Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

582 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 59

Magazinrundschau vom 16.07.2024 - London Review of Books

Mélissa Cornet blickt auf die ziemlich deprimierenden Aussichten für Frauen in Afghanistan. Die Taliban haben nach ihrer Machtübernahme über 80 Gesetze erlassen, die die Bewegungs- und Berufsfreiheit von Frauen teilweise katastrophal einschränken. Hier und da wird inzwischen darüber nachgedacht, einen internationalen Straftatbestand namens "Gender Apartheid" einzuführen, der derartige systematische Benachteiligung in den Blick nimmt. Aber würde das helfen? Insgesamt macht sich Ratlosigkeit breit: "Es gibt zwei Denkrichtungen darüber, wie die internationale Gemeinschaft die Politik der Taliban in Bezug auf Frauen beeinflussen könnte: das Regime isolieren oder eine bedingte Zusammenarbeit etablieren. Während Teile der afghanischen Diaspora Sanktionen und Isolation fordern, sprechen sich die Mehrheit der Regierungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen für eine bedingte Zusammenarbeit aus, wobei Menschenrechte immer Teil der Diskussion sein sollen. Engagement, das nicht gleichbedeutend mit einer formellen Anerkennung ist, wird als der einzige Weg angesehen, um langfristig Einfluss auf die Taliban auszuüben. Es wird argumentiert, dass Diplomatie Zeit braucht und besonders notwendig ist, wenn man mit Menschen spricht, mit denen man nicht einer Meinung ist. Wie der amtierende Außenminister des Landes, Amir Khan Muttaqi, wiederholt betont hat, liegt den Taliban viel daran, wieder in die internationale Gemeinschaft integriert zu werden. Es stimmt, dass Diskussionen mit den Taliban und diplomatisches Engagement bisher keine konkreten Ergebnisse gezeitigt haben - aber auch die von den USA und der EU verhängten finanziellen Sanktionen und Reiseverbote für Einzelpersonen haben bislang keine Wirkung. Die Taliban spielen auf Zeit und beobachten, dass ihr Regime langsam akzeptiert wird, ohne dass sie auch nur ein einziges Zugeständnis beim Thema Frauenrechten machen. (…) Die Taliban erinnern ausländische Staaten gerne daran, dass sie das Doha-Abkommen aus dem Jahr 2020 einhalten, das Bedingungen für den US-Abzug festlegte, und dass andere Länder kein Recht haben, sich in die inneren Angelegenheiten Afghanistans einzumischen, vor allem nicht nach zwanzig Jahren Krieg. Infolgedessen wächst die Kluft zwischen den Ländern, die prinzipiell darauf bestehen, ohne Zugeständnisse bei den Frauenrechten nicht mit den Taliban zusammenzuarbeiten, und pragmatischen Nachbarländern, die die regionale Stabilität priorisieren - diese Länder besetzen zunehmend den diplomatischen Raum in Kabul."

Anlässlich der bevorstehenden Sommerolympiade in Paris analysiert David Goldblatt den Stand der Dinge in Sachen Olympische Spiele. Megaevents sind sie inzwischen geworden, aber auch die Probleme, die sie mit sich bringen, sind gigantisch. Eine Folge: niemand möchte sie mehr ausrichten: "Eine Reihe von Städte hat sich aus dem Bewerbungsprozess zurückzogen. Bewerbungen für die Winterspiele wurden nach Abstimmungen in Oslo, Krakau, Lwiw und Stockholm zurückgenommen; Hamburg, Boston und Rom gaben ihre Ambitionen auf, die Sommerspiele auszurichten. Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán verlor seine einzige bedeutende politische Schlacht des letzten Jahrzehnts, als eine lokale Kampagne eine Petition sammelte, die groß genug war, um ein Referendum über Budapests Bewerbung zu erzwingen, eine Herausforderung, die Orbán und die Organisatoren nicht annahmen. Nur Paris und Los Angeles waren für die Sommerspiele 2024 im Rennen und niemand schien sich für die Spiele 2028 zu interessieren. Angesichts dieser Gefahr vergab Bach die Spiele 2024 an Paris und überredete Los Angeles, 2028 zu übernehmen, ohne die Irritation und den Aufwand einer IOC-Abstimmung auf sich zu nehmen. Im Zuge eines ähnlichen Manövers im Jahr 2021 wurden die Spiele 2032 an Brisbane vergeben, das der einzige plausible Bewerber war."

