Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

582 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 59

Magazinrundschau vom 26.11.2024 - London Review of Books

Unterwäsche im Rijksmuseum


Teils amüsiert, teils erschrocken schaut sich Clare Bucknell in der Ausstellung "Under/Wear" um, die derzeit im Amsterdamer Rijksmuseum zu sehen ist. Ausgestellt wird die Unterwäschemode mehrerer Jahrhunderterte. Darunter finden sich zahlreiche Exponate, die heute reichlich absurd anmuten: "Im Jahr 1856 wurden in Frankreich die ersten Käfig-Krinolinen hergestellt - stählerne Reifröcke mit breitem Umfang, die stark genug waren, um voluminöse, glockenförmige Röcke zu stützen. Viel wurde über die Gefahren diskutiert, die die größten und unhandlichsten Modelle dieser Art mit sich brachten. Florence Nightingale, die sie verabscheute, behauptete, dass allein in den Jahren 1863 und 1864 insgesamt 277 Frauen durch das Entflammen ihrer Krinolinen ums Leben gekommen seien. Ein zeitgenössischer niederländischer Comicstrip, 'Het Nut eener Crinoline' ('Der Nutzen einer Krinoline'), zeigt eine Reihe absurder Szenen auf dem Land, in denen eine modisch gekleidete Frau mit Krinoline und verschiedene verdutzte Tiere in Konflikt geraten: Ein angreifender Ziegenbock verfängt sich im Gestell der Krinoline und reißt sie unter ihrem Rock hervor; ein Storch erspäht sie von oben und trägt sie fort, um daraus ein Nest zu bauen. In den 1870er Jahren kamen sogenannte Tournüren, beziehungsweise 'Kleidverbesserer', auf den Markt - Stahlgestelle, die hinten übertrieben hervorstanden, um eine figurbetonte Silhouette mit Fokus auf das Gesäß zu schaffen. Eine röhrenförmige Tournüre im Rijksmuseum (ca. 1880-84), die aus Halbreifen besteht, die in gestreiftem Baumwollstoff eingenäht sind, sollte bewirken, dass der Rock der Trägerin wie ein Wasserfall darüberfließt. Ein weiteres Exponat zeigt ein schwarzes gepolstertes Kissen, um Volumen zu erzeugen, ganz im Stil von Kim Kardashian. Manche Tournüren waren wahre Ingenieurskunstwerke. Das Modell 'New Phantom' (1887-88), das von den Londoner Schneidern Stapley und Smith patentiert wurde, ließ sich wie eine Ziehharmonika zusammenfalten, wenn die Trägerin sich setzte."

Magazinrundschau vom 19.11.2024 - London Review of Books

James Meek berichtet aus der ukrainischen Millionenstadt Charkiw, die sich im vierten Kriegsjahr befindet. Gebeutelt wird sie nicht nur vom russischen Angriffskrieg, sondern auch von internen ukrainischen Problemen wie etwa der grassierenden Korruption. Meeks Text ist erwartbar deprimierend. Unter anderem besucht Meek Schulen, die zum Ziel russischer Bomben wurden. "Es gibt ein ukrainisches Wort, 'prylit' (auf Russisch 'prilyot'), das man in Charkiw ständig hört. Es ist ein seltenes Beispiel für ein Wort, das nicht nur über Nacht von einer gängigen Bedeutung in eine andere überwechselte, sondern dessen neue Verwendung die alte komplett auslöschte. Es bedeutet 'Ankunft aus der Luft' und war früher für die Ukrainer nur als Anzeige auf den Ankunftstafeln von Flughäfen relevant - ein Symbol für Reisen in einer offenen Welt. Seit dem Tag, an dem der Krieg ausbrach, gibt es keinen Luftverkehr mehr von oder nach Charkiw; aber 'Ankunft aus der Luft' kann auch für den 'Einschlags eines militärischen Flugkörpers' benutzt werden. Drei Einschläge an Schule Nummer 17 haben eine nackte, staubige Ruine dort hinterlassen, wo einst 1200 Kinder lernten. Die Schule ist auf Englischunterricht spezialisiert: Zu den wenigen Überresten der Friedenszeit gehören fröhliche, von Schrapnellen durchlöcherte Wandgemälde, die ein idealisiertes Großbritannien zeigen - eine rote Telefonzelle, Big Ben, das Gherkin."
Stichwörter: Charkiw, Ukraine, Ukrainekrieg

