9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.07.2015 - Geschichte

2017 sollen die Briten darüber abstimmen, ob sie in der EU bleiben wollen. Aber hat Britannien überhaupt je zu Europa gehört? Eine britischen Historikergruppe um David Abulafia verneint dies in einem Manifest. Sie sehen Britannien schon historisch als außerhalb Europas stehend - unter anderem, weil es durch ein "milderes" politisches Wesen geprägt sei. Vielleicht wäre man zu einem anderen Urteil gekommen, hätte die Gruppe nicht die ganze britische Kolonialgeschichte ausgeblendet, spotten in der Zeit die Historiker Emile Chabal und Stephan Malinowski: "Als die britische Demokratie im Mau-Mau-Krieg in Kenia während der fünfziger Jahre neben den Menschenrechten auch alle anderen Regeln der eigenen Zivilisation brach und ein Regime aus Gewalt und Unterdrückung installierte, blieb sie darin ebenso Teil der europäischen Kolonialfamilie wie mit dem groß angelegten Versuch, entsprechende Dokumente zu vernichten. Die europäische Forschung der vergangenen 20 Jahre zur Kolonialgeschichte sollte zur Kenntnis genommen werden: Großbritannien ist nicht einzigartig in seiner Milde, sondern in seiner kolonialen Härte Teil einer europäischen Tradition."

Außerdem bringt die Zeit die beiden großen Osteuropa-Historiker Karl Schlögel und Jörg Baberowski, die sich mit ihren Analysen der Ukraine-Krise entzweit haben, zu einem sehr angeregten Gespräch an einen Tisch. Baberowski wehrt sich vehement gegen seinen Ruf als Putinversteher: "Historiker haben die Aufgabe, verstehen zu helfen, warum andere, deren Meinung man nicht teilen muss, so handeln, wie sie es tun. Es nützt gar nichts, der russischen Seite immerfort zuzurufen, dass sie moralisch im Irrtum sei." Darauf Schlögel: "Nein, wir können nicht so tun, Herr Baberowski, als seien wir einer Meinung. Vor dem Verstehen kommt die Wahrnehmung dessen, was der Fall ist, in einem Gelände, das so unvertraut ist. Unser Dissens hat epistemische Bedeutung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2015 - Geschichte

Der von Lothar von Trotha geführte Krieg gegen die Herero und Nama in Sudwestafrika war für den Historiker Jonas Kreienbaum zwar durchaus ein Vernichtungskrieg, wie er in der taz schreibt, die dortigen Konzentrationslager will er jedoch nicht mit den Vernichtungslagern der Nazis gleichsetzen: "Das Massensterben in den kolonialen Lagern in Südafrika wie in Südwestafrika war nicht die Folge einer gezielten Vernichtungspolitik. Die hohen Todesraten von insgesamt wohl über 40 Prozent in den deutschen und bis zu 25 Prozent in den britischen Lagern war die Folge von logistischen Problemen bei der Versorgung, dem Desinteresse der verantwortlichen Militärs an Gefangenenfragen, mangelndem Wissen über Krankheiten wie Masern und Skorbut und dem Wunsch der Arbeitskraftausbeutung der Internierten. Im südlichen Afrika die Erfindung des Vernichtungslagers zu wähnen, verkennt die historische Realität."

Cathrin Kahlweit begrüßt in der SZ, dass es Timothy Snyders Buch "Bloodlands" über Hunger, Tod und Vernichtung in Weißrussland und der Ukraine jetzt auch auf Russisch gibt, als eine Art Samisdat-Ausgabe von der Ukraine ins Netz gestellt und von der amerikanischen Botschaft finanziert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2015 - Geschichte

Als einen fälligen Schritt für eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der Ukraine wertet Regina Mönch (FAZ) eine Ausstellung über die Ukraine im Zweiten Weltkrieg Museum Berlin-Karlshorst: "Für Millionen Ukrainer hatte dieser Krieg bereits im Juni 1939 begonnen, als die Rote Armee das damalige Polen überfiel, legitimiert durch den Hitler-Stalin-Pakt... Dass Tausende der "befreiten" Ukrainer, vor allem aus der akademischen Elite, kurz darauf im GULag verschwanden oder in den Gefängnissen des NKWD erschossen wurden, ist ein blinder Fleck nicht nur aus russischer Sicht geblieben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2015 - Geschichte

