Gerne würde man das Dossier über den "Feminismus mit variabler Empörungsbereitschaft" der Zeitschrift Franc Tireur lesen. Steht aber leider nicht online.Die taz bringt ein mehrseitiges Dossier zum Tag der Frau, der ja morgen in Berlin bekanntlich Feiertag ist. Hauptthema ist Schönheit. Ein Pro und contra beschäftigt sich mit der drängenden Frage: "Sollten sich Feminist*innen überhaupt mit ihrem Aussehen beschäftigen?" Valérie Catil schreibt über den Hype um das Diabetes- und Abnehmmedikament Ozempic ("wenn es sich durchsetzt, gewinnt vor allem das Unternehmen dahinter"). "Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, werden permanent auf Äußerlichkeiten angesprochen und verspottet", sagt die grüne Bundestagsabgeordnete Tessa Ganserer (Frage: "Sie haben selbst lange in einer männlichen Rolle gelebt. Hätte sich die Frage nach Schönheit damals für Sie anders angefühlt?") Was es in dem Dossier nicht gibt: Nichts über den Iran, nichts über die Ukraine oder Russland, nichts über den Streit Gender- versus klassischer Feminismus.
"Das progressistische Frankreich igelt sich ein. Es bereitet sich auf böse Zeiten vor", kommentiert Marc Zitzmann in der FAZ die französische Entscheidung, das Recht auf Abtreibung in der Verfassung verankern. Für Zitzmann hat der Beschluss Vorbildcharakter: "Was die Bedrohung betrifft, so hat die Aufhebung der Grundsatzentscheidung Roe v. Wade durch den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten Mitte 2022 schockierend vor Augen geführt, wie auch in vermeintlich führenden Demokratien fundamentale Rechte von heute auf morgen einem Federstrich zum Opfer fallen können. Abschreckende Beispiele finden sich auch in Europa, von Italien und Malta bis zu Polen und Ungarn. Im Fall von Frankreich steht das Recht auf Abtreibung weder unter dem Schutzschirm eines internationalen Abkommens (wie etwa der EU-Grundrechtecharta, in welche linke Parlamentarierinnen es gerne eingeschrieben sehen möchten) noch eines expliziten Entscheids des Conseil constitutionnel. Die Annahme der Reform mit einer überwältigenden Mehrheit von 780 gegen 72 Stimmen verankert sie hingegen nicht nur legal, sondern auch symbolisch in einem Fundament aus Beton."
Ähnlich sieht es Karoline Meta Beisel in der SZ: "Dass es selbst die Franzosen für nötig erachten, die in der Gesellschaft derzeit breit akzeptierte Möglichkeit zur Abtreibung per Verfassung zu schützen, zeigt: Die Sorge der Französinnen und Franzosen ist groß, dass sich der politische Wind auch in diesem Land wieder einmal drehen könnte." Und weiter: "Frankreich stellt den Frauenwillen unter Schutz. Das ist gut, aber Anlass zur Sorge."
Dass antisemitische Straftaten oft nicht als solche verurteilt werden, liegt nicht primär an der Gesetzeslage, meint Julian Sadhegi auf Zeit Online. Vielmehr fehlten den Zuständigen oft die nötige Sachkenntnis, um antisemitische Codes zu dechiffrieren: "Doch Juristinnen brauchen klare Definitionen. Darum stürzen sie sich auf Wörter und Konzepte, machen sie zu Rechtsbegriffen. Sie erkunden semantische Feinheiten und streiten über die richtige Auslegung. Ausgerechnet beim Thema Antisemitismus hat die deutsche Rechtswissenschaft aber blinde Flecken. Es gibt kaum Forschungsliteratur. Und in den oft mehrbändigen juristischen Kommentaren, einem der wichtigsten Werkzeuge von Richterinnen und Richtern, ist eine tiefergehende Behandlung von Antisemitismus und seinen modernen und sekundären Erscheinungsformen praktisch nicht vorhanden. Auch Lembke verweist auf die sehr geringe Zahl an Veröffentlichungen in diesem Bereich, insgesamt müsse die Rechtswissenschaft beim Thema Antisemitismus "dringend ihre Defizite aufarbeiten".
