Magazinrundschau - Archiv

Le point

157 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 16

Magazinrundschau vom 16.09.2008 - Point

In einem Interview mit Elisabeth Levy und Franz-Olivier Giesbert spricht Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel über seinen neuen Roman "Le cas Sonderberg" ("Der Fall Sonderberg"; hier eine Inhaltsangabe von Arte), in dem es um die Identitätssuche eines New Yorker Journalisten jüdischer Herkunft geht, die angestoßen wird durch den Prozess gegen einen deutschen Studenten, der auf die Nazivergangenheit seinen Großvaters stieß und wegen Mordes an seinem Onkel zugleich auf "schuldig und nicht schuldig" plädiert. Wiesel reiche mit diesem Roman den unschuldigen, sich aber dennoch schuldig fühlenden "Kindern der Schlächter", die Hand. Er spricht daher auch über sein verändertes Verhältnis zu Deutschland. "Es stimmt, dass ich mich von Deutschland fern gehalten habe. Nicht weil ich an den kriminellen Charakter eines ganzen Volkes oder einer Kultur geglaubt hätte. Das hieße, das Böse wieder zu banalisieren: Wenn alle schuldig sind, dann ist keiner schuldig. Aber so war es. Ich habe Deutschland nicht verstanden. (...) Man hat dort damals nicht viel über die Vergangenheit gesprochen. Heutzutage wird sie überall unterrichtet, in Büchern und Filmen behandelt. Deutschland hat die Erinnerung wiedergefunden."
Stichwörter: Wiesel, Elie

Magazinrundschau vom 02.09.2008 - Point

Nachdem er unlängst für seinen Bericht aus dem Kriegsgebiet in Georgien und seinen Beitrag mit Andre Glucksmann in Liberation scharf kritisiert worden war (mehr hier), listet Bernard-Henri Levy in seinen Bloc-Notes die notwendigen Schlüsse auf, die aus den "Aggressionen dieses Sommers" zu ziehen seien und stellt sich noch einmal entschieden auf die Seite der Georgier. An der russischen Regierung empört ihn am meisten "diese unvorstellbare Dreistigkeit dieser Leute. Zum Beispiel ihre Art, wie sie 'den Kosovo' als Präzedenzfall anführen: Als ließen sich der Fall einer von einer grauenvollen ethnischen Säuberung bedrängten, gemarterten und zerstörten serbischen Provinz und die Situation eines Ossetien als Opfer eines 'Genozids? über einen Kamm scheren, der nach jüngsten Meldungen (laut Human Rights Watch) 47 Tote gefordert haben soll... Die Goldmedaille für Monsieur Putin bei den Olympischen Spielen der Sinnverzerrung und des Zynismus."

Magazinrundschau vom 08.07.2008 - Point

In seinen Block-notes erklärt Bernard-Henri Levy, weshalb er auf einen Sieg von Barack Obama setzt. Er sieht dafür drei Gründe: Erstens habe sich Amerika gewandelt, drittens sei er schlicht gut und zweitens "kein gewöhnlicher Schwarzer": "Nicht einmal ein 'Mischling'. Im Gegensatz zu einem Jesse Jackson oder Al Sharpton, im Gegensatz zu einer Condi Rice, die, wie erstere, Nachfahrin von Sklaven ist und daher als solche Trägerin der Erinnerung an die Rassentrennung, ist er der Sohn eines Kenianers. Ein gewaltiger Unterschied. Weil der Spiegel, den er Amerika vorhält, nicht mehr der jener finsteren Zeiten ist. Das Bild, das er widerspiegelt, ist nicht mehr das einer alten und im Grunde unerträglichen Schuld. Barack Obama kann sie beseitigen, weil er der erste Afro-Amerikaner ist, der dank seiner Geburt zu einem Schritt über die beiden Stände hinaus fähig ist, die man hier 'Bürgerkrieg' nennt - und der erste, der deshalb nicht die Karte der Verurteilung, gar der Verdammung spielen kann, sondern der Verführung und, wie er unablässig wiederholt, der Versöhnung."

Anlässlich des Erscheinens seines Essays "La tentation de l'impossible" (Gallimard) über Victor Hugo und dessen Roman "Les Miserables" spricht Mario Vargas Llosa in einem Interview über sein Interesse an Hugo und die Rolle der Literatur und des Schriftstellers in gefestigten Demokratien. "In offenen Gesellschaften, Demokratien, ist der Schriftsteller jemand geworden, der ein alternatives Leben anbietet. Die Literatur lässt einen träumen, den Alltag verlassen, stellt aber auch Fragen. Sie verunsichert Sie in ihren Gewissheiten. Ich glaube, dass es weniger Freiheit in der Welt gibt, die von den Medien erzeugt wird, als Freiheiten, welche die Literatur erschafft."

