Magazinrundschau - Archiv

Prospect

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Magazinrundschau vom 15.10.2013 - Prospect

Frank Close freut sich über den Nobelpreis für Peter Higgs, der 48 Jahre warten musste, bis seine Theorie experimentell bestätigt werden konnte: "'Es ist leichter, Shakespeare oder Beethoven zu sein, als ein theoretischer Physiker', so stellte ich Higgs dem Publikum des Borders Book Festival in Melrose im Juni 2012 vor. Da ich mich in Schottland befand, mutmaßte ich, dass man selbst dann noch ein wundervolles Kunstwerk vor sich hätte, wenn man 'Macbeth' oder Mendelssohns 'Hebriden' geringfügig ändern würde. Tauschte man jedoch auch nur eine Handvoll mickriger Symbole in Peter Higgs' Gleichungen aus, kommen sie vollständig zum Erliegen. Seine Theorie ist aufregend konzeptionell, errichtet auf der Grundlage schöner mathematischer Strukturen. Hätte man hier eine Symphonie vor sich oder ein Werk der Literatur, hätte man ihren Wert schon vor Jahrzehnten erkannt. Doch der tatsächliche Wert einer physikalischen Theorie sollte nicht von der öffentlichen Meinung festgelegt werden, sondern auf Grundlage experimenteller Erprobung."

Außerdem erklärt David Isaacs, warum sich Cormac McCarthys Romane trotz ihrer filmartigen Ästhetik so schwer verfilmen lassen warum Ridley Scotts neuer, von McCarthy geschriebener Film "The Counselor" es dem Publikum zwar nicht leicht macht, aber "wenigstens rein filmisch" ist. James Woodall schlendert durch die große Paul-Klee-Ausstellung in der Tate Modern.


Magazinrundschau vom 01.10.2013 - Prospect

Es ist wirklich sagenhaft, mit welcher Konsequenz britische Magazine das Ausspionieren der eigenen Bevölkerung durch ihre Regierung ignorieren. Zum NSA-GCHQ-Skandal jedenfalls in Prospect kein Wort. Lieber guckt man Fernsehen! Sehr skeptisch ist Richard Beck, was den in zahlreichen Büchern, Magazin- und Zeitungsartikeln beschriebenen Quality-TV-Hype der letzten Jahre betrifft. Nicht nur hält er das Qualitätsmerkmal, dass heutige Serien mit literarisch langem Atem statt episodisch abgeschlossen erzählen, für gar so neu nicht. Auch ist er der Ansicht, dass um Antihelden gruppierte Serien wie "Dexter" und "Breaking Bad" keineswegs so frei und kühn in der Zeichnung ihrer Charaktere sind, wie ihnen das üblicherweise zugute gehalten wird. Er sieht darin vor allem eine demografische Zuspitzung: "Diese Figuren treten genau in dem Moment auf, als die Kabelsender (...) davon ablassen, das maximal größte Publikum zu adressieren. Stattdessen wenden sie sich nun, wie Brett Martin seinem Buch 'Difficult Men' schreibt, 'an spezifische, klar umrissene Bevölkerungsgruppen: wohlhabend, jung, qualifiziert, männlich und so weiter.' Trotz seiner bescheidenen Größe kann dieses Zielpublikum für Werbepartner sehr attraktiv sein, weshalb alle Prestige-Serien gut qualifizierte Profis umgarnen. Leute also, die viel arbeiten und ein Gutteil ihrer sozialen Identität in ihre Karrieren investieren."

Nach der gerade ausgestrahlten, letzten Folge von "Breaking Bad" entgegnet David Herman jedoch: "Die zunehmend verzweifelten Versuche von Walts Bewunderern, ihn zu verteidigen, zeigen uns, wie sehr wir alle am Bild des Helden festhalten, des Familienmenschen, des offensichtlich guten Mannes, der schwere Zeiten durchmacht. Wie Faust ist auch er für seinen Pakt mit dem Teufel verdammt worden. Doch all diese Tweets und E-Mails erzählen uns eine größere Wahrheit über das Amerika von heute. Der Zorn der amerikanischen, weißen (und insbesondere männlichen) Mittelklasse ist real. Die Welt guter Leute wurde auf den Kopf gestellt und es ist keineswegs klar, wie sie darauf reagieren. 'Breaking Bad' ist das große Drama darüber, was Amerika zu unseren Lebzeiten widerfahren ist."
Stichwörter: Faust, GCHQ, Hypes, Mittelklasse, Zeichnung

