9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2748 Presseschau-Absätze - Seite 20 von 275

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.07.2025 - Gesellschaft

Es gibt einen weltweiten Trend zur Säkularisierung, berichtet Frank Nicolai bei hpd anlässlich einer neuen Untersuchung des Exzellenzclusters "Religion und Politik" der Universität Münster. Das gilt für Europa ebenso wie für die USA oder Japan und sogar muslimische Länder. Hier "sticht nach den Worten des Wissenschaftlers besonders die Säkularisierung im Iran hervor: 'Einer Online-Befragung zufolge verstehen sich nicht, wie offizielle Zahlen suggerieren, mehr als 99 Prozent der Iranerinnen und Iraner als muslimisch, sondern nur etwa 40 Prozent. Etwa 22 Prozent sagen, sie würden keiner Religion angehören, und etwa 9 Prozent sind Atheisten.' Zwar sei in den vergangenen 20 Jahren die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für Religion und religiös aufgeladene politische Konflikte gestiegen, der Rückgang religiöser Bindungen in vielen Regionen der Welt sei aber unübersehbar. Die Gültigkeit der Säkularisierungstheorie, nach der der Bedeutungsrückgang von Religion und Kirchen mit Prozessen der Modernisierung im Zusammenhang steht, sei entgegen erneuter Kritik von Theologen nicht zu bestreiten, so die Autoren."

In der FR greift Harry Nutt die Debatte um Frauke Brosius-Gersdorf auf (unser Resümee). Um die "Klärung von Sachfragen" gehe es hier nur oberflächlich, viel wichtiger sei, dass die CDU die Mechanismen des dahinter steckenden "Kulturkampfes" verstehe: "Die desaströs verlaufene Richterwahl ist so gesehen ein nachträglicher Beleg dafür, dass die kurz vor der Bundestagswahl an die noch amtierende Ampelkoalition gerichteten, insgesamt 551 Fragen zu Bedeutung, Finanzierung und Wirkung von Nichtregierungsorganisationen beileibe kein zu vernachlässigender Aspekt des parlamentarischen Kleinkleins waren. Vielmehr passt dieser Vorgang zu gezielt betriebenen Störmanövern des Zusammenspiels staatlicher und nichtstaatlicher Institutionen. Dabei soll es hier nicht um eine blinde Verteidigung der Praxis und der Dauer von Institutionen gehen. Das wäre schon deshalb widersinnig, weil die kulturkämpferische Energie nicht in zwei klar definierten, einander antagonistisch gegenüberstehenden Lagern tobt. Ideen eines Systemsturzes von rechts kreuzen sich auf paradoxe Weise mit fragwürdigen identitätspolitischen Markierungen ehemals linker Provenienz."

Auch in der SZ mahnt Katharina Riehl dazu, die Debatte in einem größeren Kontext zu sehen: "Die vergangene Woche hat gezeigt, dass Kulturkampf im Bundestag nicht nur das ist, was die AfD betreibt - sondern dass die Polarisierung der Gesellschaft, die Ideologisierung der großen Themen auch die Parteien der Mitte zu zerreißen droht. ... Wer ideologische Gräben verkleinern will, muss sie erkennen, muss moderieren, muss überzeugen. Die Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf nachzuholen, wäre dafür ein guter Anfang."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2025 - Gesellschaft

Frauke Brosius-Gersdorf äußert sich erstmals selbst zu ihrem Fall: Das ZDF meldet zuerst, dass sich die Kandidatin fürs Verfassungsgericht mit einem Statement an die Medien gewandt hat. Darin kritisiert sie, dass der Umgang mit ihrer Person in den Medien "unzutreffend und unvollständig, unsachlich und intransparent" gewesen sei. "Vorwürfe macht Brosius-Gersdorf auch einigen - namentlich nicht genannten - Politikern, die sich an der Kritik an ihrer Person beteiligt hätten. Anonym an 'medialer Kritik bis hin zu Schmähungen anderer mitzuwirken und gleichzeitig für sich selbst Schmähungsschutz zu fordern', stehe im Widerspruch, schreibt Brosius-Gersdorf." Hier das ganze Statement.