Magazinrundschau vom 05.11.2024 - London Review of Books

Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze resümiert für die LRB die Biden-Präsidentschaft. Ausgesprochen gut weg kommt dessen Wirtschaftspolitik: "Die makroökonomische Billanz der Biden-Regierung könnte kaum besser sein". Anders sieht es auf dem Feld der internationalen Beziehungen aus: "Die beängstigende historische Implikation der unter Biden eingeleiteten Technologie- und Atomwaffenpolitik besteht darin, dass sie das endgültige Ende der Globalisierung nach dem Kalten Krieg markiert und dies auch selbst weiß. Diese Entwicklung hat sich schon lange abgezeichnet. Während der Präsidentschaft Obamas waren die ersten Erschütterungen zu spüren. Die USA sind natürlich nicht der einzige Beschleuniger in diesem Prozess - ganz im Gegenteil. Die Herausforderungen, die Russland und China darstellen, sind real. Aber was an der Regierung Biden auffällt, ist ihr Mangel an Vorstellungskraft bei der Beantwortung dieser Herausforderung. Sie hat den historischen Führungsanspruch der USA vom Zweiten Weltkrieg über das space race bis hin zur unipolaren Welt der 1990er Jahre erneut bekräftigt. Doch trotz aller Gesten historischer Größe ist die amerikanische Staatskunst der 2020er Jahre fadenscheinig. Wenn man heute in Washington einen Marshallplan für saubere Energie verkaufen will, muss man damit beginnen, jeden Anspruch auf das komplexe hegemoniale Kalkül des Originals zu verwerfen. Was wir dagegen jetzt bräuchten, sei eine 'AmericaFirst'-Exportförderung. Die Alternative, die Trumps Team anbietet, hat noch weniger Substanz und ist viel unberechenbarer. Wenn sich in den kommenden Jahren nichts Neues ergibt, ist mit einer grimmigen Eskalation der Spannungen zwischen einer sich wandelnden Welt und einer Vision amerikanischer Macht zu rechnen, die zwar technologisch ausgefeilt ist, aber politisch gesehen zunehmend anachronistisch erscheint."

Nabil Salih schildert Eindrücke aus dem Bagdad der Gegenwart. Auch wenn sich die Stadt in den internationalen Schlagzeilen eher rar gemacht hat, ist sie keineswegs zur Ruhe gekommen. Shiah-Milizen sowie regelmäßige Interventionen von iranischer und amerikanischer Seite sorgen für Spannungen, parallel macht sich der Kapitalismus breit. Auch der Krieg in Gaza ist allgegenwärtig: "'Tod für Amerika. Tod für Israel. Verdammt seien die Juden', ist auf Transparenten in Bagdad zu lesen. Das Leid der Palästinenser erinnert viele Iraker an ihr eigenes unter der amerikanischen Besatzung vor zwei Jahrzehnten. Doch die Situation in Gaza wird von schiitischen Führern zunehmend für ihre eigenen politischen Zwecke ausgenutzt. Im Oktober letzten Jahres führte [der schiitische Geistliche und Milizenführer Muqtada] al-Sadr Tausende seiner Anhänger zu einer Demonstration im Herzen Bagdads. Alle waren in weiße Leichentücher gekleidet, um ihre Bereitschaft zu signalisieren, als Märtyrer zu sterben. Wie die Angriffe irakischer Milizen auf US-Streitkräfte wurde dieses Spektakel von der arabischen Diaspora begeistert aufgenommen. Den Einheimischen ist nicht entgangen, dass es den Sadristen bei diesen Aktionen vor allem darum geht, ihren Anspruch zu unterstreichen, die wichtigsten Verteidiger Palästinas in der Region zu sein. Solcher Aktionismus lässt die traurige Geschichte der Palästinenser im Irak allerdings außer Acht. Wie Human Rights Watch und andere ausführlich dokumentierten, wurden palästinensische Flüchtlinge in den ersten Jahren der Besatzung und der religiösen Konflikte regelmäßig von schiitischen Milizen angegriffen, die ihnen vorwarfen, von Saddams Regime bevorzugt behandelt zu werden." Ganz neu ist das nicht: "Doch lange bevor sich der Irak gegen seine Palästinenser wandte, tat er dasselbe mit seinen Juden, einer der ältesten Gemeinschaften des Landes", erinnert Salih.

