Magazinrundschau - Archiv

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353 Presseschau-Absätze - Seite 14 von 36

Magazinrundschau vom 26.07.2022 - HVG

Im Interview mit Dániel Bittner beklagt die Sängerin und Schauspielerin Bori Péterfy die Lage der unabhängigen Theater in Ungarn: "Was mit den Theatern in einem sich seit langem abspielenden Prozess passiert, ist unbegreiflich. Kornél Mundruczó ist einer unserer bedeutendsten Regisseure, doch ich konnte lange wegen der Musik und der Kindererziehung nicht mit ihm arbeiten. Jetzt kann ich es und wir wissen, was er auf internationaler Bühne alles erreicht hat. Doch statt dass sich die Heimat darüber freuen würde, dass ein weltbekannter ungarischer Regisseur ein eigenes Ensemble führt, bekommt sein Theater keinen Cent Unterstützung. Die Situation in der freien Theaterszene ist besonders tragisch ... viele Theater laufen stets mit vollem Haus, doch selbst das reicht finanziell nicht, und man kann nicht ständig die Preise erhöhen. Ich fürchte mich wegen des Krieges und der Inflation auch deswegen, weil sie uns Künstler vollkommen erledigen werden."
Stichwörter: Mundruczo, Kornel, Inflation

Magazinrundschau vom 31.05.2022 - HVG

Der renommierte ungarische Schauspieler János Gálvölgyi spricht im Interview mit István Balla leicht ironisierend darüber, wie sich Ungarn seiner Meinung nach dem nunmehr vierten Sieg von Viktor Orbán mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit verändert hat, wobei er starke Parallelen zu Entwicklungen von vor fünfzig Jahren sieht. "Man könnte dieses Land in leiser Apathie beobachtet, so wie wir es vor fünfzig Jahren taten: So ist es halt. (...) Inzwischen sind wieder Wahlen vorbei und wir sind dahin zurückgekehrt, wo meine Generation hineingeboren wurde: Der Hass ist zu Ende! (...) Es gibt nur noch eine Partei und aller vier Jahren geben wir unsere Stimme für den einen oder anderen Kandidaten von der 'Patriotischen Volksfront - Einheitsliste' ab. Da gibt es Bedarf. Darüber darf man sich nicht streiten. Ich weiß zwar nicht, weil ich in Mathe immer dumm war, wie viele Drittel dies aus dem Zwei-Drittel sind, doch es ist der größere Teil des Landes. Sie wollen dies und sie fühlen sich darin wohl. Ich hatte im Frühling Torheiten gehört, dass es eine Wechselstimmung gäbe. Aber wo? Unter welcher Hausnummer. Ich habe sie nicht finden können."

Magazinrundschau vom 24.05.2022 - HVG

Der Sozialwissenschaftler András Bozóki, Dozent der CEU in Wien bewertet und analysiert im Gespräch mit Judit Windisch die deutliche Niederlage der Opposition bei den Parlamentswahlen von April: "Die Opposition war tatsächlich wesentlich zerstreuter und zerstrittener als es von außen erschien. Doch für mich sind die Differenzen der Opposition nicht die Frage, sondern ob es Demokratie oder Autokratie geben soll. Man kann viel Schlechtes über die Oppositionsparteien sagen, aber sie haben sich für die Wiederherstellung der Demokratie ausgesprochen. Wenn sie gewonnen hätten, gäbe es jetzt eine labile, unsichere Zeit voller Streit, doch wir hätten einen Schritt Richtung Wiederherstellung der Demokratie getan. So aber bleibt es ein propagandistisches, innenpolitisch eigentlich uninteressantes, autokratisches System. Leider übersteigt dieses Problem das Niveau der Elitenkonflikte, denn es geht um wesentlich schlimmere und tiefere gesellschaftliche Verwerfungen. Man betrachte nur die massiv Fidesz-freundliche Provinz und die massiv oppositionelle Hauptstadt Budapest. Die Gesellschaft hat es akzeptiert, dass Fidesz einen solchen infrastrukturellen Vorsprung erlangt hat, mit dem für sie agierenden Staat, mit den durch sie besetzten Medien und Propagandamaschinerien, dass der kleinste Fehler der Opposition auf das tausendfache vergrößert werden kann."

