Magazinrundschau

Ein Sprengkopf, eine Stirn

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
27.07.2021. Das New York Magazine porträtiert den Whistleblower Daniel Hale, der das Drohnen-Tötungs-Programm Barack Obamas publik machte. Magyar Naranc kommentiert den Einsatz der Pegasus-Spionagesoftware gegen ungarische Journalisten und Oppositionelle. Der Guardian macht uns bekannt mit der Neuen IRA. Himal blickt mit einer Bande Affen auf die Ungleichheit in Delhi. In Eurozine erinnert Slavenka Drakulic an die Schriftstellerin Irena Vrkljan und ihre écriture féminine. Ceska pozice erklärt, wann die weibliche Namensendung -ová feministisch ist und wann nicht. Die New York Times ermuntert zu Gen-Food, das uns bald vor Krebs schützen soll.

New York Magazine (USA), 19.07.2021

Kerry Howley porträtiert den 35-jährigen Whistleblower - und besten Tellerwäscher Nashvilles - Daniel Hale, dem eine lange Gefängnisstrafe blüht, weil er Dokumente über das Drohnen-Tötungs-Programm Barack Obamas veröffentlicht hat. Hale hatte für die Armee in Afghanistan per Handyortungen Personen ausfindig gemacht, die auf einer Tötungsliste standen: "Im Laufe des Krieges gegen den Terror, wie wir ihn früher nannten, bevor er einfach  amerikanische Außenpolitik wurde, überwachte das US-Militär weite Teile Pakistans und des Jemen rund um die Uhr per Drohne, was bedeutet, dass die Menschen, die heute in diesen Gebieten leben, nicht über die Straße gehen können, ohne zu wissen, dass sie aufgezeichnet werden. Das Material wird höchstwahrscheinlich nie gesichtet werden, weil es dafür nicht genug Analysten gibt; wo die Privatsphäre gewährt wird, wird sie nur durch die Gnade der Ineffizienz gewährt. ... Kurz bevor Daniel Hale in Afghanistan eintraf, setzte die Air Force das ein, was sie 'Gorgon Stare' nannte: ein Drohnen-Videosystem, bei dem 368 Kameras jeweils 40 Quadratmeilen abdecken. Früher litten wir beim Beobachten an einem 'Strohhalm'-Problem; man konnte wie durch eine Röhre beobachten, wie sich eine einzelne Figur ihren Weg durch eine Landschaft bahnte, ohne das umliegende Land zu sehen. Die großflächige Überwachung aus der Luft, wie man sie aus Filmen kennt, die von oben aufgenommen wurden, ist in der Tat neu; erst im letzten Jahrzehnt ist es möglich geworden, eine ganze Landschaft zu beobachten, ein ganzes Netzwerk von Menschen zu verfolgen, die sich an einem Ort treffen und jeden von ihnen auf seinem Heimweg beobachten. Ermöglicht wird dieser Blick durch eine sogenannte High-Altitude-Long-Endurance-Drohne, deren Akronym HALE lautet. In den Monaten, in denen er im Drohnenprogramm arbeitete, hat Daniel Hale nie eine Drohne angefasst, nie eine geflogen, nicht einmal auf einer Basis gearbeitet, von der aus sie in die Luft steigen. Die Vorstellung, dass seine eigene moralische Rechtschaffenheit den Krieg in irgendeiner Weise beeinflussen könnte, erschien ihm jetzt als absurd. Manchmal hieß die Maschine, für die er arbeitete, 'ein Sprengkopf, eine Stirn', weil jede Mission nur auf einen Mann zielte. Aber die Männer waren sehr oft von anderen Männern umgeben, wenn die Rakete sie fand. Das war es, was an ihm nagte. Er wusste nichts über diese Menschen; keiner von ihnen wäre das Ziel des Angriffs gewesen. Aber auch sie würden sterben. Und obwohl die Obama-Regierung dies leugnen würde, würden viele Männer Berichten zufolge nicht als Zivilisten, sondern als 'im Kampf getötete Feinde' gezählt werden. Daniel wusste, dass Handys von mutmaßlichen Terroristen an ganz andere Leute hätten weitergegeben werden können, und dass dann unschuldige Menschen und Menschen in der Nähe von unschuldigen Menschen getötet würden. Er wusste, dass niemand zu Hause an so etwas dachte. 'Es gab zwei Welten', sagte Chelsea Manning einmal. 'Die Welt in Amerika und die Welt, die ich gesehen habe.' Die Kluft zwischen dem, was Amerika tat, und dem, was die Amerikaner wussten, war ein Teil des Schreckens, und es war der Teil, der verbesserungswürdig erschien." Mehr zu Hales Verteidigung findet man in The Intercept.