Magazinrundschau vom 15.10.2024 - London Review of Books

Alexandra Exter, Composition (Genova), 1912. Alex Lachmann Collection


Natasha Fedorson besucht eine (leider gerade zuende gegangene) Ausstellung in der Londoner Royal Academy, die sich der künstlerischen Moderne in der Ukraine widmet. Präsentiert werden Arbeiten, die nach dem russischen Überfall 2020 außer Landes geschafft wurden, um sie vor Putins Bomben in Sicherheit zu bringen. Viele ausgestellte Arbeiten sind im Umfeld der Avantgarden der Zeit entstanden. Jedoch: "Nicht alle vertretenen Künstler wandten sich der Abstraktion und dem nicht-akademischen Experiment zu. Eine der Stärken der Ausstellung ist ihre Vielfalt, da sie viele der künstlerischen Strömungen umfasst, die in der Frühzeit der Sowjetukraine aufblühten. Die Boichukisten (benannt nach ihrem Gründer Mykhailo Boichuk) gehörten zu den Profiteuren der Indigenisierung und malten im staatlichen Auftrag Wandgemälde in Opernhäusern und Sanatorien. Ihre Darstellungen des bäuerlichen Lebens griffen auf byzantinische Ikonographie zurück, die sie als Teil des ukrainischen kulturellen Erbes betrachteten. 1937 wurden Boichuk, seine Frau und zwei seiner Anhänger im Rahmen den stalinistischen Säuberungen hingerichtet; ihre Darstellungen ländlicher Arbeit galten als Beweis für das, was als gefährlicher (und speziell ukrainischer) 'bourgeoiser Nationalismus' angesehen wurde. Die Wandgemälde wurden übermalt, aber selbst die kleineren erhaltenen Tempera-Bilder tragen noch den Charakter öffentlicher Werke, mit ihren feierlichen, stilisierten Figuren, die unseren Blick erwidern."

Magazinrundschau vom 24.09.2024 - London Review of Books

Das Editorial Board wirft anlässlich des Todes des marxistischen Literaturwissenschaftlers und Philosophen Frederic Jameson einen Blick ins eigene Archiv, das zahlreiche Jameson-Texte enthält. Zur Lektüre empfohlen wird unter anderem ein Beitrag aus dem Jahr 2012 zu creative-writing-Programmen an amerikanischen Universitäten, beziehungsweise - bei Jameson geht es schließlich selten nur um ein Thema gleichzeitig - zum Selbstverständis amerikanischer Intellektueller: "Moderne amerikanische Schriftsteller wollten sich immer als unschuldig betrachten, was das künstliche Ergänzungsmittel zum wirklichen Leben betrifft, das die Hochschulbildung allgemein, vor allem aber die creative-writing-Kurse darstellen. Diejenigen, die schreiben können, tun es; die, die es nicht können, unterrichten. Man denke an die Lobreden europäischer Intellektueller wie Sartre und Beauvoir auf die großen amerikanischen Schriftsteller, die nicht lehrten, nicht zur Schule gingen, sondern als Lastwagenfahrer, Barkeeper, Nachtwächter, Hafenarbeiter und alles Mögliche arbeiteten, nur nicht als Intellektuelle, während sie 'den ständigen Strom von Menschen über einen ganzen Kontinent hinweg, den Exodus eines gesamten Dorfes zu den Obstplantagen Kaliforniens' und so weiter festhielten. Es gibt das Reale, und dann gibt es die Universität; und natürlich ist die Universität in einem bestimmten Sinne (dem besten Sinne) ein großer Urlaub, der dem echten Leben vorausgeht - Geldverdienen, eine Familie gründen, sich unlösbar in der Gesellschaft und ihren Institutionen verankert zu finden. Der Campus ist irgendwie exterritorial; und das Leben der Studenten ist ein Leben der Freiheit (sofern sie es nicht opfern müssen, um die Studiengebühren aufzubringen)  - Freiheit von Ideologie (Klasseninteressen haben sich noch nicht wie ein eisernes Gefängnis um einen geschlossen), Freiheit der Entdeckung - Sexualität, Kultur, Ideen - und in einem subtileren Sinne vielleicht Freiheit von Nationalität, von der Schuld der Klasse und davon, Amerikaner zu sein."