Magazinrundschau vom 10.05.2022 - HVG

Ákos Vizis Karte der Budapester Nachtclubs, Clubs und Partylocations der 90er Jahre 


Man könnte den Kulturhistoriker Ákos Vizi einen Besessenen nennen: Er hat Karten der legendären Nachtlokale und Kinos der 80er, 90er und 2000er Jahre in Budapest erstellt. Und nun arbeitet er an Familienstammbäumen von ungarischen Interpreten und Bands der vergangenen Jahrzehnte. Im Interview mit Róbert Németh spricht Vizi über seine Arbeit: "Ein bisschen habe ich mich schon erschrocken, als ich den musikalischen Stammbaum des Undergrounds und des Mainstreams der achtziger Jahre erstellt habe, denn bereits damals gab es eine unglaubliche Vielfalt im ungarischen Musikleben. Die Neunziger können im Vergleich zu den Achtzigern kaum mehr rekonstruiert werden, also kann es sein, dass ich jahrelang daran arbeiten werde. Historisch gesehen ist sehr wenig Zeit seit den Neunzigern vergangen, aber auch seit den Sechzigern. Wir reden hier nicht über die frühe Neuzeit, doch bereits jetzt sind einige Details entschwunden, die Erinnerung ist ebenfalls nicht eindeutig und auch die Quellen sind unvollständig. In manchen Fällen können sich selbst die Beteiligten nicht mehr an Ereignisse oder ihre Mitgliedschaft in einer Band erinnern. Für mich ist diese Tätigkeit wichtig, damit nach Möglichkeit möglichst wenig Wissen verloren geht. In mancherlei Hinsicht ist diese nie zu Ende gehende Arbeit aber sehr unterhaltsam."

Magazinrundschau vom 15.03.2022 - HVG

In György Pálfis Film "In Ewigkeit" herrscht seit Jahren Krieg in Europa. Als Pálfi den Film vor sieben Jahre drehte, wollte er eine ferne albtraumhafte Zukunft imaginieren. Wegen fehlender staatlicher Unterstützung kommt der Film ausgerechnet jetzt in die ungarischen Kinos, wie Bálint Kovács schreibt: "Der Film zeigt, wie Ungarn wäre, wenn in Europa seit Jahren Krieg herrschen würde. Und diese Vision erscheint heutzutage wesentlich realistischer als vor einem Monat oder gar vor einem Jahr … Und es ist die Wahrheit: In der Welt von 'In Ewigkeit' hat das Leben keinen Wert. In seinem letzten Film, im 'Turiner Pferd' drehte Béla Tarr die Schöpfung mit einer monumentalen Apokalypsen-Vision um; bei Pálfi geht es um weniger, aber um etwas Gnadenloseres: er dreht den Humanismus zurück."
Stichwörter: Humanismus, Bali, Apokalypse

Magazinrundschau vom 22.03.2022 - HVG

Im Interview mit Péter Hamvay denkt der Schriftsteller, Übersetzer und Slawist György Spiró über die Motive Putins für den Überfall auf die Ukraine nach. "In den ersten Tagen des Krieges rechneten amerikanische und westeuropäische Militärexperten mit einer ukrainischen Niederlage und wünschten sich diese sehr schnell herbei", glaubt er. "Es wäre für sie optimal gewesen, wenn sich die ukrainische Führung ergeben hätte. Die Kämpfenden hätten auch aufgegeben, sie hätten dann Selenskyj zur Flucht verholfen und man hätte mit den Russen verhandeln können. Es ist anders gekommen, der ukrainische Präsident hat seine Rolle ernst genommen und die Ukrainer halten tapfer die Stellung. Für den Westen ist die Eskalation des Krieges sehr schlecht - weil eine Verlängerung des Krieges ihn zu einem Eingreifen zwingen könnte und wirtschaftlich sowieso. Es liegt auch nicht im Interesse des Westens, dass Putin durch eine Kriegsniederlage weggefegt wird, denn das könnte noch unberechenbarere Folgen für die Welt haben. (…) Die Covid-Pandemie hatte weltweit sofort aufgehört zu existieren, als der Krieg begann. Ein starkes Europa ist nicht im Interesse der USA, doch es wird seit einiger Zeit von alleine schwächer, durch den Austritt der Briten, durch den Abschied von Merkel. Die USA und Europa waren seit langer Zeit nicht so schwach. Und so dachte Putin wohl, jetzt oder nie."

Magazinrundschau vom 01.02.2022 - HVG

Im Interview mit István Balla spricht der Erziehungs- und Bildungswissenschaftler Imre Knausz über die Nützlichkeit der Schulbildung zum Beispiel im Hinblick auf den Erhalt und die Festigung der Demokratie. "Die funktionierende Demokratie ist ein Langzeitprozess, dessen Bedingungen erschafft werden müssen und an denen dann ständig gearbeitet werden muss. Wenn es auch in Ungarn wieder gelingt, eine wahre Demokratie auszuarbeiten, dann muss sie wohl gut gestützt werden, was nicht ohne eine Demokratisierung der Bildung gehen wird. Man kannte ja das Problem schon in der Antike: Wenn jeder in der Politik mitreden kann, dann entscheiden ungebildete Menschen, denn sie sind in der Mehrheit. Aber wie kann von ihnen erwartet werden, dass sie sinnvolle Entscheidungen treffen? In diesem Sinne muss eben eher erklärt werden, wie im Westen so lange die Demokratie funktionieren konnte. Doch die richtige Antwort auf dieses Dilemma ist nicht, dass wir dann keine Demokratie brauchen, sondern dass wir weniger ungebildete Menschen haben sollten."
Stichwörter: Ungarn, Demokratie