Magyar Narancs (Ungarn), 27.07.2021

Vergangene Woche wurde durch Amnesty International und die Non-Profit-Redaktion Forbidden Stories aufgedeckt, dass mit der Spionagesoftware "Pegasus" in Ungarn um die 300 Personen überwacht wurden. Nach der Zuordnung der Telefonnummer sind die überwachten Personen zumeist Journalisten, Oppositionelle sowie Eigentümer von regierungskritischen Medienunternehmen. Die Regierung bestätigt den Erwerb der Software nicht, leugnet aber ebenso wenig die Überwachungen. Der Innenminister verweist auf rechtliche Regelungen, die bei einer eventuellen Überwachung stets beachtet wurden, aber genau diese Regelung bezeichnete das Europäische Gericht für Menschenrechte im Jahre 2016 als unvereinbar mit der Grundrechtecharta der EU. Geändert wurde das Gesetz aber nicht. Die Wochenzeitschrift Magyar Narancs kommentiert den Abhörskandal: "Die Liste der Zielpersonen sagt das Wesentliche: Der milliardenschwere Geschäftsmann, der aufgrund seines Mutes, seines Medienunternehmens sowie seines Geldes seit langer Zeit auf der Liste der gefährlichsten Gegner der Regierung geführt wird, ebenso die Journalisten des Investigativportals Direkt36 (...), die bei Orbán in auch international bedeutenden Angelegenheiten den kompromittierendste Zusammenhänge aufdeckten, die an politischen Alternativen arbeitenden Bürgermeister oder einige noch nicht benannte, doch auf Wirtschaftsrecht spezialisierte Anwälte - all diese Personen stellen keine Gefahr für die nationale Sicherheit  dar. Sie sind lediglich eine Bedrohung für die persönliche Macht von Viktor Orbán, für seine tagespolitischen Kalküle, für seine verzweigte Wirtschaftsinteressen, für die internationalen Erscheinungen seines Narzissmus sowie für die Abrechnungen innerhalb seines Lagers."

Guardian (UK), 22.07.2021

In einem langen Beitrag fragt sich Marisa McGlinchey, was die weiterhin kampfbereiten militanten republikanischen Dissidentengruppierungen in Irland eigentlich bezwecken: "Obwohl verglichen mit Sinn Fein eher klein, wird die dissidente Neue IRA nicht so schnell verschwinden. In den zwei Jahren nach McKees Tod (die Journalistin Lyra McKee wurde 2019 in Derry von einem republikanischen Schützen ermordet, d. Red.) hat der Brexit die Grenze in Irland wieder in den Fokus gerückt, und die verschiedenen Gruppen beobachten die Entwicklungen sehr genau, auch wenn sie die Grenze in jedem Fall fallen sehen wollen. An der republikanischen Basis hat sich eine Debatte entsponnen darüber, ob es in Irland heute bewaffnete Aktionen geben sollte oder nicht. Einige fragen sich, was solche sporadischen Aktionen, meist gegen die Polizei, bewirken können. Damien (Dee) Fennell, Taxifahrer aus Nord-Belfast, ist ein prominenter dissidenter Republikaner und Gründungsmitglied der Partei Saoradh, die als der politische Arm der Neuen IRA gilt (die Partei bestreitet das). Sich des Ärgers bewusst, den seine Partei nach der Ermordung von McKee auf sich zog, sagt Fennell: 'Saoradh hat damit nichts zu tun' … In einem Bekennerschreiben an die Irish News übernahm die Neue IRA die Verantwortung für die Ermordung … Sie wird oft dafür kritisiert, ohnehin keine Chance zu haben, Irland zu einen. Fennell meint: 'Was sonst hat eine Chance? Jeder nationalistischen Partei in Irland kann man diese Frage stellen' … Ein Ziel der bewaffneten Gruppen ist es, die Etablierung der Normalität in Nordirland zu sabotieren. Nach 1998 wurde Nordirland demilitarisiert, Baracken der britische Armee wurden abgebaut, Schutztruppen abgezogen. Heute fühlt es sich nicht wie ein Kriegsgebiet an. Für die dissidenten Gruppen heißt Normalisierung, die weiter bestehende Teilung Irlands aus dem Blick zu verlieren. Angriffe auf Polizeikräfte sollen demonstrieren, dass Nordirland keine normale Gesellschaft ist; niemand soll sich sicher fühlen."
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Archiv: Guardian