Außerdem: Mark Ford liest die Briefe des Dichters Wilfred Owen von der Westfront im Ersten Weltkrieg. Joanna Biggs liest Sally Rooneys neuen Roman "Intermezzo". T.J. Clark liest die Fanon-Biografie von Adam Shatz. Irina Dumitrescu besucht die Ausstellung "Welterbe des Mittelalters. 1300 Jahre Klosterinsel Reichenau" im Badischen Landesmuseum.

Magazinrundschau vom 17.09.2024 - London Review of Books

John Lanchester liest zwei neue Bücher über den Finanzmarkt. Dabei stellt sich ihm, der seit Jahrzehnten selbst darüber berichtet, immer noch dieselbe alte Frage (die auch keins der neuen Bücher beantworten kann). Ausgangspunkt ist ein Beispiel, bei dem jemand Mangos verkauft. Während des Verkaufs spekulieren mehrere Leute über die Entwicklung des Mangopreises, so dass es mehrere Transaktionen gibt, aber nur eine, bei der es einen echten Austausch gibt - Ware gegen Geld. Die anderen Transaktionen "liefen auf ein Nullsummenspiel hinaus. Einige Leute haben Geld verdient, andere haben es verloren, und all das hat sich aufgehoben. Dabei wurde kein Wert geschaffen. Das ist Finanzwirtschaft. Der Gesamtwert aller wirtschaftlichen Aktivitäten auf der Welt wird auf 105 Billionen Dollar geschätzt. Das sind die Mangos. Der Wert der Finanzderivate, die sich aus dieser Tätigkeit ergeben - das ist der anschließende Handel - beträgt 667 Billionen Dollar. Damit ist es das größte Geschäft der Welt. Und gemessen an den Dingen, die es produziert, ist dieses Geschäft nutzlos. Es leistet nichts und schafft keinen Wert. Es ist nur ein Spekulant, der gegen einen anderen wettet, und für jeden Gewinner gibt es bei jeder einzelnen Transaktion einen genau gleich großen Verlierer. Dieser Punkt muss wiederholt werden. Es gibt andere Wege, um reich zu werden, und in unserer Gesellschaft gelten immer noch die klassischen drei Wege, um ein Vermögen zu machen: erben, heiraten oder stehlen. Aber für einen normalen Bürger, der durch eine angestellte Tätigkeit reich werden will, ist das Finanzwesen mit großem Abstand der wahrscheinlichste Weg. Und doch ist das, was sie im Finanzwesen tun, nutzlos. Ich meine das in einem starken Sinne: Diese Tätigkeit produziert nichts und schafft keinen Nutzen für die Gesellschaft insgesamt, denn jedem Gewinn steht ein identischer Verlust gegenüber. Die Summe ist gleich Null. Der einzige Nutzen für die Gesellschaft besteht in den von den Gewinnern gezahlten Steuern, wobei zu bedenken ist, dass die Verluste der Verlierer mit den Steuern verrechnet werden, so dass der steuerliche Nettonutzen nicht so eindeutig ist, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Dies ist historisch gesehen ein einzigartiger Sachverhalt. Bisher beruhte der meiste Reichtum auf realen Vermögenswerten in Form von Grund und Boden oder Handel - oft geerbt und nicht neu geschaffen, aber deswegen nicht weniger real. Diese neue Form des Reichtums basiert auf Glücksspielen. Was sagt es über uns aus, dass wir diese Arbeit, die so wenig einbringt, so großzügig belohnen? Was für eine Gesellschaft sind wir eigentlich? Und was bedeutet es, dass wir so wenig darüber nachdenken?"
Stichwörter: Lanchester, John, Finanzmarkt