Magazinrundschau vom 21.12.2021 - HVG

Im Gespräch mit HVG erzählt der Dichter, Slammer und Übersetzer Ferenc André, der gerade neben neben Zsófia Czakó ein Literaturstipendium erhalten hat, von seinem neuen, noch nicht veröffentlichten Buch: "Nach Ansicht des Dichters besteht die Schönheit des Textes darin, dass er die Figuren zwar von Enttäuschung zu Enttäuschung führt, sie aber immer wieder davor bewahrt, in die Hoffnungslosigkeit abzudriften: denn wenn alles hoffnungslos erscheint, kann man zumindest versuchen zu hoffen. 'Es hat einen romantischen Aspekt, und das ist eines der wichtigsten Dinge, die ich suche. Zum Beispiel, was mit der Liebe im Jahr 2021 zu tun ist. Es ist keine spezifische Trauma-Geschichte, es geht nicht darum, dass alles kaputt ist und oh mein Gott, was wird mit uns passieren. Von der Antike bis zur Gegenwart kann man feststellen, dass jemand, der über sehr nahe politische Themen schreibt, in Hoffnungslosigkeit versinkt. Aber natürlich sind in den letzten zweitausend Jahren eine Menge cooler Dinge passiert, und ich hoffe, dass sie wieder passieren werden."

Magazinrundschau vom 07.12.2021 - HVG

Die Historikerin Andrea Pethő ist von ihrem Posten in der Ungarischen Akkreditierungskommission von Hochschulstudiengängen zurückgetreten, nachdem sie von der Präsidentin der Kommission aufgefordert worden war, die Ergebnisse ihrer Studie über die Instrumentalisierung des höheren Bildungs- und Forschungssektors durch illiberalen Regime vor der Veröffentlichung zu verändern. Im Gespräch mit Hanna Csatlós begründet sie ihre Entscheidung: "Die illiberalen politischen Berater haben erkannt, dass die wissenschaftliche Legitimierung, die solche Institutionen gewährleisten, nicht nur für die ideologische Grundlage benötigt wird, sondern auch um loyale Unterstützer beschäftigen zu können, die wiederum weitere loyale Unterstützer ausbilden, die später dann die Leitung realer Bildungs- und Forschungsstätte übernehmen können. (...) Illiberale Staaten versuchen ein Schaufenster zu errichten, in dem es so aussieht, als wäre alles in Ordnung, denn das ist freilich die Bedingung, dass Fördergelder aus der EU zugänglich sind."
Stichwörter: Pethö, Andrea, Ungarn

Magazinrundschau vom 23.11.2021 - HVG

Der Filmproduzent András Muhi ist Mitbegründer von FocusFox und produzierte u.a Filme wie "Just the Wind" (Regie: B. Fliegauf, 2012), "It´s not the time of my life" (Sz. Hajdu, 2016) und "Die Geschichte meiner Frau" (I. Enyedi 2021). Anlässlich einer Ausstellung über seine Produktionstätigkeit spricht er im Interview mit Hanna Csatlós über Stärken des ungarischen Films und Schwächen der Filmfinanzierung. "In Ungarn gib es in erster Linie bei den experimentellen und Autorenfilmen Potential; bei den Mainstream-Genrefilmen können wir auf internationalem Niveau nicht mithalten. Es ist ein Wunder, dass es Lebenswerke, wie das von Jancsó oder von Béla Tarr gibt, denn heute könnten diese nicht mehr entstehen, weil ihre Filme nicht zum Mainstream gehören. Der ungarische Film errang seine größten Erfolge stets mit Autorenfilmen. Der mit dem Oscar ausgezeichnete 'Son of Saul' ist ein Experimentalfilm, genauso wie der mit dem Goldenen Bären ausgezeichnete 'Körper und Seele'. Mit solchen, in ihrer Form interessanten und im Inhalt bedeutenden Filmen können wir auf der Karte sichtbar sein. (…) Vor 2010 änderte sich stets die Zusammensetzung jener Gremien, die über Filmförderungen entschieden, heute haben die Mitglieder eine Dauerkarte, auch solche, die nicht wirklich etwas vom Film verstehen. Und ich liefere Ihnen, wie quasi ein Staubsaugervertreter die Ideen. Drehbuchentwickler nehmen die eingereichten Beiträge unter die Lupe, was bei einem Genrefilm vertretbar ist, aber beim Autorenfilm völlig sinnlos ist. Gib mal 'Satanstango' (von Tarr) einem Drehbuchentwickler - er bekommt auf der Stelle einen Herzinfarkt."