Vom Nachttisch geräumt

Stoffe, Gerüche, Dinge

Von Arno Widmann
14.05.2018. Führt tief in die Vergangenheit: Angelika Klüssendorfs Roman "Jahre später".
Es ist die Geschichte einer Ehe. In kleinen Beobachtungen, eine Sammlung von Vignetten. Man bleibt hängen an ihnen. Einmal heißt es "Leid wie ein kuschliges Haustier". Da legt man das Buch nieder, blickt plötzlich wissend auf die anderen S-Bahn-Fahrer. Aber man weiß auch, dass dieses Wissen eine Illusion ist. So wie es eine Illusion ist, man kenne dank dieses Satzes die Autorin besser. "Roman" steht auf dem Buch. Also alles erfunden? Nein, natürlich nicht. "Leid wie ein kuschliges Haustier" ist keine Erfindung. Das ist eine Erfahrung. Eine doppelt schmerzhafte und dann doch - jedenfalls für den Moment der Formulierung - gebannter Schmerz. Eingepackt als wäre er ein haptisches Vergnügen.

April, die Heldin auch dieses Romans, reißt die für Altkleidersammlungen aufgestellten Säcke auf, nimmt sich heraus, was ihr gefällt. Nicht aus Armut, sondern aus Lebensgier. Mit den getragenen Kleidern zieht sie die Lebensgeschichten der früheren Besitzer an. Nichts anderes machen Erzähler. Auch sie durchkämmen die unerschöpflichen Berge des gelebten Lebens nach Stoffen, nach Gerüchen und Dingen, die sie gebrauchen können für die Ausstaffierung der eigenen Existenz. Oder doch wenigstens für eine eigene Geschichte, die eine Alternative wäre, eine Ergänzung, eine Ausstülpung vielleicht nur der eigenen Existenz.

Wut und Alkohol spielen große Rollen in diesem Buch. Gegen ersteres nimmt die Erzählerin Tabletten. Letzteren scheint sie mit ihm zu bekämpfen. Auswege gibt es nicht. Nicht? Die Zeit scheint einer. In Wahrheit gibt es ja nicht die Zeit, sondern es gibt viele Zeiten, Gezeiten auch. Ein auf und ab. Und immer wieder Schlupflöcher: ein Psychoanalytiker ist eines. Er heißt Alfred. Sie nennt ihn All. "Wie das Weltall".

Ein paar Seiten davor heißt es: "Sie haben keinen Sex. April sorgt für sich selbst, zunehmend lustloser, doch sie sagt sich, dass es wichtig sei. "Als sie einmal auf dem Balkon liegt und keines der ihr sonst geläufigen Bilder abrufen kann, starrt sie nach oben und beginnt die riesige Himmelsfläche zu ficken; sie lässt ihre Schwurfinger kreisen und während sie die Kontraktionen spürt, muss sie losheulen, weil ihr Orgasmus so einsam ist." Bei Eichendorff las es sich anders: "Es war als hätt der Himmel die Erde still geküsst, dass sie im Blütenschimmer von ihm nun träumen müsst…" Eichendorffs Mondnacht endet mit der orgiastisch-anorgiastischen Zeile: "Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus." In der altägyptischen Mythologie ist Nut die Göttin des Himmels, die sich nackt über dem Erdgott Geb wölbt. Träume führen tief in die Vergangenheit. Oder tun doch so.

Angelika Klüssendorf: Jahre später - Roman, Kiepenheuer & Witsch, 157 Seiten, 17 Euro