Magazinrundschau - Archiv

Le point

157 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 16

Magazinrundschau vom 15.01.2008 - Point

Als "Gegengift zur Depression" empfiehlt der Philosoph Frederic Worms die (Wieder)Lektüre des Philosophen Henri Bergson. Worms, Herausgeber einer kritischen Neuausgabe von Bergsons Schriften bei PUF, hält dessen Analysen des Bewusstseins und eines schöpferischen Lebens für aktuell und sehr nützlich: "Das Paradox des Menschen ist, dass seine Intelligenz, der schönste Erfolg seines Lebens, ihn dem Leben auch entfremdet. Die Intelligenz ist ihrem Wesen nach depressiv, weil sie sich die Risiken vergegenwärtigt, den Tod... Der Mensch ist daher ein depressives Tier. Nicht zufällig ist die Depression, ebenso wie die freudsche Neurose, die Krankheit des Jahrhunderts. Zum Leben zurückzukehren heißt gleichermaßen, dessen Zwängen und Ungewissheiten, aber auch seinen Neuerungen, seiner Kreativität und seinen Freuden zu wiederzubegegnen. Gerade diese Polarität unseres Lebens und Denkens ist aktuell. Man findet sie bei Freud wieder. Freud ermöglicht uns, die inneren Konflikte zu verstehen, Bergson dagegen hilft uns, uns selbst wiederzuerlangen."

Magazinrundschau vom 29.12.2007 - Point

Bernard-Henri Levy hält in seiner Kolumne beharrlich an einem Thema fest, das - wie noch jede völkermordähnliche Aktion in den letzten hundert Jahren - Schwierigkeiten hat, in die öffentliche Wahrnehmung zu gelangen: Darfur. Die Meldung der Woche ist für ihn, dass Abdul Wahid al-Nour aus Frankreich ausgewiesen werden soll, falls er sich weiterhin weigert, an Friedensgesprächen in Libyen teilzunehmen. Al-Nour vertritt die Sudanesische Befreiungsarmee. Zur Frage, ob er die Verhandlungen zu Recht verweigert, will BHL nicht Stellung nehmen: "Das Wichtige ist vielmehr, dass wir hier einen Menschen vor uns haben, der den in Khartum herrschenden Anhängern des Dschihad und der Scharia, einen gemäßigten, aufgeklärten und laizistischen Islam entgegenhält. Und das Paradox, der Skandal, wäre, dass ausgerechnet dieser Liberale und Anhänger der mageren Internationale eines antiislamistischen Islams als der Verantwortliche der Krise behandelt und vom 'Vaterland der Menschenrechte' wie ein Pestkranker behandelt und verjagt wird."

Magazinrundschau vom 13.11.2007 - Point

Vielleicht werde man dieses Buch einmal studieren, wie man heute Platons "Politeia" lese, prognostiziert Le Point - die Rede ist von der Studie "L'Avenement de la democratie" des Philosophen Marcel Gauchet, deren erste beide Teilbände in dieser Woche bei Grasset erscheinen ("La Revolution moderne" und "La Crise du liberalisme, 1880-1914"). In einem Interview antwortet der Autor auf die Frage, ob er das Geheimnis der Demokratie nun durchdrungen habe: "Sagen wir, ich versuche das Genom dieses seltsamen Organismus namens Demokratie zu entschlüsseln und den eigentlichen Gehalt seiner Dynamik zu bestimmen. In gewisser Weise greife ich die tocquevillesche Fragestellung auf, indem ich sie erweitere und zuspitze. Die Gleichheit von Bedingungen ist allerdings nur ein Aspekt des Phänomens. Das, was es am vollständigsten kennzeichnet, ist der 'Abgang der Religion'. Nicht des religiösen Glaubens, sondern ein allgemeiner Wandel der menschlichen und sozialen Welt durch den Bruch mit der Form, die die Religion ihr gab." (Auszüge aus "L?Avenement de la democratie" sind im aktuellen Nouvel Observateur zu lesen)

Magazinrundschau vom 06.11.2007 - Point

Anlässlich des Erscheinens seines Romans "Jedermann" in Frankreich gibt Philip Roth in einem Gespräch mit dem französischen Journalisten und Schriftsteller Mark Weitzmann sehr ausführlich Auskunft über seine Bücher, deren Motive und Hintergründe. Auf die eingangs gestellte Frage, was es mit seiner Konzentration auf etwas derart Triviales wie Erektion und Masturbation auf sich hätte, die sich im Roman "Portnoys Beschwerden" zu einer "Meditation" über die brutalsten und primitivsten Aspekte des Familienlebens entwickelt habe, antwortet Roth: "Die Erektion soll trivial sein? Erzählen Sie das mal Othello! Mit einem Steifen sieht natürlich jeder trivial aus. Aber Sie wissen ebenso gut wie ich, welche Ekstase und welche Verwüstungen ein erigiertes Glied anrichten kann. Wo wäre die Literatur ohne das? Wo wäre die Menschheit?"