Magazinrundschau vom 23.07.2013 - Prospect

Menzies Campbell verspricht sich einiges von Irans neuem Präsidenten Hassan Rouhani: Dieser "besteht darauf, dass ein konstruktiver Ausgleich zwischen den Interessen des eigenen Landes und denen in Übersee erzielt werden kann; dass er zugleich Irans islamische Tradition bewahren und den staatlichen Zugriff hinsichtlich Medienzensur, sexueller Diskriminierung und Bürgerrechte lockern kann; dass er mit dem Westen in Verhandlungen treten kann, ohne Irans Nuklearprogramm aufzugeben. Nach seiner Wahl unterstrich er seine innen- und außenpolitische Positionen: 'Weder Unterwerfung noch Konfliktsuche, weder Passivität noch Säbelrasseln. Eine gemäßigte Haltung ist für das Zusammenspiel effektiv und konstruktiv.'"

Außerdem: Ein umfangreiches Porträt der neuen UN-Botschafterin der USA, Samantha Power, die für ihr besonders moralisches Auftreten bekannt, für ihre Position gegenüber Israel allerdings berüchtigt ist (mehr dazu hier und hier).

Magazinrundschau vom 25.06.2013 - Prospect

Wie kommt nur sein Umfeld damit klar? Der Literaturtheoretiker Terry Eagleton ist jedenfalls sehr stolz auf seinen analog-fundamentalistischen Digitalverzicht und verkündet (wenn auch cum grano salis), noch nie in seinem Leben E-Mail genutzt zu haben. Eine gewisse kulturkritische Eitelkeit lässt sich dem nicht absprechen: "Vor allen Dingen ist Sprache eine Art und Weise der Geselligkeit und erst an zweiter Stelle ein Mittel, um Dinge zu erledigen. Deshalb ist das Paradigma menschlicher Kommunikation auch nicht die Werbeagentur, sondern die Kneipe. Steve Jobs' letzte Worte sollen angeblich 'Oh wow, oh wow, oh wow' gewesen sein. Wenn ich an König Lear zurückdenke, fällt es mir schwer, nicht zu spüren, dass da etwas verloren gegangen ist." (So fundamental ist Eagletons Verzicht im übrigen nicht: Bei der Universität Lancaster ist seine E-Mailadresse hinterlegt. Wie praktisch für den Netzasketen, wenn eine Sekretärin den Job erledigt.)

Magazinrundschau vom 28.05.2013 - Prospect

Martin Innes und Dennis O'Connor unterziehen jüngere Methoden der Polizeiarbeit einer eingehenderen Betrachtung und stellen dabei fest, dass die Polizei neben der klassischen Ermittlerarbeit nach einem Verbrechen sich auch zusehends für Konzepte zur Verbrechensverhinderung durch prognostische Tools interessiert. Kann die Polizei also bald in die Zukunft sehen, wie es sich das Science-Fiction-Kino schon lange vorstellt? "Neue Methoden des Data-Minings und verbesserte Analysewerkzeuge gestatten mittlerweile deutlich frühere Interventionen, zum Beispiel anhand von Berichten verdächtiger Tätigkeiten auf dem Feld der Verbrechensfinanzierung. ... Zwar entspricht dies kaum den 'pre-crime'-Methoden aus 'Minority Report', wohl aber einer Verlagerung weg von der Problemlösung hin zum Problemaufspürung. ... Für die Polizei geht dieser Wandel mit großen Herausforderungen einher, darunter etwa, wie manmit sich unweigerlich ergebenden 'Falschpositiven' (die falsche Prognose, dass ein Verbrechen stattfinden wird) und 'Falschnegativen' (die falsche Prognose, dass kein Verbrechen stattfinden wird) umgehen soll. Auch gibt es das Phänomen, das der Philosoph Ian Hacking 'die Loopeffekte der Menschheit' genannt hat: Menschliches Verhalten passt sich den Interventionen an und reagiert darauf, mit der Folge, dass die Effektivität erfolgreicher Präventionsmaßnahmen im Laufe der Zeit abnimmt."
Stichwörter: Hacking, Polizeiarbeit, Tool