Bestellen Sie bei eichendorff21!Das antijüdische Klima heute weist Ähnlichkeiten mit der Situation um 1933 auf, sagt der Historiker Julius Schoeps, dessen 2021 erschienes Buch "Düstere Vorahnungen" derzeit an Aktualität gewinnt, im Gespräch auf den Wissenschaftsseiten des Tagesspiegels. Aktuell gehe Kritik am Vorgehen des Staates Israel im Gazastreifen ineinander über mit dem erstarkenden Antisemitismus, meint er und fordert Maßnahmen etwa mit Blick auf die antisemitischen Vorkommnisse an Universitäten: "Allgemeines Bedauern und Klagen reichen nicht. Ich erwarte, dass die politisch Verantwortlichen für Präventivmaßnahmen sorgen. Es versteht sich von selbst, dass die Meinungsfreiheitsfreiheit durch solche Maßnahmen nicht eingeschränkt werden darf. Es ist eine Gratwanderung. Man muss genau hinsehen. Freier Diskurs, Meinungsfreiheit ja, die Propagierung und Ausübung von Gewalt gegen Personen nein. (…) Sich in der BDS-Bewegung zu engagieren, ist Mode geworden. Kritik an der israelischen Politik kann man natürlich äußern. Aber in dem Moment, in dem sich diese Kritik in judenfeindlichen Stellungnahmen entlädt, dann stimmt etwas nicht. Beispielsweise, wenn sattsam bekannte antisemitische Stereotype ins Spiel gebracht werden wie Juden als Kindermörder."
Ein Denkmal für die Opfer der RAF? In der FAZ winkt Edo Reents ab: Das sei doch völlig überflüssig. "Dass die RAF so viele Menschen ermordet hat, von denen jeder einer zu viel ist, wird niemand, der bei klarem Verstand ist, vergessen und, sofern ihm das überhaupt zusteht, auch nicht entschuldigen oder verzeihen. Die Motive für diese Taten, von denen bisher nur eine einzige, nämlich der von der zweiten Generation zu verantwortende Mord am damaligen Dresdner-Bank-Vorstandssprecher Jürgen Ponto im Juli 1977, aufgeklärt ist, sind weitgehend bekannt. ... Was missbilligend über all das zu sagen ist, wurde und wird weiterhin gesagt. Ein 'Mahnmal' würde hier irgendwie banal wirken, abgesehen davon, dass es auch reichlich spät käme." Wichtiger wäre für Reents mehr Aufklärung der Morde durch eine besser ausgerüstete Polizei.
Wie lebt man im Untergrund? Markus Wehner unternimmt für die FAZ eine vergleichende Untersuchung der Methoden der NSU-Terroristen und der RAF-Terroristen der dritten Generation. Vieles ist vergleichbar: "Das NSU-Trio, das nur hundert Kilometer von seinem früheren Wohnort untergetaucht war, lebte in dreizehn Jahren der Illegalität in sieben Wohnungen. Eine Lösung fanden sie schließlich, indem sie eine Wohnung von Bekannten übernahmen. Das Unterschlüpfen in bestehende Mietverhältnisse entbindet von Mietverträgen und gefährlichen Fragen, wie sie mit der Abrechnung von Gas, Strom oder der GEZ auftauchen können. Klette wohnte in einer Wohngemeinschaft, wo solche Dinge von Mitbewohnern übernommen werden können."
Im FR-Interview mit Michael Hesse glaubt der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar nicht, dass die Festnahmen von RAF-Mitgliedern der dritten Generation neue Erkenntnisse bringen werden, wie das zum Beispiel bei Mitgliedern der zweiten Generation 1990 funktioniert hat. "Im Unterschied zu ihnen schweigen sich jedoch fast alle anderen RAF-Mitglieder aus und sind gegenüber staatlichen Behörden nicht bereit, irgendwelche Aussagen zu machen. Journalisten gegenüber mögen sie vielleicht hin und wieder eine Ausnahme machen. Ein Mitglied wie Brigitte Mohnhaupt etwa, die einstige Chefin der zweiten Generation, achtet jedoch nur zu genau darauf, dass niemand von ihnen auspackt. Es gibt jedenfalls Presseberichte, in denen geschildert wird, wie Mohnhaupt etwa Verena Becker daran gehindert habe, Aussagen zu machen, indem sie ihr mit verschiedenen Dingen drohte. Das Schweigegebot dürfte vermutlich auch heute noch weiter gelten."
