Magazinrundschau - Archiv

Internationale Politik

4 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 15.01.2008 - Internationale Politik

"Die Hochzeit des Stacheldrahts, der Mauern und Zäune hat erst richtig begonnen", greift nun auch Carlos Widmann das Thema der weltweit wachsenden Mauern auf. Zum Beispiel in Ceuta und Melilla, den beiden spanischen Exklaven an der Mittelmeerküste Marokkos: "Nur an diesen beiden Stellen grenzt das Hoheitsgebiet der Europäischen Union direkt an das Territorium eines afrikanischen Landes. Und das merkt man auch sofort, besonders nachts: Beleuchtungstürme tauchen den neun Kilometer langen Doppelzaun zwischen der spanischen Exklave und dem Königreich Marokko in diffuses, gelbes Licht. Die Zäune von Ceuta und Melilla, die mit EU-Zuschüssen von 60 Millionen Euro verbessert und zuletzt auf fast un-überwindliche sieben Meter erhöht wurden, sind von einem Dickicht aus schärfstem Stacheldraht überwachsen und gespickt mit gepanzerten Wachtürmen in freundlichem Weiß-Blau. Zweifellos eine Grenzsperre von DDR-Format, um nicht zu sagen: Weltniveau. Nur einen Schießbefehl gibt es nicht."

Weiteres: Christoph Reuter schätzt die Lage im Irak als nur oberflächlich befriedet ein. Christoph Bertram betrachtet die neue Ohnmacht der entzauberten Weltmacht USA. Und Bruno Schoch und Matthias Dembinski glauben nicht an eine rosige Zukunft eines unabhängigen Kosovos.

Magazinrundschau vom 02.10.2007 - Internationale Politik

Als einen Fall von "provokativem Partikularismus" und Paternalismus wertet der EU-Berater des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski, Marek Cichocki, die Vorstellung, die Geschichte der EU allein auf westeuropäische Erfahrungen begründen zu können. "Die vermeintlich durch den Westfälischen Frieden etablierte Logik - der Übergang vom vormodernen, christlichen Europa über das moderne Europa souveräner Nationalstaaten bis hin zum unvermeidlichen Aufkommen eines postmodernen und vereinten Europas - greift in Polen nicht. Denn das neuzeitliche Modell des Territorialstaats mit einer souveränen zentralen Macht und einer strikten Trennung von Kirche und Staat hat hier nie Fuß gefasst. Als nach dem Dreißigjährigen Krieg in Westeuropa eine neue Ordnung gestaltet wurde, hielten in Mittel- und Osteuropa die Polen, Ruthenen, Ukrainer, Litauer und die in Ostpreußen lebenden Deutschen an ihrem eigenen Modell fest: friedliche Föderalisierung der Völker, multinationales Konzept der Staatsbürgerschaft und Präsenz von Religion im öffentlichen Leben."

Magazinrundschau vom 04.09.2007 - Internationale Politik

In einem interessanten Heft zum Islam in Europa versucht sich der syrische Philosoph Sadik al-Azm die heftigen Konflikte zwischen Wissenschaft und Religion an den eigentlich völlig rückständigen Universitäten von Beirut, Kairo oder Istanbul zu erklären. Er fühlt sich an die Zeit der frühen Aufklärung in Europa erinnert und sieht frappierende Parallelen zwischen dem Fall Salman Rushdie und Galileo Galilei. "Mir scheint, dass Rushdis erster Widerruf ebenso erzwungen und utilitaristisch war wie der Galileos. Der verfolgte Vater der modernen Physik widerrief seinen Widerruf ja nicht nur, als er murmelte: 'Und sie bewegt sich doch!', sondern erst recht, als er der Welt sein reifstes Werk schenkte, die 'Discorsi e Dimostrazioni Matematiche intorno a due nuove scienze'. Er schrieb es hinter dem Rücken der Kirchenzensur, die jeden seiner Schritte verfolgte, und schmuggelte es nach Holland, um es zu publizieren. Genauso widerrief Rushdie seinen Widerruf faktisch auch, als er dem Terror der Fatwa widerstand und weiterhin satirisch, kritisch und kreativ vor allem über das Heilige schrieb... Ob auch der Islam weitere 300 bis 500 Jahre warten wird, bis er gegenüber Rushdie Zugeständnisse macht? Letztlich ist die Frage: Wird der Islam irgendwann in der Lage sein, sich mit dem herrschenden wissenschaftlichen Erkenntnismodell auszusöhnen?"
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Magazinrundschau vom 06.02.2007 - Internationale Politik

In einem aufsehenerregenden und scharfen Artikel kritisiert Alfred Grosser nach langer Vorrede über den mangelnden Mut westlicher Öfentlichkeiten den Staat Israel: "Die Lage in Gaza ist so dramatisch, weil Israel jeden Handel unterbindet, die Fischerei und die Flughafenbenutzung verbietet, die Grenzen immer undurchdringlicher macht..." Und Grosser schließt sich einem Leitartikel von Ha'aretz an: "'Die Gewalt ist das Problem. Nicht die Lösung.' Die Gewalt, die immer mehr nichtjüdische israelische Bürger, immer mehr Palästinenser und so viele Libanesen in die Arme des Terrorismus wirft, so viele verzweifelte Jugendliche der Indoktrinierung aussetzt und sie zum selbstmörderischen Attentat verführt. Um dies zu erkennen, müsste es eine moralische Wende geben - in Israel und auch außerhalb Israels."
Stichwörter: Grosser, Alfred