Magazinrundschau

Das Genre des Klassenabtrünnigen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
14.02.2023. Wie französisch kann ein Tunesier werden, fragt Africa is a Country. The Nation denkt am Beispiel von Edouard Louis nach, wie man gleichzeitig drinnen und draußen sein kann. Eurozine erklärt, wie man Russisch sprechen und doch ein Ukrainer sein kann. Tablet stellt den israelischen Autor Youval Shimoni vor, Quietus die Jazzfotografin Francine Winham. In HVG spricht die Historikerin Anita Kurimay über die queere Subkultur in Ungarn. Die London Review erinnert an den großen Passfälscher Adolpho Kaminsky.

Africa is a Country (USA), 31.01.2023

Wie französisch kann ein Tunesier werden? Nie französisch genug, versichert erbittert die tunesische Soziologin Shreya Parikh. "Jedes Mal, wenn ich 'kolonisieren' in der Vergangenheitsform schreibe, frage ich mich, wie lange diese Vergangenheit schon zurückliegt. Ich beobachte Hunderte von Tunesiern, die an der französischen Botschaft auf dem Platz mit dem ironischen Namen Place de la Independence im Herzen von Tunis vorbeilaufen; ich beobachte, wie sie unter dem Blick der immer dichter werdenden Sicherheitskräfte, die alle an das Gebäude angrenzenden Straßen blockieren, zusammenschrumpfen. Die Straßen, auf denen die Tunesier während der revolutionären Proteste von 2011 Freiheit und Würde forderten, sind auch die Straßen, auf denen die Tunesier Tag für Tag in demütigend langen Schlangen stehen, um eine Chance auf ein französisches Visum zu erhalten. Ich sehe, wie sie sich unter der erdrückenden Last der Frenchness bücken, wenn sie sich bücken, um Restauranttische zu reinigen, nachdem sie einen weiteren französischen Touristen bedient haben, der ohne Visum in ihr Land kommt. Imen, 24 Jahre alt, erzählt mir, dass sie nie Französisch gelernt hat. Aber die öffentlichen Schulen, die sie in einem Arbeiterviertel von Tunis besucht hat, zwingen allen Schülern die französische Sprache auf. Also formuliert Imen ihren Satz noch einmal um und sagt mir, dass sie kein Französisch sprechen kann", weil sie das R rollt. "Es reicht nicht aus, einfach nur die französische Sprache zu erlernen; vielmehr entscheidet sich der soziale Wert eines Menschen an der Fähigkeit, sich eine Form von Frenchness anzueignen, deren Regeln man schon lange verinnerlicht hatte, deren Weg zum Erwerb aber nie klar definiert war. Aber genau darin liegt die Macht der Frenchness in Tunesien - die bewusste Unbestimmtheit ihres Erwerbs verbirgt die Tatsache, dass sie niemals von einem Tunesier erworben werden kann."

Guernica (USA), 30.01.2023



Die Künstlerin und Architektin Cheryl Wing-Zi Wong hat eine Skulptur, "Current", neben dem Fuß- und Fahrradweg auf der erneuerten Tappan Zee Bridge über den Hudson River errichtet. Sie besteht aus zwölf Stahlbögen mit Glasflossen an den Spitzen der Bögen und LED-Leuchten an der Innenseite jedes Bogens. Denn, das ist das Wichtigste, "Current" ist eine interaktive, sich ständig ändernde Skulptur, so Wong im Gespräch mit Hua Xi, die gemeinsame Erfahrungen schaffen soll: "Tagsüber spiegelt sich das Sonnenlicht auf der Skulptur und in den zweifarbigen Glaslamellen, die je nach Tageszeit unterschiedliche Farben erzeugen. Auch die Schatten der Bögen, die auf dem Platz um die Skulptur herum tanzen, sorgen für Veränderungen. In der Dämmerung gehen die eingelassenen Lichter an und Lichtanimationen reagieren auf Bewegungen auf den Wegen, als würden die Vorbeigehenden auf den Tasten eines Klaviers spielen. Im Laufe der Jahres- und Tageszeiten ändert sich das immer wieder. ... 'Current' ist immer im Fluss, was besonders in den verschiedenen Jahreszeiten deutlich wird. Die Reaktionen können unvorhersehbar sein, besonders tagsüber, je nachdem, wo man steht und von wo aus man das Werk betrachtet. In jedem Augenblick, Sekunde für Sekunde, selbst wenn man nur einen Schritt nach links oder rechts macht, gibt es Nuancen."