Himal (Nepal), 26.07.2021

Die nervigen Affen im Straßenbild von Delhi werden immer mehr zur Last. Neue Jobs werden geschaffen: Leute aus untersten Schichten werden angeworben, um die Affen gezielt zu vertreiben. Das ist nicht etwa eine Zustandsbeschreibung der Lage vor Ort, sondern die Prämisse des allem Vernehmen nach wohl ziemlich grotesken Films "Eeb Allay Ooo!" von Prateek Vats, dem Amish Raj Mulmi bei allem Spiel mit dem Absurden durchaus ernstzunehmende Facetten abgewinnen kann: "Binnen weniger Minuten betreten wir eine Welt der Metaphern und Metonymien. Eingebettet ist sie in die materielle Schräglage der Stadt Delhi und deren verschiedener menschlicher und nichtmenschlicher Bewohner. ... Vats navigiert fortlaufend zwischen dem Allegorischen und dem Realen und verwischt dabei mitunter auch die Grenzen dazwischen. ... In gewisser Hinsicht ist das ein Film über die ereignisarme, alltägliche und doch beängstigende Ungleichheit, die in Delhi herrscht. Er zeigt die Qual auf, keinen Job zu haben, die fundamentale Sehnsucht nach würdevoller Arbeit, aber auch den zerschmetternden Druck und die innere Aufgewühltheit, nicht nur für den eigenen Haushalt und ein sich ankündigendes Kind zu sorgen, sondern auch noch den sich auftürmenden Erwartungen der Familie zu entsprechen. Es ist zugleich ein Film über den Glaube in Südasien und sein Spektrum von Ehrfurcht bis Respektlosigkeit, Aberglaube und Hingabe." Der Trailer ist auch wirklich hübsch absurd:

