9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2023 - Gesellschaft

Im SZ-Interview mit Tim Frehler spricht der Politologe Thomas Biebricher, Autor des Buches "Die internationale Krise des Konservatismus" über das Fehlen einer Strategie von CDU/CSU gegen rechts. Es sei "gefährlich" auf den Kulturkampf gegen Links-Grün statt auf konservative Themen zu setzen, meint er: "Das sind attraktive Themen, mit denen man gut mobilisieren und Aufmerksamkeit bekommen kann. Aber in dem Moment, in dem die Wähler merken: 'Die reden ja nur, die tun gar nichts', gehen sie einen Schritt weiter und landen bei der AfD. Ich kenne auch international kaum Beispiele, wo so ein Kurs mittelfristig von Erfolg gekrönt war - wenn man sich nicht eben selbst radikalisiert hat, wie etwa die britischen Tories." Stattdessen sollten die beiden Parteien schauen, "wie Helmut Kohl den Diskurs über die 'geistig-moralische Wende' geführt hat. Das war Anfang der 1980er-Jahre, Wirtschaftskrise. Da hat die Union gesagt: Erinnern wir uns doch daran, wie wir das Land nach dem Krieg schon einmal aus Ruinen wieder aufgebaut haben, wie wir damals zusammengestanden haben. So könnte man ja jetzt auch kommunizieren."

Erben ist eine "ungerechte Lotterie", meint im Interview mit der taz der Philosoph Stefan Gosepath und plädiert dafür, das Erben abzuschaffen. Am liebsten ganz, aber um des lieben Friedens willen würde er das Elternhaus ausnehmen. Den elterlichen Betrieb eher nicht: "Wenn man die Vererbung von mittelständischen Betrieben oder Familienunternehmen nimmt, stellen die in kleinen Dörfern oder Gemeinschaften natürlich Machtfaktoren dar. Hier wird also im Prinzip Macht doch noch vererbt. Dass das hart verteidigt wird, müsste einem eigentlich zu denken geben als guter Demokrat."

Am Freitag hatte bereits die NZZ darüber berichtet, dass das Online-Magazin Hyphen zwar Ahmad Mansours anwaltlicher Forderung nachkommen will, den fehlerhaften Text von James Jackson zu löschen, allerdings nur, wenn Mansour eine Verschwiegenheitsklausel unterschreibt (Unser Resümee). Solche Klauseln seien "üblich", meint Hyphen-Anwalt Oliver Graef auf SZ-Anfrage, berichtet Thorsten Schmitz ebenda. Nun liegt zwar der Unterlassungsvertrag ohne Schweigeklausel vor, der Text ist allerdings noch immer online in seiner Ursprungsversion abrufbar. Und: "Einen Schaden hat Jacksons Artikel dennoch bereits verursacht: Mansour sagt, nach Veröffentlichung des Artikels seien viele Menschen in seinem Dorf Tira davon überzeugt, er sei ein 'Verräter, Zionist, Islamhasser'. Aus Sicherheitsgründen könne er vorerst seine dort lebenden Eltern und Geschwister nicht mehr besuchen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2023 - Gesellschaft

Burkini hier, oben ohne dort - geht das zusammen im Freibad? Gerald Wagner stellt in der FAS eine - nicht repräsentative - Studie der Religionssoziologin Ines Michalowski vor, die im Sommer 2019 101 Interviews zum Thema mit Gästen in Frei- und Hallenbädern geführt hat. "Die meisten Nutzer begriffen das Schwimmbad und die dortigen Körperpraktiken als vollkommen abgelöst von Religion. Ein Verständnis für das Tragen des Burkinis als Ausdruck einer religiös geprägten Körperscham, so Michalowski, sei von den meisten Badegästen darum auch nicht zu erwarten. ... Religiöse Scham wird nicht (mehr) verstanden, aber durch ein notgedrungenes Ausweichen auf höhere Werte wie Diversität und Selbstbestimmung eingeordnet. Klar wird aber auch, dass der Respekt für die Selbstbestimmung der Burkiniträgerinnen von den nichtmuslimischen Befragten mit einer nahezu Nulltoleranzhaltung gegenüber der Erwartung quittiert wird, dass man jetzt etwa in den dafür abgegrenzten Bereichen nicht mehr nackt duschen sollte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2023 - Gesellschaft