Beim Einstellen des ersten Absatzes ist uns zufällig aufgefallen, dass in unserem Redaktionssystem noch ein Absatz zu Guernica vom Mai 2018  schlummert, den wir versehentlich nie veröffentlicht haben. Aber das Thema - Armut und Klassengesellschaft - ist noch so aktuell wie damals, darum veröffentlichen wir ihn eben heute: Auch mit sechzig Jahren ist Dorothy Allison so kampfeslustig und nonkonformistisch wie eh und je, freut sich Amy Wright, beim Schreib-Workshop an der Uni in Tennessee lautet die erste Aufgabe gleich: "Schreiben Sie etwas Unangebrachtes." Doch im Interview spricht Allison vor allem über die in den USA stets geleugnete Klassenstruktur, über Armut und Beschämung: "Kennen sie die berühmten Bilder aus dem Süden, auf denen Kinder mit schmutzigen Gesichtern stehen, alle mit dem Finger im Mund? Die reden nicht, weil sie nicht wissen, was sie sagen dürfen oder wie sie sich benehmen sollen. Wer arm ist, weiß immer, dass er als Person nicht so wertvoll ist wie jemand, der leicht und ungezwungen reden kann. Der Begriff der Klasse ist eigentlich ein Mittel zu Empowerment. Als ich marxistische Theorie las, war es, als hätte mir jemand eine Schaufel gereicht. Man konnte etwas tun. Man konnte sich aus dem Loch herausgraben. Man konnte sich verteidigen, denn nicht so wichtig zu sein wie andere, heißt, ständig in Gefahr zu sein. Aber um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich bin in einer gewalttätigen Arbeiterfamilie in den Südstaaten aufgewachsen. Kaum jemand war auf der High School. Als ich meinen Abschluss machte, galt ich als Freak. Für all meine Cousins stand fest, dass sie entweder Mechaniker werden oder zur Armee gehen. Mehr gab's nicht, außer noch die dritte Option, die den meisten dann auch widerfuhr, und das war der Knast."
Archiv: Guernica

The Nation (USA), 27.02.2023

Mit seinen letzten beiden Veröffentlichungen hat sich Édouard Louis in ein literarisches Dilemma begeben, schreibt Tara K. Menon. Feierte er noch mit "Das Ende von Eddy"  die schwule Autofiktion in der literarischen Tradition Prousts und Genets, bediene er mit seinen Büchern "Er hat meinen Vater umgebracht?" und "Die Freiheit einer Frau" das Genre des Klassenabtrünnigen. Wie Annie Ernaux oder Didier Eribon erzählt Louis von seinen Wurzeln in der Arbeiterklasse aus der Perspektive eines ihr Entflohenen. Damit begibt sich der Autor in den stilistischen Zwiespalt von analytischer Distanz und persönlicher Erzählung, so Menon: "Die formalen Experimente dieses Buches sorgen für packende, aber manchmal auch irritierende Lektüre. Zu Louis' Verteidigung: Er versucht, ein Problem zu lösen, das vielleicht unlösbar ist, wenn es zu erzählender Fiktion kommt: Selbst Thomas Hardy konnte Tess Durbeyfield nicht zugleich zu einer tragischen Heldin und einer typischen Milchmagd machen. Genauso kann Louis seinen Vater nicht einzigartig und allegorisch zugleich machen. In beiden Büchern befindet sich Louis in einer Zwickmühle der Repräsentation: Um seine Leser für die Arbeiter des Nordens zu interessieren, muss er sie zunächst für seinen Vater, den Fabrikarbeiter, und seine Mutter, die Hausfrau, interessieren. Aber wenn sie zu sehr mit beiden fühlen, könnten sie zu dem Schluss kommen, dass seine Eltern irgendwie anders, wertvoller sind, als ihre Nachbarn. Louis ist sich auch bewusst, dass seine Klassenmobilität sein Verhältnis zu dieser Welt unwiderruflich geändert hat. Er muss nun für eine Klasse sprechen, zu der er nicht mehr gehört. Die Gefahr hier ist, das seine Wut über die Ungerechtigkeiten, denen sich die Arbeiterklasse ausgesetzt sieht, konstruiert wirkt und nicht mehr authentisch. Ist es möglich für ihn, nun ein gesetztes Mitglied sowohl der Bourgeoisie als auch des literarischen Establishments, dieselbe Wut und Verbitterung zu empfinden, wie er es als Kind tat? Louis' Wut fühlt sich echt an, aber er kann der Schuld des Abtrünnigen nicht entgehen. All das macht 'Er hat meinen Vater umgebracht?' und 'Die Freiheit einer Frau' zu trügerischen Arbeiten - teils Polemik, teils Geständnis, teils Entschuldigung."
Archiv: The Nation

