Magazinrundschau - Archiv

The Times Literary Supplement

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Magazinrundschau vom 12.04.2005 - Times Literary Supplement

Unter kundiger Führung von Jon Fjeldsa taucht Peter Stothard in die skurrile Welt der Taucher ein, eine von der Forschung aus nicht nachvollziehbaren Gründen bisher stiefmütterlich behandelte Familie von Wasservögeln. Der große Haubentaucher (so sieht er aus und so hört er sich an) wurde schon von Evelyn Waugh zum Patron der Journalisten gekürt. Zu seinen unappetitlicheren Gewohnheiten zählt auch, Federn vom eigenen oder den Rücken seiner Gefährten zu fressen. Damit nicht genug. "Die drehbaren Zehen unterscheiden sich völlig von denen anderer Wasservögel und sind 'wahrscheinlich sehr viel effektiver', erklärt der dänische Professor für Biodiversität Jon Fjeldsa. Die 22 Arten von Tauchern haben auch mehr Federn als die meisten anderen Vögel (20.000 bei den Großen Haubentauchern) und können deshalb auch einige für ihre einzigartigen Essgewohnheiten entbehren. Nur vier der 8.178 Federn, die in einer Studie untersucht wurden, stammen von anderen Spezies ab. Die Lebensart der Taucher zieht mehr Parasiten an als die jedes anderen Vogels, was erklären mag, warum er diese rachenscheuernden Federn eigentlich frisst."

Julia Lovell kann Mo Yans neuem Roman "Big Breasts and Wide Hips" so überhaupt nichts abgewinnen, auch oder eben weil Brüste eine so tragende Rolle spielen, die eigentlich gewollte kritische Revision der kommunistischen Geschichte Chinas aber zu kurz kommt. Anscheinend steckt die ganze kreative Energie des bisher gefeierten Schriftstellers in der Umschreibung des Leitmotivs. "Manche sind einfach groß, manche 'hoch', 'ragend', 'keck', 'delikat, lieblich, kess', dann wieder unwahrscheinlich mobil, 'mit leicht nach oben gewandten Nippeln, so flink wie das Maul eines Igels'. Ein Ensemble wird als Paar 'glücklicher weißer Tauben' beschrieben, andere sind 'wie Opiumblumen oder Schmetterlingstäler'; eines erinnert schließlich an 'ein kleines rotäugiges Kaninchen'."

Weitere Besprechungen: "Charmanterweise", meint Tim Hames zu Roy Douglas' Geschichte der liberalen Parteien in England, ist dieses Buch "sowohl ein sehr liberales als auch ein recht konservatives Werk". Douglas biete aus der Perspektive der liberalen Partei (hier der aktuelle Vertreter) heraus eine "ziemlich überzeugende Einschätzung der Grundzüge der politischen Entwicklung in England der vergangenen 150 Jahre. Michael Podro bespricht den Katalog zur Ausstellung der Londoner Bilder des Malers John Virtue in der National Gallery. Leider nur im Print (Inhaltsverzeichnis) sind Rezensionen zu Mark Leonards Hymne auf Europa als führender Kontinent der Zukunft oder Strobe Talbotts Studie über das strategische Gewicht Indiens zu lesen.

Magazinrundschau vom 22.03.2005 - Times Literary Supplement

"Lieber mit Bernard-Henri Levy irren, als mit Philippe Cohen recht behalten", will Frederic Raphael, der die französische Debatte um den Star-Philosophen aufgreift. In seinem Buch "BHL" hatte Cohen Levy als intellektuellen Abenteurer und mittelmäßigen Philosophen gebrandmarkt, der nicht einmal eine eigene Theorie zustande gebracht habe. Frederic Raphael bezweifelt, dass Cohens Argumente in Großbritannien schlagen: "Cohens Vorwürfe basieren auf Annahmen, deren negative Anklänge schwerlich über den Kanal reichen dürften. Das Entwerfen von Konzepten, das Vorlegen von Theorien und die Vorstellung von intellektuellen Entdeckungen sind genauso oft die Kennzeichen falscher Propheten und eitler Kritiker wie die innovativer Bedeutung. Wenn BHL, dem König der nouveaux philosophes, ein Anti-Anti-Amerikanismus und die Ablehnung der 'clotures' (der nationalen und sozio-kulturellen Abschottung) vorgeworfen wird, dürfte er eher als willkommener Störenfried angesehen werden, denn als intellektueller Hausierer, dessen Eklektizismus ein Zeichen für mangelnde Seriösität sei."
Stichwörter: Levy, Bernard-Henri

