Magazinrundschau

Gehirne voller Eisen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
29.10.2024. Der Guardian fragt sich nach einer Abstimmung in Moldau, ob die EU ihre Beliebtheit nicht überschätzt. Der ungarische Lyriker Marton Simon denkt in Elet es Irodalom über die Metamoderne der Literatur nach. New Lines sucht die nach Russland verschleppten Kinder des Oleshky-Internats. In der New York Times erklärt der Historiker Robert Paxton, warum der Faschismus nicht von oben kommt, sondern von unten. Hakai erzählt, wie Schwarzbeeren die Galapagos-Schildkröten töten.

Guardian (UK), 29.10.2024

Das Ergebnis der Volksabstimmung in der Republik Moldau zum EU-Beitritt des Landes ist entsetzlich für die europäische Seite, meint der Wirtschaftsjournalist Wolfgang Münchau. Zwar ging es an den Urnen noch gar nicht um den Beitritt, sondern lediglich um eine Verfassungsänderung, die eine Abstimmung über einen solchen möglich machen würde, und es setzte sich die proeuropäische Seite durch - aber nur hauchdünn, mit 50,4 gegen 39,6 der Stimmen. Proeuropäischer Rückenwind sieht anders aus. Das hat Gründe, erläutert Münchau: "Es ist für Russland viel einfacher, sich in die Angelegenheiten eines anderen Landes einzumischen, wenn dessen Bevölkerung in Teilen Russisch spricht. Die moldauischen Behörden behaupten, dass Russland 15 Millionen Euro an 130.000 Menschen gezahlt habe, um sie zu bestechen, im Referendum mit 'Nein' zu stimmen. Das sind etwas mehr als 100 Euro pro Person. In einem armen Land wie der Republik Moldau ist das für viele Menschen viel Geld. Die Hürden für eine russische Einflussnahme sind sehr niedrig, und das wird auch so bleiben. In seinem Enthusiasmus für die Erweiterung neigt die EU dazu, ihre eigene Beliebtheit zu überschätzen. Die Erweiterung ist die einzige erkennbare Säule der geopolitischen Strategie Europas, aber die Union hat kaum die Möglichkeit, die Ereignisse zu kontrollieren. Die EU unterschätzt möglicherweise auch den Widerstand bestehender Mitglieder, sobald die Kosten der Erweiterung in wirtschaftlich verarmte Regionen klar werden. Bisher hat nur Viktor Orbán damit gedroht, eine EU-Mitgliedschaft der Ukraine zu blockieren. Er wird eines Tages nicht mehr im Amt sein. Stärker werden sich, vermute ich, Polen und andere Nettoempfänger gegen neue Mitgliedschaften wehren. Polen ist mit Abstand der größte Nettoempfänger, ein Status, den es als Preis für die EU-Erweiterung aufgeben müsste."

Kermit Pattison berichtet staunend über die Forschung der Molekularpaläonthologin Alexandra Morton-Hayward, die eine große Sammlung teils viele Jahrhunderte alter menschlicher Gehirne anlegt - und dazu forscht, unter welchen Umständen dieses Organ so lange erhalten bleiben kann. Unter anderem interessiert sich Morton-Hayward für chemische Auffälligkeiten ihrer Proben: "Tatsächlich sind konservierte Gehirne voller Eisen - in manchen Fällen bestehen sie zu 25 Prozent aus diesem Element. Es sind eisenhaltige Mineralien, die antike Gehirne gelb, schwarz, orange oder rot färben. In lebenden Gehirnen unterstützt Eisen wichtige Funktionen wie die Atmung und den Elektronentransport. Eisen kann jedoch auch gefährlich sein, da es sich mit dem Alter ansammelt und ein Phänomen namens oxidativer Schaden fördert. Oxidativer Schaden wird mit dem Altern sowie mit neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson und anderen Gehirnpathologien in Verbindung gebracht. Tatsächlich legt Morton-Haywards Arbeit nahe, dass oxidativer Stress im Leben einen Prozess in Gang setzen kann, der nach dem Tod weitergeht - insbesondere unter bestimmten Bedingungen wie sauerstoffarmen, wassergefüllten Begräbnisstätten. Sie ist beeindruckt von der Tatsache, dass viele konservierte Gehirne von Menschen stammen, deren Leben elend endete - in Massengräbern, bei traumatischen Todesfällen, in Armenhäusern und Anstalten."
Archiv: Guardian