Magazinrundschau vom 02.07.2024 - London Review of Books

Azadeh Moaveni schildert ihre Eindrücke vom Präsidentschaftswahlkampf im Iran. Die Aussicht auf eine Wahl, die die Autorität der religiösen Führung des Landes ohnehin nicht gefährden kann, sorgte im Land für wenig Enthusiasmus. Moaveni interessiert sich in erster Linie dafür, was der Wahlkampf über den Zustand der iranischen Gesellschaft aussagt: "Als er begann, war Teheran mit moralisierenden Plakaten bedeckt. 'Üble Nachrede, Beleidigungen und Hassrede verletzen die nationale Würde', stand auf einem. Ein anderes schlug vor, dass wir 'der Ethik erlauben sollten zu regieren'. Der Sohn eines meiner Nachbarn verlobte sich, und die Familie der Braut verlangte siebenhundert Goldmünzen als Mitgift (im Iran wird die Mitgift an die Braut gezahlt, nicht anders herum). Sie sagten, sie seien traditionell. Die Mitgift meiner Mutter war ein Hyazinthenstiel und ein Gedichtband. Das Mitgiftgeschachere ist eine deprimierende Folge des diskriminierenden Familienrechts der Islamischen Republik. Scheidungsrecht, Unterhaltszahlungen und Sorgerecht für Kinder sind so nachteilig für Frauen geregelt, dass sie versuchen, bei der Heirat mit Blick auf eine mögliche Scheidung durch absurde und immer höhere Mitgiftforderungen Verhandlungsspielraum zu erlangen: das Gewicht der Frau in Gold und so weiter. Eine verheiratete Frau kann ihre Mitgift jederzeit 'aktivieren', und der Mann kann ins Gefängnis kommen, wenn er nicht zahlen kann. Diese Dynamiken haben die Ehe zu einer unattraktiven Aussicht gemacht, und der Staat hat keine Antwort darauf. Um die Wirtschaft des Landes zu retten, wäre eine neue Regierungsform mit neuen Gesetzen und neuen Abkommen mit anderen Nationen erforderlich. Stattdessen wurden Plakate aufgestellt, die für eine bescheidene Ehe und ein Leben in Armut warben. Eins zeigte ein Stück Käse und ein herzförmiges Brot: 'einfache Ehe, ein Leben voller Liebe'."

Magazinrundschau vom 09.07.2024 - London Review of Books

James Meek widmet sich in einem längeren Essay dem grassierenden Problem der Obdachlosigkeit in Manchester und Umgebung. Es geht um Wohnungsknappheit, gestiegene Mieten, fehlende Sozialprogramme und vieles mehr. Das Problem wird dadurch verstärkt, dass sein Umfang nicht auf den ersten Blick sichtbar ist. Zwar gibt es auch immer mehr Menschen, die unter Brücken und in Hauseingängen nächtigen, aber: "Leute, die im Freien schlafen, sind bei weitem in der Minderheit im Vergleich zu anderen Menschen ohne Wohnsitz. Eine bei Weitem größere Anzahl von Menschen sind 'statutorisch obdachlos', worunter Leute fallen, für die die Stadtverwaltung gesetzlich verpflichtet ist, Unterkünfte bereitzustellen. Sie landen in vorübergehender Unterkunft, Hotels, Bed & Breakfasts und Herbergen. Bis zum Ende des Jahres 2023 war die Zahl solcher Haushalte auf 112.660 gestiegen, 145.800 Kinder sind betroffen, das sind die höchsten Zahlen seit Inkrafttreten des modernen Obdachlosengesetzes im 20. Jahrhundert. In Wirklichkeit ist die Zahl viel höher. Es ist nicht einfach, als statutorisch obdachlos anerkannt zu werden, selbst wenn man sich der Stadtverwaltung als jemand präsentiert, der nirgendwohin gehen kann. Man muss nachweisen, dass man buchstäblich kein Dach über dem Kopf hat - eine Kündigung ist nicht genug. Man muss nachweisen, dass man Verbindungen vor Ort hat, sonst wird einem gesagt, man solle sich an seine Heimatstadtverwaltung wenden. Man muss nachweisen, dass man gefährdet ist, dass man kleine Kinder hat oder schwer krank oder behindert ist. Und man darf nichts getan haben, was die Stadtverwaltung dazu bringen würde zu sagen, man sei selbst Schuld daran, obdachlos geworden zu sein: zum Beispiel darf man keine Wohnung aufgegeben haben, weil sie ein schrecklicher Ort zum Leben war."
Stichwörter: Manchester, Obdachlosigkeit