"Die Bundesregierung nimmt die medizinischen Langzeitfolgen der Coronapandemie ernst, aber nicht die psychischen und sozialen", klagt der Sozialforscher Klaus Hurrelmann, der eine Studie zum Thema durchgeführt hat und herausfand, dass die gesamte Gesellschaft an einer Art posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Im Interview mit Sabine am Orde von der taz erläutert er seine These so: "Da weiß man, dass das wahre Ausmaß einer Belastung sich erst zeigt, wenn man die akute Krise eigentlich schon hinter sich hat. Einen solchen Effekt beobachten wir in allen Altersgruppen, bei jungen Leuten besonders stark. Wir haben es mit einer psychisch sehr belasteten, sehr erschöpften Bevölkerung zu tun. Die bräuchte jetzt eigentlich Ruhe. Aber stattdessen stehen wir vor den nächsten Krisen: Klima, Krieg, Inflation, vielleicht auch noch eine Fluchtbewegung. Auch diese Krisen können von einem Individuum nicht mit eigenen Ressourcen bewältigt werden. Es ist die nächste Überforderung." Ist natürlich ein Ding, dass sich die Regierung nicht darum kümmert.

In der NZZ rollt Oliver Maksan detailliert die Rufmordkampagne gegen Ahmed Mansour nochmal auf (unsere Resümees). Mansour droht, rechtliche Schritte gegen die Website Hyphen Online einzuleiten - sie hatte den Mansour-Text von James Jackson veröffentlicht. Mansour fordert Hyphen auf, den Text zu depublizieren, das Magazin ist dem bislang aber nicht nachgekommen. Jetzt hat die Website dem Unterlassungsgesuch zwar in allen Punkten zugestimmt,  allerdings nur unter der Bedingung: Mansour soll nicht darüber reden. "Für den Integrationsexperten, dessen Reputation tagelang am seidenen Faden hing, ist das nicht annehmbar, wie er der NZZ sagt", kommentiert Maksan. Damit wären zwar die Behauptungen über ihn aus der Welt, aber er würde einen Maulkorb zu seinem eigenen Fall verpasst bekommen. Gleichzeitig hat Mansour an viele Medien ein Dossier geschickt, das die Anschuldigungen gegen ihn widerlegt. "Das überzeugt immer mehr Medien. Die Gewichte neigen sich zu Mansours Gunsten."
Stichwörter: Mansour, Ahmad, Hyphen, Inflation