In seinen "Bloc-notes" sieht Bernard-Henri Levy die französische Linke vor die Wahl gestellt, sich entweder völlig festzufahren oder neu zu organisieren. Und formuliert ein "Minimalprogramm für eine Linke, die sich wirklich aus ihren Trümmern erheben will: endlich von allen, wirklich allen Errungenschaften der antitotalitären Revolution des 20. Jahrhunderts Kenntnis nehmen. Das Prinzip, ohne das nichts, wirklich nichts gehen wird bei der Linken: endlich mit dem Mythos einer 'Familie' zu brechen (...) und endlich zuzugeben, dass diese 'Familie' keinen Sinn ergibt, sondern nur aus Geistern und Schimären besteht."

Magazinrundschau vom 30.10.2007 - Point

Anlässlich des Erscheinens seines Essays "Zorn und Zeit" in Frankreich ("Colere et temps", Maren Sell/Libella), erläutert der Philosoph Peter Sloterdijk im Interview seine Thesen. Ausgehend von der Beobachtung, die Rezeption des Maoismus in Europa sei der ideologische Skandal der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen, skizziert er die Rolle Frankreichs dabei folgendermaßen: "Man kann sagen, dass Frankreich der ideologische Reaktor gewesen ist, dem einige große Verirrungen des zeitgenössischen Denkens entsprungen sind, aber, man muss gerecht sein, auch Bewegungen der Selbstkorrektur dieser Verirrungen. Schließlich ist Frankreich kein Land, in dem der Irrsinn an der Macht ist, doch es produziert bemerkenswerte Mengen davon, für den Export ebenso wie für den Eigenkonsum."

Und in seinen Bloc-notes findet es Bernard-Henri Levy durchaus erlaubt, über seinen Präsidenten Sarkozy, der sich selbst so gern in Szene setzt und durch seine Scheidungsgeschichte nun einen herben Kontrollverlust erlitten hat, "erschüttert" zu sein.

Magazinrundschau vom 23.10.2007 - Point

Der Anthropologe und Philosoph Rene Girard hat bei seiner Lektüre des Militärstrategen Clausewitz erstaunliche Parallelen zu seinen eigenen Thesen ausgemacht. In seinem Buch "Achever Clausewitz" (Carnets nord) liefert er eine düstere Gesellschaftsanalyse, die er im Interview mit Elisabeth Levy so formuliert: "Die Weltkriege markierten eine Etappe im Steilflug hin zu Extremen. Der 11. September 2001 war der Beginn einer neuen Phase. Der derzeitige Terrorismus muss noch durchdacht werden. Man begreift noch immer nicht, dass ein Terrorist bereit ist zu sterben, um Amerikaner, Israelis oder Iraker umzubringen. Das Neue im Vergleich zum westlichen Heroismus besteht darin, dass Leid und Tod verlangt werden, notfalls indem man beides selbst erfährt. Die Amerikaner haben den Fehler gemacht, Al-Qaida 'den Krieg zu erklären', obwohl man nicht einmal weiß, ob Al-Qaida überhaupt existiert. Die Ära der Kriege ist vorüber: Von nun an herrscht überall Krieg. Wir sind in eine Ära universellen Handelns eingetreten. Es gibt keine intelligente Politik mehr. Wir sind so gut wie am Ende."

In seinen Bloc-notes bekräftigt Bernard-Henri Levy noch einmal seine Haltung zu Burma und watscht Sarkozy bezüglich seiner neuerdings recht laxen Haltung zur Menschrechtsfrage in Russland ab: "Welcher Sinneswandel! Und so schnell!"

Magazinrundschau vom 25.09.2007 - Point

"Stoppt Hortefeux!" fordert Bernard-Henri Levy in seinen Bloc-notes, in denen er sich über Maßnahmen des Einwanderungsministers Brice Hortefeux - darunter DNA-Tests bei Einwanderern zur Feststellung von Familienzusammenghörigkeiten - aufregt. "Die zweite, vielleicht noch schlimmere Sache desselben Ministers ist seine Vorladung eines 'Dutzends' von Präfekten, die 'nicht auf die Anzahl' gekommen sind - das heißt: die nicht die Anzahl an Ausweisungen von illegalen Einwanderer vorwiesen, die für die Zielvorgabe von 25.000 Ausweisungen pro Jahr gefordert sind... Alles an dieser Geschichte ist unerträglich. Allein die Idee der Anzahl. Eine Zahl, wo sie nicht hingehört. Die Tatsache, dass Menschen wie Fleischstücke behandelt werden, wie Waren. Diese Sprache der Statistik und Technik in einem Bereich der Politik."
Stichwörter: Levy, Bernard-Henri