Elet es Irodalom (Ungarn), 25.10.2024

Der Lyriker und Verleger Márton Simon spricht im Interview mit Réka Moklovsky über frühe Experimente der Literatur im digitalen Raum: "Die ironische Herangehensweise an die digitale Kultur in diesem Band ist, denke ich, eine Art Selbstverteidigung. Ich versuche, in meinem Privatleben ein gewisses Gleichgewicht zu halten, aber offensichtlich gelingt mir das nicht, wie wohl den meisten Menschen. Ich habe ein Leben, das auf digitalen Plattformen gewachsen ist, die ich am Leben halte, um mich am Leben zu halten, aber nicht metaphorisch, sondern buchstäblich - um zu arbeiten, um zu lesen, um nicht zu verhungern. Ich weiß noch, wie das Leben vor dem Handy war, und im Vergleich dazu war es gar nicht so schlecht. Das ist natürlich weltweit eine ziemlich generationenübergreifende Erfahrung. In den frühen 2010er Jahren gab es mehrere starke Strömungen in der amerikanischen Poesie, alt-lit und sogar Flarf, die verschiedene Aspekte der digitalen Kultur thematisierten. Sie waren weit entfernt von einer ausgeprägten literarischen Tradition, doch die meisten der produzierten Texte ließen eher eine Art radikale, konstruktiv-destruktive Haltung als Dilettantismus erkennen. (...) Es ist interessant zu beobachten, wie sie sich zehn Jahre später verfestigt haben. Die Autoren, die in dieser Gesellschaft prominent waren, eigentlich nur ein oder zwei, wurden fast kanonisiert, sie wurden in die Literatur integriert, das ist alles. Die Mehrheit ist offensichtlich verschwunden. Der Punkt ist, dass es sich um eine literarische Tradition handelt, die später in der amerikanischen Literatur als Metamoderne bezeichnet wurde und die in unserer Literatur völlig abwesend war oder nur wenige oder keine sichtbaren Spuren hinterlassen hat. Aber diese Art von digitaler Kultur, ironischer, selbstreflexiver, nach außen gerichteter Poesie, die die vierte Wand durchbricht, ist furchtbar aufregend."

New Lines Magazine (USA), 28.10.2024

Fast 20.000 Kinder wurden seit Beginn des russischen Angriffskrieges aus der Ukraine verschleppt. Unter ihnen sind auch Kinder mit teilweise schweren Behinderungen, die in einer spezialisierten Einrichtung in der Stadt Oleshky in der Oblast Cherson untergebracht wurden, wie Viktoriia Novikova, Nataliia Sirobab und Ivan Antypenko berichten. Als im Februar 2022 die russische Invasion in Cherson begann, wurden nach und nach insgesamt 85 Kinder und Erwachsene des Oleshky-Internats von den russischen Behörden nach Russland oder in die besetzten ukrainischen Gebiete "evakuiert", in den meisten Fällen wussten ihre Verwandten nicht wohin. Manche haben bis heute, zwei Jahre später, keine Nachricht über den Verbleib ihrer Kinder, manchmal nicht mal die Gewissheit, dass diese noch am Leben sind, berichten die Autoren. Viele, wie zum Beispiel die Mutter der dreizehnjährigen Aurora (die Namen wurden auf den Wunsch der Interviewten geändert), machten sich auf eigene Faust auf die Suche: "Maria spürte Vitalii Suk, den von Russland ernannten Direktor der Oleshky-Schule, auf seinem Handy auf und verlangte Antworten (...) Bis November 2022 waren Oleshkys Schüler über ganz Russland, die besetzte Krim und Skadowsk verstreut. Zusätzlich zu denen, die in russische Waisenhäuser gebracht wurden, wurden einige in Waisenhäuser auf der Krim gebracht. Unterdessen war Auroras Mutter auf dem Weg aus dem freien Teil der Ukraine auf die Krim. Sie musste mehr als 6.000 Meilen zurücklegen, um ihre Tochter zu erreichen, und dabei Polen, Lettland, Litauen und den westlichen Teil Russlands passieren. Im Krankenhaus stellte Maria fest, dass das für die Betreuung ihrer Tochter zuständige Personal zögerte, ihr ihr Kind zurückzugeben. Bevor sie Aurora zu ihrer Mutter brachten, bestanden sie darauf, dass Maria eine Erklärung unterschrieb, dass sie keine Beschwerden gegen das Krankenhaus habe und dass das Mädchen keine blauen Flecken habe. Als Maria ihre Tochter endlich sah, war sie schockiert über Auroras Zustand. Sie trug schmutzige Kleidung und ihr gebrechlicher Körper hatte einen starken, unangenehmen Geruch, sagte ihre Mutter. Aurora enthüllte später, dass sie während ihres dreiwöchigen Krankenhausaufenthalts weder ihre Zähne geputzt noch geduscht hatte. Sie sprach darüber, wie sie vom medizinischen Personal geschlagen wurde und wie sehr sie ihre Freunde vermisste."