HVG (Ungarn), 09.02.2023

Die Arbeit "Queer Budapest 1873-1961" der Historikerin Anita Kurimay erschien 2020 beim Universitätsverlag der Chicago University. Anlässlich der ungarischen Ausgabe spricht Kurimay im Interview mit Dóra Matalin über die Stellung und Betrachtung von queeren Gemeinschaften in der Vergangenheit und in der Gegenwart Ungarns. "Seitdem die LGBTQ-Community Ziel von Angriffen wurde, und als eine der schlimmsten Dinge, die der Liberalismus der Welt gab, betrachtet wird, ist sie in einer ausgesprochen schwierigen Lage. Queer zu sein, sich mit queeren Menschen zu beschäftigen, wurde zu einer ungarnfeindlichen Sache, als hätte der Westen uns dieses 'schreckliche Ding' befohlen. Wer darüber schreiben will, steht im Verdacht, selbst 'vom Thema betroffen' zu sein; warum würde man sich sonst damit beschäftigen? Für die Forschung zu queeren Themen gibt es keine Fördergelder. Es sei denn, man trickst und stuft die Arbeit zum Beispiel als Teil der Familienforschung ein. (…) Die Gegenüberstellung von 'guten Schwulen - schlechten Schwulen' ist systemunabhängig und kennzeichnete die Einstellung aller politischen Führungen in Ungarn. In erster Linie bestimmte die Nutzung des öffentlichen Raumes, wer als guter Schwulen galt: derjenige, der dort unsichtbar war. (…) Ich halte es für außerordentlich schädlich zu behaupten, dass es erst seit 1989 eine nennenswerte queere Subkultur in Ungarn gibt, denn damit tun wir so, als gäbe es queere Menschen nur in liberal-demokratischen Systemen. Es ist aber gleichgültig, wer gerade an der Macht war, queere Menschen lebten stets hier, sie waren auch in nichtdemokratischen Systemen Teil der Geschichte und nicht nur als Opfer, sondern auch als Gestalter der Ereignisse."
Archiv: HVG
Stichwörter: Kurimay, Anita, Queer, Ungarn, Lgbtq

Eurozine (Österreich), 13.02.2023

Wenn Ukrainer Russisch sprechen, bedeutet es nicht, dass sie sich auch ethnisch als Russen identifizieren, stellt Volodymyr Kulyk in einem etwas komplizierten, aber am Ende doch instruktiven Artikel klar. Und schon gar nicht seit dem russischen Angriff auf die Ukraine. Den sprachlichen Mix erklärt Kulyk so: "In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg breitete sich die sprachliche Russifizierung in den nicht-russischen Republiken immer weiter aus, insbesondere in den Großstädten, wo Migranten aus anderen Republiken einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung ausmachten und Russisch die vorherrschende Sprache sowohl in angesehenen Berufen als auch in der Popkultur war. Während der kontinuierliche Zustrom von Menschen vom Lande die Zahl der Ukrainer in den meisten Städten ansteigen ließ, gingen viele Migranten vom Lande im Laufe der Zeit dazu über, Russisch als Hauptsprache in ihrem Alltag zu verwenden. Der Wechsel der Sprache führte jedoch in der Regel nicht zu einem Wechsel der Staatsangehörigkeit: Diese wurde als durch die Staatsangehörigkeit der Eltern bestimmt angesehen. Gleichzeitig führte die zunehmende Zahl ethnisch gemischter Ehen dazu, dass die gemischten Nachkommen eine einzige Nationalität wählten, die oft nicht ihrer eigenen Identität entsprach, wodurch die Grenzen zwischen den verschiedenen Gruppen weiter verwischt wurden. Die Ukraine war eine der Republiken, in denen die Grenzen am stärksten verwischt wurden. Sie erlebte eine massenhafte Zuwanderung aus Russland, wobei sich die Mehrheit der Neuankömmlinge in Städten niederließ, in denen der Anteil der ethnischen Russen 30 Prozent erreichte. Dementsprechend waren die meisten Fabriken, Büros, Bildungs- und Kultureinrichtungen in den Städten auf Russisch angewiesen, was wiederum Muttersprachler des Ukrainischen und anderer Sprachen dazu veranlasste, diese Sprache als Hauptsprache zu verwenden. Während die meisten ethnischen Ukrainer ihre Selbstbezeichnung nach Nationalität beibehielten, wurde die Kluft zwischen ethnischer und sprachlicher Zugehörigkeit immer größer. Die tägliche Abhängigkeit vom Russischen war sogar noch weiter verbreitet als die Identifikation mit der russischen Sprache als Muttersprache."
Archiv: Eurozine