Magazinrundschau vom 16.04.2013 - Prospect

Im Blog von Prospect unterzieht der Japanologe John Swenson-Wright die Provokationen Nordkoreas einer genaueren Betrachtung. Dass das Führungspersonal des Staats schlicht durchgeknallt ist oder sich Kim Jong-Un mit Drohgebärden den Respekt seiner Generäle verschaffen will, hält er zwar für zulässige, aber nicht völlig überzeugende Interpretationen. Seinen Zuschlag erfährt die Sichtweise, in der der Norden "sich in einer sorgfältig choreografierten Schrittabfolge mit der Absicht bewegt, seine nationalen Interessen zu befördern - eine von historischen Tatsachen gestützte Ansicht. Kürzlich veröffentlichtes Archivmaterial aus Nixons Präsidentschaftszeit belegt, dass sich wechselnde US-Regierungen immer wieder mit einem Nordkorea konfrontiert sahen, das sich rationalen, kalkulierten Mustern 'strategischer Provokationen' bediente, um die USA zu direkten Verhandlungen zu drängen und im Zuge weitere Zugeständnisse, ob nun diplomatischer oder wirtschaftlicher Natur, durchzusetzen. In diesem Zusammenhang ähnelt Nordkorea einem 'Theaterstaat'."

Außerdem im Blog des Magazins: Andrew Roberts beobachtet ein gesteigertes Interesse am Thatcherismus.
Stichwörter: Nordkorea, Kim Jong-Un

Magazinrundschau vom 08.01.2013 - Prospect

Auch die Finanzkrise von 2008 hat dem Trend zur Kapitalakkumulation unter Superreichen nichts anhaben können, beobachtet Andrew Adonis, der eine neue Plutokratie heraufdämmern sieht. Dagegen wünscht er sich einen neuen Klassenkampf des 21. Jahrhunderts: "Eine große und zu selten diskutierte Frage ist die nach der Kompatibilität dieser Plutokratie mit der modernen Demokratie. Diese Angelegenheit ist noch drängender als die der zunehmenden Konzentration von Reichtum innerhalb einer Gesellschaft im Großen und Ganzen. Es geht dabei auch um den politischen Status dieser neuen Klasse von Superreichen und deren Fähigkeit, Gesetz und Gesellschaft nach eigenen Vorstellungen zu formen. ... Das Scheitern der Öffentlichkeit, die wilderen gierigen Exzesse der Konzerne zu zügeln, die den Großteil der heutigen Plutokratie hervorbringen und unterhalten, ist eine zentrale Herausforderung für die fortschrittliche Politik des kommenden Jahrzehnts. Die heutigen Superreichen sind der Ansicht, dass ihnen ihr Reichtum zusteht, darin der britischen Aristokratie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts nicht unähnlich, die so festentschlossen gegen den Aufstieg der Demokratie gekämpft hatte."

Magazinrundschau vom 18.12.2012 - Prospect

Voller Entzücken durchstreift Wendy Lesser mit Carolyn Abbates und Roger Parkers "400 Jahre Operngeschichte", die gleichzeitig die Geschichte einer "der sonderbarsten Unterhaltungsformen auf diesem Planeten" ist. "Ihre überzeichneten Figuren gleichen lebenden Menschen nur geringfügig und die Geschichten sind oft haarsträubend. Und doch verlangt die Oper von ihren Zuschauern echte Anteilnahme, wirkliche Sympathie, sogar echte Tränen. Mütter scheitern regelmäßig daran ihre Söhne, Schwestern daran ihre Brüder und Gatten daran ihre Gattinnen zu erkennen, doch von uns wird auf Distanz hunderter von Metern erwartet, all die dünnen Verkleidungen zu durchschauen. Frauen verkleiden sich als Männer, die als Frauen verkleidet sind - in erster Linie um mit anderen Frauen Liebe zu machen -, und keinen kümmert's. Und um es auf die Spitze zu treiben, singen alle ihre Zeilen: nicht so, wie du und ich singen würden, im Modus zwischen Schlaf- und Volkslied, sondern unmenschlich, extrem, mit einer sichtbaren Kenntnis ihrer eigenen, bemerkenswerten Leistung."

