Magazinrundschau - Archiv

The Nation

146 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 15

Magazinrundschau vom 10.03.2020 - The Nation

Colin Jones liest Nick Kapurs Geschichte Japans seit dem Krieg ("Japan at the Crossroads") und kommt auf die große Zeit der Anpo-Proteste in Japan um 1960 zurück. Sie richteten sich gegen die amerikanischen Militärbasen und gegen die Kooperation der neuen konservativen Regierung mit den Amerikanern im allgemeinen (die unter der japanischen Abkürzung "Anpo" lief). Zu Hochzeiten war ein Drittel der japanischen Bevölkerung mobilisiert! Allerdings gehörten die Protestierenden den unterschiedlichsten politischen Richtungen an - von ganz rechts bis ganz links. Gemeinsam war ihnen nur der Antiamerikanismus. Dennoch entstand so auch die japanische Zivilgesellschaft, und für Colin Jones waren die Proteste auch verständlich, denn "skandalöser Weise gestattete das Abkommen den Amerikanern sogar, ihre Truppen gegen Japaner einzusetzen, um 'interne Aufstände oder Störungen' zu bekämpfen, eine Konzession an die amerikanische Angst vor einer Revolution von links. Kritiker des gesamten politischen Spektrums prangerten diese Vereinbarung an. Links gab es eine gar nicht kleine Fraktion, die eine Allianz mit China oder der Sowjetunion vorgezogen hätte. Aber sehr viel mehr - nach Umfragen etwa die Hälfte des Landes - zogen eine offizielle Politik der Neutralität vor. Die einzige wirkliche Unterstützung für den Anpo-Vertrag kam von einem Teil der regierenden Liberaldemokraten, die einen Vorteil darin sahen, dass Amerika die japanischen Verteidigungsausgaben übernahm. Zufällig war diese Fraktion an der Macht."
Stichwörter: Japan

Magazinrundschau vom 21.01.2020 - The Nation

Für einem Beitrag des Magazins reist Amy Wilentz ins korruptionsgeplagte Haiti: "Wem gehört das Land? Dem Volk, der Regierung oder den Geschäftsleuten? 'Wo ist das Geld von PetroCaribe?' lautet der Slogan der Demonstranten mit Bezug auf das Hilfsprogramm von Hugo Chavez, dessen Gelder Regierungsbeamte und Haitis Präsident Jovenel Moïse veruntreut haben. Die Gelder waren für dringend benötigte Wohnungen, sanitäre Anlagen, Straßen und das Gesundheitswesen gedacht, aber das meiste davon ist in dunklen Kanälen verschwunden. Letzten Herbst legte die Opposition immer wieder das Land lahm. Die Leute konnten nichts zu Essen kaufen und hungerten, sie konnten keine Ärzte aufsuchen, nicht arbeiten, zur Schule gehen oder auch nur begraben werden. In dieser Zeit rief die Opposition verschiedene Berufsgruppen zu Protesten auf, aber unterdessen machten bewaffnete Gangs die Straßen unsicher. Dennoch will Moïse bis 2022 weiterregieren. Letzten Monat ging er von virtuellem Schweigen in einen Neo-Duvalier-Modus über, indem er sagte, Köpfe würden rollen, wenn jemand sich ihm in den Weg stellte. Die massiven Proteste ignorierend, konzentriert Moïse  seine Wut auf einen Energieversorger, den er schon lange gern kontrollieren würde, weil die Korruptionsmöglichkeiten riesig wären … Haiti bewegt sich gerade von der oppositionellen Blockade, die mit echtem Druck auf einen Regierungswechsel zielte, in einen Zustand politischer Paralyse, die keinen Ausweg erkennen lässt. Moïses Position bleibt prekär. Ein wütendes, militantes Volk versucht ihn aus dem Amt zu drängen, während seine Freunde alles daran setzen, ihn im Amt zu halten, so dass die Plünderung des Landes weitergehen kann. Moïse sorgt sich um das Volk und um seine Freunde gleichermaßen. Auf Französisch würde man seine Lage als coincé bezeichnen, in die Ecke getrieben."
Stichwörter: Haiti, Moise, Jovenel