Magazinrundschau vom 10.09.2024 - London Review of Books

Kenia wird, berichtet Kevin Okoth, von einer wuchtigen Protestbewegung erschüttert, die sich gegen die Sparmaßnahmen richtet, mit denen Präsident William Ruto unter anderem auf Reformforderungen von seiten des Internationalen Währungsfonds reagiert. Seine Kritiker vermuten freilich, dass auch Korruption im Spiel ist. Vor allem die nachrückende Generation ist unzufrieden: "Junge Kenianer sind frustriert über den Mangel an wirtschaftlichen Möglichkeiten und öffentlichen Dienstleistungen und bezeichnen sich selbst als die 'Gen Z', die einen Kampf für intergenerationelle Gerechtigkeit führe. Achtzig Prozent der Bevölkerung sind unter 35 Jahre alt, und die Mehrheit der Erwerbsfähigen ist arbeitslos. Ruto trat 2022 sein Amt mit dem Versprechen an, Wirtschaftsreformen durchzuführen und gegen Korruption vorzugehen; Kenia sollte eine 'Hustler'-Nation werden, in der individuelle Anstrengungen belohnt würden. Er schien frischen Wind in eine politische Landschaft zu bringen, die von alten Dynastien dominiert wird. (Der vorherige Präsident, Uhuru Kenyatta, ist der Sohn des ersten Präsidenten Kenias, Jomo Kenyatta; der langjährige Oppositionsführer, Raila Odinga, ist der Sohn des ersten Vizepräsidenten des Landes, Jaramogi Oginga Odinga.) Doch Ruto war neun Jahre lang Kenyattas Stellvertreter, und es gibt kaum echte Anzeichen dafür, dass seine Präsidentschaft die Korruption und das schlechte Wirtschaftsmangement, das frühere Regierungen belastete, beendet. Seine Versprechen haben sich nicht verwirklicht, und die meisten Kenianer 'hustlen rückwärts', wie sie es ausdrücken, und kämpfen darum, sich über Wasser zu halten, während sie mit immer mehr Problemen zu kämpfen haben."
Stichwörter: Kenia, Ruto, William

Magazinrundschau vom 13.08.2024 - London Review of Books

Werbung im Digitalen, wie funktioniert die gleich nochmal? Ach ja, wer die Facebook-Seite von Bruce Willis liket, der wird ja wohl auch Autos und Donald Trump interessant finden. Denkste! Diese Art von Werbung und Marktidentifikation ist sowas von 2014 und längst zu den Akten gelegt, versichert Donald MacKenzie in einer überaus detailreichen Geschichte des Online-Marketings und damit einhergehend der Online-Privatsphäre: Seit knapp zehn Jahren hat das Marketing-Game diverse Schleifen gedreht - insbesondere eine Maßnahme von Apple, die es Werbetreibenden deutlich erschwert, Handy-Kunden eineindeutig zu idenfizieren, sorgt für Kummer - und hat etwa Facebooks Aktienwert teils drastisch abstürzen lassen. Aber natürlich gibt es längst Gegenmaßnahmen und Ausweichmanöver. "Apple könnte die IP-Adressen verbergen, indem es sie verschlüsselt und Nachrichten durch ein Relay-System mehrerer Server umleitet. So geschieht es im Dark Web - sowohl aus guten Gründen, aber auch, um sich vor Ermittlungsbehörden zu verstecken. Wenn sie Apples 'Private Relay'-System aktivieren, können die Kunden von Apples Premium-iCloud-Service schon jetzt einen Aspekt ihres Onlineverhaltens - das Browsen im Web - verbergen. Würde Apple noch weiter gehen und die Operationen aller iPhones dieser Welt von Grund auf unsichtbar machen, würde das seitens der Regierungen wohl eine starke Gegenwehr auslösen, nicht zuletzt in China, einem wichtigen iPhone-Markt. Es würde auch einen beträchtlichen Teil zusätzlicher Rechenleistung und elektronischen Verkehr auslösen und könnte den ohnehin schon hohen Energieverbrauch und die Karbonemissionen des Internet noch einmal sichtlich steigern. Solche Spannungsverhältnisse nagen an unserer Einstellung gegenüber der digitalen Ökonomie. Wir wollen unsere Privatsphäre, aber wir wollen auch freie Information und Unterhaltung, jene Ökonomien also, die oft auf gezielt adressierter Werbung beruhen. Wir sind begeistert von der nach Elektrizität gierenden KI im ganz großen Maßstab, während wir uns zugleich dessen bewusst sind, dass wir unseren Kohlendioxidausstoß senken müssen. Wir schätzen die ausgefuchsten Dienstangebote von Big Tech und deren geschützte digitale Umgebungen. Und doch wollen wir diese zugunsten eines gesunden Wettbewerbs öffnen."