Ceska Televize (Tschechien), 25.10.2024

Kamila Boháčková unterhält sich mit dem slowakischen Filmemacher Marek Šulík, dessen Dokumentarfilm "Prezidentka" (Die Präsidentin) über die slowakische Präsidentin Zuzana Čaputová dieser Tage in Tschechien und der Slowakei in die Kinos kommt (Trailer, leider noch ohne engl. Untertitel). Šulík hat die sozialliberale Demokratin während ihrer fünfjährigen Amtszeit begleitet, nach der Čaputová dieses Jahr zur Enttäuschung vieler Slowaken nicht erneut kandidiert hat. (Auch wenn es offiziell nicht so begründet wurde, ist es ein offenes Geheimnis, dass sich Čaputová letztlich nach Morddrohungen gegen ihre Töchter aus der Politik zurückgezogen hat.) "Interessant war bei ihr von Anfang an, dass sie sich nicht bemüht hat, übliche Stereotypen zu bedienen. Die Slowakei präsentiert sich zum Beispiel gerne als eine christliche Landschaft voller Trachten, wohingegen sie in Gesprächsrunden anführte, dass sie sich für östliche Philosophie und Meditation interessiere. Sie hat ihre eigene Identität nie verleugnet", so die Beobachtung von Regisseur Šulík. Früh habe Čaputová jedoch begriffen, dass sie gerade als Frau in exponierter Rolle ihr Privatleben abschirmen müsse. "Für die Populisten ist sie eine ideale Zielscheibe gewesen, mit der man Punkte gewinnen kann, denn sie hat versucht, einen anständigen Stil der Kommunikation durchzusetzen. Und bei einem anständigen Menschen weiß man, zu dem kann man grob sein, denn der gibt das Grobe nicht zurück. Das ist so ein Gandhi-Prinzip."
Archiv: Ceska Televize

New York Times (USA), 26.10.2024

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Ist Trump ein Faschist? Darum rankt sich schon seit einigen Jahren eine veritable "Fascism Debate", schreibt Elisabeth Zerofsky. Sie trifft für ihren sehr lehrreichen Artikel einen der ehrwürdigsten Experten, der sich denken lässt, den 92-jährigen Historiker Robert Paxton, der vor über fünfzig Jahren mit seinem Buch "Vichy France - Old Guard and New Order, 1940-1944" die "paxtonische Revolution" in Frankreich auslöste: Seit diesem Buch behauptet so gut wie niemand mehr in Frankreich, dass die Kollaboration in Frankreich aus Zwang erfolgt sei - im Gegenteil, sie war eine willige Unterwerfung, auch weil in Frankreich selbst Bedingungen für einen Faschismus herrschten. Paxton hat mit Blick auf Trump die Faschismus-Vokabel lange Zeit abgelehnt, erzählt Zerofsky. Nach dem 6. Januar 2021 änderte er seine Meinung und tat dies in einer heute berühmten Kolumne für Newsweek kund: "I've Hesitated to Call Donald Trump a Fascist. Until Now". Dennoch, so Zerofsky, ist Paxton bis heute mit dieser Totschlagvokabel ziemlich vorsichtig: "Ich glaube bis heute, dass das Wort mehr Hitze als Licht erzeugt", sagt er zu der Autorin. Die Ähnlichkeit, die Paxton schließlich doch zwischen Trump und dem Faschismus sieht, liegt nicht in Doktrinen und Programmen, sondern darin, dass sie gesellschaftlich bedingt sind: "Wie auch immer der Trumpismus sich selbst versteht, er kommt 'als Massenphänomen von unten, und die Führer rennen voran, um ihm zuvorzukommen', sagt Paxton. So seien auch der italienische Faschismus und der Nationalsozialismus entstanden, als Mussolini und Hitler nach dem Ersten Weltkrieg aus der Unzufriedenheit der Massen Kapital schlugen, um an die Macht zu kommen. Paxton ist seit langem der Meinung, dass die Konzentration auf die Anführer vom Verständnis des Faschismus ablenkt. 'Was man untersuchen sollte, ist das Milieu, aus dem heraus sie entstanden sind', sagt er. Damit der Faschismus Wurzeln schlagen kann, muss es 'eine Öffnung im politischen System geben, einen Verlust der Bodenhaftung der traditionellen Parteien, da muss es einen echten Zusammenbruch geben.'" Zerofsky empfiehlt Paxtons Essay "The Anatomy of Fascism", das zu den maßgeblichen Theorien des Phänomens gehört.
Archiv: New York Times