Magazinrundschau vom 14.01.2020 - The Nation

In einer nicht endenden Anklage geißelt Arundhati Roy die Regierung Narendra Modis, der Indien zu einem nationalistischen Hindu-Staat umkremple, die Wirtschaft zum Erliegen bringe, die muslimische Bevölkerung ebenso um ihre Rechte bringe wie die Bewohner Assams. Und dann ist da natürlich noch die Annexion Kashmirs, in deren Folge die Region seit Monaten mit Tod und Folter überzogen wird: "Stellen Sie sich vor, ganz New York City stünde unter einer Informations- und Ausgangssperre, kontrolliert von mehreren hunderttausend Soldaten. Stellen Sie sich vor, die Straßen Ihrer Stadt würden von Stacheldraht und Folterzentren neu kartiert werden, kleine Abu Ghreibs entstünden in Ihrer Nachbarschaft, Tausende würden verhaftet, ohne dass ihre Familien wüssten, wohin sie verschleppt wurden. Stellen Sie sich vor, Sie könnten über Wochen mit niemandem kommunizieren - nicht ihrem Nachbarn, nicht Ihren Verwandten außerhalb der Stadt. Stellen Sie sich vor, Schulen und Banken wären geschlossen. Ihre Eltern, Geschwistern, Partner oder Kinder stürben, ohne dass sie davon wüssten. Stellen Sie sich den Mangel an medizinischer Versorgung, Medikamenten, Lebensmitteln, Benzin und Geld vor. Stellen Sie sich Tagelöhner vor, die seit Wochen kein Einkommen haben. Und dann stellen Sie sich vor, dass Ihnen jemand sagt, alles geschähe nur zu Ihrem eigenen Besten."
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Magazinrundschau vom 05.11.2019 - The Nation

Seyla Benhabibs Rezension der intellektuellen Rawls-Biografie "John Rawls - The Path to a Theory of Justice" von Andrius Gališanka liest sich so professionell und klug, wie sich solche Kritiken in amerikanischen Zeitschriften lesen. Interessant ist dabei, wie genau Benhabib Rawls' noch universalistischen Ansatz im Denken über Demokratie, Rechte und Gerechtigkeit abserviert - im Namen heutiger Identitäts- und Differenzdiskurse (auch wenn sie in einer späteren Passage nicht so weit geht, Rawls' Erbe völlig zur Disposition zu stellen): "Rawls schränkte die Ungleichheit nicht auf Einkommen und materielle Güter ein. Aber wie Iris Young in 'Justice and the Politics of Difference', einer frühen feministischen Kritik an seinem Werk, feststellte, können der mangelnde Respekt und die Marginalisierung, die bestimmte Gruppen erleiden, in den Begriffen der Rawlsschen Theorie nicht formuliert werden, denn solche Differenzen, die einen Unterschied machen, werden bei Rawls ignoriert. Rawlssche Gleichheit zwischen Menschen läuft auf Gleichmacherei hinaus, eine Homogenisierung der Andersheit, statt ihrer Anerkennung."

Magazinrundschau vom 20.08.2019 - The Nation

Jonathan Levi und Marta Orrantia beobachten, wie Kolumbiens neuer Präsident Ivan Duque daran arbeitet, den Friedensprozess mit der FARC auszuhebeln. Duque und seine konservativen Unterstützer stören sich vor allem an den Zugeständnissen gegenüber der einstigen Guerilla. Jetzt sollen Kriegsverbrechen der Militärs nicht länger geahndet werden und vor allem den einstigen Rebellen das Land genommen, das sie seit 2016 in Schutzzonen bewirtschaften durften: "Mit der Auflösung der Schutzzonen verlieren die Ex-Kombattanten auch die Abschirmung, die ihnen bisher die Armee gewährte - vor Zivilisten, die Vergeltung suchen, oder vor anderen Guerillagruppen, die noch immer mit dem kolumbianischen Staat im Krieg leben, wie die die ELN und die EPL, die nur zu erpicht darauf sind, frühere FARC-Kämpfer auszulöschen oder für die eigenen Reihen zu rekrutieren. Zudem sind viele Anführer der rechten Paramilitärs, die sich der Vernichtung der FARC verschrieben haben, aus dem Gefängnis entlassen worden. Die Vereinten Nationen schätzten 2008, dass diese paramilitärischen Einheiten für achtzig Prozent aller Morde in Kolumbien verantwortlich sind, seit die Drogenhändler in den siebziger Jahren begonnen hatten, Milizen zu bilden, um die linke Guerilla zu bekämpfen - gegenüber zwölf Prozent, die der Farc und anderen linken Aufständischen zuzuschreiben sind, und acht Prozent, die auf das Konto der Militärs gehen. Die Angst hat viele jüngere Ex-Kombattanten aus den Schutzzonen zurück zu ihren Familien getrieben, zumindest jene, die noch eine haben, die anderen flüchteten sich in die Anonymität Bogotás. Andere, die das Vertrauen in das Versprechen von Amnestie und Wiedereingliederung verloren haben, griffen wieder zu den Waffen. Nicht länger durch den Friedensprozess geschützt, werden diese Dissidenten nun als normale Kriminelle betrachtet und dürften von den Sicherheitskräften mit maximalen Vorurteilen gejagt werden."