Magazinrundschau vom 18.06.2024 - London Review of Books

Thomas James Wise war einer der erfolgreichsten Fälscher literarischer Werke des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Gill Partington rekonstruiert sein Leben und Werk entlang einer neuen Buchveröffentlichung: "Wise fälschte nicht nur Bücher: Er stellte auch deren Provenienz her. Sie wurden sorgfältig gealtert und in den Markt für seltene Bücher eingespeist, sodass alle Zweifel an ihrem plötzlichen Auftauchen Jahrzehnte nach ihrer angeblichen Veröffentlichung zerstreut wurden. Jeder, der das Veröffentlichungsdatum eines seiner seltenen Pamphlete überprüfen wollte, musste lediglich die höchste bibliographische Autorität des British Library-Katalogs konsultieren, um sich von deren Echtheit zu überzeugen. (Er sorgte dafür, dass Kopien die Bibliothekare erreichten, zusammen mit seinen eigenen Anmerkungen zur Herkunft.) Manchmal überzeugte er sogar die Autoren selbst, dass Fälschungen ihrer Werke echt seien. In einem Schritt, der gleichermaßen Wagemut und Kaltschnäuzigkeit demonstriert, lies er sich Swinburne vorstellen, um den alternden Dichter auf eines seiner Werke aufmerksam zu machen. Es handelte sich um eine Pamphletausgabe von 'Cleopatra', einem Gedicht, das nur einmal, 1866, im Cornhill Magazine veröffentlicht worden war. Der verwunderte Swinburne ließ sich davon überzeugen, dass Wises Fassung das unerlaubte Werk seines Druckers gewesen war. Wise schenkte dem Dichter ein Exemplar dieser unerwarteten Erstausgabe und sorgte dafür, dass es eine schriftliche Korrespondenz gab, die deren Echtheit bestätigte."

Magazinrundschau vom 04.06.2024 - London Review of Books

Owen Hatherley setzt sich angesichts der englischen Erstübersetzung von Adornos Essaysammlung "Ohne Leitbild" mit einigen Aspekten des Denkens und Schreibens des deutschen Philosophen und Soziologen auseinander. Adorno gilt zwar als Verfechter modernistischer Kunst, so Hatherley, aber einige Texte der Sammlung zeigen auf, dass er sich auch vermeintlich niederen, populären Formen analytisch zu nähern wusste. Unter anderem geht er auf "Zweimal Chaplin" ein, einen dem berühmten Filmkomiker gewidmeten Kurzessay: "Adorno lobt Chaplin nicht, wie es damals üblich war, als jemanden, der den Slapstick zur 'hohen Kunst' erhoben hat. Er geht höflich über die späteren 'ernsten' Filme hinweg, die ohne die Tramp-Figur auskommen, und argumentiert, dass 'Interpretationen' von Chaplin diesem 'umso umso mehr Unrecht antun, je höher sie ihn erheben'. Er findet eine Aggression in Chaplins Werk und der Art und Weise, wie er sanft, aber unerbittlich die Gesten anderer verspottet und nachahmt. Der wahre Chaplin, so argumentiert Adorno, wirkt gelegentlich, als wäre er 'kein Opfer, sondern suche solche, spränge sie an, zerrisse sie'; er ist 'ein Königstiger als Vegetarier'. Der Text endet mit einem spektakulären Hinweis auf eine Begebenheit, bei der er selbst das Privileg hatte, von Chaplin imitiert zu werden. Auf einer Party in Los Angeles wurde Adorno einem Schauspieler vorgestellt, der im Krieg seine Hand verloren hatte. Als er in die Verlegenheit kam, die Metallklaue des Schauspielers zu schütteln, verwandelte sich sein 'Schreckgesicht' in 'eine verbindliche Grimasse, die weit schrecklicher gewesen sein muss'. Chaplin, der dort war, bemerkte sofort sein Unbehagen und spielte die gesamte Szene in Pantomime nach."