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2023 - Gesellschaft

Gestern gab es im Netz und auch sonst Verwirrung über die Frage, ob Fabian Wolffs Ex-Freundin Helen R. tot ist - Mirna Funk hatte diese Information im Schlusssatz ihres FAZ-Artikels (unser Resümee) in eine leicht missverständliche doppelte Verneinung verpackt - "Ich wüsste nicht, dass sie nicht mehr lebt". Doch inzwischen bestätigt auch Zeit online in einem "Faktencheck": "Die Ex-Freundin ist vor einigen Monaten verstorben." Das ist allerdings auch der einzige klare Punkt, den dieser Faktencheck macht. Ansonsten ist das Fazit: Erst wusste Fabian Wolff nichts, und dann wusste die Redaktion nichts - ausgenommen ein einzelner Redakteur, dem Helen R. "privat" ihre Zweifel an der behaupteten Identität Wolffs mitgeteilt hatte: "Im Zuge unserer Recherchen sind wir, wie erwähnt, auf einen privaten Kontakt der Ex-Freundin in der Redaktion der Zeit gestoßen. Diesem privaten Bekannten gegenüber hatte sie bereits einmal 2017 im Vertrauen geäußert, dass sie Zweifel an der jüdischen Identität Fabian Wolffs hege. Auch deutlich später, im Jahr 2022, hatte sie noch einmal Kontakt aufgenommen, um von ihren Zweifeln zu berichten. Diese Information hat Zeit online erst jetzt im Rahmen dieses Faktenchecks erreicht. ... Vorwerfen müssen wir uns, dass wir die seit Herbst 2021 kursierende E-Mail vor Veröffentlichung des Textes 'Mein Leben als Sohn' nicht kannten. Dies wiegt umso schwerer, als die Autorin der E-Mail in privatem Kontakt mit einer Person in unserem Haus stand, und über die Jahre mindestens zwei Mal von ihren Zweifeln berichtet hat. Der Frage, warum uns diese Information nicht erreicht hat, gehen wir in einer internen Prüfung weiter nach."

Etwas widersprüchlich konstatiert die Zeit aber, nachdem sie ausführlich darlegt, warum sie alle Behauptungen in Wolffs Text glaubhaft fand: "Wir können Fabian Wolff bisher nicht nachweisen, an anderer Stelle bewusst die Unwahrheit gesagt zu haben. Unsere Recherchen zeigen allerdings, wie er die spärlichen, von seiner Mutter erfundenen Informationen zu seinem vermeintlichen Jüdischsein durch weitere 'fundierte Spekulationen', wie er sie selbst bezeichnete, ergänzt hat. Diese 'fundierten Spekulationen' sind von bewussten Täuschungen teilweise nur mit gutem Willen zu unterscheiden."

Viele Medien haben über den Fall Fabian Wolff noch überhaupt nicht berichtet. Nach Mirna Funks Intervention gestern meldet sich nun aber auch der Tagesspiegel, der wie Zeit online dem Hause Holtzbrinck angehört. In Andreas Busches Artikel äußert sich auch Wolff zum ersten Mal seit der Publikation seines Monsterartikels. Auch Busche ist Funks Schlusssatz aufgefallen: "In dem lakonischen Schlusssatz steckt bereits ein unausgesprochenes Urteil, das weit über den Vorwurf der 'Scharlatanerie' oder des 'Kostümjuden' hinausgeht." Aber, so Busche, "Helen R. hatte eine lange Krankengeschichte." Das von Funk erwähnte Schreiben des Anwalts Nicolas Becker an Helen R. habe nicht der Einschüchterung gedient, sondern eine Kontaktsperre erwirken sollen. Busche stellt auch die Frage, weshalb Wolff den Text überhaupt veröffentlichte, wollte er jemandem zuvorkommen? Wolff sagt, es sei ihm "im Sinne der intellektuellen und moralischen Redlichkeit wichtig, diesen Irrtum selbst aufzuklären". Grundsätzliche Fragen zu seinen Israel-kritischen Positionen, die er immer mit dem falschen Verweis auf sein Jüdischsein unterlegte, geht Wolff aus dem Weg. "Darauf antwortet Wolff nur, dass er es für keine gute Idee halte, seinen eigenen Text einzuordnen."

Politische Weggefährten Wolffs attackieren Funks Text in den sozialen Medien nun vor allem mit dem Vorwurf, sie habe Wolff Helen R.s Suizid in die Schuhe schieben wollen. Max Czollek schreibt: "Leute, Fabian Wolff hat richtig Scheiße gebaut, keine Frage. Aber was die FAZ dazu gebracht hat ist verantwortungslos - jenseits journalistischer Regeln & mit Spekulation zu den Gründen eines Suizids. Bei der Autorin überrascht es mich nicht. Aber wer hat das durchgewunken?" Gegen die Vorwürfe wehrt sich Funk mit einer Instagram-Story: "Wenn der Kaffeesatz von Twitter insinuiert, ich habe insinuiert, dann insinuiere ich jetzt mal, dass man sich offensichtlich nicht mit den Kernthemen des Textes auseinandersetzen möchte. Ginge es im Text um die Frage, 'wer Helen auf dem Gewissen hat', dann würde der Titel 'Wolff im Schafspelz' lauten, nicht 'Der Beste aller Juden'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2023 - Gesellschaft