Magazinrundschau vom 17.06.2019 - The Nation

Kaum ein Begriff ist derart schwer zu fassen wie der "Liberalismus", schreibt der Historiker David A. Bell und greift zu Adam Gopniks "A Thousand Small Sanities", das ihm unter all dem "lexikalischen und politischen Morast" eine Definition bieten soll. Leider belasse es Gopnik ebenfalls bei einer äußerst vagen Definition: Liberalismus versteht er als "Temperament", als den Versuch, mit gewaltfreien Mitteln "egalitäre soziale Reformen und eine immer größere (wenn nicht absolute) Toleranz gegenüber menschlichen Unterschieden zu erreichen". Diese schwammige Analyse aber veranschauliche laut Bell gut das Grundproblem des amerikanischen Liberalismus: "Die meisten Varianten des amerikanischen Liberalismus haben heute ihre Spezifikation, Klarheit und historische Grundlage verloren. Während Progressive und Sozialisten gern die Banner des New Deal und der Great Society aufgreifen, sind selbsternannte Liberale im Allgemeinen vorsichtiger und aufmerksamer gegenüber Bill Clintons Erklärung der Niederlage gegenüber dem Reaganismus: 'Die Ära der großen Regierung ist vorbei'. Wenn es um Sozialprogramme geht, ist ihr Modell nicht die Art von umfassender öffentlicher Hilfe, die von Franklin Roosevelt oder Lyndon Johnson vorgeschlagen wurde, mit der damit notwendigerweise einhergehenden Regierungserweiterung, sondern Obamacare: vorsichtige, schrittweise Verbesserung. Liberale stehen im Allgemeinen der Linken in Bürgerrechtsfragen, einschließlich der Rechte von Frauen und sexuellen Minderheiten nahe, aber in Fragen der Verteilung und Regulierung kommen sie den Republikanern häufig näher. Sie sorgen sich lautstark um die spaltenden Auswirkungen der Identitätspolitik und warnen vor den Exzessen auf dem verlassenen Campus. In dieser Bandbreite von Positionen ist es schwierig, eine tief greifende soziale Analyse zu liefern, geschweige denn eine kohärente politische Antwort."

Magazinrundschau vom 21.05.2019 - The Nation

In einer zweiteiligen Reportage über Abtreibung in Ecuador beschreibt Zoë Carpenter (hier und hier) die oft grauenvollen Zustände in dem Land, das eins der drakonischsten Abtreibungsgesetze der Welt hat. "Einige Frauen, die wegen Abtreibung oder Mordes nach Fehlgeburten verfolgt wurden, wussten nicht einmal, dass sie schwanger waren. In einem Fall wurde eine Frau im Alter von 18 Jahren vergewaltigt. Es war ihre erste sexuelle Erfahrung, und sie sagte es niemandem. Einige Monate später, während sie Hausarbeiten machte, begann sie zu bluten, und am nächsten Morgen brachte sie einen tot geborenen Fötus zur Welt. Sanitäter, die von ihrer Familie gerufen wurden, fanden die Leiche im Badezimmer. Sie wurde wegen fahrlässiger Tötung angeklagt - weil sie sich nicht um eine Schwangerschaft gekümmert hatte, von der sie nichts wusste. In diesem und anderen Fällen verließen sich die Staatsanwälte auf eine diskreditierte forensische Methode, um eine Mordanklage zu unterstützen: den hydrostatischen oder Lung-float-Test (Docimasia pulmonum hydrostatica), ein Verfahren aus dem 17. Jahrhundert, bei dem Lungengewebe des Fötus in Wasser gelegt wurde. Schweben gilt als Beweis dafür, dass das Baby lebend geboren wurde und nach der Geburt gestorben sein muss - oder getötet wurde. Aber eine Reihe von Faktoren können dazu führen, dass die Lunge schwimmt, und der Test kann nicht zwischen einer Tötung und einem Tod aufgrund anderer Ursachen unterscheiden. Bereits in den 1660er Jahren, so der Historiker G.K. Behlmer, 'kamen die Europäer zu dem Schluss, dass es unmöglich sei, eine Lebendgeburt aus der schwebenden Lunge abzuleiten'. Ein neueres forensisches Lehrbuch nennt solche Tests 'schwarze Magie', die 'ein falsches Gefühl der wissenschaftlichen Gültigkeit simulieren und sogar zu einem möglichen Justizirrtum führen können'. Dennoch wird der Test immer noch zur Verfolgung von Kindesmord in Ländern mit strengen Antiabtreibungsgesetzen verwendet, darunter El Salvador und Mexiko. Es wurde auch in den Vereinigten Staaten verwendet, um eine Indianerin namens Purvi Patel wegen Vernachlässigung und Fetizid im Jahr 2015 zu verurteilen."

