Magazinrundschau - Archiv

New Eastern Review

8 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 09.07.2024 - New Eastern Europe

In der Ukraine kämpft jeder mit seinen eigenen Mitteln und Kräften für das Durchhalten lernt Kinga Anna Gajda, Dozentin am Institut für Europastudien der Universität Krakau, im Gespräch mit der ukrainischen Fantasy- und Krimiautorin Kseniya Tsyhanchuk: Sie berichtet, wie die Kriegserfahrung den ukrainischsprachigen Literaturmarkt verändert und ausgeweitet hat, wie der Krieg genrespezifische Erzählstrukturen neu ausrichten kann und welche Bedeutung der Fiktion in düsteren Zeiten zukommt: "Vor dem Krieg begann ich ein Buch in einem anderen Genre zu schreiben. Es war magischer Realismus. Es sollte ein sehr friedliches Buch werden, ohne Mord und andere Grausamkeiten. Aber der Krieg hat meine Pläne geändert. Ich konnte einfach nicht mehr an die Handlung denken. Also schreibe ich jetzt ein Buch, das mit dem Krieg zu tun hat (obwohl es sich hier eher um einen Thriller handelt). Die Hauptfiguren des Buches wollen den Krieg beenden - und das ist ein gemeinsamer Wunsch aller Ukrainer. (...) Ich glaube, dass Krimiautoren eine ziemlich wichtige Rolle spielen, wenn es darum geht, die Wahrnehmung und Einstellung der Gesellschaft zu Verbrechen und Gerechtigkeit zu prägen. In Kriminalromanen sehen wir immer ein Verbrechen und Menschen, die Gerechtigkeit wollen. (...) Ich möchte auch vermitteln, dass die Gerechtigkeit immer siegt. Ich möchte, dass die Menschen das glauben. Das finde ich sehr wichtig."

Magazinrundschau vom 18.06.2024 - New Eastern Europe

Der Politologe Alexandru Demianenco denkt über das gleichzeitig mit den Präsidentschaftswahlen in der Republik Moldau stattfindende Referendum über den EU-Beitritt des Landes nach. Es soll für eine konstitutionelle Verankerung dieses Ziels gestimmt werden, das damit nicht rückgängig gemacht werden kann und jeden derartigen Versuch verfassungswidrig machen würde. Moldau hat in den vergangenen Jahren viel für seinen "europäischen Weg" getan, 2023 sind sogar Beitrittsverhandlungen eingeleitet worden. Dennoch ist der Erfolg des Referendums alles andere als selbstverständlich, meint Demianenco besorgt: "Pro-russische Gruppierungen, die von Persönlichkeiten wie Ilan Shor angeführt werden, sind in der Lage, Einfluss auf Schlüsselregionen wie Gagausien, Baltien und den Bezirk Orhei zu nehmen. Ihr Einfluss könnte das Ergebnis des Referendums erheblich verfälschen und die Spannungen im Land eskalieren lassen. Der bedeutende Einfluss von Ilan Shor in der moldauischen Politik unterstreicht die Komplexität der Einmischung von außen und des regionalen Einflusses. Seine Fähigkeit, die Opposition in strategisch wichtigen Gebieten zu mobilisieren, gefährdet nicht nur den Erfolg des Referendums, sondern könnte auch die Zentralregierung destabilisieren, wenn das Referendum mit einer knappen Mehrheit angenommen wird und sich seine Vertreter in den Hochburgen nicht beteiligen. Ein solches Ergebnis könnte die regionalen Ungleichheiten verstärken und die Spannungen verschärfen und damit die nationale Einheit zu einem Zeitpunkt bedrohen, an dem der Zusammenhalt am dringendsten benötigt wird."

Magazinrundschau vom 11.06.2024 - New Eastern Europe

Der polnische Mittel- und Osteuropahistoriker Tomasz Kamusella berichtet von seiner Reise nach Katalonien und stößt auf eine eigenartige Liebe zu Russland. In einer Buchhandlung staunt er über Regale voller russischer Literatur (in die die Werke ukrainischer Autoren einfach eingereiht werden). Auch russische Kulturinstitute, die direkt vom Kreml finanziert und gelenkt werden, können ihre Arbeit in Katalonien ungehindert fortsetzen: "Auf dieser Welle der nicht ganz so friedlichen pro-russischen Stimmung nahm das russische Kulturinstitut 'Russisches Haus' seine Aktivitäten bereits im Herbst 2022 wieder auf. Als ich am Gebäude der Stiftung vorbeiging, bemerkte ich, dass dort eine öffentliche Veranstaltung stattfand. Die Werke der jungen russischen Fantasy-Autorin Anna Starobinets wurden vorgestellt. Im März 2022 hatte die Autorin den Krieg Russlands gegen die Ukraine verurteilt, Russland verlassen und sich anschließend in Georgien niedergelassen. Doch als Starobinets das Russische Haus in Barcelona besuchte, schien sie die Verbindungen der Einrichtung zu Gazprom und dem Kreml zu übersehen, als ob der Krieg nicht der Grund für das Leid und die erzwungene Emigration ihrer eigenen Familie war. Die Veranstaltung war mit etwa fünfzig Teilnehmern gut besucht. ... Das Russische Haus fungierte de facto als russischer Gesellschaftsklub. Kein Wort über den Krieg trübte die angenehme Atmosphäre. Niemand äußerte seine Unterstützung für die Ukraine. Es waren keine ukrainischen Flaggen oder Symbole zu sehen, ebenso wenig wie ihre russischen Gegenstücke. Dennoch prangte an der Tür des Vortragssaals im zweiten Stock, in dem die Veranstaltung stattfand, ein großes Foto des Kreml-Eingangstors mit dem russischen Doppeladler. (…) Ein junger Mann, der mit seiner Familie an dieser sympathischen Veranstaltung teilnahm, erklärte mir zu meinem Erstaunen in einfachem Englisch, dass Barcelona 'russenfreundlich' ist."