Tablet (USA), 13.02.2023

Cover der israelischen Ausgabe von "Beyond the Transparent Bottom"
Armin Rosen schreibt ein sehr interessantes Porträt über einen großen israelischen Schriftsteller, den so gut wie niemand kennt: Youval Shimoni. Rosen behauptet glatt, es handele sich vielleicht um den größten lebenden israelischen Literaten. Amoz Oz war ein Bewunderer. Shimoni hat nicht mal einen englischsprachigen Wikipedia-Eintrag, geschweige denn einen deutschen. Ein einziges Buch von ihm, "Der Flug der Taube", ist 1994 im Jüdischen Verlag erschienen, sein Name wurde hier Juval Schimoni geschrieben. Er ist 68 Jahre alt, Lektor und Literaturwissenschaftler, gibt so gut wie nie Interviews, Rosen trifft ihn im Verlag Am Oved und vermutet, dass Shimoni ein bisschen offener ist als sonst, weil sein Roman "Kav HaMalach" ("The Salt Line") demnächst auf Englisch erscheint. Rosen beschreibt das Hebräische als eine unmögliche Mischung zwischen uralter religiöser Sprache und brandneuer Alltagssprache. Alle israelischen Schriftsteller hätten ihre Schwierigkeiten damit. Die Zugehörigkeit zum Jüdischen aber sei bei Shimoni das Prisma, das ihm erlaube, Universalität zu bündeln. In seinem jüngsten Roman "MiBad LaKarka'it Hashkufa" ("Beyond the Transparent Bottom", mehr hier) erzählt er von der Israel-Obsession des Christoph Kolumbus, der in seinen späten Tagen die Beute aus der Neuen Welt nutzen wollte, um für seinen König das Heilige Land zu erobern. "Kolumbus, sagt Shimoni, ist 'fast fanatisch religiös' und sieht sich selbst als 'Missionar, der Christus in die heidnische Welt bringt'. Sein Gegenpol, oder vielleicht seine Parallele, im Roman ist Tobias, ein jugendlicher Converso, ein Jüdischstämmiger, der an gar nichts glaubt und der von zu Hause wegläuft, nachdem sein Vater die Nachbarn verpfiffen hat, weil sie heimlich das Judentum praktizieren. Die erste Hälfte des Romans besteht aus dem Bericht des fiktiven Tobias über die Reisen von Kolumbus. Shimoni sagte mir, er interessiere sich für 'die Gegenüberstellung von jemandem ohne Glauben und jemandem mit viel Glauben - die Dynamik zwischen diesen beiden Kräften'."
Archiv: Tablet