Magazinrundschau vom 15.03.2005 - Times Literary Supplement

Antony Beevor, Autor von "Stalingrad" und "Berlin 1945" feiert das Buch des amerikanischen Historikers Stanley G. Payne "The Spanish Civil War, the Soviet Union and Communism" als "luzide und wichtige Neueinschätzung des großen Mythos, nach dem der spanische Bürgerkrieg ein Kampf zwischen Demokratie und Faschismus gewesen sei": "Der wichtigste Aspekt von Stanley Paynes Buch ist die abschreckende Mahnung, dass viele linke Führer die Aussichten auf einen Bürgerkrieg begrüßt haben. Sie glaubten irrtümlich, dass ein Konflikt zu einem wesentlichen schnelleren Sieg der Revolution führen würde als der russische Bürgerkrieg, vor allem weil sie annahmen, dass sie Hilfe von außen bekämen. Waren sie gedankenlos gegenüber dem erwartbaren schrecklichen Leiden, oder war es revolutionäre Besessenheit? Auf jeden Fall war es eine schreckliche Fehleinschätzung, die zu einer fundamentalen Unehrlichkeit führte. Der Krieg in Spanien war nie ein Kampf zwischen liberaler Demokratie und Faschismus... Es gab nur zwei Möglichkeiten: eine stalinistische Diktatur, die all ihre Rivalen innerhalb der Linke zerschmettert hätte, oder das grausame - reaktionäre, militärische und klerikale - Regime mit oberflächlich faschistischem Putz, das der siegreiche Franco zusammenbrachte."

Recht unwirsch bürstet Michael Maar Nicholas Murrays Kafka-Biografie als oberflächlich ab. Und mit Reiner Stachs Arbeit "Kafka", die allein die "Jahre der Entscheidung" zwischen 1910 und 1915 auf fast siebenhundert Seiten behandelt, meint Maar, könne sie schon gar nicht mithalten: "Zu kurz behandelt Murray das Werk selbst und seine Verbreitung zu Kafkas Lebzeiten, zu kurz auch den Erfolg nach seinem Tod. Murrays Stärke ist soziologisch; für Kafkas Metaphysik hat er wenig Gespür. Kafkas Humor, der selbst durch die gequältesten Briefe an Felice Bauer durchschimmert, registriert Murray nur am Rande. Stach ist schärfer sowohl in der Analyse als auch in der Beschreibung der ständigen Nähe zum Wahnsinn, die auf Kafka lastete."

Weiteres: Joyce Carol Oates stellt Steven Mintz' Geschcihte der amerikanischen Kindheit "Huck's Raft" vor. Und von Dan Jacobson ist seltsamerweise nur der zweite Teil der "Alan Marre Maccabbeans Centenary"-Lecture zu lesen, die er im November am University College London gehalten hat.

Magazinrundschau vom 08.02.2005 - Times Literary Supplement

Ein "intellektuelles Desaster" nennt Lesley Chamberlain in ihrem Buch "A philosophical history of Russia" die russische Philosophie der vergangenen zweihundert Jahre, moralisches Versagen will sie ihr aber nicht vorwerfen. Rezensentin Rachel Polonsky ist damit zwar nicht gänzlich einverstanden, aber doch sehr beeindruckt von dem Buch: "Es gibt keinen stabilen Algorithmus für die Beziehung zwischen Ideen und Geschichte in Russland, das Chamberlain das philosophischste Land der Welt nennt. Das Drama seiner Dialektik hat sich gewaltvoll abgespielt. Chamberlain sieht im russischen Denken weder ein Opfer der politischen Repression noch den Ursprung und Motor einer ruinösen totalitären Ideologie, sondern eine Geschichte von Hoffnung und Glauben mit eigenen inneren Impulsen, Errungenschaften und Leidenschaften. Selbstbewusst folgt sie den Fußstapfen von Isaiah Berlin, dessen intellektuelle Präsenz in Einleitung und Schluss sehr lebendig ist. In einer Kritik seines liberalen Pluralismus, die vielleicht bei seinen Anhängern auf Missfallen stoßen wird und Berlin selbst überrascht hätte, demaskiert sie ihn als 'russischen Anarchisten im milden Oxford-Gewand'."

Weiteres: Nun hat auch das TLS Stephen Greenblatts Shakespeare-Buch "Will in the World" gelesen. Alastair Fowler hält es auf jeden Fall für lesenswert, auch wenn er naserümpfend anmerkt, dass man nicht sagen könne, um welche "Sorte Buch" es sich handelt: Biografie oder Fiktion, Kritik Geschichte. Peter Barker ist mit den Essays "Body Parts" gar nicht warm geworden, in denen sich Hermione Lee mit den Schwierigkeiten beschäftigt, Informationen über ein Leben zu einer Biografie zusammenzufügen. Und Adam Bresnick sieht sich von Philip Lopates "Waterfront: A Journey Around Manhattan" kompetent durch die Peripherie der Insel geführt.