Brosius-Gersdorf hat zwar öffentlich erklärt, dass es ihrer Ansicht nach gute Gründe dafür gibt, die volle Garantie der Menschenwürde erst ab der Geburt zu gewähren, das bedeutet aber keinesfalls, dass sie Abtreibung bis zu diesem Moment gutheißen würde. In ihrem Statement heißt es dazu: "Richtig ist, dass ich auf das verfassungsrechtliche Dilemma hingewiesen habe, das besteht, wenn man dem ungeborenen Leben ab Nidation die Menschenwürdegarantie zuerkennt wie dem Mensch nach Geburt. Unter der herrschenden rechtsdogmatischen Prämisse der Nichtabwägungsfähigkeit der Menschenwürde mit Grundrechten Dritter wie der Schwangeren wäre ein Schwangerschaftsabbruch unter keinen Umständen zulässig. Auch ein Abbruch wegen medizinischer Indikation bei Gefährdung des Lebens oder der Gesundheit der Frau schiede dann aus." Eine straffreie Abtreibung befürwortet Brosius-Gersdorf in den ersten drei Monaten - und weiß sich damit einig mit dem größten Teil der deutschen Bevölkerung.

Patricia Hecht erzählt  in der taz, wie Abtreibungsgegner-Organisationen wie "Aktion SOS Leben, Aktion", "Lebensrecht für alle (ALfA)" oder "1000plus" seit Anfang Juli massiv gegen die Professorin agitierten: "Die Stimmung, die die Vereine und Organisationen aus der Anti-Choice-Szene gegen Brosius-Gersdorf gemacht haben, zeigte bekanntermaßen Wirkung - flankiert noch durch Hetze etwa der AfD-Bundestagsabgeordneten Beatrix von Storch... Auf Nius, dem rechten Portal des ehemaligen Bild-Chefredakteurs Julian Reichelt, sind seit Anfang Juli mehr als zwanzig Texte erschienen, die gegen die 'Richterin des Grauens' mobil machten. Bei Redaktionsschluss stand die Petition auf CitizenGo bei 146.000 Unterschriften. 37.000 E-Mails, so die Organisation '1000plus', seien an Unionsabgeordnete versandt worden." Die Gruppe "CitizenGo" ist in Spanien gegründet worden und kommt aus dem Umfeld  des katholischen Fundamentalismus.

Ebenfalls in der taz malt der Journalist Martin Teigeler schon ein drohendes schwarz-blaues Bündnis an die Wand: "Die Linke Heidi Reichinnek hat beim Recycling ihres 'Auf die Barrikaden'-Auftritts im Bundestag vielleicht übertrieben, als sie eine nahende schwarz-blaue Koalition an die Wand malte. Aber es gibt sicher Menschen in der Union, die genau das wollen."

Es ist in Hechts Artikel nur eine flüchtige Andeutung - aber mit Jens Spahn sollte ein CDU-Fraktionsvorsitzender Brosius-Gersdorf bei seiner Fraktion durchsetzen, der selbst zu Abtreibung ein ausgesprochen konservatives Weltbild vertritt - dies gilt auch für andere gesellschaftliche Streitthemen wie Sterbehilfe (aber nicht Schwulenehe), wie eine Nachfrage bei Perplexity bestätigt: "Jens Spahn bekennt sich öffentlich zu seinem katholischen Glauben und beschreibt ihn als 'Kompass und Fundament' in seinem Leben... Spahn setzt sich konsequent für den Schutz ungeborenen Lebens ein. Er argumentiert, dass beim Thema Abtreibung 'ein mühsamer gesellschaftlicher Kompromiss' gefunden worden sei, der 'nicht leichtfertig gefährdet' werden dürfe. Er lehnt eine Lockerung oder Abschaffung des Werbeverbotes für Schwangerschaftsabbrüche (§219a StGB) strikt ab, unterstützt den bestehenden rechtlichen Rahmen und fordert, das ungeborene menschliche Leben immer mitzudenken."

