9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2015 - Geschichte

Heute vor siebzig Jahren fiel auf Hiroshima die erste Atombombe, drei Tage später auf Nagasaki die letzte. Doch bis heute sind Atomwaffen ein wichtiges Werkzeug der US-Außenpolitik, meint der amerikanische Historiker Peter Kuznick im Gespräch mit Dorothea Hahn in der taz: "Wenn ein US-Präsident sagt: "Alle Optionen sind auf dem Tisch", schließt das die Drohung mit Atomwaffen ein. Allein in Vietnam haben die USA nach Angaben von Le Duan [dem ehemaligen Parteichef, d. Red.] 13 atomare Drohungen ausgesprochen. Der Ökonom, Friedensaktivist und Whistleblower Dan Ellsberg, sagt: Die USA haben die Atomwaffen nicht nur zweimal in 1945 benutzt, sondern immer wieder danach. So wie ein Räuber eine Schusswaffe an einen Kopf hält, ohne abzudrücken."

In der FR zeichnet Christian Bommarius die Geschichte des Perlenthrons von Bamum nach, die vorerst in der afrikanischen Sammlung des Ethnologischen Museums in Dahlem endet.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2015 - Geschichte

Der Historiker Robert Conquest ist im Alter von 98 Jahren gestorben. William Grimes erinnert in seinem New York Times-Nachruf nicht nur daran, dass Conquest mit "The Great Terror" ein frühes Standardwerk über die stalinistischen Säuberungen verfasst hat - als er in der wohlmeinenden Linken im Westen noch auf saure Mienen stieß. "Conquest kehrte zum Thema der Dreißiger im Jahr 1986 mit seiner Studie "The Harvest of Sorrow - Soviet Collectivization and the Terror-Famine" zurück, das Stalins Kampagne zur Gleichschaltung der Ukraine durch Requirierung von Saatgut schildert. Millionen kamen bei der folgenden staatlich organisierten Hungersnot ums Leben. In seinem Vorwort notierte Conquest: "Bei den Taten, die hier erzählt werden, kamen nicht zwanzig Menschen pro Wort, sondern zwanzig Menschen pro Buchstabe dieses Buchs ums Leben.""

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2015 - Geschichte

Honorige Schweizer Bürger halfen der fast bankrotten DDR Ende der achtziger Jahre sich zu refinanzieren und waren dabei, als nach der Wende DDR-Vermögen versteckt wurde, schreibt der Schweizer Journalist und Historiker Ricardo Tarli in der Schweiz am Sonntag: "Erst jetzt, 25 Jahre nach dem Ende der DDR, kommen dank der Auswertung von Stasi-Akten und von bislang gesperrten Staatsschutzakten aus dem schweizerischen Bundesarchiv die Geschäfte der Stasi in der Schweiz ans Licht: Die Palette reicht von Geldwäscherei über Waffenhandel bis zu Schmuggel von Elektronik. Brisant: In das Stasi-Netzwerk waren prominente bürgerliche Schweizer Politiker verstrickt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2015 - Geschichte

Die Krise in Griechenland erinnert den amerikanischen Ökonom Jeffrey Sachs in der SZ an die Endphase der Weimarer Republik unter Reichskanzler Heinrich Brüning, weshalb er dringend zu einem Schuldenschnitt rät: "Deutschland bat die USA um langfristige Entlastung bei den Reparationen und beim Schuldendienst, allerdings vergeblich. Erst kam die Hyperinflation, dann die Massenarbeitslosigkeit, dann der Zusammenbruch von Banken und ein großer Run auf das Banksystem 1931, was zur Schließung der Banken führte (wie heute in Griechenland). US-Präsident Herbert Hoover gewährte schließlich ein Schulden-Moratorium, aber es war zu spät. Hitler kam 1933 an die Macht."

Zum Jahrestag der Atomschläge gegen Hiroshima und Nagasaki, der sich nächste Woche zum siebzigsten Mal jährt, bringt die Literarische Welt außerdem einen Auszug aus Patrick Marnhams Buch "Schlangentanz. Reisen zu den Ursprüngen des Nuklearzeitalters". Und die FAZ bespricht die Dokumentation "Nagasaki. Warum fiel die zweite Bombe?" von Klaus Scherer, dessen Buch "Nagasaki. Der Mythos der entscheidenden Bombe" wiederum in der Welt rezensiert wird.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2015 - Geschichte

Die "sexuelle Befreiung" der 68er-Zeit mit ihrer Apologie des "pädagogischen Eros" hatte ihre Vorläufer seit dem 19. Jahrhundert, schreibt Christian Füller, der ausführlich zum Thema recherchiert hat, in der Welt: "Stefan George lässt Eros in einem seiner Gedichte als "nackten engel durch die pforte treten" - in der Realität stellt er dem Knaben Maximin nach..." So auch in der Wandervogelbewegung: "Die Idee besteht darin, dass ein Erwachsener den Körper und die Sexualität des Knaben gewissermaßen neu formatiert - angeblich um Gesellschaft zu verändern. Eine wirksame Blaupause für Nachfolgebewegungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2015 - Geschichte

Ralf Leonhard erinnert in der taz an die Einweihung der Ringstraße vor 150 Jahren, die Wien nach der Schleifung der Stadtmauern den Weg in die Moderne ebnete: "Dass neben herrschaftlichen Palais und stattlichen Villen auch Zinshäuser entstehen sollten, fanden manche skandalös. Zwei renommierte Architekten sahen in einer Streitschrift einen "sittlichen und moralischen Verfall" der bürgerlichen Gesellschaft heraufdämmern und erinnerten an die mehrgeschossigen "insulae" im antiken Rom, in denen "die verschiedenen Familien der Freigelassenen, der Fremden, der herabgekommenen Bürger, der Geschäftsleute und Speculanten, der Grisetten und Comödianten" gehaust hätten."
Stichwörter: Wien, Ringstraße