Der Fall Fabian Wolff wird immer abgründiger. In der FAZ erzählt jetzt Mirna Funk, wie 2021 Wolfs Ex-Freundin Helen R. Kontakt zu ihr aufnahm: "Sie schrieb, dass Wolff ihr den Kontakt zu ihrer Familie verbot, weil er, der Jude, eine solche Bindung als antisemitisch empfinde. Sie schrieb, dass sie Englisch mit ihm sprechen müsse, weil Deutsch die Judenmördersprache sei. Helen R. schrieb außerdem, dass sie große Zweifel an seiner Identität hege, denn nach Gesprächen mit seinen Verwandten, von denen niemand jemals von einer jüdischen Großmutter oder jüdischen Urgroßmutter gehört hatte, habe sie den Verdacht geschöpft, dass Fabian sich seine jüdische Biografie nur konstruiert habe." Dies belegte sie mit Dokumenten und Audiodateien. Auch der Zeit hatte sie diesen Verdacht mitgeteilt, war aber abgewimmelt worden, "ihre Bedenken wurden als antisemitisch abgetan. Überhaupt erklärten Fabian Wolff und seine Freunde und Gesinnungsgenossen ihr, dass sie als deutsche Kartoffel und Schickse besser die Klappe zu halten habe, still zu sein, wenn auf Twitter wieder irgendein 'wichtiger' Streit ausgefochten werden musste. Helen war womöglich für einen Mann wie Fabian Wolff das perfekte Opfer: empathisch, anerkennend, aufmerksam. Er laberte sie mit Jewish grief voll ... Und immer wieder erzählte er vom 'Jewfro' seines Vaters. Es gibt eine Audiodatei, in der Fabian behauptet, sein Vater sei Sepharde gewesen, seine Mutter Aschkenasi." Schließlich nahm sich Wolff einen Anwalt, Nicolas Becker, um Helen R. "mundtot" zu machen. "Nicolas Becker hat sich seinen Vater nicht ausgesucht, und seine Mandate darf man ihm nicht vorwerfen. Aber dass Fabian Wolff, der gerade noch zu sensibel war, die deutsche Sprache zu ertragen und die deutsche Familie seiner Freundin auch nur zur Kenntnis zu nehmen, sich den ehemaligen RAF-Verteidiger und Sohn eines NSDAP-Mitglieds zum Anwalt nimmt, ist ein interessanter plot twist." Heute ist Helen R. tot. Wie es dazu kam, erzählt Funk nicht.

Im Görlitzer Park ist es zu einer Massenvergewaltigung gekommen, rechte Parteien versuchen diese Thema für sich zu kapern, ohne dass es dagegen wirklichen Widerstand gibt, seufzt Julius Betschka im Tagesspiegel. "Besonders progressive Politiker bemühen sich zu betonen, dass doch alles gar nicht so schlimm sei. Is' eben Kreuzberg", dabei müsste der Staat jetzt Präsenz zeigen. "Das Beispiel Görlitzer Park kann als Blaupause für mögliche Lösungen dienen, weil es im Verhältnis zu anderen Themen - Klimawandel, Wohnungsbau, Staatsfinanzen - verhältnismäßig überschaubar ist und sich doch bundesweit relevante Themen auf kleinem Raum abspielen: Kurzfristig muss der Staat in solchen Fällen Handlungsfähigkeit beweisen. Die mutmaßlichen Täter müssen geschnappt und verurteilt werden. Lösungen wie nächtliche Sperrungen des Parks und mehr Polizei können das Sicherheitsgefühl der Anwohner rasch erhöhen und zeigen: Wir haben verstanden." So könnte man auch der AfD den Wind aus den Segeln nehmen, hofft Betschka.