99,5 Prozent der amerikanischen Eliteuniversitäten seien links orientiert, und als progressiv gelte alles, was sich um Identitäten dreht, also "Rassen", Ethnien, Gender und LGBTQ, beklagt der in den USA lehrende Soziologe Andreas Wimmer im NZZ-Gespräch. Dabei sei die wirtschaftliche Ungleichheit viel maßgeblicher: "Die Aspekte Einkommen, Vermögen und die Verteilung von Bildungschancen sind für das Verständnis der USA zentral. Wenn man Ungleichheit in der amerikanischen Gesellschaft untersuchen will, ist das wichtigste Kriterium immer noch die Schichtzugehörigkeit, also Klasse, und nicht Rasse oder Geschlecht. Es sind bezeichnenderweise vor allem schwarze Forscher, die auf diesem Punkt insistieren, zum Beispiel der Politologe Adolph Reed aus marxistischer Sicht oder aus liberaler Perspektive der Soziologe William Wilson. Denn einerseits ist es für weiße Akademiker politisch gefährlich, sich dem herrschenden Rasse-Diskurs entgegenzustellen, andererseits ist es für afroamerikanische Forscher frustrierend, dauernd bloß als Repräsentanten der schwarzen Bevölkerung auftreten zu müssen. Es ist auch eine Entwertung ihrer Individualität und ihrer eigenen Leistung, wie der Linguist John McWorther in seinem Buch 'Die Erwählten - Wie der neue Antirassismus die Gesellschaft spaltet' betont."
In der SZ rechnet Ronen Steinke ab mit linken Jüdinnen wie Deborah Feldman oder Susan Neiman, die über jüdische Menschen in Deutschland spotten. Vor allem Feldman beschreib die jüdische Gemeinde in Deutschland als "bloß mit Konvertiten künstlich aufgefüllte, weitgehend hinterwäldlerische Veranstaltung, die mit 'authentischem' Judentum wenig zu tun habe", erinnert Steinke: "Sie kommen aus einer Welt, in der Juden keine strauchelnde Minderheit sind, sondern gut etablierter Teil der Gesellschaft. Feldman hat mit ihrer Familie zu Hause Jiddisch gesprochen. Sie hat großes religiöses und kulturelles Wissen angehäuft, in einem Alter, in dem jüdische Kinder in der deutschen Provinz vielleicht eher noch verunsichert versucht haben, einen Spagat zwischen Adventskalender und Chanukka-Leuchter hinzubekommen. Oder mit den muslimischen Kindern gemeinsam im Ethikunterricht abgestellt waren."
Die Hamas hat gegenüber israelischen Frauen grausamste Kriegsverbrechen in Form von Vergewaltigungen und Verstümmelungen verübt. Ein Aufschrei deutscher Feministinnen blieb aus. Psychologe Louis Lewitan erklärt diese Stille in der Zeit auch mit Verdrängungen und Traumata, die noch aus dem Zweiten Weltkrieg herrühren. Frauen hätten in der Nazizeit ihren Anteil an der Verrohung ihrer Söhne gehabt. "Die emotionale Taubheit half den Deutschen auch nach Kriegsende. Wer in den Ruinen der Trauer verfiel, konnte nicht überleben. Und so verwandelten Antisemiten sich in Scheindemokraten. Die grausamen Sexualverbrechen der Wehrmacht waren vergessen: ihre Bordelle voll Zwangsprostituierter, ihre Massenerschießungen entkleideter Frauen und Mädchen. Dazu passt, dass deutsche Frauen, die von Alliierten vergewaltigt wurden, kaum über ihr Leid sprachen. Das Schweigen traf auf die weiblichen Opfer der Nazis ebenso zu wie auf die weiblichen Opfer der Siegermächte. Diese Frauen unterdrückten ihre Scham und Wut, verbargen ihre Trauer und Einsamkeit, vertuschten ihren Schmerz. Der Schutzmechanismus erstickte jedoch oft auch Gefühle von Liebe und Wärme."