Magazinrundschau vom 28.05.2024 - New Eastern Europe

Belarus, das für den Kreml einen wichtigen strategischen Partner darstellt, wird in (wirtschafts-)politischen Untersuchungen trotzdem meist ausgelassen, bedauert der Analyst Kacper Wańczyk von der Universität Warschau in New Eastern Europe. Diese Diskurslücke will er nun mit einer neuen vergleichenden Analyse der belarussischen, russischen und ukrainischen Wirtschaftspolitik schließen: "Das belarussische Bruttoinlandsprodukt wuchs im ersten Quartal des Jahres um 4,1 Prozent. Das Wachstum ist hauptsächlich auf die Beibehaltung des hohen Binnenverbrauchs zurückzuführen, der durch die staatliche Konjunkturpolitik des letzten Jahres gefördert wurde. Der Anstieg der Produktion von Erdölprodukten und Kalidüngemitteln unterstützte das Wachstum. Faktoren, die sich aus den engen Wirtschaftsbeziehungen mit Russland ergeben, trugen ebenfalls zu diesem Wachstum bei. Die wachsende Nachfrage auf dem russischen Markt, der nach wie vor der einzige wichtige ausländische Partner für belarussische Unternehmen ist, sorgte dafür, dass ein Teil der Lebensmittelproduktion des Landes Abnehmer fand. Es ist auch möglich, dass ein Teil der belarussischen Maschinenbauproduktion an den russischen Militärsektor verkauft wurde."
Stichwörter: Belarus

Magazinrundschau vom 05.09.2023 - New Eastern Europe

Dor Shabashewitz lenkt den Blick auf das am Kaspischen Meer gelegene Gebiet Astrakhan. Die Oblast, einst ein unabhängiges türkisches Khanat, wie wir lesen, ist heute ein föderales Subjekt Russlands. Aber, so Shabshewitz, ein "ziemlich untypisches". Seit Jahrhunderten ist die Region ein "Hotspot der ethnischen Vielfalt: hier leben Kasachen, Tataren, Nogaier, Tschetschenen, Aseris und Kalmücken. Etwas über die Hälfte der Bevölkerung bezeichnet sich selbst als ethnisch russisch, so Shabashewitz. Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine begannen hitzige Debatten über die Zukunft der Region im Falle einer Auflösung Russlands. Wie in vielen Regionen mit ethnischen Minderheiten wurde auch hier "ein unverhältnismäßig hoher Anteil der nicht-slawischen Einwohner für den Krieg rekrutiert. Von den 218 bekannten Namen von Einwohnern des Gebiets Astrachan, die im Kampf in der Ukraine gefallen sind, sind 54 Prozent eindeutig nicht-slawisch". In der Folge bekamen separatische Bewegungen einzelner ethnischer Gruppen mehr Zulauf. Bisher hat sich keine zusammenhängende Unabhängigkeitsbewegung gebildet, beobachtet Shabashewitz: "Das vielleicht ungewöhnlichste Merkmal der öffentlichen Diskussionen über die Zukunft Astrachans ist, dass sie von Bewegungen und Einzelpersonen initiiert und geführt werden, die die am wenigsten zahlreichen Minderheiten der Region repräsentieren. Bei den hitzigen Debatten zwischen den Kalmücken (7.000 Menschen im Gebiet Astrachan) und den Nogaiern (8.000 Menschen im Gebiet Astrachan) wird leicht vergessen, dass es in der Region 150.000 ethnisch kasachische Einwohner und über 50.000 Tataren gibt. Dies ist ein weiterer Beweis dafür, wie nationalistisch und ethnisch geprägt der Sezessionismus im heutigen Russland ist. Die Kasachen haben als ethnische Gruppe einen eigenen souveränen Staat, und die Tataren haben Tatarstan - ein größeres und weiter entwickeltes föderales Subjekt Russlands, das nicht an Astrachan grenzt und eine lange Tradition von Unabhängigkeitsbewegungen hat, die in den 1990er Jahren teilweise erfolgreich waren. Die Existenz dieser Entitäten könnte der Hauptgrund für die relative Inaktivität der größten Minderheiten Astrachans sein." Sie "ziehen einfach in ihren bestehenden Nationalstaat".
Stichwörter: Astrachan, Tschetschenen, 1990er