Während Frauen im Iran unter Lebensgefahr gegen den Kopftuchzwang protestieren, läuft in der Kölner Innenstadt und auf sozialen Medien eine Kampagne der Bekleidungsmarke Abaya Sultan, deren Mitarbeiterinnen junge Frauen aufforderten, sich doch einmal probehalber zu verhüllen, berichtet der Erziehungswissenschaftler Moritz Fryczewski auf hpd. "Begleitet wird der Akt von sogenannten 'Nasheeds' - eine spirituelle Musikform islamischer Lobpreisungen und Hymnen. Mit begeisterten Ausdrücken wie 'gorgeous' wird der neue Look kommentiert." Aufgenommen werden die Videos auffällig häufig vor der Ditib-Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld. Aber wenn hier ein "Try on" propagiert wird, ist das nur die halbe Wahrheit, meint Fryczewski: Diese Option stehe nämlich "innerhalb der traditionellen muslimischen Community überhaupt nicht zur Debatte. Einmal angelegte Kopftücher können nicht einfach wieder abgelegt werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2023 - Gesellschaft

Zeit online beschäftigt sich laut eigener Aussage gerade mit der umfassenden Aufarbeitung der Causa Fabian Wolff und der eigenen Rolle dabei. In der Zwischenzeit wurde Meron Mendel als Israeli um eine Außenansicht zur Sache gebeten, welche er auch liefert. Nach einer sehr sehr langen Einleitung kommt er zum Punkt: Die Zeit, meint er, betreibt ja schon ihr Framing. "Opfer sind nicht die Menschen, die von Wolff zu Unrecht angegangen wurden, das Opfer ist Fabian Wolff selbst. Dazu reicht aus, den melodramatischen Vorspann zum jüngsten Essay Mein Leben als Sohn zu lesen: 'Ein Leben stürzt ein, jede Gewissheit wird brüchig, und die Angst hört vielleicht nie auf.' Wer spricht da zu uns? Wolff selbst? Sein Über-Ich? Die Redaktion? Egal. Eines ist klar, es geht um die Leiden von Fabian. Und wer da nicht mitfühlen kann, ist doch kein Mensch. Mit einem rhetorischen Flickflack macht sich Wolff zum eigentlichen Opfer des Stücks - und Zeit online lässt ihn 70.000 Zeichen lang gewähren. In der Fachsprache spricht man von Täter-Opfer-Umkehr." Mendel braucht von der Zeit "keine weiteren 70.000 Zeichen Text dazu. Mir würde eine kurze Stellungnahme völlig ausreichen."
Stichwörter: Wolff, Fabian, Mendel, Meron

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2023 - Gesellschaft

Mt den Krawallen im Columbiabad muss man sich gar nicht befassen. Ärger in Schwimmbädern ist siebzig Jahren ein regelmäßiges Sommertheater, meint der Pophistoriker Bodo Morozek in der taz, und wenn, dann dient Berichterstattung Zwecken: "Die ausschnitthafte Kolportage von Einzelfällen bietet ein höchst selektives Bild, das umso problematischer ist, wenn aus Gründen der Dramatisierung eine Präzedenzlosigkeit behauptet wird, die schon ein oberflächlicher Blick in die Pressearchive widerlegt."

