9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1635 Presseschau-Absätze - Seite 138 von 164

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2015 - Geschichte

Zwar veschweigt das neu präsentierte Wagner-Museum in Bayreuth nicht die Rolle Bayreuths in der Nazizeit - aber die Aufarbeitung ist bei weitem noch nicht zuende, wenn man Florian Zinneckers Interview mit dem Houston-Stewart-Chamberlain-Biografen Sven Fritz in der SZ liest, der in Bayreuth geforscht hat und ein wahres Netz von Altnazis aufgedeckt hat, die nach 1945 dort tätig waren: "Bayreuth hat zwar versucht, sich künstlerisch eine neue Ausrichtung zu geben. Gleichzeitig wirkten die alten Kräfte weiter, vor allem im Umfeld Winifred Wagners, die in Wahnfried ehemalige NS-Größen um sich versammelte, beziehungsweise die Witwen derer, die nicht mehr lebten."

Jetzt übrigens online: Sloterdijks Bayreuth-Text aus der Zeit (unser Resümee).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2015 - Geschichte

Ronald D. Gerste stimmt in der NZZ der Entfernung des der Konföderiertenflagge von öffentlichen Gebäuden zu, aber er warnt auch vor einem "Bildersturm", der Denkmale, die an die gefallenen Soldaten der Südstaaten der USA erinnern, gleich mit schleifen will: "Dass diese mehrheitlich dem weißen Proletariat angehörten und zu arm waren, um Sklaven zu halten, und dass es auch schwarze Soldaten in konföderierter Uniform gab (die der Süden in verzweifelter militärischer Lage bewaffnete und denen er nach dem unwahrscheinlichen Sieg die Freiheit versprach), wird nicht zur Kenntnis genommen; auch dass die Gefallenen letztlich ebenfalls Opfer des Krieges waren, ist ein Gedanke, der nicht opportun ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2015 - Geschichte

In Russland feiern die Helden der Stalin-Diktatur fröhliche Wiederauferstehung, berichtet Sonja Margolina in der NZZ. Die Statue von Felix Dserschinski etwa hat gute Aussichten, auf ihren angestammten Platz vor dem Moskauer KGB-Gebäude, von dem sie 1991 entfernt worden war, zurückzukehren: "Moskauer Kommunisten haben Unterschriften für ein Referendum gesammelt, das über die Rückführung entscheiden soll. Anders als während des Chruschtschowschen Tauwetters steht er heute für die Idee des Ausnahmezustandes und für die starke Hand und erscheint eher als eine "Reinkarnation" Stalins, so glaubt der Historiker Pawel Poljan. Noch schaffen es seine Denkmäler nicht bis nach Moskau. Doch in der Provinz sind sie bereits auf dem Vormarsch."

Londons Bürgermeister Boris Johnson hat gerade ein Buch über Churchill veröffentlicht - aber nicht, weil er sich mit ihm vergleichen will, erklärt er in der Zeit: "Churchill war nicht nur der Retter der freien Welt, er war zudem ein ganz und gar außergewöhnliches Individuum. Auf eine Art besaß er übernatürliche Kräfte, die die meisten von uns sich nicht vorstellen können. Er funktionierte anders als jeder normale Mensch. Sein Kraftstoff bestand aus einer hyperdynamischen Mischung aus Alkohol und Tabak. Ein guter halber Liter Champagner pro Tag war normal für ihn. Dazu natürlich Wein und Brandy zu den Mahlzeiten und sieben bis acht fette kubanische Zigarren am Tag. Es gibt keinen Politiker, der zum Abend essen regelmäßig so viel trank wie Churchill und danach so hart arbeiten konnte. Gerade abends lief er zu Höchstform auf und diktierte seine Zeitungsartikel und die zahlreichen Geschichtsbücher, für die er den Nobelpreis für Literatur bekam." (Mehr zum Buch in der Welt)

Außerdem: In Basel soll Nietzsche mit einem Brunnen und einem Preis geehrt werden, meldet Uwe Justus Wenzel in der NZZ.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2015 - Geschichte

Fünfzig Jahre nach dem Frankfurter Auschwitz-Prozess zeichnet Werner Renz vom Fritz-Bauer-Institut in der taz nach, welch verheerenden Folgen die Urteile für die Strafverfolgung von NS-Tätern hatten. Denn die Richter forderten, den Angeklagten konkrete Einzeltaten nachzuweisen. Der Generalstaatsanwalt Fritz Bauer wollte dagegen das Verbrechensgeschehen in ­Auschwitz als "eine Tat" betrachten: "Wer an einer Funktionsstelle im Vernichtungsapparat tätig gewesen war, leistete auch ohne Nachweis eines konkreten Tatbeitrags zumindest Beihilfe. Die Konsequenz dieser vom Gericht und vom Bundesgerichtshof im Fall ­Auschwitz verworfenen Rechtsauffassung... wäre gewesen, Hunderte von SS-Leuten, die die Frankfurter Strafverfolgungsbehörde ermittelt hatte, als Verbrechensbeteiligte zur Rechenschaft zu ziehen."