Magazinrundschau vom 01.02.2005 - Times Literary Supplement

Als großartiges Buch feiert Malise Ruthven Christopher Bellaigues Buch "In the Rose Garden of the Martyrs". Darin rechnet der Korrespondent des Economist in Teheran mit den iranischen Ayatollahs ab, deren moralische Korrumption den Schah aussehen lasse wie einen Waisenknaben. "Christopher de Bellaigue arbeitet behutsam diese anrüchige Religiosität heraus, die den modernen iranischen Staat kennzeichnet: öffentliche Gefühlsduselei verbunden mit rücksichtslosem klerikalen Machiavellismus. Geschickt stellt er brutale Fakten neben die Fantasien der Kleriker und ergreifende menschliche Realitäten und erlaubt seinem Leser damit, sein eigenes Urteil über dieses rätselhafte und womöglich gefährliche Regime zu fällen. 'In the Rose Garden of the Martyrs' ist ein wichtiges Buch, das von Anhängern und Gegnern der islamischen Republik gelesen werden sollte. Neben vielen weiteren Einsichten vermittelt es einen Sinn für den apokalytischen Eifer, der sich, nachdem er konventionell scheiterte, nun atomar zu behaupten versuchen könnte."

Besprochen werden außerdem John Updikes neuer Roman "Villages", in dessen Verlauf viel Unschuld verloren wird, vor allem weibliche, R. W. Holders Porträts großer englischer Lexikografen "The Dictionary Men" und Joakim Garffs bereits vielfach gerühmte Kierkegaard-Biografie.

Magazinrundschau vom 18.01.2005 - Times Literary Supplement

David Coward erzählt die Geschichte der Schriftstellerin Irene Nemirowsky, deren 1942, kurz vor ihrer Ermordung in Auschwitz geschriebene "Suite Francaise" ein Sensationserfolg auf dem französischen Buchmarkt ist. "Geboren wurde sie 1903 in Kiew in eine Mittelklasse-Familie. 1914 war ihr Vater, ein energischer Kapitalist, einer der reichsten Bankiers Russlands ... Doch je mehr Erfolg ihr jüdischer Ehemann hatte, umso mehr glaubte Fanny Nemirowsky, unter Stand geheiratet zu haben. Sie distanzierte sich von seinem Klan und wurde zu einer eitlen herrschsüchtigen Grand Dame mit erheblichen Defiziten in mütterlicher Fürsorge. Irene Nemirowsky lernte ihre Mutter hassen und hinterließ in ihren Romanen bittere Porträts von ihr. In ihrem Werk drückte sich aber immer wieder auch eine beträchtliche Feindschaft gegenüber Juden aus, über die sie mit 'fasziniertem Horror' schrieb, wie Myriam Anissimow in ihrer exzellenten biografische Einführung zur "Suite Francaise" beobachtet. Dabei unterschied Nemirowsky sehr genau zwischen integrierten französischen Juden, deren Werte und Sehnsüchte sie teilte, und den kosmopoliten Geschäftsmännern (wie ihrem Vater), bei denen 'die Liebe zum Geld alle andere Gefühle ersetzt hatte'."

Abgedruckt werden auch Rudyard Kiplings Empfehlungen aus dem Jahr 1918 für das Ministry of Information, die gerade vom National Archive freigegeben wurden: "Soweit ich das sehe, ist es wichtiger als alles andere, die Munitionsfabriken mit steter Propaganda zu füttern, denn sie scheinen mit am stärksten isoliert. Was sie brauchen, sind Neuigkeiten und Beschreibungen von dem, was die von ihnen hergestellten Materialien alles bewirken können... Nehmen Sie die Flugzeuge. Sobald sie gefertigt sind, kommt kein Wort mehr über ihre Bewährung im Feld in die Fabrik zurück. Das ist genauso dumm, wie die Trainer und Stallknechte in einem Rennstall nichts davon zu berichten, wie sich ihre Pferde auf der Bahn geschlagen haben."

Besprochen werden weiter eine neue Werkausgabe von Mallarme und das Biopic über Bobby Darin "Beyond the Sea" mit Kevin Spacey.