Quietus (UK), 11.02.2023

Cat Anderson. Photo by Francine Winham


Auf die beeindruckenden Jazzfotografien der Britin Francine Winham ist Ian Opolot nur durch Zufall auf Tumblr gestoßen, als dort noch reger Betrieb herrschte und man nächtelang auf visuelle Safari gehen konnte. Losgelassen hat ihn die Faszination bis heute nicht: Für seinen Essay über die 2013 verstorbene Winham hat er alte Weggefährten, Verwandte und Freunde ausfindig gemacht und befragt. Insbesondere ihre "spektrale Fotografie" interessierte ihn dabei. Erst fotografierte Winham Reggae-Musiker auf Jamaica. "Winham verschmolz zunehmend mit ihrer Kamera und fotografierte immer abenteuerlicher. Mitte der Sechziger erlebte Jazz einen kreativen Höhepunkt. Sein kulturelles Epizentrum lag in New York und Winham beeilte sich, dorthin zu kommen." Sie "fand Jazz berauschend, insbesondere was die Art betrifft, mit der Jazzkünstler in der Lage waren, eine Form des Daseins zu kommunizieren, die auf viele auf schöne Weise fremd wirkte. ... Es war in dieser Zeit, als Winhams vielleicht beeindruckendste Fotografien entstanden. Ihr Stil war ganz und gar einzigartig. Winham war in der Lage, Bilder auf eine Weise anzufertigen, die die verwobene Geschichte zwischen Jazz und den afro-amerikanischen Leuten wunderbar illustrierte. Sie schoss hauptsächlich in Schwarzweiß, obgleich ihre Fotos einen Hauch des Flüchtigen aufweisen. Man betrachte nur einmal Winhams Foto von Cat Anderson beim Trompetenspiel. ... Das 1965 beim Newport Jazz Festival entstandene Bild ist verzerrt und realitätsenthoben. Doch diese Verzerrung hat nichts mit schlechter Fotografie zu tun. Tatsächlich handelt es sich um einen Geniestreich. Die Lichtstreifen, die vom Kamerablitz auf dem Blechinstrument herrühren, sind so gewollt und dadurch entstanden, dass Winham den Blendenverschlusse verlangsamt und die Kamera beim Drücken des Auslösers bewegt hatte. Das Ergebnis kommuniziert etwas, das jenseits dessen liegt, was das blanke Auge wahrnimmt: sowohl Winhams Imaginationskraft, als auch eine wahrhaftige Darstellung dessen, was diese Musik an Gefühlen auslöst. Später beschrieb Winham diesen Stil als Fiebertechnik. ... Im Ergebnis hält sie damit das Virtuosentum des Künstlers fest, die Fähigkeit, einen Grad an Intimität und emotionalem Widerhall zu vermitteln, der sich in Echtzeit vielleicht gar nicht offenbart. Ein Standbild jenes Moments, in dem der Künstler einen Zustand erreicht, in dem es nur noch ihn und sein Instrument, deren Existenz gibt. Das Instrument wird zum Kommunikationsmittel all seiner sinnlichen Erfahrung im Kontext seines Verhältnisses zur Welt" und "Windham ist in der Lage, all dies mittels einer einzigen Technik einzufangen".
Archiv: Quietus

Hlidaci pes (Tschechien), 10.02.2023

Eine auf mittel- und osteuropäische Bedürfnisse zugeschnittene Version des eigentlich amerikanischen QAnon-Gemunkels zieht auch in Tschechien ihre Kreise, wie Jan Žabka zusammen mit der italienischen Investigativredaktion IrpiMedia untersucht hat. Eine tragende Rolle spielt dabei wieder einmal der Telegram-Messenger. Verschwörungstheorien plus Esoterik bieten dort auf zahlreichen Accounts den üblichen "Konspiritualität"-Mix, hinzu komme die rhetorische Heraufbeschwörung eines neuen Panslawismus. So werde etwa der Tod von Queen Elizabeth als Vorbote eines neuen Zeitalters propagiert, in dem die angebliche "angelsächsische Herrschaft über die Menschheit bald der Herrschaft der Slawen weichen werde". Auf einer beliebten Seite werde diese Theorie auch numerologisch unterstützt: "Die Königin starb am achten Tag des Monats September, dem 8.9., dessen Quersumme die 17 ist, was dem Buchstaben q entspricht, der für QAnon steht." Ferner werde vielfach Putins Narrativ bedient, nach dem der Westen eine rassistische Kampagne gegen die Slawen fahre. Diese werden im Gegenzug auf Seiten wie somslovan.sk im Vergleich zur moralisch verkommenen westlichen Konsumgesellschaft als geistig und moralisch auf der Höhe gesehen. Besonders erfolgreich, so Žabka, sei neuerdings die internationale Sekte AllatRa mit ihrer als "Bewegung" titulierten "Creative Society", die in Tschechien als "Tvořivá společnost" bereits Tausende von Anhängern habe. Die Gruppe unterhält ein Netz von über 200 Accounts mit Hunderttausenden Followern auf den wichtigen Social-Media-Plattformen. Ein gewisser Igor Mihajlovič Danilov (in diesem Fall offenbar ukrainischer Herkunft) fungiere als eine Art Guru der Sekte, nach dessen Worten Menschen, die sich gegen die Creative Society stellten, keine Menschen, sondern Tiere seien, die nicht die gleichen Rechte haben sollten. Andere Beispiele seien der tschechische Youtube-Kanal "Hovory ze země" (Gespräche aus dem Land), auf dem New-Age-Persönlichkeiten in Gesprächen über Spiritualität und Liebe zur Natur auch ihre Verschwörungs- und Desinformationsnarrative (etwa über den erfundenen Coronavirus) verbreiten dürfen, oder die konspirative Seite "Otevři svou mysl" (Öffne deinen Sinn) von David Formánek, dessen Telegram-Kanal mit rund zwanzigtausend Followern zu den beliebtesten von Tschechien und der Slowakei gehörten.
Archiv: Hlidaci pes