David Kaiser hofft, dass die Wissenschaft bald herausfinden wird, wo die großen Mengen an Masse abgeblieben sind, die im Weltall aufgrund diverser astronomischer Berechnungen existieren müssten, aber mit der aktuell zur Verfügung stehenden Technik nicht auffindbar sind. Manche vermuten, dass die sogenannte dunkle Materie in Partikelformen gebunden ist, die bislang noch nicht sichtbar gemacht warden können. Kaiser setzt, im Anschluss an Hypothesen unter anderem J. Robert Oppenheimers, Yakov Zeldovichs und Stephen Hawkings, auf eine andere Hypothese: schwarze Löcher. Insbesondere Hawkings Überlegungen sind für den Stand der Diskussion laut Kaiser außerordentlich relevant: "Er stellte zunächst fest, dass 'gewöhnliche' Schwarze Löcher, wie sie Oppenheimer betrachtet hatte, aus dem Kollaps eines Sterns resultieren würden und dass ihre Masse ungefähr der Masse der Sonne entsprechen müsste. Im Gegensatz dazu würden primordiale Schwarze Löcher - eine eigene Art, die unmittelbar nach dem Urknall entstanden sein könnte - die stellare Entwicklung vollständig umgehen und direkt aus dem gravitativen Kollaps einer lokalen Unregelmäßigkeit in der frühen Materieverteilung entstehen. Wie Hawking betonte, könnte ein solcher direkter Kollaps bedeuten, dass primordiale Schwarze Löcher mit einer enormen Bandbreite an Masse entstehen könnten, entweder viel kleiner oder viel größer als die Masse der Sonne. Hawking schlug sogar vor, dass primordiale Schwarze Löcher - die lange vor den ersten Sternen oder Galaxien entstanden sind - die Rolle der dunklen Materie spielen könnten."

Magazinrundschau vom 28.05.2024 - London Review of Books

Pakistan ist ein Land, das von zwei Familiendynastien - Sharif und Bhutto-Zardari - angeführt wird, die sich je eine Parteienfassade zugelegt haben, um dahinter ungeniert und unbehelligt ihre korrupten Geschäfte weiterführen zu können. Dafür tasten sie das Militär, den eigentlichen Herrscher Pakistans, nicht an. "Dieses altbackene Arrangement wurde durch den Aufstieg von Imran Khan ernsthaft in Frage gestellt", schreibt Tom Stevenson in seiner Reportage aus Pakistan. Doch auch dieser wurde schon der Korruption beschuldigt. Dass er zur Zeit im Gefängnis sitzt, hat allerdings wohl mehr damit zu tun, dass er das Militär verärgerte und die Wirtschaft nicht verbessern konnte. Derzeit liegt das Pro-Kopf-BIP Pakistans "nur noch knapp über der Hälfte von Bangladeschs Niveau", erfahren wir. "Die Armee hat die nationale Politik seit den 1950er Jahren, dem Jahrzehnt nach der Teilung, kontrolliert. Jeder zivile Führer, der versucht hat, sich in ihre Pläne oder ihre Nachfolge einzumischen, von Benazir Bhutto bis Imran Khan, hat dafür einen Preis bezahlt..." Könnte Khan daran etwas ändern, wenn er aus dem Gefängnis entlassen würde? Stevenson glaubt nicht, dass er das auch nur wollte: "Khan könnte versprechen, die Soldaten aus dem Palast zu vertreiben, die Armut zu verringern, die Reichen zu besteuern, aus der Schuldenfalle auszubrechen und Militärausgaben durch Sozialausgaben zu ersetzen. Er hat sich dagegen entschieden. Es wäre tröstlich zu sagen, dass das pakistanische Staatsmodell ein dysfunktionaler Anachronismus ist, der auf seinen unvermeidlichen Sturz wartet. Aber als Instrument zur Bewältigung von Konflikten innerhalb einer vermeintlichen Oligarchie und zur Aufrechterhaltung eines furchtbar ausbeuterischen und ungleichen Status quo hat es sich als dauerhaft erwiesen."
Stichwörter: Pakistan, Khan, Imran