Magazinrundschau vom 07.02.2023 - New Eastern Europe

Viel zu lange hat der Westen die Rolle der Sprache und Literatur im Konflikt mit Russland vernachlässigt und so dem russischen Neo-Imperialismus in die Hände gespielt, schreibt Tomasz Kamusella in New Eastern Europe (von Eurozine ins Netz gestellt): "Wie konnte der Westen nicht bemerken, dass Moskau Kultur und Sprache als Waffe instrumentalisiert? Während der langen Jahrzehnte des Kalten Krieges, spendete die 'große russische Literatur' Trost, es gab sogar die Hoffnung, dass ein freies Russland der Zukunft möglich wäre, das es trotz allem zu einem 'normalen europäischen Land' werden würde. Gleichzeitig haben westliche Sowjetologen und Literaturwissenschaftler die sowjetische Praxis, die Literatur anderer sowjetischer Sprachen erst nach dem Erscheinen einer russischen Übersetzung zu veröffentlichen, nicht angezweifelt. Nur dann wurde eine Übersetzung dieses nicht-russischen sowjetischen Romans oder Gedichtbandes in eine westliche Sprache erlaubt. Aber sie musste ausschließlich von der genehmigten russischen Übersetzung ausgehen, nicht vom ukrainischen, aserbaidschanischen oder georgischen Original. Diese Praxis ließ die nicht-russische Literatur der Sowjetunion im Gegensatz zur großen russischen Literatur minderwertig erscheinen. Bis heute ist im Westen der Glaube weit verbreitet, dass das Ukrainische, mit 40 Millionen Sprechern, oder das Usbekische mit 35 Millionen Sprechern, 'kleine Sprachen' sind. Deshalb kann ein ukrainischer oder usbekischer Roman nur in eine westliche Sprache - zum Beispiel Schwedisch mit 10 Millionen Sprechern - übersetzt werden, nachdem sie in einer gut besprochenen russischen Übersetzung erschienen ist. Die Sowjetunion zerfiel vor drei Jahrzehnten, aber der sowjetische Kultur- und Sprachimperialismus besteht immer noch. Der Kreml beansprucht das 'Recht' auf die post-sowjetischen Länder als Teil der 'russischen Welt', weil sie 'keine nennenswerte Kultur' neben der russischen Sprache haben. Russische Ideologen behaupten, dass post-sowjetische nicht-russische Literaturen armselig und derivativ sind, gerade mal ein blasser Schatten der großen russischen Literatur."

Magazinrundschau vom 24.08.2021 - New Eastern Europe

Für westliche Medien ist die russische Annexion der Krim Schnee von gestern, die Regierungen beharren verbal auf der Nichtanerkennung, aber de facto wird eine Reintegration der Halbinsel in die Ukraine unmöglich gemacht, schreibt Olena Yermakova. Zum Beispiel durch Dekret 201, das den Großteil der Krim zu russischem Grenzland erklärt: "Gemäß diesem Dekret haben ausländische Bürger oder Körperschaften ebenso wenig wie staatenlose Personen das Recht, Grund und Boden in Grenzland zu besitzen. Ausländer (also Ukrainer), die geschätzt 10.000 Grundstücke besitzen, sind gezwungen, ihren Besitz innerhalb eines Jahres zu verkaufen oder zu verschenken. Wenn die Frist nicht eingehalten wird, werden dem Donbas and Crimea Legal Un/Certainty project zufolge Gerichte den Besitz einer anderen Person übertragen. Die Fachleute des Un/Certainty projects halten den Schritt der russischen Behörden für ein Kriegsverbrechen gemäß dem Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofs und einen Verstoß gegen mehrere internationale Abkommen."

Magazinrundschau vom 13.06.2017 - New Eastern Europe

Wenn Europa sich nicht beeilt, dem Balkan wirtschaftlich auf die Beine zu helfen, wird es ihn verlieren, warnt (von Eurozine ins Englische übersetzt) der bosnische Schriftsteller Miljenko Jergovic. Die Bosnier erliegen derzeit den Einflüsterungen Erdogans, die Serben feiern Putin und selbst die Kroaten feiern Trump mit NS-Flagge und Neonazi-Umzügen. "Der Balkan ist wieder bereit für einen Krieg", schreibt Jergovic. "Für einen Krieg ähnlich denen die 1914 und 1941 begannen. Sie brauchen einen weiten Kontext, um ihre Rechnungen zu begleichen. Sie brauchen einen Krieg, in dem sie für fremde Könige, Imperatoren, und Sultane sterben können. Für Putin, Erdogan, Trump oder zweitrangige Irre wie Wilders oder Le Pen. Die Balkanstaaten sind wieder zu einer Arena geworden für die Art diplomatischer Manöver, die jederzeit militärische Gestalt annehmen können. Hier auf dem Balkan sind die Russen, nach einem vierteljahrhundert Abwesenheit, auf die europäische Bühne zurückgekehrt. Hier auf dem Balkan etablieren sich die Türken wieder in genau den Gebieten, aus denen sie vor 100 Jahren vertrieben wurden."