Pethö, Andrea, Ungarn

Magazinrundschau vom 23.11.2021 - HVG

Der Filmproduzent András Muhi ist Mitbegründer von FocusFox und produzierte u.a Filme wie "Just the Wind" (Regie: B. Fliegauf, 2012), "It´s not the time of my life" (Sz. Hajdu, 2016) und "Die Geschichte meiner Frau" (I. Enyedi 2021). Anlässlich einer Ausstellung über seine Produktionstätigkeit spricht er im Interview mit Hanna Csatlós über Stärken des ungarischen Films und Schwächen der Filmfinanzierung. "In Ungarn gib es in erster Linie bei den experimentellen und Autorenfilmen Potential; bei den Mainstream-Genrefilmen können wir auf internationalem Niveau nicht mithalten. Es ist ein Wunder, dass es Lebenswerke, wie das von Jancsó oder von Béla Tarr gibt, denn heute könnten diese nicht mehr entstehen, weil ihre Filme nicht zum Mainstream gehören. Der ungarische Film errang seine größten Erfolge stets mit Autorenfilmen. Der mit dem Oscar ausgezeichnete 'Son of Saul' ist ein Experimentalfilm, genauso wie der mit dem Goldenen Bären ausgezeichnete 'Körper und Seele'. Mit solchen, in ihrer Form interessanten und im Inhalt bedeutenden Filmen können wir auf der Karte sichtbar sein. (…) Vor 2010 änderte sich stets die Zusammensetzung jener Gremien, die über Filmförderungen entschieden, heute haben die Mitglieder eine Dauerkarte, auch solche, die nicht wirklich etwas vom Film verstehen. Und ich liefere Ihnen, wie quasi ein Staubsaugervertreter die Ideen. Drehbuchentwickler nehmen die eingereichten Beiträge unter die Lupe, was bei einem Genrefilm vertretbar ist, aber beim Autorenfilm völlig sinnlos ist. Gib mal 'Satanstango' (von Tarr) einem Drehbuchentwickler - er bekommt auf der Stelle einen Herzinfarkt."

Magazinrundschau vom 16.11.2021 - HVG

Der Verleger, Literaturhistoriker und Schriftsteller Krisztián Nyáry ist Herausgeber einer im Januar erscheinenden Anthologie von literarischen Texten, die sich mit Homosexualität beschäftigen. Der Sammelband erscheint, obgleich er nach einem kürzlich verabschiedeten Gesetz unter "Verbreitung unerwünschter sexuellen Propaganda" fällt und damit jungen Menschen unter 18 Jahren nicht zugänglich gemacht werden darf. "Eine der Erkenntnisse in diesem Band ist, dass es Perioden in der europäischen Kulturgeschichte gab, als man über dieses Thema ziemlich frei sprechen konnte", erklärt Nyáry im Interview mit Hanna Csatlós, "es war kein Problem für eine Frau, ein Liebesgedicht an eine Frau zu schreiben, oder für einen Mann an einen Mann. Die gesamte antike Literatur beginnt damit, mit Sappho und Homer. Doch es gab auch Augenblicke, in denen man solche Gefühle verheimlichen musste, in solchen Texten ist das Sich-Verstecken, die Angst, das Schuldbewusstsein, das Verdrängen wesentlich stärker vorhanden. (…) In meinem Kopf lesen überwiegend junge Menschen dieses Buch, Gymnasiasten, für die es im Moment verboten ist, solche Bücher in Buchläden zu kaufen."
Stichwörter: Homosexualität, Ungarn

Magazinrundschau vom 26.10.2021 - HVG

Der Kritiker und Kulturjournalist Bálint Kovács ist hin und weg von "Marshal Fifty-Six", der neuen Inszenierung des Autors und Regisseurs Béla Pintér: Denn "Pintér zeigt endlich, dass es möglich ist, über das Ungarn des Jahres 2021 im Theater konkret, gültig und prägnant zu sprechen, ohne zum sechshundertfünfundfünfzigsten Mal 'Richard III.', 'Cabaret' und andere Klassiker hervorzuholen und darin ein paar ironische Anspielungen auf das aktuelle System zu verbergen, wie es - mit Ausnahme einiger weniger Ausnahmekünstler - der kleine Teil des ungarischen Theaters tut, der sich überhaupt für das interessiert, was ihn hier und jetzt umgibt. Pintér beweist auch, dass eine Aufführung über die aktuellsten Themen des öffentlichen Lebens nicht automatisch zu einem politischen Kabarett werden muss." Und er ist sehr hart zu den Goldjungs von Orbáns System der "nationalen Kooperation" (NER), "in einer Art und Weise, die in diesem Land, das stark durch Selbstzensur belastet ist, nicht üblich ist. Die meisten würden sich das nicht mal in einer Vorlesung oder einem Interview trauen. Ob das alles mutig von Pintér ist, ob jemand, der so offen seine Meinung vertritt, wirklich den Kopf hinhält, oder ob im Gegenteil eine ständige Selbstzensur im heutigen Ungarn unnötig ist, sei dahingestellt, aber es sagt auf jeden Fall viel über den gegenwärtigen Zustand der öffentlichen Angelegenheiten in Ungarn aus, dass die erste Option überhaupt in Erwägung gezogen wird - denn natürlich wird sie das."