Magazinrundschau vom 07.05.2024 - London Review of Books

Sheila Fitzpatrick stellt ein Buch des Oxford-Historikers Dan Healey über die Ärzte vor, die im sowjetischen Gulag-System eingesetzt wurden - und dort teilweise Karriere machten: "The Gulag Doctors: Life, Death and Medicine in Stalin's Labour Camps". Eine Auseinandersetzung mit den Gulag-Ärzten verkompliziert Fitzpatrick zufolge das vor allem durch Alexander Solschenizyns Literatur geprägte Bild der sowjetischen Arbeitslager: "Solschenizyn beschrieb den Gulag als eine Welt, die in der restlichen Sowjetunion unsichtbar war, parallel zu ihr existierte. Der Gulag brachte seine eigene Moral und seine eigenen Muster hervor, die sich vom restlichen Russland unterschieden. Aber an seinen privilegierten Rändern behielt der Gulag eindeutig sowjetische Charakteristiken. Patronage- und Klientelverhältnissen bildeten einen wichtigen Teil der sozialen Struktur. Bildung wurde wertgeschätzt, Wissenschaft respektiert. Die Geheimpolizei betrieb ihre eigene Forschungsinstitution, die von qualifiziertem Personal betrieben wurde, das aus der Gesamtheit der Gefangenen ausgewählt wurde (für eine kleine Gruppe, zu der Solschenizyn zählte, öffnete sich hier ein alternativer Fluchtweg vor der harten Arbeit). Aber auch in den Lagern wurden Ärzte, darunter inhaftierte Ärzte, dazu ermutigt, Forschung zu betreiben und ihre Resultate auf Konferenzen vorzustellen (auf Gulag-Konferenzen - die wissenschaftlichen Konferenzen im Kernland waren ihnen nicht zugänglich), die als wichtige Orte für den sozialen Austausch erinnert warden."

Können Nonnen fliegen? Diese Frage steht am Ausgangspunkt eines Essays, in dem sich Malcolm Gaskill entlang zweier Buchveröffentlichungen mit der Rolle der Magie vor allem in der Frühmoderne beschäftigt. Keineswegs, lernen wir, kann man die Grenzen zwischen Aberglaube und Wissenschaft im historischen Rückblick eindeutig ziehen: "Bereits im Jahr 1500 wurde der Begriff 'magie' - oder 'magique', 'magico', 'magic' - abwertend benutzt. Die Magi bemühten sich, ihren Berufsstand mit Bezeichnungen wie 'okkulte Philosophie' oder 'Naturmagie' zu adeln, und sich damit von diabolischen Einflüssen abzugrenzen. Sie stellten ihr Feld als eine neue Entwicklung dar, die im späten 15. Jahrhundert ihren Ausgang genommen hatte, eine punkartige Reaktion auf die verstaubte Zauberei des Mittelalters. Die Hochrenaissance hatte begonnen und die Schranken fielen. Zu den Verfechtern der Naturmagie zählten Schausteller und Wissenschaftler, Apostaten und Propheten, umherziehende Wahrsager und Berater am Hof, allesamt waren sie auf die eine oder andere Art mit intellektuellen Bestrebungen beschäftigt. In ähnlicher Manier war die Dämonologie, ein naher Verwandter der Magie, keine eindeutig definierbare akademische Disziplin, sondern ein Ausgangspunkt für Entwicklungen in der Geschichtswissenschaft, der Medizin, dem Recht und so weiter. Die Magie beschäftigten sich mit allem, was in ihr Blickfeld geriet. Der neapolitanische Polymath Giambattista della Porta schrieb komische Bühnenstücke, aber auch Abhandlungen über Naturphilosophie, außerdem entwickelte er ein Experiment zur Herstellung künstlichen Donners. Das Ergebnis knallte eindrucksvoll und blieb harmlos."

Weitere Artikel: Stefanos Geroulanos besucht die Ausstellung "Prehistomania" im Pariser Musée de l'Homme und richtet dabei sein Augenmerk vor allem auf die Arbeiten der Kopistinnen Katharina Marr, Elisabeth Pauli, Agnes Schulz, Maria Weyersberg oder Elisabeth Mannsfeld, die unter teils schwierigsten Bedingungen die in Stein geritzten Zeichnungen und Kunstwerke aus der Frühgeschichte kopierten. Azadeh Moaveni wendet viel Zeit und Zeilen auf, um die Zahl der vergewaltigten Israelinnen durch die Hamas in Frage zu stellen, um dann den Israelis sexuelle und nicht sexuelle Gewalt gegenüber Palästinenserinnen zu unterstellen. Rosemary Hill stellt Avril Horners Biografie der britischen Autorin und Künstlerin Barbara Comyns vor.