Außerdem: Ehud Barak lobt die Zähigkeit der Bevölkerung in Israel und unterstreicht die Bedrohung des Landes durch einen nuklear aufgerüsteten Iran. Ganz Deutschland liegt Angela Merkel zu Füßen, erklärt Katinka Barysch ihren Lesern. Noch kann man die Erderwärmung aufhalten, mahnt Stanley Johnson.

Magazinrundschau vom 20.11.2012 - Prospect

Ganz und gar nicht überraschend findet es Tom Carver, dass Jimmy Savile vierzig Jahre lang mit seinem Kindesmissbrauch hinter den Kulissen der BBC davon kam. In den Siebzigern wuchs er "mit Saviles Sendung 'Jim'll fix it' auf. Auch wuchs ich mit 'schmierigen alten Männern' auf. Solche Lustmolche, wie man sie nannte, waren eine übliche Bedrohung für einen elf Jahre alten Jungen im Jahr 1972. Sie waren die 'schmierigen alten Männer', die bei den öffentlichen Toiletten in meiner Heimatstadt herumlungerten. Sie waren die Exhibitionisten. ... Es war nicht so, als ob wir nichts über sie gewusst hätten; meine Eltern warnten mich gelegentlich, zu ihnen Abstand zu halten, und wer ein 'schmieriger alter Mann' war und wer nicht, regte meine Freunde und mich zu vielen Spekulationen an. Seltsam nur, wenn man zurückblickt, dass niemand etwas gegen diese Leute unternahm. Man behandelte sie wie ein natürliches Hindernis, dem man als prä-pubertärer Junge irgendwie ausweichen musste, so wie man mit einem Auto Baustellen umfährt. Wir beschwerten uns über sie, aber sie wurden als irritierende Tatsache des Lebens gesehen." Die ebenso Teil des Establishements war, so Carver, wie auch Teil der sexuellen Revolution der Sechziger und Siebziger.

Weiteres: Mark Mazower liest Alan Ryans neues Buch über die Geschichte der politischen Philosophie. Außerdem singt Hephzibah Anderson ein Loblied auf Klischees.

Magazinrundschau vom 06.11.2012 - Prospect

Edward Docx bestaunt nahe des Reichenbachfalls in der Schweiz viktorianisch gekleidetes Volk aus aller Welt - und mittendrin ein Meisterdetektiv: Hier wird gerade Sherlock Holmes' (vorläufiger) Tod möglichst akkurat nachgestellt. Den Reporter lässt solcher Aufwand über Holmes' ungebrochene Popularität sinnieren: "Conan Doyle hinterließ uns einen Charakter, dessen Wirkung so mächtig ist, weil er sowohl ein universeller Jedermann als auch ein beeindruckend eigenständiges Individuum ist. Man bedenke: Holmes entspringt weder der Elite, noch der Unter- oder der Mittelschicht. Er ist ein Insider, doch zugleich ein Außenseiter. Wir wissen nichts von seiner Bildung, beinahe nichts über seine Kindheit, sehr wenig über seine Ansichten, Erfahrungen oder Gefühle im Hinblick auf die etwa ein Dutzend grundierenden Themen, anhand derer ein Schriftsteller eine Figur entwickelt. Holmes hat keinen Beruf, außer dem, den er begründet hat. Er ist weder in einem Geschäft, noch vom Staat angestellt, und schmäht regelmäßig beider Gesetze und Prinzipien. Er bildet keine Bindungen, doch interagiert er stets mit der selben Gelassenheit, ganz gleich ob er sich in der Gesellschaft von Bengeln oder Königen befindet." Bei der BBC finden wir unterdessen einen Videobeitrag zur Nachstellung der Reichenbachfall-Szene.