Die SZ bringt in ihrem Buch zwei ein großes Dossier über die letzten Prozesse gegen Mörder von Auschwitz und über die zu späten und wenigen Prozesse, die es in Deutschland nach dem Krieg gegen Judenmörder gab.
Stichwörter: Holocaust

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.07.2015 - Geschichte

Zum zwanzigsten Jahrestag des Massakers von Srebrenica haben die Briten dem UN-Weltsicherheitsrat eine Resolution vorgelegt, der die Verantwortlichen des Völkermords nennt, berichtet Erich Rathfelder in der taz. Der Vorstoß symbolisiert, "dass die jetzt führenden Politiker und Diplomaten in Europa und den USA bereit sind, über die eigenen Schuldzusammenhänge in der damaligen internationalen Gemeinschaft zu sprechen. Zwar werden die wichtigsten Dokumente, die zur weiteren Aufklärung der Vorgänge von damals beitragen könnten, immer noch zurückgehalten... Doch man hat schon jetzt Beweise genug: Alle in Bosnien und Herzegowina beteiligten Mächte und die UNO haben im Vorfeld des Genozids von Srebrenica Schuld auf sich geladen, weil sie um des "Friedens" willen einen Kompromiss mit den Kriegstreibern und Mördern angestrebt haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.07.2015 - Geschichte

Heute vor hundert Jahren endete die deutsche Kolonialherrschaft in Deutsch-Südwestafrika. Während sich die Bundesregierung um eine klare Bewertung der blutigen Niederschlagung des Aufstands der Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 windet, schreibt Bundestagspräsident Norbert Lammert in der Zeit Klartext: "An den heutigen Maßstäben des Völkerrechts gemessen (...), war die Niederschlagung des Herero-Aufstands ein Völkermord." Lammert macht aber auch klar: "So wenig wie im Falle der Massaker an den Armeniern lässt sich die Debatte auf einen Begriff reduzieren - Völkermord - und das Thema damit für erledigt erklären. Die klare Benennung dessen, was geschehen ist, kann nur der Anstoß zu einem Versöhnungsprozess sein, der allein im Austausch und Dialog möglich ist."

Dass es da noch viel zu tun gibt, zeigt die Rede von Herero-Chief Vekuli Rukoro bei der Gedenkfeier zum hundertsten Jahrestag des Völkermords auf dem Garnisonsfriedhof in Namibia, von der Dominic Johnsons in der taz berichtet: ""100.000 starben wie die Fliegen. Wir haben eine Entschuldigung verdient. Wir wollen, dass Deutschland kategorisch erklärt: Was uns angetan wurde, war Völkermord", sagt er. Und: "Wir wollen, dass das höchste Amt im Land sich entschuldigt." ... Sollte die Bundesregierung den Herero-Forderungen bis zum 2. Oktober nicht Folge leisten, werde man "andere Maßnahmen ergreifen", kündigt Rukoro an: "Deutschland muss da hingebracht werden, wo sich Apartheid-Südafrika einst befand: ein Pariah-Staat.""

"Es ist beschämend", stellt dazu der Historiker Jürgen Zimmerer ebenfalls in der taz fest: "Es droht die Erfolgsgeschichte der deutschen Vergangenheitspolitik insgesamt infrage zu stellen, wenn das historisch völlig unstrittige Abschlachten bzw. Verrecken-Lassen von bis zu 80.000 Männern, Frauen und Kindern einfach ignoriert werden kann, wenn der erste deutsche Genozid einfach geleugnet werden kann, auch weil Deutschland diesen Krieg gewonnen hatte und weder Herero und Nama noch Namibia insgesamt den nötigen politischen Druck aufbringen können."

Außerdem: Matthias Fink (Zeit) und Caroline Fetscher (Tagesspiegel) erinnern an das Massaker von Srebrenica, das sich in diesen Tagen zum zwanzigsten Mal jährt. Der serbische Premieminister Aleksandar Vucic wird sich zu den Gedenkfeiern zum Jahrestag der Massaker nach Srebrenica begeben, meldet Libération mit AFP. Vucic "hat ein "grauenhaftes Verbrechen" beklagt, aber wie die Mehrheit der Serben weigert er sich anzuerkennen, dass in Srebrenica ein Genozid verübt worden ist... Nach einer Umfrage, die vor kurzem in Serbien durchgeführt wurde, verurteilen 54 Prozent der Serben das Verbrechen von Srebrenica, die Realität des Genozids aber wird von 70 Prozent verleugnet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.07.2015 - Geschichte