Magazinrundschau vom 24.06.2008 - Point

Bernard-Henri Levy kommentiert das irische "Nein" zur europäischen Verfassung als Quittung an die Politiker, die Europa nicht mehr um Europas willen wollen: "Keiner unserer Staatsmänner, und seien sie im Herzen und aus Überzeugung Europäer, wagt es seit Jahren, anders darüber zu sprechen als unter dem Aspekt konkreter, unmittelbarer, materieller Vorteile, welche die unter Europas Farbe vereinten Nationen daraus ziehen können. Alle, fast alle, stimmen langsam aber sicher in jene Grundhaltung ein, die darin besteht, ihren jeweiligen Völkern ins Ohr zu flüstern: ,Lasst uns Europa machen, nicht weil es Europa ist, nicht weil es ein neues, begeisterndes, großartiges, politisches Projekt mit eigenen Werten ist, sondern weil es gut für die Nationen ist und vor allem für die unsrige.' Wie sollte angesichts dessen dieses oder jenes Volk, wie in diesem Fall die Iren, nicht jeden Nutzen, den es daraus zu ziehen erhoffte, einstreichen und im Spiel bleiben?"

Magazinrundschau vom 17.06.2008 - Point

Der Historiker Patrice Gueniffey, Schüler von Francois Furet, hat ein viel beachtetes Buch über den 18. Brumaire geschrieben. Mit diesem demokratischen Staatsstreich habe Napoleon III. die revolutionären Errungenschaften gerettet - so wie de Gaulle am 13. Mai 1956 die Republik rettete, resümiert Le Point die Hauptthese. Im Gespräch über sein Buch erklärt Gueniffey: "Die französische Revolution ist der Augenblick, in dem sich die Vereinigung von humanitärem Mitgefühl und Ressentiment vollzieht. Dieser Mischung aus brüderlicher Freundschaft, Mitleid mit den Schwachen und sehr starkem sozialem Ressentiment entspringt die terroristische Gewalt. Und diese sehr französische Allianz von menschlichem Wohlwollen und aus dem Ressentiment geborenem Hass wirkt bis heute weiter?" Das Wesen der reifen Demokratie beschreibt Patrice Gueniffey so: "Keiner glaubt daran, aber niemand denkt daran, sie zu verwerfen. Auch in Frankreich nicht, doch hier existiert die revolutionäre Leidenschaft in Form eines bitteren Hintergrundrauschens, das eines Tages, zumindest wenn die Umstände danach sind, die wieder zu einer jener Episoden führen könnten, an denen die französische Geschichte so reich ist."

In der sehr lesenswerten Internetzeitschrift La vie des idees hat Gueniffey einen großen Essay über Francois Furet und Napoleon vorgelegt.

Magazinrundschau vom 03.06.2008 - Point

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy will Werbung im französischen Staatsfernsehen verbieten. 840 Millionen Euro gehen den Sendern dadurch verloren. "SOS" ruft Bernard-Henri Levy deshalb in seinen Bloc-notes und dekliniert durch, was diese "bekloppte" Initiative für das Fernsehen bedeute: Neben der Erhöhung von Fernsehgebühren und Steuern für Mediengeräte eine "absurde" Besteuerung des zu erwartenden Werbezuwachses bei den Privatsendern. "Die Situation ist alarmierend. (...) Das einzige Mittel besteht darin, ein langfristiges wirtschaftliches Modell zu ersinnen, das es erlaubt, neben einem Sender, den ich gut kenne - Arte - diesen Bild- und Wortbereich zu stärken, den man öffentlich-rechtlich nennt - und dessen Dekonstruktion politisch, kulturell und moralisch katastrophal wäre."