Magazinrundschau vom 23.04.2024 - London Review of Books

Alexander Clapp schickt eine lange, zugleich aufregende und deprimierende Reportage aus Montenegro, das sich seit dem Zerfall Jugoslawiens in der Hand von zwei Mafiabanden, den Kavačis und den Škaljaris befindet, die, unterstützt vom Premierminister Milo Dukanović in dessen 32-jähriger Regierungszeit, den Staat vollständig korrumpiert haben. "Montenegro ist kein Beispiel für die Vereinnahmung des Staates durch das organisierte Verbrechen. Vielmehr sind die Kartelle ein verlängerter Arm des Staates. Sie stehen in Kontakt mit dem Staat, werden von ihm geschützt und bereichern die Leute, die ihn leiten." Es ist vor allem der Drogenhandel, der die Mafia so immens reich gemacht hat. Rauschgift wird mit größter Finesse über die Adria gen Westen geschifft, und auch hier hat der Staat jahrzehntelang geholfen: "Montenegriner bildeten den Großteil der staatlichen jugoslawischen Handelsmarine. Die Schifffahrtsakademien in Bar und Kotor bildeten Zehntausende von Seeleuten aus, die auf mehr als 350 staatlichen Schiffen alles Mögliche transportierten, von Holz bis hin zu Waffen für afrikanische Antikolonialbewegungen. Nach dem Zerfall Jugoslawiens gingen einige dieser Seeleute in den Ruhestand, andere begannen mit dem Schmuggel, wieder andere traten in private Reedereien ein. In den 2000er Jahren boten montenegrinische Offiziere und Ingenieure den adriatischen Kartellen eine Chance, ins Kokaingeschäft einzusteigen. Heute arbeiten siebentausend Montenegriner auf Frachtschiffen. Fast ein Drittel davon ist bei der Mediterranean Shipping Company (in bestimmten Kreisen als Montenegrinische Schifffahrtsgesellschaft bekannt) beschäftigt. Im Jahr 2019 gingen mehr als hundert FBI-Agenten im Hafen von Philadelphia an Bord eines MSC-Schiffs, der Gayane, und entdeckten achtzehn Tonnen Kokain - eine milliardenschwere Beute -, die in Schiffscontainer eingeschweißt und mit Nüssen und Wein gefüllt waren. Es war die größte Drogenrazzia auf See in der Geschichte der USA." Seit Dukanović abgewählt wurde, versuchen neue Leute, den Staat zu entkriminalisieren. Ob es klappt? Steht in den Sternen.

Greg Afinogenov liest zwei Bücher über den russischen Imperialismus, "The Russian Conquest of Central Asia: A Study in Imperial Expansion, 1814-1914" von Alexander Morrison und "Iran at War: Interactions with the Modern World and the Struggle with Imperial Russia" von Maziar Behrooz. Morrison hat seine eigene These dazu entwickelt, warum Russland zwischen 1853 und 1885 die muslimischen Khanate Chiwa und Chochand, das Emirat Buchara und viele Turkmenenstämme unterwarf und ihr Land annektierte: Er "zeichnet das Bild eines ungeschickten, allmählichen Prozesses, der typischerweise durch die von den Russen selbst geschaffenen Sicherheitsdilemmata vorangetrieben wurde", so Afinogenov: "Nachdem sie eine befestigte Grenze in der trockenen, landwirtschaftlich unproduktiven südlichen Steppe errichtet hatten, stellten sie fest, dass es unmöglich war, ihre neuen Festungen aufrechtzuerhalten oder zu versorgen - ein Problem, das lösbar schien, wenn nur eine stabilere Reihe von Festungen errichtet werden könnte. Da diese Expansion immer mehr gefährlichen Widerstand seitens der Khanate hervorrief, erforderte das Streben nach Sicherheit die Unterwerfung ihrer Kerngebiete und die Niederschlagung der damit verbundenen Aufstände." So führte eine Eroberung zur anderen, aber auch das Streben nach Ruhm und Reichtum der russischen Offiziere trug zum russischen Imperialismus bei, zum Beispiel mit Strafexpeditionen, die denen der Briten an Grausamkeit nicht nachstanden, wie Afinogenov bemerkt.