Empört liest sich ein Aufruf von 300 "Vertreterinnen und Vertreter der universitären - insbesondere rechtswissenschaftlichen - Forschung und Lehre sowie der Justiz", der auf den Seiten der Uni Bochum (hier als pdf-Dokument) veröffentlicht wurde - besonders die CDU wird darin kritisiert: "Im Richterwahlausschuss eine Kandidatin zunächst zu bestätigen, um dann gegenüber ideologisierten Lobbygruppen und mit Unwahrheiten und Diffamierungen gespickten Kampagnen zurückzurudern, zeugt zumindest von fehlendem politischem Rückgrat und mangelnder interner Vorbereitung. Dass dann ausgesprochen unglaubhafte Plagiatsvorwürfe als Vorwand für eine Vertagung herhalten müssen und dadurch eine weitere Beschädigung der Kandidatin in Kauf genommen wird, ist ein Angriff auf das Ansehen der Wissenschaft und ihrer Vertreterinnen und Vertreter."

Bei der jetzigen Debatte wünschen sich viele Parteipolitiker Kandidaten für das Verfassungsrichteramt im geheimen auszuhandeln und erst in letzter Minute vorzustellen - das wären aber die falschen Lehren aus der Brosius-Gersdorf-Debatte, schreibt Ronen Steinke in der SZ. "Der Rest der Welt soll erst am Abend vor der Wahl im Bundestag erfahren, wer überhaupt auf dem Zettel steht, um auf diese Weise die Personen vor 'beschädigendem' Streit zu schützen. Das allerdings wäre auch kein akzeptabler Weg, will man gewählte Volksvertreter nicht effektiv entmündigen. Die Unabhängigkeit der Justiz setzt nicht voraus, dass Parteipolitiker ihre Augen verschließen. Sie setzt nur voraus, dass sie ihren Kontrolldrang zügeln. Das heißt, dass sie nicht den Eindruck erwecken, sie würden von Richterkandidatinnen entwürdigende Bücklinge erwarten - sondern dass sie im Gegenteil signalisieren, wie sehr sie den Wert eines selbstbewussten Gerichts zu schätzen wissen."

Leider wird neben Brosius-Gersdorfs Position zu Abtreibung überhaupt nicht ihr Eintreten fürs Recht auf Kopftuch im öffentlichen Dienst und sogar bei Rechtsreferndarinnen und Richterinnen diskutiert, merkt Alice Schwarzer in Emma an. Die private Ebene sein eines, "etwas ganz anderes ist die Frau im öffentlichen Dienst, als die Vertreterin eines demokratischen Staates. Sie hat neutral zu sein und darf nicht gegen die im Grundgesetz verankerte Gleichberechtigung von Männern und Frauen verstoßen. Das tut sie aber, wissentlich oder unwissentlich, mit dem hochsymbolischen Kopftuch, für dessen Absetzung Frauen heute in Iran oder Afghanistan mindestens ihre Freiheit, ja so manches Mal sogar ihr Leben riskieren. Auch sie lassen wir mit dieser falschen 'Toleranz' im Stich."

Der Anstieg antisemitischer Ausschreitungen in Deutschland seit dem 7. Oktober ist unbestreitbar, sagt Remko Leemhuis, Direktor des "American Jewish Committee Berlin", im Gespräch mit Majd El-Safadi von der FAZ. Aber dieses Problem könne man nicht rein juristisch betrachten: "Ich erwarte von Menschen in Führungspositionen, wie Universitätspräsidenten und Leitern von Kulturinstitutionen, eine klare Haltung - und die haben wir nicht erst seit dem 7. Oktober, aber insbesondere nach dem 7. Oktober oft vermisst. Was viel wichtiger ist: Die Mehrheitsgesellschaft muss aus ihrer indifferenten Haltung herauskommen. Die Bekämpfung des Antisemitismus ist vornehmlich eine Aufgabe der nichtjüdischen Bevölkerung. Was mir mehr Sorgen bereitet, ist der immer größer werdende Graben zwischen politisch Verantwortlichen und der Mehrheitsgesellschaft, dass wir bestimmte Teile der Bevölkerung gar nicht mehr erreichen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2025 - Gesellschaft

In der taz berichtet Klaus Hillenbrand über Ärger in der Gedenkstätte Buchenwald, wo eine interne Handreichung antiisraelische Symbole benennt. Neben unstrittig als antisemitisch bekannten Symbolen wie dem roten Hamas-Dreieck, seien auch das Palästinensertuch und der Friedenszweig dort als solche benannt.Die Gedenkstätte will das Papier überarbeiten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.07.2025 - Gesellschaft