London Review of Books (UK), 16.02.2023

Ein langes Porträt widmet der Historiker Adam Shatz dem abenteuerlich-turbulenten Leben des großen Passfälschers Adolpho Kaminsky, das allzu oft auf seine Fälschertätigkeiten zu Zeiten der Résistance reduziert werde, wie Schatz bedauert. Er macht es dann auch anders und geht - von Algerien über Lateinamerika bis zu Daniel Cohn-Bendit - die verschiedenen Stationen ab, an denen Kaminsky Freiheits- und Oppositionsbewegungen unterstützt hat. Dabei lehnte er es ab, sich für Aktionen gegen Zivilisten vereinnahmen zu lassen, wie Shatz betont, der Kaminskys kompromisslos humanistisches Engagement hochhält: "Als sein Fälschungstalent unter den Gruppierungen der Résistance zunehmend die Runde macht, nimmt seine Werkstatt in der Rue des Saints-Pères bis zu fünfhundert Aufträge die Woche an, aus Paris, aus der freien Zone im Süden Frankreichs, aus London. In einem besonderen Fall berichtet sein Mitstreiter Marc Hamon, alias Pinguin, davon, dass eine Razzia jüdischer Häuser unmittelbar bevorsteht und innerhalb von drei Tagen Papiere für dreihundert jüdische Kinder benötigt werden. Insgesamt neunhundert Dokumente, es scheint unmöglich. Aber Kaminsky rechnet aus, dass er dreißig Dokumente die Stunde anfertigen kann und weigert sich zu schlafen, bis er sie alle fertig gestellt hat: Nur eine Stunde Schlaf, überlegt er, bedeutet für dreißig Menschen den Tod. Einer seiner Kollegen erinnert ihn: 'Wir brauchen einen Fälscher, Adolpho, keinen weiteren Toten.'"

Literaturtheoretiker Terry Eagleton denkt in einer Rezension von Peter Brooks' "Seduced by Story: The Use and Abuse of Narrative" über den Begriff des Narrativen und die Narration als grundlegende Struktur nach. Eagleton stört sich an der Verwässerung des Begriffs, der in viele Disziplinen und auch in den Alltagsgebrauch eingezogen ist. Und Brooks traue dem Konzept auch viel zu viel zu: "Brooks' zufolge ist eine der wertvollsten Funktionen fiktionaler Narrative, dass sie Mitgefühl mit anderen erzeugen können. Mit unserer Vorstellungskraft könnten wir unser Erleben auf Menschen projizieren, die uns ansonsten undurchschaubar blieben und die Literatur könne uns zeigen, wie das geht. Fiktionalität sei das Gegengift zum Egoismus, sie lasse uns die Welt mit fremden Augen sehen. Im echten Leben ist unsere vermeintliche Unergründlichkeit für Andere damit aber überschätzt. Wir sind sprachlich-kommunikative Wesen, wir können mittels der Sprache jederzeit Einblicke in uns fremde innere Empfindungen erhalten."

Weiteres: James Wolcott verfolgt mit Andrew Kritzman die Zersetzung des Rudy Giuliani. Bee Wilson sieht Paul Newman in die blauen Augen.