Magazinrundschau vom 12.10.2021 - HVG

Der aus Siebenbürgen stammende Dramatiker Csaba Székely spricht im Interview mit Erna Sághy u.a. über die Motive seines neuen Stückes (inszeniert von Róbert Alföldi), in dem es um die Behandlung von Schwulen und Lesben innerhalb der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen geht. "Ich wollte einfach ein Stück über die transsilvanischen Schwulen schreiben. Es hat mich interessiert, wie sich die Ungarn in Siebenbürgen gegenüber einer Minderheit in ihren Reihen verhalten. Sind sie in der Lage soviel Verständnis und Akzeptanz zu zeigen, wie sie es von der rumänischen Mehrheitsgesellschaft erwarten? Eindeutig nicht. Das ist eine gesellschaftliche Lektion: die Ungarn erwarten, dass die Gesellschaft ihnen gegenüber Verständnis zeigt, doch sind sie nicht bereit dieses der eigenen Minderheit entgegenzubringen. Dies wird damit begründet, dass Schwulen und Lesben nicht wirklich eine Minderheit seien und dann würden die Kategorien kommen, was Homosexualität alles sei. Diese Einstellung trifft sich mit dem Pädophilen-Gesetz, das alles über einen Kamm schert. Homosexuelle gelten als Perverse, als exhibitionistische Bürgerschrecks und Ähnliches. Schließlich kommen jene - homophoben - Phrasen, wonach alles mit ihnen in Ordnung sei, solange sie mich in Ruhe lassen."

Magazinrundschau vom 05.10.2021 - HVG

Zum hundertsten Geburtstag des ungarischen Filmregisseurs Miklós Jancsó verehrt Istvan Balla den zum Nationalheiligen avancierten Künstler, der sich zu Lebzeiten nicht vereinnahmen lassen wollte: "Als oppositioneller Filmemacher trotzte er der Macht, obwohl diese ihn zum eigenen Kader zählte. Als marxistischer Künstler tänzelte er weg von der fröhlichen Gruppe der Oppositionellen, die ihn aber selbstverständlich für einen der ihren hielt. Die Volkstümlichen hätten ihn ebenfalls selbstverständlich zum Fahnenträger gemacht, doch stattdessen wählte er - scheinbar! - die Urbanen. Jeder, der damals in den Elfenbeinturm der hohen Kunst Einzug halten wollte, reklamierte ihn als seinen Paten ... Es steht außer Zweifel, dass Jancsós Lebenswerk bis zum heutigen Tage eines der bekanntesten ungarischen Kulturprodukte auf der Welt ist. Dessen Formsprache wird von Filmemachern wie Martin Scorsese, Guillermo del Toro, Michael Haneke oder Béla Tarr als Ausgangspunkt angesehen, seine Kunst wird an allen Filmhochschulen und Universitäten gelehrt."

Magazinrundschau vom 28.09.2021 - HVG

In einem Interview mit Péter Hamvay spricht der Historiker János Gyurgyák u.a. über die Aussichten des Landes bei den Parlamentswahlen im Frühjahr 2022 in Ungarn. "Es gab schon vier, fünf Momente in der Geschichte von Fidesz, da dache ich, hier steht eine Wand, da geht es nicht weiter, und dennoch ist keine Verbesserung eingetreten. Mittlerweile warte ich nicht mehr darauf, was soll man denn an diesem System verbessern. (...) Ich bin kein Politologe und vielleicht irre ich mich, aber ich verspüre keine Wechselstimmung. Denn selbst wenn die Opposition gewinnt, wird sie nicht die Kraft haben, das Orbán-System wegzufegen. (...) Der Historiker in mir sagt, dass sich Systeme in Ungarn für die Dauer eines Menschenlebens einrichten und das gegenwärtige hat auch noch Reserven. Doch für mich ist das nicht ausschlaggebend. Wenn sich das Land weiterhin in sinnlosen und ungewinnbaren erinnerungspolitischen Kämpfen verliert, dann wird es verbluten."
Stichwörter: Ungarn

Magazinrundschau vom 21.09.2021 - HVG

Péter Hamvay stellt eine Studie von Luca Kristóf vor, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, die die Veränderungen innerhalb der ungarischen kulturellen Elite und die Auswirkungen des durch die Regierung seit 2010 forcierten Elitenwechsels untersucht wurden. Zwar sind die Veränderungen beträchtlich, aber die kulturelle Elite erwies sich zumindest in den letzten elf Jahren am resistentesten im Vergleich zu anderen Eliten des Landen. Die Situation lässt sich immer noch mit den Worten des verstorbenen Péter Esterházy beschreiben: "Einen Staatssekretär kann man ernennen, einen Dichter nicht." Vergeblich, so Hamvay, "wurden aus beinahe allen Institutionen die linksliberalen Künstler hinausgefegt, denn in den breiten Schichten der Gesellschaft werden sie weiterhin als maßgeblich betrachtet. (...) Laut der Studie wurde seit 2010 ein Viertel der kulturellen Elite ausgetauscht. Die Veränderung - die gleichzeitig ein Rechtsruck ist - betraf mit ca. 50 Prozent in erster Linie die Leitung der kulturellen Institutionen sowie die Medien, was erheblich ist. Dennoch gelang der Austausch der kulturellen Elite nicht in dem Maße wie zum Beispiel in der Wirtschaft."
Stichwörter: Rechtsruck