Die Verfassungsrichterwahl hat nun also wegen der umstrittenen Positionen der Professorin Frauke Brosius-Gersdorf nicht geklappt, die "große" Koalition hat ihren ersten Eklat. Interessant ist, dass nur Brosius-Gersdorfs Positionen zu Abtreibung umstritten sind, nicht die zum Kopftuch: "Die Stimmung in der Unionsfraktion war schon seit Tagen aufgeladen", berichtet Eckart Lohse in der FAZ. "Die ablehnende Haltung vieler Abgeordneter gegen die Wahl von Brosius-Gersdorf hatte sich immer mehr aufgebaut. Groß war die Verärgerung vor allem über die Äußerungen der Richterin zum Umgang mit dem ungeborenen Leben. Unionsabgeordnete sträubten sich dagegen, eine Frau nach Karlsruhe zu schicken, die eine deutlich liberalere Haltung als viele von ihnen zu diesem Thema zu haben schien."

Bei Zeit online macht Lenz Jacobsen auf einen wichtigen prozeduralen Aspekt aufmerksam, der das Tohuwabohu um die Richterwahl miterklärt. Früher liefen solche Wahlen im Richterwahlausschuss hinter der großen Bühne ab: "Im vergangenen Herbst dann änderte der Bundestag die Regeln. Seitdem müssen die Richter im Plenum, auf der großen Bühne, gewählt werden. Das ist der Bedeutung dieser Personalien völlig angemessen. Aber es trägt zu einer Entwicklung bei, an der auch Vertreter des Gerichts ihren Anteil haben: Einzelne Richterinnen und Richter nehmen mittlerweile mit einer Selbstverständlichkeit öffentliche Rollen ein, wie das früher undenkbar gewesen wäre."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2025 - Gesellschaft

Die Debatte um die Rechtsprofessorin Frauke Brosius-Gersdorf, die auf dem Ticket der SPD Bundesverfassungsrichterin werden soll, geht weiter. Stimmt die CDU ihrer Nominierung nicht zu, ist der Koalitionsfriede in Gefahr, andernfalls aber macht sich die CDU von rechts angreifbar, schreibt Dietmar Hipp im Spiegel. Umstritten ist ihre Position zu Abtreibung, obwohl ihre Äußerung, dass die Lebenswürde erst ab der Geburt beginne, keineswegs bedeutet, dass sie gegen das Recht auf Leben bereits des Embryos plädiert, wie Matthias Wyssuwa und Stephan Klenner in der FAZ darlegen - so denken auch CSU-Politiker, die Brosius-Gersdorf darum nicht ablehnen. Überraschend ist aber eine Position, die Hipp im Spiegel zitiert. Sie verteidigt die Zulassung des muslimischen Kopftuchs im öffentlichen Dienst, findet aber, "dass in Schulen, insbesondere in Klassenzimmern nach einer aktuellen bayerischen Regelung immer noch Kruzifixe angebracht werden dürfen - das verstoße gegen das 'Neutralitätsgebot'." Aktualisierung um 9.40 Uhr: Nun könnte die Wahl der Richterin auch noch wegen Plagiatsvorwürfen in Frage stehen, meldet Welt TV.

In Deutschland hat tatsächlich mal ein Gericht gegen ein religiöses Symbol an einer Schule entschieden. Im Gymnasium in Wolnzach im Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm hing ein immerhin 1,50 Meter hohes Kreuz im Eingangsbereich - zwei Schülerinnen haben dagegen geklagt, berichtet Dominic Baur in der taz. Und der Bayerische Verwaltungsgerichtshof gab ihnen recht. "Der Grund: Das Kreuz sei ein religiöses Symbol und stelle damit einen Eingriff in die verfassungsrechtlich verbürgte negative Glaubensfreiheit dar. 'Die Klägerinnen waren wegen der Schulpflicht zwangsweise und immer wiederkehrend sowie im Hinblick auf dessen Positionierung ohne (zumutbare) Ausweichmöglichkeit mit dem Kruzifix konfrontiert.' Das freilich widerspricht der Haltung der Staatsregierung, die mit Blick auf Söders Kreuzerlass stets argumentiert hatte, das Kreuz sei eben nicht in erster Linie ein religiöses Symbol, sondern Ausdruck der christlich-abendländischen Prägung des Bayernlands."