Archiv: Himal

Eurozine (Österreich), 22.07.2021

Die Schriftstellerin Slavenka Drakulic erinnert an die jüngst verstorbene, 1930 in Belgrad geborene und lange Zeit in Berlin beheimatete Schriftstellerin Irena Vrkljan, die die écriture féminine in Jugoslawien und Kroatien populär machte. Drakulic schildert eine Lesung anlässlich des Romans "The Silk, The Shears": "Es war im Mladost Buchladen Ecke Preradovica Ulica/Blumenmarkt, Frühjahr 1985 … Das Publikum bestand fast ausschließlich aus Frauen … vor allem aus meiner Generation, Frauen um die 20 Jahre jünger als sie. Sie hatte eine neue Generation vor sich, vielleicht ohne so richtig zu erfassen, wie verschieden diese war verglichen mit ihrer eigenen, und warum sie das Buch so mochte. In den 1990ern entwickelte sich ein neues Verständnis von der Rolle der Frau in der Gesellschaft sowie der Wunsch nach einer neuen Prosa, eine von Frauen für Frauen. Genau das fanden sie in Irenas Roman, dem ersten jugoslawischen Beispiel für die sogenannte écriture féminine. Was sie fanden, waren sie selbst. Noch nach den Büchern 'Marina im Gegenlicht' und 'Buch über Dora' distanzierte Irena sich oft von Frauenliteratur und Feminismus; sie begriff sich nicht als Feministin. Vielleicht distanzierte sie sich auch von jeglicher Parteinahme, aber nie von ihren Leserinnen. Mit 'The Silk, The Shears' wurde ihr Schreiben zu einer Brücke zwischen ihrer Zeit und der meinen, ob sie es wollte oder nicht. Aber sie freute sich über neue Leser … In Deutschland erreichte sie ein großes Publikum. Die Auflage ihrer Bücher war nicht groß, Übersetzungen selten. Sie wusste, warum. Nicht ohne Bitterkeit erkannte sie, dass Bücher aus ihrem Teil Europas nur Aufmerksamkeit bekamen, wenn sie exotische Themen behandelten. Für ihre gedankenreiche, feine, subtile Prosa über urbane Frauenidentitäten war kaum Platz. Die Deutschen glaubten wohl, sie hätten schon Autorinnen wie sie, aber sie täuschten sich." Hier ein Interview mit Irena Vrkljan beim Goethe Institut. Bei ihrem deutschsprachigen Verlag Droschl scheint nur noch ein Buch lieferbar zu sein.
Archiv: Eurozine

New Statesman (UK), 21.07.2021

Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze erzählt in einem epischen Artikel praktisch die gesamte (Wirtschafts-)Geschichte Chinas seit den Opiumkriegen und kommt gegen Ende, im interessantesten Part seines Artikels, auf das aktuelle Verhältnis Amerikas und des Westens zu Chinas zurück, das von einer Suche nach Verbindlichkeit auf "Wettbewerb" geschaltet worden sei. China selbst habe sich zwar nicht zu einem so aggressiven Akteur entwickelt wie Russland, Iran oder Saudi Arabien, aber nach innen ist das Land extrem repressiv, und nach außen verhält es sich ein dezidierter Nationalstaat, schreibt Tooze. "Nur hatte keine Nation je Chinas Größe." Der Westen, so Tooze, muss schon aus einem Grund weiterhin die Zusammenarbeit suchen: "Im November wird Großbritannien Gastgeber der UN-Klimakonferenz 2021 sein, bei der alle Augen auf China gerichtet sein werden. Das Land ist für 28 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich und emittiert damit mehr als die gesamte OECD, die USA, Europa, Japan und der Rest zusammen. Es gibt keine Lösung für die Klimakrise ohne ein großes und teures Engagement Pekings. Nur China hat das nötige Gewicht, um die Energieexporteure der Welt, insbesondere Russland, dazu zu bewegen, sich auf den Ausstieg aus dem Öl vorzubereiten. Peking hält im wahrsten Sinne des Wortes die Zukunft der Menschheit in seinen Händen. "

Ceska pozice (Tschechien), 25.07.2021

Nachdem das tschechische Abgeordnetenhaus unlängst beschlossen hat, dass tschechische Frauen auf die weibliche Namensendung -ová verzichten dürfen, tobt auch hier ein kleiner Kulturkrieg zwischen Befürwortern und Gegnern. (Grammatikalisch ist die Sache komplex, denn auch wenn frau sich nicht mehr Nováková nennt, sondern Novák, muss das weibliche Novák anders dekliniert werden als das männliche Novák.) Lukáš Novosád weist auf die Komplexität und Widersprüchlichkeit der Positionen hin: Während es etwa in Deutschland als Fortschritt gelte, weibliche Endungen durchzusetzen (Kanzler -> Kanzlerin), würden tschechische FeministInnen in der Namensfrage das -ová als minderwertiges Anhängsel des Männernamens betrachten. (Tatsächlich weist das Suffix etymologisch auf einen Besitz des Mannes hin.) Anders verhalte es sich wiederum bei den Lausitzer Sorben in Deutschland, bei denen die Endung -owa bislang zurückstehen muss: "Das Knifflige ist, dass, sobald sich nach deutschem Gesetz die Eheleute auf einen gemeinsamen Namen einigen, dieser die gleiche Gestalt haben muss. Durch das abgeleitete Suffix wären die Namen aber nicht mehr identisch." Ein Reformvorschlag im deutschen Namensrecht soll nun bewirken, dass verheiratete Sorbinnen ihren Namen nach slawischer Tradition auch mit -owa enden lassen dürfen. Novosáds Fazit: "Aus der Perspektive der hiesigen [tschechischen] Debatten mag das sorbische Anliegen als unbegreiflicher Anachronismus erscheinen, aber es ist ein Bemühen darum, die gleiche Freiheit zu erhalten, die auch hier alle wollen." Denn letztlich geht es in jeder Richtung um nichts anderes als um die Wahlmöglichkeit.
Archiv: Ceska pozice

