Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 22.10.2013 - New York Times

In einem Food-Special der Zeitung schreibt Marnie Hanel über den Pazifischen Riesenkraken, der unter anderem im Puget Sund vor Seattle haust und den die Stadtbevölkerung unbedingt vor dem Verspeisen retten wollte, obwohl seine Bestände, wie sich herausstellte, überhaupt nicht gefährdet sind. Daneben porträtiert Hanel den Koch Matthew Dillon, Seattles Oktopus-Ikone, der die Zubereitung des durchaus nicht so ohne weiteres weich zu kriegenden Tiers perfekt beherrscht: "„Der Erfolg jedes Oktopusgerichts liegt in seiner Konsistenz. Auf den griechischen Inseln lassen ihn Fischer bis zu hundert Mal gegen Felsen sausen, um sein zähes Fleisch, das zu neunzig Prozent aus Muskeln besteht, zart zu machen. In Japan massieren Schüler von Sushi-Meister Jiro Ono ihre Oktopusse bis zu fünfzig Minuten lang. In der häuslichen Küche wird er oft geklopft. Selbst dann kann die Konsistenz widrigerweise immer noch mit 'buttergebratenem Gummi’' vergleichbar sein, wie Mark Plunkett [vom Seattle Aquarium] es einmal bezeichnete.“"

Elle Barry reist mit dem Zug durch ein zerrüttetes Russland, wo sie abseits der großen Städte frappierende Armut, sterbende Dörfer und eine katastrophale Infrastruktur vorfindet. Während Putin in seinem Ferienhaus mit seinen Gästen in Joghurt und Honig baden soll, haben 20 Prozent der Russen in ihren Wohnungen nicht einmal heißes Wasser. "Weil sich der Staat nicht um das Umland kümmert, quälen die Leute sich mit Entscheidungen herum, die in vergangene Jahrhunderte gehören: Die Häuser mit einem Holzofen heizen, bei dem alle drei Stunden mit Hand nachgelegt werden muss, oder Diesel verbrennen, der die Hälfte des Monatsgehaltes kostet? Wenn die Straße so kaputt ist, dass Krankenwagen nicht bis zum Haus gelangen, ist es dann sicher zu bleiben? Wenn die Häuser aber keinen Käufer finden, können sie dann überhaupt weggehen?" Barrys Recherchen lassen nur wenig Hoffnung auf eine baldige Verbesserung der Situation. Mehrere Videos und Bilder veranschaulichen die Reportage und Barry lässt den Leser auch anhand einer seitlich mitlaufenden Route ihre Reise nachverfolgen.
Stichwörter: Wasser, Felt, Oktopus, Rouen

Magazinrundschau vom 17.09.2013 - New York Times

Schönheit und Schrecken hat ein hellauf begeisterter Jonathan Lethem in Thomas Pynchons neuem Roman zum 11. September und den Tiefen des Internets, "Bleeding Edge", erlebt. Er erklärt Pynchons düstere Weltsicht mit Verweis auf Philip K. Dick in der Sunday Book Review: "Während gewöhnliche Paranoiker glauben, dass die schlimmsten Fragen monströs einfache Antworten haben, weiß die paranoide Kunst, dass die beängstigenderen (aber unvermeidlichen) Entdeckungen weitere Fragen sind. Der paranoiden Kunst geht es um Deutung, sie entlockt sie ihrem Publikum; sie misstraut sich selbst und wird so zum notwendigen Gegenpart der selbstzufriedenen Kunst. In Pynchons Sicht wandelt sich das System der Moderne mit ihrer Aufklärung und Befreiung - Eisenbahn, Post, Internet, etc. - immer wieder zum Black Iron Prison des Kapitalismus mit seinen Beschränkungen, Monopolen und Überwachungen. Am fließenden Übergang dieses Wandels (oder an seinem 'blutigen Grat') leben wir in unserer ganzen Hilflosigkeit. Pynchons Figuren ernähren sich von den Brocken der Freiheit, die vom Fließband der erbarmungslosen Umwandlungsmaschinerie fallen - wie die Katze beim Fleischer. Für James Joyce ist die Geschichte ein Albtraum, aus dem wir aufzuwachen versuchen. Für Pynchon ist die Geschichte ein Albtraum, in dem wir Träumer mit wachem Verstand werden müssen."