Aber auch das Kopftuch verstößt gegen das Neutralitätsgebot, erklärt in der NZZ die tunesisch-schweizerische Aktivistin und Romanistin Saïda Keller-Messahli: "Der Schleier ist das Zeichen dafür, dass Frauen ein untergeordneter Platz zugewiesen wird. Das Tragen des Schleiers durch eine Lehrerin zuzulassen, würde bedeuten, im schulischen Umfeld eine Praxis zu legitimieren, die der Gleichstellung der Geschlechter zuwiderläuft. Schließlich kann das Tragen eines solchen religiösen und frauenfeindlichen Zeichens als Aufforderung - wenn auch unbeabsichtigt - zur Annahme eines Glaubens aufgefasst werden. Diese Befürchtung ist keineswegs unbegründet. Muslimische Extremisten haben den Sexismus des Schleiers zu ihrem identitären, politischen und missionarischen Instrument gemacht. Einige sagen es ganz offen: 'Wir brauchen nicht zu sprechen, der Schleier spricht für uns.' Der Schleier sendet eine Werbebotschaft aus, die der Ideologie, die ihn fördert, und der Ungleichheit der Geschlechter zugutekommt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.07.2025 - Gesellschaft

Vlad Khaykin vom Simon Wiesenthal Center antwortet in einem zornigen Beitrag auf Masha Gessens Essay zur Verteidigung des New Yorker Politikers Bürgermeister Kandidaten Zohran Mamdani (unser Resümee). Sie nahm ihn gegen Antisemitismusvorwürfe in Schutz und schlug vor, einen neuen Antisemitismusbegriff zu schaffen, damit er auf Mamdani nicht mehr zutrifft. Alles in allem ging es wie stets darum, Antizionismus als "nicht per se" antisemitisch darzustellen. Gessen verteidigte dabei sogar den Mörder eines israelischen Paars vor dem Antisemitismusvorwurf. Khaykin hatte seine Replik der New York Times angeboten, die sie nicht drucken wollte. Antizionismus soll nicht antisemitisch sein? "Hören Sie nicht auf mich: Fragen Sie einfach die verschwundenen jüdischen Gemeinden von Bagdad über Kairo bis Damaskus. Juden aller Herkunft - Sepharden, Mizrahi, Aschkenasim, Bucharer und andere - haben die gewaltsamen Folgen des Antizionismus am härtesten zu spüren bekommen. Vor 1948 waren über ein Viertel der Einwohner Bagdads Juden - heute ist die Gemeinde ein Gespenst. Die 75.000 Juden Ägyptens sind auf eine Handvoll Menschen geschrumpft. Die gleiche makabre Geschichte wiederholt sich überall dort, wo Antizionismus triumphiert hat, von Polen über Syrien bis Tunesien und zur Sowjetunion: Schikanen, Enteignungen und sanktionierter Terror - ausgeübt mit dem selbstgerechten Eifer derer, die überzeugt sind, auf der Seite der Tugend zu stehen."

Eine erstaunliche Geschichte über "propalästinensische Aktivisten" in Langenau bei Ulm erzählt Kristin Haug im Spiegel. Nachdem dort ein Pfarrer nach dem 7. Oktober den Überfall der Hamas kritisiert hatte, müssen die Kirchgänger jetzt regelmäßig durch ein Spalier wütender Aktivisten ziehen, die ihnen - verblüffend ähnlich wie fanatische Abtreibungsgegner in den USA - "Fotos von blutüberströmten Menschen" unter die Nase halten. "Die Anfeindungen gipfelten der Kirche zufolge in einer antiisraelischen Demonstration und antisemitischen Schmierereien an der Martinskirche. Auf Fotos sind die Schmierereien an der Fassade zu sehen: 'Boycott Israel' steht dort, und 'Juden vergasen'. Auf den Schaukasten der Kirche schrieb jemand: 'Gohl, wie menschenverachtend bist du. 40.000 Tote zählen die nicht?' Ein Täter konnte bislang nicht ermittelt werden."