Magazinrundschau vom 30.04.2019 - The Nation

Der Politologe Jan-Werner Müller, selbst Autor eines viel gehandelten Buchs über Rechtspopulismus, mokiert sich über die "democracy-defense industry", womit er all jene Bücher von Politologen und Historikern meint, die dem Sinn nach schreiben: "Die Demokratie liegt im Sterben, aber Sie können sie retten… indem sie mein Buch kaufen." Zwei Büchern erweist er dennoch die Ehre einer Besprechung, "How Democracies Dies" von Steven Levitsky und Daniel Ziblatt (das auch schon auf Deutsch erschienen und vielfach besprochen ist) und "How Democracy Ends" von David Runciman. Beiden attestiert er gewisse Verdienste. Aber Ziblatt und Levitsky wirft er Elitismus vor, während er Runciman, der die Gefahr in Facebook und China sieht, eher zustimmt. Wie tiefschürfend Müller eigene demokratietheoretische Erwägungen sind, mag man mit folgenden Sätzen ermessen: "Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Demokratie nur funktioniert, wenn man nett ist oder es einen Konsens über die Einhaltung von Normen gibt - als ob es in Ordnung wäre, einen Apartheidstaat zu führen, solange höfliche Herren aus den Südstaaten es tun. Entscheidend ist nicht, wie man Konflikte verhindert, sondern wie man sie versteht."

Magazinrundschau vom 09.10.2018 - The Nation

Mit großem Interesse hat der britische Historiker Richard J. Evans Konrad H. Jarauschs Buch "Broken Lives: How Ordinary Germans Experienced the 20th Century" gelesen. Jarausch hat dafür 72 Autobiografien (mit Schwerpunkt auf 17 davon) von deutschen Männern und Frauen ausgewertet, die in der Weimarer Republik geboren waren. "Das neue bei Jarausch ist, dass er den Krieg und damit das Dritte Reich als geschlechtsspezifische Erfahrung darstellt. Für den NS-Staat bestand die Rolle einer Frau darin, den Haushalt zu führen und Kinder (vorzugsweise viele von ihnen) großzuziehen. Für die jüngeren Frauen in Jarauschs Stichprobe bot der Bund Deutscher Mädchen ein gewisses Maß an Ermächtigung, da sie ihre eigenen Rollen im Leben außerhalb der engen Umarmung der Familie erhielten. Frauen, betont Jarausch, waren nicht nur Opfer: Sie arbeiteten von Anfang an mit dem Regime zusammen, teilten die Ideale des Nationalsozialismus oder beteiligten sich freiwillig an Projekten wie der 'Kolonisierung' des Ostens, bei der polnische Bauern kurzerhand vertrieben wurden, um Platz für deutsche Siedler zu schaffen - eine 'edle Mission', wie eine Frau sie beschrieb."

Magazinrundschau vom 24.07.2018 - The Nation

Finanzkrise, Wall Street, Banken, Ausland - alles kein Thema mehr in amerikanischen Medien, die nur noch um einen kreisen: Donald Trump. Und dann gehen sie auch noch so unsachlich mit ihm um, ärgert sich Michael Massing, der die Berichterstattung der Medien - von der New York Times bis zur New York Review of Books - auseinander nimmt. Sie beschimpfen ihn, stempeln ihn zum Faschisten oder Autokraten (als könnten sie unter einem echten Faschisten oder Autokraten schreiben, was sie schreiben) oder gerieren sich als Widerstandskämpfer: "Der  Vorposten der nationalen Medien sind die Fernsehnachrichten. In der Vergangenheit zeichnete sich Fox News durch seine nackte Parteilichkeit und die Reinheit seiner Ideologie aus; jetzt liefern MSNBC und CNN die Spiegelversionen, indem sie ihre Sendungen an die Anforderungen ihres trumpfeindlichen Publikums anpassen. Die giftigen Interviewpartner, lästigen Breaking-News-Blitze, die Nonstop-Werbung (20 oder mehr Minuten pro Stunde bei CNN), chargierenden Korrespondenten, der Mangel an Berichterstattung und der konstante Trommelschlag von Trump, Trump, Trump, Trump macht das Fernsehen zu einer demoralisierenden und seelenraubenden Erfahrung."