Im Görlitzer Park haben einige Männer aus dem Drogenhändlermilieu eine Frau vergewaltigt und ihren Freund gezwungen, bei der Vergewaltigung zuzusehen. "Zu der Tat kam es in den frühen Morgenstunden des 21. Juni", berichtet Markus Wehner in der FAZ. Die Polizei hatte den Vorfall nicht gemeldet, erst die Bild-Zeitung machte auf den Fall aufmerksam. "Polizei und Staatsanwaltschaft rechtfertigten sich nach Kritik in den Medien, dass sie sich so lange zur Vergewaltigung im Görlitzer Park nicht geäußert hatten. Um Täter zu ermitteln, sei es oft wichtig, dass sie nicht durch Berichterstattung gewarnt würden, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft der FAZ. Auch gehe es um Opferschutz."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2023 - Gesellschaft

Die Judaistin und Historikerin Barbara Steiner hat sich in ihrer Dissertation mit dem Phänomen der "Fake Jews" befasst, das keineswegs neu ist, wie sie im Interview mit Ralf Balke von der Jüdischen Allgemeinen bekräftigt. "Immer wieder tauchten sie auf. Viele von ihnen zauberten dann auch Familienangehörige, die Auschwitz überlebt hätten, aus dem Hut, so wie Irena Wachendorff. Die Schoa nimmt in diesen erfundenen Lebensgeschichten oftmals eine zentrale Rolle ein." "Fake Jews" bedienen "oft eine Marktlücke", sagt sie mit Blick auf Fabian Wolff (unsere Resümees), und das habe eine Menge mit "antisemitischen Reflexen zu tun. Fabian Wolff ist eigentlich der Antisemit, der er nicht sein will. Je prekärer eine jüdische Identität ist, umso größer das Bedürfnis, die Erwartungshaltungen derjenigen zu erfüllen, die nur einen wie ihn als Juden akzeptieren."

Eva Menasse hatte neulich aus einer Perspektive als Außenseiterin der Jüdischen Gemeinde "Partikularismus" vorgeworfen, während sie sich linken jüdischen "Universalisten" nahe fühlt, die die Muslime heute als am meisten diskriminierte Minderheit in Deutschland betrachteten und nicht mit "Holocaust-fixierten Deutschen" im selben Takt schwängen (unser Resümee). Michael Wolffsohn antwortet in der Jüdischen Allgemeinen und verteidigt Josef Schuster, den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde: "Eva Menasse verübelt Josef Schuster, dass er nicht nur über die AfD-Erfolge besorgt ist, sondern auch über die israelfeindliche BDS-Bewegung, den derzeitigen Liebling linker und linksliberaler Juden und Nichtjuden. Sie ignoriert, dass Juden nicht nur von Rechtsextremisten bedroht sind. Sie übersieht linksextremistische, islamistische sowie radikalpalästinensische Gefahren, die von Linken verniedlicht und dadurch legitimiert werden." Bereits gestern hatte Dmitrij Belkin von der Jüdischen Gemeinde in der Zeit auf Menasse geantwortet.

Im Alter von 48 Jahren hat sich die chinesische Sängerin Coco Lee das Leben genommen, früh wurde sie von ihrer Mutter zur Perfektion gedrillt, ihre unglückliche Ehe und die neun gescheiterten Versuche einer künstlichen Befruchtung sollten aus der Öffentlichkeit ferngehalten werden, berichtet Franka Lu, die in ihrer ZeitOnline-Kolumne grundsätzlich darüber nachdenkt, wie die Perfektionsansprüche in der chinesischen Gesellschaft Leben zerstören: "'Du musst nicht perfekt sein', so lautete der Tenor vieler Artikel zu Coco Lees Tod. Darin liegt auch ein Therapieversuch für eine hoch kompetitive Gesellschaft, die von Kindern Perfektion in jeder Hinsicht erwartet. Laut jüngsten Studien zeigen über 17 Prozent der chinesischen Kinder zwischen sechs und 15 Jahren depressive Symptome."