Magazinrundschau vom 20.08.2024 - London Review of Books

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Ian Penman liest "Travels Over Feeling", Richard Kings Biografie des 1992 an Aids verstorbenen New Yorker Musikers und Komponisten Arthur Russell, dessen musikalisches Erbe von Beiträgen für Rockbands über Dance Music bis zu experimenteller Klassik reicht. Diese kaum zu überblickende Vielfalt hat auch mit dem New York der Siebziger zu tun, in dem Russel zu seiner Blüte gefunden hat, schreibt Penman: "Es gab einmal eine Zeit, in der sich junge Leute mit einem Traum oder einem besonderen Blick es sich noch leisten konnten, in großen Städten wie London oder New York zu leben. Aber diese Welt, die Russell und die sich schlängelnden Ranken seines exzentrischen Eklektizismus ausgebrütet hat, ist längst verschwunden. Die Lofts, die damals von Künstlern am Rande des Existenzminimums bewohnt wurden, beherbergen heute nur noch Milliardäre. Die Kreuzbestäubung, die es Russell gestattete, zwischen den unterschiedlichen musikalischen Idiomen zu wechseln, vollzog sich nicht aus dem Nichts, sondern ging aus sehr spezifischen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hervor. Russells Freund und Musikkollege Peter Gordon erinnert sich an die gegenseitige Unterstützung, mit der ihr Freundeskreis im New York der späten Siebziger über die Runden kam: 'Wir witzelten damals darüber, dass zwischen uns dieselben 50 Dollars ständig hin und her gingen. Es gab da einfach keine Grenzlinie zwischen Geld und der Gemeinschaft.' New York hatte (vor dem digitalen Wandel, vor Aids) eine Familie, die La Monte Young, Andy Warhol, Patti Smith und eine ganze Menge an Jazz aus den Lofts umfasste. Es war ein fruchtbarer und fluider Austausch zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften: Hohe und niedere Kultur, queer, verdrogt, künstlerisch, radikal, hedonistisch. In 'Travels Over Feeling' gibt es diese eine, entzückende Geschichte, in der Gordon und Russell zum Union Square Park gehen, um ein paar 'lockere Joints' zu kaufen, als sie einen von Russells letzten Club-Bangern aus den Boomboxen der dort versammelten Skater-Kids und Drogendelinquenten donnern hören. Avantgarde-Kompositionen und indische Raga-Übungen, Beats bauen und urbanes herumschlendern: Wo immer es Russell hinverschlug, immer schien er sich mitten im Herzen dieser magischen Schnittmenge aus Zirkeln und Szenen zu befinden."

Hier eine kleine Playlist mit ein paar Eindrücken aus Russells Schaffen:

Stichwörter: Russell, Arthur, New York, 70er, Queer

Magazinrundschau vom 30.07.2024 - London Review of Books

David Todd erinnert anlässlich Macrons eigenmächtiger Auflösung des Parlaments daran, dass Frankreich, einer langen republikanischen Tradition zum Trotz, die Sehnsucht nach einem starken Anführer nie so recht losgeworden ist: "In einem Interview im Jahr 2016 erklärte Macron, dass ein Präsident eher 'jupiterartig' als 'normal' sein sollte. 'Die Franzosen, ein politisches Volk, wollen mehr', sagte er. 'Daher die Ambiguität der Präsidentenrolle, die in unserem institutionellen System mit dem monarchischen Trauma verbunden ist.' Macrons Analyse implizierte, dass die umfangreichen Befugnisse des französischen Präsidenten tiefere Wurzeln haben als de Gaulles Rückkehr an die Macht im Jahr 1958 und auf eine geheime Sehnsucht nach jenem absoluten König hinweisen, der 1793 hingerichtet wurde. Die französische Geschichte seit der Revolution von 1789 deutet in der Tat nicht auf eine eindeutige Abscheu gegenüber königlicher Macht hin. Nachdem Napoleon 1799 Erster Konsul wurde und sich 1804 selbst zum Kaiser krönte, experimentierte Frankreich mit einer Restauration der Bourbonen-Dynastie, der liberalen Monarchie Louis-Philippes und der Herrschaft von Napoleons Neffen als Präsident der kurzlebigen Zweiten Republik (bevor er Prinz-Präsident und schließlich Kaiser wurde). Die verfassungsgebende Versammlung der Dritten Republik (1870-1940) favorisierte ursprünglich eine weitere monarchische Restauration, aber die Bedingungen des Thronanwärters, des zukünftigen 'Henri V' (insbesondere der Ersatz der Trikolore durch die Fleur-de-Lys-Flagge), vereitelten die Hoffnungen der Royalisten. Im Jahr 1875 verabschiedete die Versammlung eine Verfassung, die das Wort 'Republik' vermied, außer um die umfangreichen Befugnisse eines 'Präsidenten der Republik' zu beschreiben, der leicht durch einen dynastischen Monarchen ersetzt werden könnte."
Stichwörter: Frankreich, Monarchie