Weitere Artikel: Terry Eagleton fragt: Woher kommt Kultur? Alexandra Walsham liest Michael Hunters Band "Atheists and Atheism before the Enlightenment: The English and Scottish Experience" und Michael Woods sah im Kino Rodrigo Morenos "The Delinquents".

Magazinrundschau vom 19.03.2024 - London Review of Books

Paul Taylor macht sich im Anschluss an zwei Buchveröffentlichungen zum Thema Gedanken über die Zukunft von KI. Er listet einige Meilensteine auf dem Weg zu Chat GPT & Co auf und kommt auf einige mögliche Chancen und vor allem Gefahren der Technologie zu sprechen. Klar scheint momentan nur zu sein: Die Zukunft bleibt offen. "Niemand weiß, was als nächstes passieren wird. Möglicherweise werden die immer größer werdenden Large Language Models (LLM) niemals die menschliche Intelligenz übertreffen. Die Technik wird voranschreiten, aber vielleicht in eine andere Richtung. Nach der Veröffentlichung von GPT-4 sagte Sam Altman, CEO von OpenAI, dass die Firma derzeit nicht GPT-5 trainiere, und deutete damit an, dass die Grenzen der Skalierungseffekte [größere Modelle bringen mehr Leistung] ihrer Meinung nach bereits erreicht sein könnten. Sie arbeiten derzeit wohl an einem neuen Produkt, aber wie genau es funktionieren wird, ist noch nicht bekannt. Die Versuche des OpenAI-Board, Altman zu entlassen, haben Gerüchte befeuert, die besagen, dass der Firma ein weiterer, noch radikalerer Durchbruch gelungen sein könnte, und dass sie nun KI in anderen Branchen für Problemlösungen einzusetzen versuchen. An der UCL redete [Demis] Hassabi letzter Jahr darüber, dass seiner Meinung nach die Skalierungseffekte noch eine Zeit lang zu Fortschritten führen werden, aber dass wachsende Modellgröße vermutlich nur eine notwendige, keine hinreichende Bedingung für generelle Intelligenz darstellt. Die jüngsten Modelle, darunter Googles Gemini, sind nicht nur Sprachmodelle, sondern arbeiten multimodal, sie verarbeiten Audio, Bilder und Videos gemeinsam mit Text. Möglicherweise benötigt generelle Intelligenz Zugang zu einer Art aktiver Erfahrung, die über den Input von immer mehr Daten hinaus geht."

Magazinrundschau vom 05.03.2024 - London Review of Books

Pankaj Mishra rekonstruiert die Geschichte der Erinnerung an die Shoah, die aus seiner Sicht vor allem durch eine zunehmende ideologische Indienstnahme durch israelisches Regierungshandeln bestimmt ist. Im Zuge des Gaza-Kriegs droht nun, meint er, die Fähigkeit, Geschichte darzustellen, selbst zerstört zu werden. "All diese universalistischen Referenzpunkte - die Shoah als Maßstab aller Verbrechen, Antisemitismus als die tödlichste Form der Bigotterie - drohen zu verschwinden, während das israelische Militär die Palästinenser massakriert und aushungert, ihre Häuser, Schulen, Krankenhäuser, Moscheen, Kirchen stürmt, in immer kleinere Bestandteile zerbombt, während das Land alle, die um Zurückhaltung bitten, von den Vereinten Nationen, Amnesty International und Human Rights Watch über die Regierungen Spaniens, Irlands, Brasiliens und Südafrikas bis zum Vatikan, als Antisemiten und Hamas-Unterstützer verunglimpft. Israel legt derzeit die Grundlagen der globalen Normen, die nach 1945 entstanden sind, in Schutt und Asche, nachdem diese schon durch den immer noch ungesühnten War on Terror und Wladimir Putins revanchistischen Krieg in der Ukraine beschädigt worden waren. Der heftige Bruch, den wir heute zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart fühlen, ist ein Bruch in der moralischen Geschichte der Welt nach ihrem Ground Zero im Jahr 1945 - eine Geschichte, in der die Shoah viele Jahre lang ein zentraler Referenzpunkt war." Was Mishra in den 7498 Worten seines Aufsatzes nicht unterbringt: einen einzigen Satz, der den Palästinensern oder ihren arabischen, türkischen und iranischen Unterstützern auch nur irgendeine Form von Handlungsmacht zugesteht.