Im Magazine stellt Laura Rappano den Wunderknaben Battushig Myanganbayar aus der Mongolei vor, der es dank eines ehrgeizigen Schuldirektors mit siebzehn Jahren aus der Steppe ans MIT geschafft hat.

Magazinrundschau vom 10.09.2013 - New York Times

Im New York Times Magazine porträtiert Jeffrey Gettleman den ruandischen Staatspräsidenten Paul Kagame, den er zu einem 3-stündigen Gespräch traf. Kagame ist als Politiker umstritten: Er ist autoritär, Opposition und freie Medien sind unter seiner Herrschaft praktisch abgeschafft, und er unterstützt mörderische Rebellengruppen im Kongo. Gleichzeitig kämpft er sehr erfolgreich gegen Korruption, die hohe Sterblichkeitsrate, gegen den Dreck und die Gewalt in den Straßen. Westliche Politiker und Entwicklungshelfer lieben ihn: "Kagame hat das Bild der gesamten Milliarden-Dollar-Entwicklungshilfeindustrie aufpoliert. 'Man steckt sein Geld rein und bekommt Resultate', erklärt ein Diplomat, der versichert, nicht offen sprechen zu können, wenn sein Name genannt wird. Ja, Kagame sei 'vollkommen skrupellos', sagt der Diplomat, aber es gebe ein wechselseitiges Interesse, ihn zu unterstützen, denn Kagame beweise, dass Hilfe für Afrika keine reine Verschwendung sei und dass arme und heruntergewirtschaftete Staaten mit der richtigen Führung auf Kurs gebracht werden kann. 'Wir brauchten eine Erfolgsstory, und er war es.'"
Stichwörter: Geld, Kongo, Kagame, Paul

Magazinrundschau vom 03.09.2013 - New York Times

Im NYT Magazine empfiehlt Alessandra Stanley vier aktuelle französische Fernsehserien: die Krimiserie "Engrenages", "Maison Close" über ein Pariser Luxusbordell im 19. Jahrhundert, die Zombieserie "Les Revenants" sowie "Un Village Français", die in einem französisches Dorf zur Zeit der Nazi-Besatzung spielt. Leider, so Stanley, ist es nahezu unmöglich, an diese Serien in den USA auf legalem Wege heranzukommen: "Das Fernsehen offenbart die Grenzen der Globalisierung. Im Zeitalter von Callcentern in Mumbai, von Online Offshore Banking, Skype Chats, Drohnenangriffen, Satellitentelefonen und Vogelgrippe-Pandemien sind Staatsgrenzen beinahe anachronistisch. Nur ausländische TV-Serien, die in Minnesota genauso zugänglich sein sollten wie in Monte Carlo, sind nicht ohne weiteres erhältlich." In Deutschland sieht es leider nicht besser aus, wer sich für die Serien interessiert, importiert am besten die DVDs (z.B. versandkostenfrei aus UK bei play.com).

Die Titelgeschichte ist ein Auszug aus einem neuen Buch der kanadischen Reporterin Amanda Lindhout über ihre Entführung in Somalia.

Magazinrundschau vom 20.08.2013 - New York Times

Gestern kursierte eine Geschichte, die allen Journalisten zu denken geben sollte. Der Partner des NSA-Enthüllungsjournalisten Glenn Greenwald wurde neun Stunden lang am Flughafen Heathrow festgehalten, seine Computer und Telefone wurden konfisziert. Dies ist genau die Politik, die die amerikanischen Geheimdienste offanbar seit Jahren gegenüber jenen führen, deren Berichte ihnen nicht passen. In einem packenden Porträt über Laura Poitras, jene Dokumentarfilmerin, die mit Glenn Greenwald zusammenarbeitet und die zuerst von Edward Snowden kontaktiert wurde, erzählt Peter Maass auch, wie sie schon seit Jahren, lange vor den Snowden-Enthüllungen systematisch an Flughäfen festgehalten wird. Hintergrund ist ein früherer Dokumentarfilm über den Irakkrieg. "Einmal, erzählt Poitras, haben sie ihr Computer und Handy abgenommen und wochenlang behalten. Man sagte ihr, dass ihre Weigerung auf Fragen zu antworten, selbst schon ein verdächtiger Akt sei. Die Verhöre fanden in internationalen Zonen von Flughäfen statt, wo nach Ansicht der Regierung die verfassungsmäßigen Rechte nicht gelten, weshalb ihr die Anwesenheit eines Rechtsanwalts nicht erlaubt wurde."