HVG (Ungarn), 24.10.2024

Der Schriftsteller Gábor T. Szántó spricht im Interview mit HVG über Motive seines neuen Romans "Der Jazzprofessor" sowie über die mangelnden Möglichkeiten im heutigen Ungarn historische Themen zu verfilmen, die sich mit den Diktaturerfahrungen des 20. Jahrhunderts beschäftigen: "Mittel- und Osteuropa ist kein gelobtes Land. Hier zerren gelegentlich Verfolgungen und Diktaturen an den Nerven der Menschen oder dezimieren sogar Familien. Viele sind um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, während der Horthy-Ära, 1956 und später ausgewandert, immer wenn sich Möglichkeiten boten, und ich denke, die gegenwärtige Auswanderung hat ihre Wurzeln auch darin. Bei Ungarn handelt sich um ein kleines Land mit einem kleinen Markt, in dem zum Beispiel die fehlende Kulturförderung ein Dilemma für die Künstler darstellt. Wenn sie keine Aufmerksamkeit bekommen, keinen Film machen können, haben sie das Gefühl, dass die weite Welt für sie vielleicht besser und größer ist. Die staatliche Kulturförderung ist in unserem Land aus wirtschaftlichen Gründen und wegen politischer Differenzen und Vorurteile immer ein heikles Thema, so dass sich das Dilemma, ob man gehen oder bleiben soll, vielleicht häufiger stellt als in glücklicheren Ländern. (...) Mit dem Regisseur Ferenc Török haben wir viel daran gearbeitet, die Geschichte der grenzüberschreitenden Liebe eines Musikers zu entwickeln, der in einer rumänisch-ungarischen Familie in Siebenbürgen während des Kalten Krieges aufwächst. Aber das Filminstitut hat das Drehbuch abgelehnt. Wir haben zwar nicht aufgegeben, einen Film daraus zu machen, aber wir warten auf bessere Zeiten. Die äußerst spannende und dramatische Erfahrung des 20. Jahrhunderts wird dann wieder in den Fokus des ungarischen Kinos rücken."
Archiv: HVG

Hakai (Kanada), 22.10.2024

Die riesigen Galapagos-Schildkröten haben ihre ganz eigenen Pfade auf der Insel Santa Cruz, wo sie sich je nach Jahreszeit am Meer oder auf den Bergen aufhalten. Allerdings werden diese Routen werden immer mehr von Menschen verbaut oder durch invasive Pflanzenarten wie Zedrelen oder Schwarzbeeren gestört, berichtet Kevin Gepford. Diese wurden einst von Siedlern mitgebracht, sind aber erst vor kurzem als Gefahr identifiziert worden: Die Schildkröten kommen an ihnen nicht vorbei und "werden nun durch die drei einzig im Wald verbliebenen Lücken geschleust, die je einen Kilometer breit sind. Da sich die Zedrelen und die Himalayaische Schwarzbeere immer weiter ausbreiten, könnten sich diese Lücken schließen. ... Nach Ansicht der Ökologin Heinke Jäger ist es unmöglich, die Schwarzbeere wieder loszuwerden. Die Samen werden von Vögeln weitergetragen und auch wenn es im kleinen Rahmen möglich sein kann, sie auszujäten, ist dieser Aufwand im großen Stil nicht zu leisten. ... Sie fürchtet, dass die verbliebenen Scalesia-Wälder in weniger als 20 Jahren verschwunden sein werden. 'In den letzten zehn Jahren haben wir dort, wo die Schwarzbeeren eindringen, keinen einzigen Scalesia-Setzling beobachten können.'" Aber "was würde geschehen, wenn diese Schildkröten von ihren Wanderungen abgehalten werden? Die Tiere selbst werden ein entbehrungsreiches Leben führen. Wenn sie über oder unter der Barriere invasiver Arten gefangen sind, können sie ihrer saisonalen Futtersuche nicht mehr nachgehen. Ihre Fettpolster schwinden. Schlechte Gesundheit beeinträchtigt die Fortpflanzung. Und weil Schildkröten sich langsamen bewegen und fortfplanzen, könnte es noch ein Jahrhundert oder länger dauern, bis der Schwund in Zahlen messbar wird. 'Eines der Probleme mit Riesenschildkröten besteht darin, dass sie einem völlig anderen Zeitmaßstab unterworfen sind", sagt der Forscher Stephen Blake. 'Man wird Jahrhunderte lang nicht sehen, dass sie ihrer Ausrottung entgegen gehen. Aber das heißt nicht, dass die negativen Folgen auch nur in irgendeiner Hinsicht weniger katastrophal sind."
Archiv: Hakai