In der Zeit verzweifelt Yassin Musharbash an der - beinahe - Unmöglichkeit, zivilisiert über den Nahostkonflikt zu diskutieren. Vielleicht könnte man einfach mal öfter zugeben, dass man vieles in diesem Konflikt gar nicht weiß oder versteht. Und dass Sympathie für die eine Seite nicht zwangsläufig totale Ablehnung der anderen bedeutet: "Ja, auch ich bin wütend und entsetzt über die Art und Weise, wie Israel in Gaza Krieg führt. Aber das schmälert meine Empathie für die israelischen Opfer des 7. Oktober und ihre Familien kein Stück. Es heißt nicht, dass ich nicht die Freilassung aller israelischen Geiseln fordere. Ich sehne mich nach einem Frieden im Nahen Osten, der auf Gerechtigkeit beruht - und nicht nur auf Ruhe, damit der Rest der Welt möglichst unbehelligt von schrecklichen Bildern bleibt. Ich stehe nicht 'in der Mitte', was immer das bedeuten soll, aber ich will beide Seiten sehen. Denn für mich ist der Nahostkonflikt keine Partie 'Risiko', die gewonnen werden könnte; er kann nur, er muss beigelegt werden."

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Der tazler Jan Feddersen bringt seit Jahren das "Jahrbuch Sexualitäten" heraus. Unter anderem dafür hatte er vor zwanzig Jahren die "Initiative Queer Nations" mit gegründet. Heute wird Feddersen und anderen schwulen Aktivisten allerdings das Wort "queer" streitig gemacht - denn dies Wort steht heute oft für eine Bewegung mit vielen ideologischen Gewissheiten. Feddersen nimmt auf queernations.de dazu Stellung: Für unseren Namen wählten wir das damals noch nicht allzu geläufige Wort 'queer', weil wir unser Projekt nicht als schwul orientiert verstehen wollten. 'Queer' stand für alle im LGBT-Bereich, quasi für eine Sammelbezeichnung, nicht als ideologisch festgefügte Anordnung, der man sich normativ zu unterwerfen hat. Deshalb verstehen wir uns als plural, lehnen aber Glaubensinhalte unwissenschaftlicher Art ab, denen zufolge es beispielsweise mehr als zwei biologische Geschlechter gibt. Und wir wissen auch, dass das biologische Geschlecht keineswegs sozial konstruiert ist." Feddersen wendet sich gegen das, was er "Queerismus" nennt: "Queerismus... ist der Zustand, wenn jemand andere geißelt, in deren Namen er/sie sprechen will, weil die anderen die reine Lehre nicht mitmachen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.07.2025 - Gesellschaft

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Buch in der Debatte

Der Islamwissenschafter Abdel-Hakim Ourghi spricht im Interview mit der NZZ über sein Buch "Die Liebe zum Hass. Israel, 7. Oktober 2023" und über den Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft, der bei Muslimen oft stark ausgeprägt sei. Statt dies zu kritisieren (was ja nicht bedeutet, dass man zum rechten Antisemitismus schweigt), werde der muslimische Antisemitismus oft schön geredet oder geleugnet: "Die europäische Linke hat den Muslimen gegenüber einen seltsamen Schutzinstinkt. Muslime gelten als Minderheit, die bedingungslose Unterstützung braucht. Damit verhindert die Linke, dass die Muslime sich selbst infrage stellen und die Verantwortung für sich und ihre Geschichte übernehmen. Zum Beispiel was die Unterdrückung der Frauen im Islam betrifft. Wir Muslime brauchen kein Mitgefühl, sondern Menschen, die uns ermutigen, uns unvoreingenommen mit unserer Religion auseinanderzusetzen." Statt dessen sei es "Strategie der Linken und der Islamverbände: Sobald Kritik laut wird, wird sie delegitimiert. Aber Kritik ist auch eine Liebeserklärung. Ich liebe die islamische Kultur. Und weil sie mir am Herzen liegt, will ich offen über ihre Probleme reden, auch über die Gewalt. Wir dürfen die sachliche Islamkritik nicht tabuisieren. Die westliche Kultur lebt davon, dass es keine Tabuthemen gibt."