Magazinrundschau vom 06.08.2013 - New York Times

Susan Dominus zeichnet im NYT Magazine das Bild einer friedlich-liebevollen Autorenfamilie King. Vater, Mutter und zwei der drei Kinder sind Schriftsteller, ebenso eine Schwiegertochter. Selbst in den schwierigsten Fragen ist man sich einig: "Etwas später führten Joe und Stephen eine typische Diskussion: Welcher Roman ist der 'Moby Dick' des Horrors? Der mit den vielen Fußnoten, meinten sie, nicht der, der andere, Mark Danielewskis 'House of Leaves'. Joe brüstete sich, dass sein jüngster Sohn, zehn Jahre alt, selbst schon schreibt. 'Er arbeitet an zwei Stories, die eine heißt 'Scrap', die andere 'The Bad Thing'. Stephen sah erfreut aus: das gefiel ihm, 'The Bad Thing'. 'Tut mir leid', sagte er, als habe er gerade einen glänzenden Pfennig gefunden, der einem anderen gehört, 'ich muss das möglicherweise benutzen.'"

Außerdem: In der Book Review empfiehlt Edmund White den neuen Roman des kolombianischen Autors Juan Gabriel Velazquez, "The Sound of Things Falling", der ihn eher an Onetti erinnert als an Velazquez' Landsmann Garcia Marquez.
Stichwörter: Moby, Mutter, Moby Dick

Magazinrundschau vom 30.07.2013 - New York Times

Jay Caspian Kang resümiert die unrühmliche Rolle der Internetplattform Reddit, die den Anstoß lieferte, dass ein als vermisst gemeldeter junger Mann, der 22-jährige Student Sunil Tripathi, irrtümlich tagelang als zweiter Verdächtiger des Attentats auf den Boston-Marathon galt. Die Netzgemeinde, aber auch zahlreiche Journalisten beteiligten sich an der "Suche" nach ihm und setzten der verstörten Familie von Sunil Tripathi (der, wie sich später herausstellte, Selbstmord aufgrund von Depressionen begangen hatte) schwer zu. Der Geschäftsführer und Sprecher von Reddit, Erik Martin, hatte sich im Anschluss zwar persönlich bei der Familie entschuldigt, meint aber auch, der Verlust persönlicher Freiheit sei ein "generelles Internet-Problem", auch Twitter und Facebook hätten einen "Widerlichkeitsfaktor". Ein Mann namens Jackal, der den Twitter-Dienst Your Anonymous News betreibt, der wie Reddit und andere dem Kult des schnellen und ungefilterten Sammelns von Nachrichten huldigt und sich ebenfalls an der Jagd beteiligt hatte, drückt es so aus: "Meine erste Reaktion war: Oh, (Schimpfwort), was haben wir getan? Aber das ist ein schwieriger Punkt, weil wir bei Kurzmeldungen die Ersten sein wollen. Dann passiert was Schreckliches, und man will das Ganze noch mal überdenken. Aber letzten Endes glauben wir als Anarchisten: Man kann tun, was man will, solange man glücklich ist." So dämlich sich das anhört, diese Art von Schnellschuss gibt es nicht nur bei den neuen Medien, meint Kang. Denn "dies ist, was Medien heute sind: eine sich immer weiter entwickelnde Interaktion zwischen Reportern, die für Mainstream-Medien arbeiten, Journalisten, die News für online-Medien kompilieren und interpretieren, und tausenden von Individuen, die selbst Informationen sammeln, zusammenfügen und verbreiten."
Stichwörter: Anonymous, Boston, Jagd