New Yorker (USA), 02.08.2021

In einem Artikel der aktuellen Ausgabe fragt Jill Lepore, wie aus einem Unternehmen, das angetreten ist, die Welt zusammenzubringen, eines werden konnte, das vor allem trennt. Antworten findet sie u.a. in Sheera Frenkels und Cecilia Kangs Buch "An Ugly Truth: Inside Facebook's Battle for Domination": "Datensammeln und Anzeigenverkaufen schafft keine Gemeinschaft, und was das Zusammenbringen von Menschen angeht, wie Facebook es macht, so ist längst klar geworden, dass es ihnen dadurch vor allem leichter fällt, einander wehzutun. Facebook wäre nicht so erfolgreich, wenn die Menschen es nicht lieben würden, Fotos zu teilen, Gruppen oder kleine Firmen zu gründen und kuratierte News zu lesen. Aber Studien zeigen, dass Zeit auf Facebook der mentalen Gesundheit schadet, das Sitzen und den Verlust echter sozialer Kontakte befördert. Alle Versuche, das Unternehmen diesbezüglich zu verändern, sind bisher gescheitert."

In einem anderen Beitrag stellt Louisa Thomas die Schachgroßmeisterin Hou Yifan vor und macht sich Gedanken über Frauen und Schach: "Schach ist nicht wie Baseball oder Fußball. Männer und Frauen stehen sich gleichberechtigt gegenüber, und niemand kann das Geschlecht eines Spielers anhand der Züge auf dem Brett bestimmen. Dennoch sind von den 1732 Großmeistern der Welt nur 38 weiblich. Der größte Anteil an dieser Lücke rührt von der Tatsache, dass so wenige Frauen im Wettbewerb stehen. Etwa 16 Prozent aller Turnierspieler sind weiblich, die meisten Kinder. Aus rein statistischen Gründen wird man nur sehr wenige Frauen oben auf der Rangliste erwarten. Dennoch ist das eine unzureichende Erklärung für die Ungleichheit an der Spitze, über die Hou offen sagt: 'Man kann es nicht abstreiten oder so tun, als passiere es nicht.' Jahrelang war sie die Einzige mit einer reellen Chance."
Archiv: New Yorker

HVG (Ungarn), 22.07.2021

Der Schriftsteller László Végel spricht im Interview über die Lage der Ungarn in der (heute in Serbien liegenden) Vojvodina vor und nach dem Balkankrieg. "Vor dem südslawischen Krieg lebten die Ungarn in der Vojvodina verhältnismäßig konsolidiert, sie schlossen mit dem westlich lächelnden Titoismus einen Kompromiss, wobei seine Schulden und Verbrechen vergessen wurden. Ausreisen wollte kaum jemand. Die ungarischen Arbeiter, die vorübergehend in den Westen gegangen waren, kamen zurück und lebten wieder in ihrem Geburtsort. Ihre Dorfhäuser rissen sie ab, bauten postmoderne Villen und kauften Wochenendhäuser am Meer. Sie nannten sich stolz Ungarn aus der Vojvodina und in Ungarn selbst reisten sie wie westliche Touristen. Der Krieg unterbrach dies unwiederbringlich. Der Großteil der Ungarn verlor sein Selbstbewusstsein und die Bindung zur Heimat. (...) In den neunziger Jahren begann eine Auswanderung, die seitdem nur zunahm. Die zukünftigen Generationen müssen klären, wie es sein kann, dass es den Ungarn in der Vojvodina nach Meinung ungarischer und serbischer Politikern noch nie in der Geschichte so gut ging wie jetzt, obwohl die Abwanderung noch nie so massenhaft war wie jetzt."
Archiv: HVG