Richard Herzinger ist für die Welt duch die Ukraine gereist, wo eine Reihe von Gedenkstätten an den bisher konsequent verdrängten Holocaust erinnern soll - in den von Timothy Snyder so genannten "Bloodlands" wurden die Juden meistens erschossen, es blieben kaum sichtbare Spuren vom Holocaust. Unter den Sowjets war die Leugnung des Mordes an den Juden dann Politik: "Wenn ihrer Opfer gedacht wurde, so nur pauschal als Sowjetbürger, die im heldenhaften Kampf des sozialistischen Vaterlandes gegen die faschistischen Invasoren ihr Leben lassen mussten. Jüdische Massengräber wurden dem Vergessen übereignet, Erde aus den Gruben zum Teil zum Straßenbau verwendet. Drastisch drückte es ein Rabbiner, der auf einer der Gedenkveranstaltungen den Kaddisch las, so aus: "Das nationalsozialistische Deutschland löschte das jüdische Leben in der Ukraine aus, die Sowjets die Erinnerung daran.""

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.07.2015 - Geschichte

Hartnäckig hält sich der Verdacht, Willy Brandt sei während des Zweiten Weltkriegs im norwegischen und schwedischen Exil als Spion tätig gewesen. Andreas Förster (FR) kann dafür in der geheimnisumwitterten Frahm-Akte im schwedischen Reichsarchiv keine Hinweise finden, dafür aber interessante Einblicke in die Codes und Aktivitäten des Widerstands, die Brandt in seiner Eigenschaft als Journalist in von der Geheimpolizei abgefangenen Briefen an die amerikanische Presseagentur ONA mitteilte: "Büroklammern und Sicherheitsnadeln drücken demnach den Zusammenhalt der Widerständler aus, der aus einem Knopfloch ragende rote Kopf eines Streichholzes stehe für den "rotglühenden Hass" auf die Faschisten. In den Kinos störten Zuschauer durch lautes Husten die Vorführung von deutschen Ufa-Filmen, berichtet Brandt in einem anderen Schreiben."

Der Osteuropa-Historiker Oliver Jens Schmitt widerlegt in der NZZ am Beispiel des Balkans die bis heute in der Türkei propagierte Vorstellung vom Osmanischen Reich als Ordnungsfaktor: "Das Bergland entzog sich der Staatskontrolle fast vollständig, im Nordwesten bestanden die alten Stammesgebiete fort. Muslimische Stammeskrieger plünderten regelmäßig die mehrheitlich muslimischen Städte der Ebenen aus... Besonders deutlich rebellierten ländliche Regionen gegen die staatliche Autorität, wenn sie Steuereintreiber und Volkszählungsbeamte verjagten, das zumeist ausländische Bahnpersonal bedrohten und hohe osmanische Beamte zwangen, mit Draisinen fluchtartig ihre Posten zu verlassen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.07.2015 - Geschichte

Die Zeit druckt Auszüge aus Victor Klemperers Reportagen aus der Münchner Räterepublik 1919, die demnächst unter dem Titel "Man möchte immer weinen und lachen in einem" im Berliner Aufbau Verlag erscheinen. Ebenfalls in der Zeit unterhält sich Christian Staas mit dem Historiker Stefan Ihrig über die Rolle Atatürks als Vorbild Hitlers, und der Rechtshistoriker Benjamin Lahusen erinnert an die Entscheidung des Bundesgerichtshofs von 1957, "Unzucht" unter Männern weiterhin unter Strafe zu stellen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.06.2015 - Geschichte

Der Osteuropahistoriker Philipp Ther blickt in der SZ auf die Währungsunion vor 25 Jahren zurück, die auch schon als alternativlos bezeichnet wurde, tatsächlich aber aus einer "merkwürdigen Mischung aus nationaler Selbstbezogenheit, Neoliberalismus und fehlenden gesellschaftlichen Visionen" bestand. Vor allem, meint Ther, ließ die Treuhand ausgerechnet den Unternehmern in Ostdeutschland keine Chance: "Zeitweilig unterstanden der Treuhand 13.000 Unternehmen mit mehr als vier Millionen Beschäftigten. Wenn derart viele Unternehmen auf einen Schlag zum Kauf angeboten wurden, musste deren Preis drastisch sinken. So kam es zum Treuhand-Verlust von 230 Milliarden D-Mark; pro DDR-Bürger waren das etwa 14.000 D-Mark. Hätte man diese Summen in die Gründung neuer Unternehmen gesteckt, hätte sich vielleicht ein Aufschwung von unten, aus der Gesellschaft heraus, ergeben."