Daniela Klette liebt die Natur. Ein Bild von ihrer noch online stehenden Facebook-Seite als "Claudia Ivone".Der Polizei ist es gelungen die frühere RAF-Terroristin Daniela Klette festzunehmen, die, wie eine Recherche in der Welt zeigt, die letzten dreißig Jahre quasi öffentlich gelebt hat. In ihrer Wohnung wurde eine Granate gefunden, meldet der Deutschlandfunk. Michael Buback, Sohn des von der RAF ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback, erhofft sich von Klette im Tagesspiegel-Interview mit Christopher Ziedler nur wenig Aufklärung zum Tod seines Vaters. "Ein Appell von meiner Seite wird RAF-Täter kaum erreichen und sie höchstwahrscheinlich nicht beeindrucken. Die Hoffnung auf ein 'Auspacken' ist sehr gering geworden, aber vielleicht hinterlegen Täter Informationen bei ihren Rechtsanwälten. Unsere Hoffnung ist auch deshalb gering, da es ein Zusammenwirken von Terroristen mit staatlichen Stellen, etwa dem Verfassungsschutz, gegeben hat, das in aller Regel mit der Gewährung von Schutzzusagen verbunden ist."
Frank Bachner ruft uns im Tagesspiegel zu, dass die "Verklärung der RAF als Kämpfer gegen Kapitalismus und Ausbeutung" sofort beendet werden sollte. Nur weil es die Unterstützer-Szene noch gibt, hätte Daniela Klette trotz der unaufgeklärten Morde der RAF unbehelligt Capoeira trainieren können. "Zu Recht ging ein Aufschrei durch die Gesellschaft und die linke Szene, als klar wurde, dass ein Netzwerk von Gesinnungsgenossen die rechtsradikalen NSU-Mörder jahrelang geschützt hatte. Aber Terror ist Terror, ob er von rechts oder von links kommt. Wer Terror entlang ideologischer Weltbilder definiert, verhöhnt die Opfer und deren Angehörige."
Viel lockerer sieht es Jürgen Gottschlich in der taz, der bei diesem Thema beste Achtziger-Jahre-Prosa auspackt: "Sobald es um die RAF geht, herrscht immer noch Hysterie und Härte statt Vernunft. Daniela Klette, Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub sind schon lange für niemanden mehr eine Bedrohung, man hätte ihnen schon vor 25 Jahren einen Rückweg in die Legalität anbieten können." Und Helmut Höge, ein Ex-Situationist wie Dieter Kunzelmann (über den Höge 1991 hier schrieb) schließt einen Artikel über seine selbst erlebten Schmonzetten aus der Zeit des Deutschen Herbstes so: "In der linken Szene dürften jedoch viele davon ausgehen, dass die staatlichen Fahnder einem so schönen 'Gegner' wie der alten RAF einfach nicht zugestehen wollen, dass es ihn nicht mehr gibt."
In der FAZ regt sich Jürgen Kaube über das Canceln im Allgemeinen und die Umbenennung der Otfried-Preußler-Schule in Pullach (mehr dazu hier) im Besonderen auf: "Es ist wie bei anderen Beispielen für das Canceln: Sie sind von einer solchen Dummheit, dass es wehtut. Der Name des größten deutschsprachigen Kinderbuchautors, er soll nicht mehr zu einer Schule passen. Und Jim Knopf, ein Buch gegen Rassismus durch und durch, wird in Text und Bild so lange nachbearbeitet, bis man glaubt, keinen Vorwurf aus der Abteilung des 'sensitivity reading' fürchten zu müssen. Den Nachweis, dass die um Worte wie 'Neger' (verwendet nur von einer als 'Untertan' bezeichneten Figur) oder 'Indianer' bereinigten Ausgaben zu mehr Toleranz, weniger Vorurteilen und weniger Verletzungen führen, erspart man sich. Hauptsache, die Erwachsenen haben ein gutes Gewissen."
Frank Trentmann wuchs in Hamburg auf und lehrt seit vielen Jahren Geschichte in London und Helsinki. Er wirft also gewissermaßen von außen einen Blick auf Deutschland und sieht: eine ausgeprägte Jammerkultur, die nur den Extremisten hilft. Vielleicht sollte man sich gelegentlich auch mal vor Augen halten, "wie gut es uns vergleichsweise geht, nicht nur im Vergleich zu unseren Vorfahren, sondern auch hier und heute im europäischen Vergleich", empfiehlt er in der FAZ. "Wir brauchen mehr als eine Schönwetterdemokratie. Zu lange wurde Verantwortung ausgelagert und verschoben, weg von den eigenen Bürgerinnen und Bürgern - auf die USA für die militärische Sicherheit; auf fossile Energien aus dem Ausland für mollig warme Wohnungen und schnelle Autos; auf Italien und Griechenland für die vielen Migranten. Diese bequemen Strategien, die auch ein Stück Realitätsverweigerung waren, funktionieren nicht mehr."