Der Rechtsextremismus - gerade auch der rechtsextreme Terrorismus - hat sich längst globalisiert, lernt Heike Hupertz in der FAZ aus Dirk Laabs' dreiteiliger Dokumentation "World White Hate", die in der Arte-Mediathek zu besichtigen ist: "Auswertungen der Onlineaktivitäten solcher Täter zeigen, wie ihre weltweite Vernetzung funktioniert, wie sie von Hetze zu Taten gepusht werden. 'Bodycount'-Hitlisten jubeln über die Zahl der Ermordeten, Taten werden live gestreamt, die Täter live angefeuert. Das 'Manifest' des Anders Breivik ist eine 'Bibel' der weltweit vernetzten Rassisten, die 'Turner Diaries' eine andere." In der taz bespricht Florian Schmid die Dokumentation: "Als immer wiederkehrende Gesprächspartnerin ist hier die Mutter des in Hanau ermordeten Ferhat Unvar zu sehen, die sich gegen rechte Gewalt engagiert und bei einem Treffen mit Eltern von Opfern des Anschlags auf den Club Bataclan in Paris zu sehen ist. Nazis, das konstatiert die Doku ganz klar, lassen sich auch von islamistischen Anschlägen und ihren Tätern beeinflussen. 'World White Hate' fächert ein breit angelegtes Tableau an Rechtsterrorismus auf und fokussiert stark auf die USA, wo Donald Trump mit seinen rassistischen Hetzreden mitunter von Neonazi-Propaganda gar nicht zu unterscheiden ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.07.2025 - Gesellschaft

Jannis Koltermann thematisiert im Feuilletonaufmacher der FAZ eine emotionale Dissonanz im Verhältnis der Deutschen zu sich selbst: "Ihre persönliche wirtschaftliche Lage bewerten, wie die Forschungsgruppe Wahlen ermittelt hat, 57 Prozent der Deutschen als gut, acht Prozent als schlecht; die allgemeine wirtschaftliche Lage jedoch fast spiegelverkehrt nur neun Prozent als gut, 32 Prozent als schlecht." Koltermann schließt einen Aufruf zur Mäßigung an: "Muss man immer wieder den Niedergang des Wirtschaftsstandorts Deutschland, ja des Landes allgemein beschwören, wenn die meisten Bürger mit ihrem Leben zufrieden sind?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.07.2025 - Gesellschaft

An dem Rapper Sean Combs ist #MeToo spurlos abgeglitten (unser Resümee). Trotz der drastischen und bestens belegten Vorwürfe, bekam er nur ein mildes Urteil. "Er stützte seine Macht auf soziale Strukturen, die ihn schützten - und seine Opfer auslieferten", kommentiert Majd El-Safadi in der FAZ. "In diesem Sinne hat das Urteil eine symbolische Strahlkraft: Fast ein Jahrzehnt nach MeToo fragen sich Frauen immer noch, warum die Scham noch nicht ihre Seite gewechselt hat."
Stichwörter: Combs, Sean, Metoo

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.07.2025 - Gesellschaft

Das Urteil gegen den Rapper Sean "Diddy" Combs ist gefallen, und es ist ziemlich mild ausgefallen - dabei schien die Sachlage recht klar, wie Sebastian Eder empört im Leitartikel der FAZ schreibt. Angeklagt hatte ihn seine frühere Freundin Cassie Ventura, die ihre Gewaltvorwürfe mit ziemlich drastischen Beweisvideos belegen konnte: "Natürlich müssen MeToo-Vorwürfe gründlich geprüft werden, zu oft haben falsche Anschuldigungen Existenzen zerstört. Aber hier war die Lage klar. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Combs Ventura geschlagen hat, er hat das auch zugegeben. Die Jury ließ sich aber nicht davon überzeugen, dass er sie mit dieser Drohkulisse auch systematisch dazu zwang, weiter an den 'Freak Offs' teilzunehmen. Sonst hätte sie ihn nach amerikanischem Recht wegen sexuell motivierten Menschenhandels verurteilen müssen." In der taz schreibt Valérie Catil.
Stichwörter: Combs, Sean, P. Diddy, Metoo