
In der vergangenen Woche erschütterte eine Aussage des politischen Direktors im Amt des Ministerpräsidenten die Öffentlichkeit:
Balázs Orbán (nicht verwandt mit dem Ministerpräsidenten Viktor Orbán - Anm. d. Red.) verglich die Situation in der
Ukraine vor dem russischen Angriff mit der
Revolution 1956 in Ungarn. In einem Interview mit einem Parteiorgan bezeichnete Balázs Orbán den ukrainischen Ministerpräsidenten Selenskyj als "unverantwortlich" und warf ihm vor, "sein Land in einen Defensivkrieg" geführt zu haben, der viele Menschenleben koste. Die Ungarn hätten davon abgeraten, hätten sie doch ihre Lektion 1956 gelernt.
Ungarn hätte - wäre es an Stelle der Ukraine gewesen - deshalb
nicht gekämpft. Diese Aussagen wurden sowohl von den unabhängigen Medien als auch von den Staats- und Regierungsmedien aufgegriffen. Führende Politiker der Regierungspartei, einschließlich Ministerpräsident Victor Orbán haben sich zu Wort gemeldet, Balazs Orban korrigiert, interpretiert und kommentiert (mehr dazu
hier und
hier). Nach einer Rüge des Ministerpräsidenten und Entschuldigung ist Balázs Orbán nach heutigem Stand der offiziellen Darstellung "Opfer einer Desinformationskampagne" geworden. Für István Riba von der Wochenzeitschrift
HVG ist Orbans Aussage nicht nur ein
Verrat an 1956, wie er in
HVG schreibt, sondern auch eine
ahistorische Formulierung, die dem von der Regierungspartei entworfenen Grundgesetz widerspricht und gleichzeitig die Identität der Regierungspartei in Frage stellt: "Der politische Direktor des Premierministers hat es geschafft, den tradierten, jahrhundertealten ungarischen Unabhängigkeitskampf in einem einzigen kurzen Gedankengang mit Füßen zu treten. ... Die Aussage geht über 1956 hinaus und handelt auch davon,
wann es sich lohnt, für die Unabhängigkeit einer Nation einzustehen. Es wird suggeriert, dass man nur dann kämpfen solle, wenn es eine Chance auf einen Sieg gibt, denn wenn es keine gibt, sei es besser, sich zu ergeben. ...
Untertauchen und abwarten wurden nach '56 zum Lebensprogramm, und obwohl es einige gab, die im Geiste von 1956 handelten, ließ die Masse die Revolutionäre lieber gegen die Wand fahren. ... Diese Mentalität änderte sich erst 1989, als der hingerichtete ungarische Ministerpräsident Imre Nagy und seine Gefährten erneut begesetzt wurden, diesmal mit allen Ehren. Es war Viktor Orbán, der dort die eindringlichste Rede hielt. Seitdem ist es ein grundlegendes Identitätsmerkmal der Fidesz ..., sich nicht auf die Irrealität der Revolution zu fokussieren, sondern auf den
Kampf gegen ein tyrannisches Regime. ... Dies war die Haltung aller politischen Kräfte seit 1990 zu 1956. Balazs Orban stellte sie nun in Frage und bestärkte damit das
Narrativ der Kádár-
Ära."