Magazinrundschau vom 23.07.2013 - New York Times

Der Ökonom Albert O. Hirschman gehörte zu den wenigen Menschen, die Scheitern als Chance begriffen haben. Justin Fox ist total hingerissen von einer 740 Seiten starken Biografie, die Jeremy Adelman über Hirschman geschrieben hat. Schon allein die Lebensgeschichte des Mannes liest sich wie eine Abenteuerreise durch das 20. Jahrhundert: In Berlin geborener Jude, Mitkämpfer im Spanischen Bürgerkrieg, Mitkämpfer in der Resistance, Berater der amerikanischen Regierung bei der Umsetzung des Marshallplans und schließlich Berater lateinamerikanischer Länder für die Weltbank und Autor literarischer Essays für die New York Review of Books. Eine "Lehre" hat er nie begründet, dafür waren seine Überlegungen viel zu unkonventionell: "Seine große Entwicklungstheorie war, dass große Entwicklungstheorien meist schief liegen. Seine Sicht auf die Beziehung zwischen freien Märkten und staatlichem Eingriff war, dass gute Gesellschaften beides brauchen, in verschiedenen Dosen, eben immer abhängig von den Umständen. Er war misstrauisch gegenüber den ganz großen Ideen, sogar seinen eigenen. Eines seiner Bücher hieß 'A Propensity to Self-Subversion'." (Wer mehr über Hirschman wissen möchte, dem sei Malcolm Gladwells ausführliches Porträt im New Yorker empfohlen.)
Stichwörter: Resistance

Magazinrundschau vom 09.07.2013 - New York Times

Die Autorin Meghan O'Rourke verfolgt in einem Essay, wie sich mit John Updike, Roger Ebert und Christopher Hitchens das Schreiben über den Tod verändert hat. Früher, meint O'Rourke sind die Menschen schnell gestorben, etwa an Lungenentzündungen, heute sterben sie langsam am Krebs und Herzkrankheiten: "Der Tod mag unabänderlich sein, nicht aber die menschliche Erfahrung mit ihm. Wenn jede Zeit ihre eigene Art zu sterben hat, ihre moralisch-ethische und literarische Sicht, vom 'gezähmten' bis zum 'schönen Tod', dann ist unserer gewiss der 'hinausgezögerte Tod' - das langsame, medizinische Ende, en detail dokumentiert. Die Autoren befinden sich in einer missliche Lage: Sie erleben ihren bevorstehenden Niedergang, fühlen sich aber zugleich ungeheuer lebendig, vielleicht lebendiger als jemals zuvor. Es ist der klassische Zustand der Ironie."

Weiteres: James Parker preist Chuck Klostermans neuen Essayband "I Wear the Black Hat", der sich mit "Übeltätern" von Macchiavelli über Bill Clinton bis zu Perez Hilton befasst. David Shribman feiert Mark Leibovichs Report über das hauptstädtische Washington (im Magazin ist ein Auszug daraus zu lesen).

Magazinrundschau vom 25.06.2013 - New York Times

Aus den politischen Unruhen in Syrien ist längst ein Bürgerkrieg entlang konfessioneller Grenzen geworden. Robert F. Worth schildert in einer bedrückenden Reportage, wie den Alawiten ihre Loyalität zu Baschar al-Assad zum Verhängnis zu werden droht: "Syriens Sunniten und Alawiten waren jahrhundertelang zerstritten, und der anhaltende Krieg bringt den alten Konflikt wieder zum Vorschein. Radikale Jihadis unter den Rebellen fordern offen die Ausrottung oder Vertreibung religiöser Minderheiten. Die meisten Außenstehenden sind sich einig, dass Assad die Angst seiner Glaubensgenossen zu seinem politischen Überleben instrumentalisiert hat, aber die wenigsten fragen, wie die Alawiten selbst über Assad denken, und welche Zukunft sie jetzt für sich sehen, da die sunnitisch-arabische Welt ihnen den Krieg erklärt hat."