New York Times (USA), 24.07.2021

Beginnt sich der Ruf von Gen-Food zu verbessern? Jennifer Kahn hofft es in ihrem unterhaltsam zu lesenden Longread sehr. Ruiniert wurde der Ruf der Technologie durch die Firma Monsanto, die Soja manipulierte, um die Felder mit Glyphosat traktieren zu können. Nun gibt es aber eine lila Tomate, entwickelt von der Britin Cathie Martin, die bis dato nur Labormäuse und irgendwann vielleicht mal Menschen vor Krebs schützen hilft. Möge diese Tomate nicht das gleiche Schicksal ereilen wie einst der Goldene Reis, der vor Blindheit schützt und von Aktivisten aus den Feldern gerissen wird. Das Versprechen der Gentechnikfreiheit auf Lebensmittelverpackungen hat sich inzwischen zum Milliardenmarkt entwickelt, und die Ökobewegung feiert einen paradoxen Erfolg, stellt Kahn mit Eric Ward, einem Manager der Firma AgBiome , fest: "Supermarktketten haben Angst, so etwas wie eine gentechnisch veränderte Tomate ins Sortiment aufzunehmen, weil sie befürchten, dass die Verbraucher sie ablehnen werden. Landwirte und Unternehmen haben aus dem gleichen Grund Angst, in eine solche Tomate zu investieren. Ward merkt an, dass die Gentechnik viel zugänglicher geworden ist, seit die ersten gentechnisch veränderten Pflanzen in den 1990er Jahren eingeführt wurden. 'Aber sie hat sich zu einer Technik entwickelt, die sich nur ein halbes Dutzend Firmen auf der Welt leisten können, weil sie all diesen regulatorischen Kram durchlaufen müssen. Er hält inne. 'Es liegt eine Ironie in der Sache. Die Aktivisten, die sich zuerst gegen die GMOs gewehrt haben, taten es, weil sie dem großen Agrobusiness nicht trauten. Aber das Ergebnis ist jetzt, dass nur große Unternehmen es sich leisten können, hier aktiv zu sein.'

Auch Religionen sind ein Multimilliardenbusiness, besonders in den USA, das sich vom Rest des Westens darin unterscheidet, das dort noch massiv an Gott geglaubt wird. Seit 2017, schreibt Elizabeth Dias in einem sowohl gegenüber den Evangelikalen als auch gegenüber Facebook komplett unkritischen Artikel, investiert Facebook massiv in Religionsgemeinschaften, die das soziale Netz zu seiner virtuellen Heimat machen sollen. Mit ziemlich großem Erfolg: "Die Leiter der 'Church of God in Christ', einer überwiegend afroamerikanischen Pfingstgemeinde mit etwa sechs Millionen Mitgliedern weltweit, erhielten kürzlich einen frühen Zugang zu mehreren Monetarisierungsfunktionen von Facebook, die ihnen neue Einnahmequellen boten, so die Social-Media-Managerin der Gemeinde, Angela Clinton-Joseph. Man entschied sich, zwei Facebook-Tools auszuprobieren: Abonnements, bei denen die Nutzer zum Beispiel 9,99 Dollar pro Monat zahlen und dafür exklusive Inhalte erhalten, wie direkte Botschaften des Bischofs; und ein weiteres Tool, mit dem Gottesdienstbesucher, die den Gottesdienst online verfolgen, Spenden in Echtzeit senden können. Die Leiter entschieden sich gegen eine dritte Option: Werbung während der Videostreams."