Von 1967 bis 1976 vermittelte der Sexualforscher Helmut Kentler in Berlin mit Unterstützung von Mitarbeitern der staatlichen Jugendhilfe "Jungen, die er als 'sekundärschwachsinnig' einschätzte" in die Obhut pädophiler Pflegeväter. Das sollte ihre Persönlichkeitsentwicklung fördern. Die Uni Hildesheim hat jetzt einen Bericht dazu veröffentlicht, den der Berliner Senat 2018 in Auftrag gegeben hatte, berichtet Heike Schmoll in der FAZ, und darin zeigt sich, dass die Missbrauchsstruktur weit über Berlin hinaus reichte: "von Göttingen über Lüneburg nach Tübingen, über die inzwischen geschlossene Odenwaldschule in Heppenheim bis in Institutionen der evangelischen Kirche. Die Aktenanalyse habe gezeigt, dass von einer 'Institutionalisierung der Gewalt' gesprochen werden könne, während die Behörden die Unterbringung systematisch duldeten und selbst bei einschlägigen Hinweisen nicht misstraisch wurden, berichten die Forscher."
In ihem Buch "Unorthodox" erzählte Deborah Feldman beeindruckend von ihrer Selbstbefreiung aus einer ultraorthodoxen jüdischen Sekte in New York. Das Buch wurde zum Bestseller und einer erfolgreichen Netflix-Serie. Aber heute fragen Nicole Dreyfus und Philipp Peyman Engel in der Jüdischen Allgemeinen: "Gibt es eine Person im Literatur- und Medienbetrieb hierzulande, die in ihren öffentlichen Statements - man muss es so deutlich sagen - niederträchtiger und bösartiger auftritt als Deborah Feldman?" Feldman tingelte eine Zeitlang durch die Talkshows, wo sie behauptete, ihre gegen einen angeblichen jüdischen Mainstream gerichtete Meinung werde unterdrückt. Und nun? "Verschwörungstheorien, Menschenhass pur, 'Witze' mit selbst erstellten Fake-Goebbels-Zitaten, das Markieren von Personen als Feinde, öffentliche Aufrufe zum Denunzieren und zur Demontage von israelsolidarischen Aktivisten: Was die Öffentlichkeit in den vergangenen Wochen auf Social Media beobachten konnte, war die veritable Selbstdemontage einer einstmals geachteten Schriftstellerin in Echtzeit. Es ist ein beunruhigender, höchst irritierender Prozess einer Selbstradikalisierung, der sich vor aller Augen vollzogen hat und in dem Social Media eine ganz zentrale Rolle spielt."
Für die Welt hat Frederik Schindler mit dem jüdischen FU-Studenten Lahav Shapira gesprochen, der von einem arabischstämmigen Lehramts-Kommilitonen angegriffen und schwer verletzt wurde. Shapira schildert das brutale Ausmaß des Angriffs, unterlegt ist der Artikel mit Auszügen aus WhatsApp-Gruppen und Instagram-Stories, die belegen, wie Stimmung gegen Shapira gemacht wurde. Von der Uni hat er bisher lediglich eine Mail erhalten: "Die Unileitung hat den israelfeindlichen Gruppen viel zu viel Spielraum gewährt. Jüdische Kommilitonen und ich hatten das FU-Präsidium lange vor dem Angriff auf mich aufgefordert, diese Gruppen zumindest zu beobachten. Bei einem Gespräch mit dem Präsidium wurden uns Lösungsansätze versprochen, dann wurden wir ignoriert. Man wollte sogar uns Verantwortung übergeben. Wir sollten Ankündigungen israelfeindlicher Demos weiterleiten und wurden dazu animiert, Plakate oder Schmierereien selbst zu entfernen. Wir werden vorgeschickt, weil die Uni sich offenbar nicht traut, sich darum zu kümmern."
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