Magazinrundschau vom 18.09.2007 - Point

Der Anthropologe und Islamexperte Malek Chebel, Verfechter eines aufgeklärten Islam, engagiert sich in seinem jüngsten Buch gegen die in vielen islamischen Staaten herrschende Form moderner Sklaverei ("L'Esclavage en terre d'Islam. Un tabou bien garde", Fayard). Das Thema der vor allem aus Asien stammenden "Wirtschaftssklaven" etwa in Saudi-Arabien oder Dubai haben vor ihm schon andere thematisiert, Chabel glaubt aber, dass seine Stimme mehr Gewicht habe, weil er selbst Muslim ist. Im Gespräch erklärt er : "Das Thema ist ein Tabu im Islam. Die Sklaverei ist darin derartig verinnerlicht, dass sich die Versklavten selbst weigern zuzugeben, dass sie es sind. (...) Die Sklaverei steht im Widerspruch zu den Grundsätzen der islamischen Religion. Man könnte sagen, dass der Islam ein Opfer seiner Kultur der Sklavenhalterei ist. Es wird Zeit, die Heuchlerei derer anzuprangern, die sich zum Islam bekennen und gleichzeitig seinen Geist verletzen, indem sie andere Menschen auf Knechte reduzieren."

Auch im aktuellen Nouvel Observateur stellt Chebel seine Thesen vor, ergänzt um einen Appell an die muslimischen Führer, den "grauen" Markt der Sklaverei in ihren Ländern zu beenden. "Sie sollten wissen, dass wir viele sind, Intellektuelle und muslimische Bürger, entschlossen, Sie in Ihren Initiativen zu unterstützen."

Bernard-Henri Levy meldet sich aus der Sommerpause zurück und räsoniert in seinen Bloc-notes über den eigenwilligen Republikanismus-Begriff, den Regis Debray in seinem neuen Buch "L'obscenite democratique" (Flammarion) ausbreitet. Demnach sei dessen Traum eine Welt, "in der man endlich gemeinsam träumen, lachen und schaudern kann, Millionen Köpfe, ein Körper". Levy schaudert es tatsächlich: "Bei der Vorstellung von 'einem Körper' für 'Millionen Köpfe', diesem Gehabe, um jeden Preis 'gemeinsam träumen' zu wollen, also einer für den anderen, dieser Manie, unsere irreduzibelste Privatheit um jeden Preis kollektivieren zu wollen, läuft es mir kalt den Rücken runter."

Magazinrundschau vom 03.07.2007 - Point

In einem Interview spricht der kanadische Politologe und Philosoph Charles Taylor, dessen Theorien unter anderem auch Tony Blair und Bill Clinton inspiriert haben, über sein Kernthema, den Kommunitarismus. Auf die Frage, ob seine Formel von der "Suche nach sich selbst" nicht reiner Narzissmus sei, antwortet er: "Wie der deutsche Philosoph Herder schon im 18. Jahrhundert schrieb, will jedes menschliche Individuum entsprechend seinem eigenen Maßstab leben. Das ist, was ich 'Suche nach Authentizität' nenne. Das Problem dabei besteht nicht darin, zu bewerten, sondern realistisch zu sein. Meine These ist, dass wenn man unsere Gesellschaften verstehen will, man diesem Bedürfnis nach Authentizität Rechnung tragen muss. Nehmen wir noch einmal den Fall der Homosexuellen: Das Problem besteht nicht darin zu bewerten, ob es gut oder schlecht ist, dass ein Mann bis ans Ende zu seinem Verlangen nach einem anderen Mann steht. Das Wichtige ist, dass er das Recht einfordert, als solcher anerkannt zu werden. Er will nicht, dass die Gesellschaft ihn an seiner Identitätssuche hindert, und er ist bereit, dafür in seiner Gemeinschaft zu kämpfen."

Magazinrundschau vom 19.06.2007 - Point

Beharrlich thematisiert Bernard-Henri Levy in seinen Bloc-notes das Thema Darfur und schaut dem französischen Außenminister Bernard Kouchner ebenso beharrlich auf die Finger. "Da gibt es diesen ehemaligen Arzt ohne Grenzen, der sich in einen Couch-Geostrategen verwandelt hat und der im Journal du Dimanche vergangener Woche alle Mühe hatte, den Anhängern einer politischen Druckausübung auf die Herren von Khartum und damit auf ihre chinesischen Beschützer zu erklären, dass es sich in Darfur um Sudanesen handele, die andere Sudanesen töteten, und dass Peking mit diesen innersudanesischen Massakern 'nichts zu tun' habe: Das heißt, alle im Sicherheitsrat durch Stimmenthaltung oder Veto Chinas abgeblockten Resolutionen als unwichtig abzutun; das heißt, eine Tragödie zu reethnisieren, deren im Gegenteil zutiefst politische Dimension man sehen muss; das heißt, erneut die schmutzige kleine Melodie von Stammes- und Regional-, ganz zu schweigen von Rassenkriegen anzustimmen, diesem Alibi für alle Untätigkeiten, die dem Westen angeblich keine andere Pflicht aufbürden, als seine Hände in Unschuld zu waschen..."