Gaëlle Verdy liest für Slate.fr Mikaël Nichanians Studie "Détruire les arméniens - Histoire d"un génocide", die beansprucht, alle heute zur Verfügung stehenden Informationen zum Genozid an den Armeniern zu resümieren. Dazu gehören einige überraschende Einsichten: "Das erste Paradox liegt in der fast konstanten Treue der Amernier zum Regime. Das zweite Paradox findet sich auf Seiten des Osmanischen Reichs. Die türkischen Führer suchen den Anschluss an die Moderne, die gerade in den von den Armeniern ausgeübten Berufen liegt (Berufen im Handel, den Finanzen, im Buchhandel und so weiter), da ihnen andere Berufe wegen ihrer Isolierung in der Gesellschaft verwehrt waren. Mit dem Genozid trennen sich die türkischen Führer also von der Moderne ab und verhindern die Entwicklung des Landes."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2015 - Geschichte

In der FAZ erinnert Claus Leggewie an den 23. August 1939, den Tag des Hitler-Stalin-Pakts, der aber kaum als Erinnerungstag begangen wird: "Die Wirkung des unseligen Vertrags endete nicht mit dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941, auf den der überrumpelte und unvorbereitete Stalin noch mit der freiwilligen Auflösung der Komintern reagierte. Das 1939 gewaltsam geschaffene sogenannte "Sicherheitsglacis" blieb bis 1991 von Estland bis Bulgarien bestehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2015 - Geschichte

In der NZZ erklärt die Japanologin Daniela Tan, warum Japan sich seit 1945 so schwer mit dem Eingeständnis einer Kriegsschuld tut: Es liegt an der Rolle des Tenno. Alan Posener besucht für die Welt deutsche Soldatenfriedhöfe in Belgien.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2015 - Geschichte

Dass der Konflikt in der Ukraine nicht nur Spannungen auf politischer Ebene erzeugt, sondern auch die gemeinsame Arbeit von deutschen und russischen Historikern belastet, berichtet Julian Hans in der SZ am Beispiel des Deutsch-Russischen Museums in Karlshorst: "Seit Russen und Ukrainer über ihren Anteil am Sieg streiten und sich Moskau mitunter als alleiniger Bezwinger des Faschismus inszeniert, wirkt der Name plötzlich wie ein Statement. Schließlich wurde auch in der deutschen Öffentlichkeit zuletzt der Irrglaube geäußert, Deutschland habe mit Russland Krieg geführt, es seien 27 Millionen Russen getötet worden, nicht Sowjetbürger."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2015 - Geschichte

Nach siebzig Jahren ist auf Rhodos das umfangreiche Archiv einer Spezialeinheit der italienischen Polizei aus den Jahren 1912 bis 1946 entdeckt worden, berichtet Christiane Schlötzer in der SZ. Unter den Dokumenten fand sich auch eine Liste. "Darauf stehen 1661 Namen, mit einer Schreibmaschine getippt, säuberlich durchnummeriert, nur Nummer 181 fehlt. Ob aus Absicht oder Versehen, weiß man nicht. Man weiß aber, dass die Deutschen diese Liste der italienischen Verwaltung im Juli 1944 dazu benutzten, alle verbliebenen Juden von der Insel zu deportieren. Von den insgesamt 1767 Juden aus Rhodos und von der Nachbarinsel Kos, die nach Auschwitz gebracht wurden, überlebten 163."
Stichwörter: Rhodos

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2015 - Geschichte

Tief beeindruckt liest Jean-Pierre Filiu in Rue89 die französische Übersetzung von Edgar Hilsenraths Roman "Das Märchen vom letzten Gedanken", der die "furchtbare Mechanik des Völkermords" am Beispiel des Genozids an den Armeniern aufschlüsselt: "Die deutschen und österreichischen Berater, die westlichen Konsule, die Handlungsreisenden tauchen immer mal wieder auf wie ein frömmlerischer Chor, dessen Kraftlosigkeit der Komplizenschaft gleichkommt. "Die Auslöschung eines ganzen Volks hängt in Wirklichkeit nicht nur von den Mördern ab, sondern auch vom Schweigen ihrer Verbündeten.""

Arno Widmanns FR-Artikel über die Machenschaften der Stasi im Jahr 1965 (als die Lockerung nach dem Mauerbau wieder einkassiert wurde) steht jetzt auch online.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2015 - Geschichte

Das Bildungsministerium von Jekaterinburg hat in einem Brief die Schulen und Hochschulen der Region aufgefordert, Bücher der britischen Historiker Antony Beevor und John Keegan aus ihren Bibliotheken zu verbannen, berichtet Shaun Walker im Guardian: "Beevor's work has caused outrage in Russia, particularly his book on the fall of Berlin in 1945, which contains extensive material about rapes carried out by Soviet soldiers against German women... 'Many history scholars believe that these authors mistakenly interpret information about the events of the second world war, contradict historical documents, and are imbued with the propagandistic stereotypes of nazism,' a spokesperson for the regional governor told Kommersant newspaper."