
Der
Wirtschaftshistoriker Adam Tooze resümiert für die
LRB die
Biden-Präsidentschaft. Ausgesprochen gut weg kommt dessen Wirtschaftspolitik: "Die makroökonomische Billanz der Biden-Regierung könnte kaum besser sein". Anders sieht es auf dem Feld der internationalen Beziehungen aus: "Die beängstigende historische Implikation der unter Biden eingeleiteten Technologie- und Atomwaffenpolitik besteht darin, dass sie das endgültige
Ende der Globalisierung nach dem Kalten Krieg markiert und dies auch selbst weiß. Diese Entwicklung hat sich schon lange abgezeichnet. Während der Präsidentschaft Obamas waren die ersten Erschütterungen zu spüren. Die USA sind natürlich nicht der einzige Beschleuniger in diesem Prozess - ganz im Gegenteil. Die Herausforderungen, die Russland und China darstellen, sind real. Aber was an der Regierung Biden auffällt, ist ihr Mangel an Vorstellungskraft bei der Beantwortung dieser Herausforderung. Sie hat den
historischen Führungsanspruch der USA vom Zweiten Weltkrieg über das
space race bis hin zur unipolaren Welt der 1990er Jahre erneut bekräftigt. Doch trotz aller Gesten historischer Größe ist die amerikanische Staatskunst der 2020er Jahre fadenscheinig. Wenn man heute in Washington einen Marshallplan für saubere Energie verkaufen will, muss man damit beginnen, jeden Anspruch auf das komplexe hegemoniale Kalkül des Originals zu verwerfen. Was wir dagegen jetzt bräuchten, sei eine '
AmericaFirst'-
Exportförderung. Die Alternative, die Trumps Team anbietet, hat noch weniger Substanz und ist viel unberechenbarer. Wenn sich in den kommenden Jahren nichts Neues ergibt, ist mit einer grimmigen Eskalation der Spannungen zwischen einer sich wandelnden Welt und einer Vision amerikanischer Macht zu rechnen, die zwar technologisch ausgefeilt ist, aber politisch gesehen
zunehmend anachronistisch erscheint."
Nabil Salih
schildert Eindrücke aus dem
Bagdad der Gegenwart. Auch wenn sich die Stadt in den internationalen Schlagzeilen eher rar gemacht hat, ist sie keineswegs zur Ruhe gekommen. Shiah-Milizen sowie regelmäßige Interventionen von iranischer und amerikanischer Seite sorgen für Spannungen, parallel macht sich der Kapitalismus breit. Auch der Krieg in Gaza ist allgegenwärtig: "'Tod für Amerika. Tod für Israel. Verdammt seien die Juden', ist auf Transparenten in Bagdad zu lesen. Das Leid der Palästinenser erinnert viele Iraker an ihr eigenes unter der amerikanischen Besatzung vor zwei Jahrzehnten. Doch die Situation in Gaza wird von schiitischen Führern zunehmend für ihre eigenen politischen Zwecke ausgenutzt. Im Oktober letzten Jahres führte [der schiitische
Geistliche und Milizenführer Muqtada]
al-
Sadr Tausende seiner Anhänger zu einer Demonstration im Herzen Bagdads. Alle waren in weiße Leichentücher gekleidet, um ihre Bereitschaft zu signalisieren,
als Märtyrer zu sterben. Wie die Angriffe irakischer Milizen auf US-Streitkräfte wurde dieses Spektakel von der arabischen Diaspora begeistert aufgenommen. Den Einheimischen ist nicht entgangen, dass es den Sadristen bei diesen Aktionen vor allem darum geht, ihren Anspruch zu unterstreichen, die wichtigsten Verteidiger Palästinas in der Region zu sein. Solcher Aktionismus lässt die
traurige Geschichte der Palästinenser im Irak allerdings außer Acht. Wie Human Rights Watch und andere ausführlich dokumentierten, wurden palästinensische Flüchtlinge in den ersten Jahren der Besatzung und der religiösen Konflikte regelmäßig von schiitischen Milizen
angegriffen, die ihnen vorwarfen, von Saddams Regime bevorzugt behandelt zu werden." Ganz neu ist das nicht: "Doch lange bevor sich der Irak gegen seine Palästinenser wandte, tat er dasselbe mit seinen Juden, einer der ältesten Gemeinschaften des Landes", erinnert Salih.