Magazinrundschau vom 13.12.2004 - Times Literary Supplement

Richard Wilson stellt Tom Bowers nicht autorisierte Biografie des ewigen zukünftigen britischen Premierministers Gordon Brown vor, die er trotz einiger Schwächen sehr lesenswert findet, weil "Bower ein professioneller und gewissenhafter Journalist" ist. "Sein Porträt von Brown ist scharfsinnig. Der Charme und die intellektuelle Energie, die Launenhaftigkeit und die Wut, der Hang zur Unterwürfigkeit und die Brutalität gegenüber jenen, die er ablehnt oder ihm im Weg stehen, die tiefe Missgunst, die Loyalität gegenüber engen Verbündeten, die Unordentlichkeit, die Tragetaschen voll Papier, das wilde Gekritzel mit dickem Filzstift ... und vor allem die Unsicherheit, die so viel erklärt. All das ist da."

Weitere Artikel: Nicola Shulman macht sich Gedanken über das Alter des grünbestrumpften, oft von Frauen dargestellten Peter Pan, der vor genau 100 Jahren von J. M. Barrie erdichtet wurde. Der kann eigentlich "kein kleiner Junge sein, weil er alt genug ist, um bei Wendy, Tiger Lily und Tinker Bell, einer maulfaulen 'gewöhnlichen Fee', die ein Neglige als Abendgaderobe bevorzugt, ... amouröse Hoffnungen zu wecken". Nicolas Barker hat sich in den sechzig Bänden des Oxford Dictionary of National Biographie verloren. James Hall nimmt die große Rafael-Ausstellung in der National Gallery in London zum Anlass, diverse Publikationen zum Thema zu sichten. Leider nicht online: George Steiner rezensiert Rüdiger Safranskis Schiller-Buch und Adam Feinstein widmet sich dem neuen Buch von Garcia Marquez.

Magazinrundschau vom 07.12.2004 - Times Literary Supplement

Einen Streit um aufregende philologische Details bricht Noel Malcolm vom Zaun, der sich eine neue Ausgabe des "Leviathan" zu Gemüte geführt hat, die von Karl Schuhmann und G. A. J. Rogers herausgegebenen wurde. Das Pikante dabei: Der Rezensent ist zugleich Konkurrent, da er selbst an der Hobbes-Gesamtausgabe der Oxford University Press beteiligt ist und hier den "Leviathan" betreut. Er wirft Schuhmann nun einen "Mangel an Vertrautheit mit der Geschichte des Buchdrucks" vor. Während dieser meint, Hobbes habe die Korrektur von Druckfahnen der Druckerei überlassen, vertritt der Rezensent die Auffassung, der Philosoph habe die Fahnen selbst verbessert. "Schuhmann hat sich offensichtlich niemals Percy Simpsons Klassiker zur Praxis des Korrekturlesens in der frühen Moderne angeschaut, der vor fast siebzig Jahren bewiesen hat, dass die Korrektur von Druckfehlern gemeinhin Sache des Autors war." Der Beschuldigte kann sich leider nicht mehr wehren: er erlag 2003 einem Krebsleiden.

M. John Harrison hat mit den neuen Wyoming-Geschichten von Annie Proulx, "Bad Dirt", nutzloses, aber interessantes und amüsantes Wissen angehäuft: "Wir lernen den Preis von Heu und dessen Transportkosten kennen ... Wir lernen, dass das Real Western Stories Magazin 1946 eine Anzeige enthielt für ein 'Gerät, das mittels Kurbeln sanfte Stromstöße durch den Körper schickte, und eine, so versprach die Werbung, sichere Förderung des Haarwuchses bewirkte.'"

Weiteres: Annette Kobak begrüßt die Wiederveröffentlichung der Memoiren der Comtesse de Boigne, die Proust zu der Figur der Marquise de Villeparisis inspiriert hat, und die "Bücher des Jahres" werden vorgestellt: Darunter Titel von Antonia S. Byatt, Nadine Gordimer, Muriel Spark, Richard Sennett und George Steiner.

Magazinrundschau vom 23.11.2004 - Times Literary Supplement

Vor Begeisterung ganz aus dem Häuschen ist Tim Flannery über "The Ancestor's Tale", in dem der Zoologe und Charles Simonyi Professor of the Public Understanding of Science in Oxford, Richard Dawkins, die Evolution rückwärts erzählt und zwar im Stil von Chaucers "Canterbury Tales"! "Einer der interessantesten Aspekte", findet Flannery, "ist Dawkins Sicht auf die Bedeutung der Mode in der Evolution. Für Dawkins ist sie nichts Flüchtiges, sondern entscheidend für die Ausbildung neuer Spezies. Dies erklärt er mit seinen Überlegungen zum aufrechten Gang. Dawkins glaubt, dass unsere Vorfahren nur bei bestimmten Gelegenheiten aufrecht gingen (wie Gorillas und Schimpansen auch heute noch ), doch dann, in der Linie, die zu uns führte, 'kam die Mode des aufrechten Gangs auf, und zwar so plötzlich und launisch, wie Mode dies nun mal tut. Es war ein Gimmick... Ein bewunderter oder dominanter Affe erlangte sexuelle Attraktivität und sozialen Status durch seine ungewöhnliche Virtuosität, auf zwei Beinen zu stehen. Andere imitierten diese Angewohnheit und es wurde cool, das Ding...'"

