Letztlich ging es im
Hohenzollern-Streit ja ums Versilbern, stellt sich jetzt heraus, nachdem sich die Familie und der Bund und die Länder Berlin und Brandenburg
geeinigt zu haben scheinen. Andreas Kilb zeigt es am Beispiel der
Tabatieren Friedrichs II.: "Die
Nase des Königs war zwar gleichfalls ein Teil seines Staates, aber die auf Staatskosten aus Halbedelsteinen gefertigten und mit Brillanten besetzten Döschen, aus denen er seinen Tabak schnupfte, gehören nun nicht seinem
Rechtsnachfolger, der Bundesrepublik Deutschland, sondern seinen privaten Erben. Zwei der sieben erhaltenen Tabatieren wollen die Hohenzollern freundlicherweise der Öffentlichkeit als Dauerleihgabe überlassen, die übrigen nehmen sie in Besitz. Sie sind viele Millionen Euro wert. Mit ihrer Versteigerung auf dem
internationalen Kunstmarkt ist zu rechnen." Für die Demokratie hat die noch nicht von allen Seiten unterzeichnete Einigung mit der historisch kompromittierten Familie allerdings auch eine sehr
bittere Seite, so Kilb: "Etwa 6.000 Objekte aus staatlichen Sammlungen könnten fortan
nicht mehr ohne ihre Zustimmung verliehen oder kuratorisch gedeutet werden."
Die Abgeordneten der AfD werden es sich bei einem
Verbot ihrer Partei nicht nehmen lassen, sich als Opfer zu inszenieren, konstatiert Ronen Steinke in der
SZ. Zwar dürften die AfD-Mitglieder keine Nachfolgeorganisation gründen, doch im Wahlkampf nach dem Parteiverbot werden sie das bestimmende Thema sein und die AfD-Wähler wahrscheinlich der Werteunion von Hans-Georg Maaßen oder ähnlichen Parteien zuströmen. "Das alles wäre also eher eine
Schocktherapie für die Demokratie als etwas Schonendes. Dieses Szenario muss man vor Augen haben, wenn man die Idee eines Parteiverbots erwägt. Und man muss es dabei dem anderen, dem alternativen Szenario gegenüberstellen, um abwägen zu können. Dieses zweite Szenario besteht darin, dass es grob so weitergeht wie bisher. Dass also bald nicht nur drei oder vier ostdeutsche Länder, in denen die AfD zur stärksten Kraft heranwächst oder dies schon ist, von dieser Partei geprägt werden. Sondern, dass die AfD weiterwächst, auch weil es ihre Gegner
mit der Angst zu tun bekommen. (...) Das ist eine Angst, die in einer Demokratie nichts verloren hat und an die man sich nicht gewöhnen darf."
Der Konsens über die
deutsche Geschichte, falls es ihn je gab, wird von allen Seiten infrage gestellt. Die Partei Die Linke stützt sich jetzt auf die "
Jerusalemer Erklärung" (und findet dafür die Unterstützung der
taz, mehr
hier), die darauf angelegt ist, aktuelle Formen des Antisemitismus als "
nicht per se" antisemitisch weißzuwaschen. Intellektuelle wie Dirk Moses attackieren den "
Katechismus der Deutschen". Während Islamisten den Holocaust gleich ganz leugnen, wenn sie ihn nicht ohnehin
neu in Szene setzen, rufen mit ihnen verbündete Aktivisten "Free Palestine
from German Guilt". Bei den Rechtsextremen ist es ähnlich. Sie beklagen einen "
Schuldkult". Der Antisemitismus der Rechtsextremen äußert sich ganz besonders über
historische Relativierungen, allerdings mit anderen Zielen als bei den Postkolonialisten.
Hier geht's um Opa. Deborah Schnabel und Eva Berendsen von der Bildungsstätte Anne Frank haben beide Seiten der Relativierung im Blick. In ihrem
Bericht "Der Holocaust als Meme" befassen sie sich vor allem mit Relativierung von rechts. Im Gespräch mit Florian Heimhilcher von der
FAZ sagen sie: "Die
Grenzen des Sagbaren wurden gerade im Feld der Erinnerungskultur nach rechts verschoben, und diese Muster finden wir im Netz. Maximilian Krah platziert emotional besetzte Themen nahbar und auf eine
onkelhafte Art und Weise auf Tiktok, wie etwa den Hit: 'Unsere Vorfahren waren keine Verbrecher.' Da werden keine Zahlen oder Fakten genannt, und über die Verbrechen der Nationalsozialisten wird geschwiegen. Es geht um deutsche Kultur und um Oma und Opa, womit sich jeder sofort emotional verbunden fühlt."
Inge Hüsgen
beobachtet in
hpd.de eine interessante Diskrepanz im Verhältnis von
Politik,
Religion und
Gesellschaft in Deutschland: "Die
neue Bundesregierung zeigt ein deutlich religiöses Profil. Bei der Vereidigung am Dienstag sprachen
13 der 17 Ministerinnen und Minister den Amtseid mit Bezug auf ein religiöses Bekenntnis, ebenso wie der neue Bundeskanzler Friedrich Merz. Nur vier SPD-Ministerinnen und -Minister wählten die weltanschaulich neutrale Formulierung. In der Bevölkerung dagegen stellen die
Konfessionsfreien längst die Mehrheit, und ihr Anteil wächst."