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2015 - Geschichte

Neben Richard Wagner und Arthur de Gobineau war Houston Stewart Chamberlain, Schwiegersohn Wagners, einer der Vordenker des modernen Antisemitismus. Der Musikwissenschaftler Jens Malte Fischer bespricht in der SZ Udo Bermbachs Biografie Chamberlains. Positiv vermerkt er, dass Bermbach nicht nur die "Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts", Chamberlains Bestseller, in den Mittelpunkt stelle: "So beharrt er zum Beispiel darauf, dass das Goethe-Buch von 1912 dasjenige seiner Werke sei, das den höchsten Rang einnimmt; nicht zuletzt wurde es von Walter Benjamin geschätzt. Allerdings muss Bermbach auch feststellen, dass an diesem eher unerwarteten Ort Chamberlains Antisemitismus fast noch massiver zutage tritt als in den "Grundlagen", und zwar in Zusammenhang mit jenen Äußerungen Goethes zum Judentum, die die Goethe-Forschung gerne "zwiespältig" nennt und die Chamberlain besonders dick unterstreicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.07.2015 - Geschichte

Welt-Autor Berthold Seewald nimmt aus einer Dresdner Ausstellung über den Beginn der der Novemberrevolution von 1918 auf Kriegsschiffen der Kaiserlichen Marine die Erkenntnis mit: "Es war nicht die Brutalität des Krieges, die die Matrosen radikalisierte, sondern das Nichtstun, der trostlose Alltag in einer militärischen Hierarchie, die die Hohlheit der wilhelminischen Klassengesellschaft bis zum Exzess vorführte."

Die Historikerin Karina Urbach fordert im FR-Interview mit Sebastian Borger Zugang für Historiker in die Königlichen Archive in Großbritannien, die bisher von den Höflingen strikt abgeschirmt werden: "Mich interessieren ja nicht die Erbkrankheiten und Sexgeschichten. Hier geht es um politische Geschichte. Die Königsfamilie gehört zum konstitutionellen Fundament des britischen Staates. Die Royals waren und sind sehr viel politischer als man denkt. Im Übrigen wird das Royal Archive teilweise aus Steuergeldern finanziert. Dann sollten Wissenschaftler auch den entsprechenden Zugang erhalten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2015 - Geschichte

Urs Hafner erinnert in der NZZ an die Anfänge der Neuen Zürcher Zeitung um 1780 und an die ersten Redakteure, die wie Johann Kaspar Riesbeck "zornige junge Männer" waren: "Nach einem tätlichen Streit mit einem Domherrn floh er zuerst nach Salzburg und Wien, wo er sich als Schauspieler, Journalist und Übersetzer durchschlug, und reiste dann voller Hoffnung nach Zürich, um den ihm in Aussicht gestellten Posten anzutreten."

Ebenfalls in der NZZ bilanziert der Historiker Arnold Suppan den Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland 1938, und Alfred Schlienger weist auf die aus Berlin übernommene Ausstellung zu Warlam Schalamow in der Universitätsbibliothek Basel hin.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.07.2015 - Geschichte

2017 sollen die Briten darüber abstimmen, ob sie in der EU bleiben wollen. Aber hat Britannien überhaupt je zu Europa gehört? Eine britischen Historikergruppe um David Abulafia verneint dies in einem Manifest. Sie sehen Britannien schon historisch als außerhalb Europas stehend - unter anderem, weil es durch ein "milderes" politisches Wesen geprägt sei. Vielleicht wäre man zu einem anderen Urteil gekommen, hätte die Gruppe nicht die ganze britische Kolonialgeschichte ausgeblendet, spotten in der Zeit die Historiker Emile Chabal und Stephan Malinowski: "Als die britische Demokratie im Mau-Mau-Krieg in Kenia während der fünfziger Jahre neben den Menschenrechten auch alle anderen Regeln der eigenen Zivilisation brach und ein Regime aus Gewalt und Unterdrückung installierte, blieb sie darin ebenso Teil der europäischen Kolonialfamilie wie mit dem groß angelegten Versuch, entsprechende Dokumente zu vernichten. Die europäische Forschung der vergangenen 20 Jahre zur Kolonialgeschichte sollte zur Kenntnis genommen werden: Großbritannien ist nicht einzigartig in seiner Milde, sondern in seiner kolonialen Härte Teil einer europäischen Tradition."

Außerdem bringt die Zeit die beiden großen Osteuropa-Historiker Karl Schlögel und Jörg Baberowski, die sich mit ihren Analysen der Ukraine-Krise entzweit haben, zu einem sehr angeregten Gespräch an einen Tisch. Baberowski wehrt sich vehement gegen seinen Ruf als Putinversteher: "Historiker haben die Aufgabe, verstehen zu helfen, warum andere, deren Meinung man nicht teilen muss, so handeln, wie sie es tun. Es nützt gar nichts, der russischen Seite immerfort zuzurufen, dass sie moralisch im Irrtum sei." Darauf Schlögel: "Nein, wir können nicht so tun, Herr Baberowski, als seien wir einer Meinung. Vor dem Verstehen kommt die Wahrnehmung dessen, was der Fall ist, in einem Gelände, das so unvertraut ist. Unser Dissens hat epistemische Bedeutung."