Weiteres: Richard Davenport-Hines feiert zwei Familiengeschichten, die ziemlich eindrücklich den "viktorianischem Sadismus" schildern: Christopher Simon Sykes "The Big House" und Alexander Waughs "Fathers and Sons": "Sir Tatton Sykes senior, ein robuster Mann vom Lande, der jeden Morgen Hammelfett auf Stachelbeertorte, dunkles Bier und Sahne frühstückte, peitschte seinen ältesten Sohn dafür aus, dass er so weibisch war, eine Zahnbürste zu besitzen und seine Hemden öfter als zweimal in der Woche zu wechseln. Sir Tatton Sykes junior wurde ein erbärmlicher, hoffnungsloser Hypochonder, dessen Leben von einer Reihe unangenehmer Obsession beherrscht wurde, darunter eine exklusive Milch-Pudding-Diät. Seine erschreckend unglückliche Ehe kulminierte in einem wilden Gerichtsprozess und einem unglaublichen Akt rachsüchtiger Gewalt von Sir Tatton gegen seinen einzigen Sohn Mark. Sir Tattons Zeitgenosse Arthur Waugh, ein Arzt aus Somerset, war ein Sadist, der, als er einmal eine Wespe auf der Stirn seiner Frau sah, mit der Elfenbeinspitze seiner Peitsche zuschlug, um sicherzugehen, dass sie auch ja gestochen werde. Die Muster seiner Grausamkeit überlebten in seinen Ahnen: Evelyn Waughs Gefühlskälte erscheint kaum normal, und Auberon Waughs eingefleischte Verachtung trug auch nicht gerade zum menschlichen Glück bei."

Weiteres: Ronald Wright lüftet einige Geheimnisse der Osterinseln, rätselt aber weiter darüber, warum die Bewohner ihre Bäume gefällt haben. David Hawkes stellt Gregory M. Colon Semenza Buch "Sport, Politics and Literature in the English Renaissance" vor.

Magazinrundschau vom 01.11.2004 - Times Literary Supplement

Alexander Murray feiert im Aufmacher Joseph Leo Koerners kunsthistorisches Buch "The Reformation of the Image" über "Luthers Medienmogul" Lucas Cranach den Älteren. Endlich, jubelt Murray, räumt jemand mit dem seit Erasmus verbreiteten Irrglauben auf, die Reformation sei eine Tragödie für die Kunst gewesen. "Niemand behauptet, Wittenberg sei ein Florenz gewesen oder hätte es sein können. Doch in gewissem Sinne hatte Wittenberg sogar mehr Kunst als Florenz... Das lutherische Deutschland produzierte Gemälde zu Tausenden, Drucke sogar zu Zehntausenden und hinterließ einen ganz speziellen Korpus, der für Betrachter, die mit seiner Ideologie nicht vertraut sind, irritierend sein kann, der aber heute nach Interpretation schreit."

"Mit Daniel Libeskind hat auch die neue Gegen-Reformation ihren Bernini gefunden", konstatiert Keith Miller, der einige Neuerscheinungen über den "ground-zero"-Entwurf des Stararchitekten nutzt, um mit dessen theatralisch-pathetischer Geste ins Gericht zu gehen: "Wie Amerika gerade seine Gründungsprinzipien der Aufklärung für einen emotionalen Absolutismus und religiösen Eifer aufgibt, so betäuben auch Libeskinds Bauten anstatt zu erklären, provozieren Emotionen anstatt Reflektionen hervorrufen."

Weiteres: Matthew Cobb stellt ein ausgesprochen interessantes Buch über die Lernfähigkeit von Primaten vor: "Original Intelligence" von David und Ann Premack, beide Pioniere auf diesem Gebiet. Besprochen werden außerdem Edward McPhersons informative, vergnügliche und in ihrem Enthusiasmus ansteckende Buster-Keaton-Biografie sowie Sue Townsends neues Buch "Adrian Mole and the Weapons of Mass Destruction".