Magazinrundschau vom 20.05.2008 - Point

In seinen Bloc-notes legt Bernard-Henri Levy die Diktatur in Burma unters Mikroskop und analysiert ihre Erscheinungsformen und Eigenschaften, von taub und autistisch über rassistisch bis mafiotisch und "ubuesk": "Die Diktatur ist nicht nur grausam, sie ist verrückt, pathologisch verrückt und derzeit paranoid, und das ist der andere Schlüssel zu diesem wahnwitzigen Regime, das sein Volk lieber sterben lässt, statt Ärzte ohne Grenzen seine Pforten zu öffnen: die humanitären Helfer wären Spione, wollten nur ins Land, um es zu destabilisieren und ruinieren, und die Pakete der Lebensmittelhilfe enthielten tödlichere Gifte als die verwesenden Leichen, die im Flussdelta des Irrawaddy herumschwimmen - diese kranken Irren, diese Kretins sind wirklich und wahrhaftig davon überzeugt. (...) Seltene Laborbedingungen. Es geschieht nicht häufig, dass man eine Diktatur auf so chemisch reine Weise funktionieren sehen kann."

Magazinrundschau vom 29.04.2008 - Point

Am 2. Mai wird Claude Levi-Strauss 100 Jahre alt. Pierre-Henri Tavoillot würdigt den Ethnologen und Anthropologen als einen Wissenschaftler, der mit dem Strukturalismus unser Denken revolutioniert habe. "Der erste unbestreitbare Beitrag von Levi-Strauss besteht darin, mit der ethnozentristischen Sichtweise aufgeräumt zu haben, die von der marxistischen Geschichtsphilosophie noch immer verbreitet wurde: Die 'Primitiven' seien eine 'kulturell unterentwickelte' Stufe der Menschheit. Heute, wo die Aufwertung der Identitäten und Unterschiede zu einem Dogma geworden ist, hat man Mühe, die Bedeutung dieser Kritik zu ermessen."

Zusätzlich geben zwei Philosophen und ein Neurobiologe Auskunft darüber, was sie von Levi-Strauss gelernt haben. Der Philosoph und Linguist Tzvetan Todorov meint: "Levi-Strauss verkörpert heute für mich die Möglichkeit, sich über die traditionelle Trennung zwischen Gelehrtem und Künstler hinwegzusetzen. Es gelang ihm zu beweisen, dass das mythische Denken nicht weniger scharf ist als das der Gelehrten."
Stichwörter: Levi-Strauss, Claude

Magazinrundschau vom 22.04.2008 - Point

In seinen Bloc-notes mahnt Bernard-Henri Levy erneut, über dem Engagement für Tibet nicht Darfur zu vergessen. "Dieser Solidaritätsschub, den die Freunde Tibets und der tibetischen Sache zu mobilisieren wussten, diese schöne Wut, die folgte und von den dumpfen und erinnerungslosen Bürokraten, die China regieren, unterschätzt wurde, in einem Wort das Bewusstwerden des Skandals, den, sofern sich nichts ändert, allein die Tatsache von Olympischen Spielen in Peking darstellt, sollte uns klarmachen, dass all das auch die vergessenen Märtyrer von Darfur betrifft. Es gibt zwei Bedingungen, die ein Demokrat, der diesen Namen verdient, stellen muss, bevor er diese neuen Spiele der Schande akzeptiert: die Beendigung der Repression in Lhasa und die Beendigung des Blutbads in Darfur. Ein freies Tibet - einverstanden. Aber vergesst bitte Darfur nicht."

Magazinrundschau vom 08.04.2008 - Point

Bernard-Henri Levy hat im Netz den anti-islamischen Film "Fitna" des niederländischen Rechtspolitikers Geert Wilders gesehen und findet ihn schlicht "vulgär und nichtig". Dennoch sei er beiläufig durchaus nützlich. "Er ermöglicht in der aktuellen Debatte über den Islam zu unterscheiden, was nichtig ist und was nicht (...) Wenn dieser Film hassenswert ist, dann weniger, weil sein Schnitt im Prinzip abwechselnd Suren und Horrorbilder zeigt, sondern weil er behauptet, dass der Koran als solcher Quelle der Barbarei sei und obendrein, dass es keine andere Wahl als die Konfrontation mit ihm gebe. Ein guter Film über den Islam wäre einer, der im eigentlichen Sinn der Kritik stattdessen auswählte zwischen dem, was im Text oder den ihm folgenden Gebräuchen Quelle der Gewalt ist, und dem, was im Gegensatz dazu im Sinne des Friedens und der Erhebung der Seelen ist - jene Form der Arbeit also, weder mehr noch weniger, mit der Juden und die Christen in der Vergangenheit ihren eigenen heiligen Text untersucht haben. Moderater contra radikaler Islam? Islam der Aufklärung gegen jene Karikatur, die der fundamentalistische Islam darstellt? Genau. Die große Frage dieser Tage. Der einzige Zusammenprall der Kulturen, der zählt."