Die ukrainische Fechterin Olha Kharlan ist vom Internationalen Olympische Komitee disqualifiziert worden, weil sie ihrer russischen Gegnerin nach gewonnenem Wettkampf den Handschlag verweigerte. Das IOC hatte den Russen die Teilnahme an den Fecht-Weltmeisterschaften erlaubt. Christoph Becker kommentiert in FAZ.Net scharf: "Der Internationale Fechtverband, jahrelang von Abermillionen russischen Geldes durchgefüttert, disqualifizierte Olha Kharlan am Mittwoch. Sie hat die Disqualifikation mit ihrem großen, ehrenhaften Auftritt in Kauf genommen und ihre Olympiaqualifikation aufs Spiel gesetzt. Mehr kann sie nicht geben. Wie oft sich dieses Geschehen auf dem Weg nach Paris und bei Olympia dort wiederholen wird? Das IOC und Verbände wie die FIE nehmen Opfer wie das von Olha Kharlan in Kauf, damit sie der Welt eine Fiktion vom Frieden im Sport verkaufen können. Eiskalt, zynisch und abstoßend."

Hier die Szene, in der Kharlan ihrer Gegnerin den Handschlag verweigert:

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2023 - Gesellschaft

Anders als viele wohlmeinende publizistische Stimmen hält die Neuköllner Integrationsbeauftrage Güner Balci die Ereignisse im Neuköllner Columbiabad nicht für ein nebensächliches Sommertheater. Auf dem Spiel stehe eine Vielfalt, die sich nirgends sonst so manifestiert, schreibt sie in der Zeit: "Es gibt keinen anderen öffentlichen Ort, an dem so viele Menschen so intim und eng beieinander sind. Im Culle können verklemmte Typen sich am Anblick schöner schwuler Männer erfreuen. Frauen, die sich verhüllen, bekommen eine Idee davon, wie cool junge Mädchen im Badeanzug an Männergruppen vorbeistolzieren. Es geht im Freibad um so viel mehr als die Rutsche." Vor bestimmten Befriedungsideen warnt Balci: "Ein Journalist fragte bei der Neuköllner Gleichstellungsbeauftragten nach, ob reine Frauenbadetage eine Lösung seien. Er sprach, ohne es zu ahnen, einigen Moscheegemeinden aus der Seele. Was wie eine schnelle Lösung für Muttis mit Kindern klingt, wäre ein Abgesang auf das, was Berlin ausmacht: das Miteinander der vielen."

Armin Nassehi betreibt in einem kleinen FAZ-Essay nochmal Corona-Vergangenheitsbewältigung. Als Soziologe kann er nichts dazu sagen, wie plausibel die Laborhypothese für die Entstehung der Seuche ist, aber ihm fällt auf, "dass diejenigen, die immerzu Maßnahmen der Pandemiebekämpfung ein Um-zu-Motiv unterstellen, auch diejenigen sind, die eher zu einer Rehabilitation der Laborhypothese neigen. Das Um-zu-Motiv meint die Behauptung, Lockdowns, Masken- und Impfpflichten, Verhaltensgebote und Ähnliches dienten weniger der Pandemiebekämpfung. Sie würden vielmehr betrieben, um auszutesten, wie weit man gehen könne, um die Freiheit der Menschen einzuschränken und illiberale Steuerung etablieren zu können. Die Pandemie sei der willkommene Testfall, gewissermaßen die Generalprobe fürs letzte Gefecht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2023 - Gesellschaft

Hätte Fabian Wolff als Berliner Lehrer, der er ist, gehandelt, wäre die Aufregung übertrieben, meint in der SZ die jüdische Autorin Nele Pollatschek. Es kommt eben auf die Sprecherposition an und die Vorstellungen, die damit verbunden sind: Wer sich "öffentlich als Jude äußert, besonders im Widerspruch zu gängigen jüdischen Erfahrungen, der muss sich vor Augen halten, was kooperative Leser annehmen und wo man diese Erwartungen ausräumen muss, wenn man nicht täuschen möchte. (…) Wer heute 'als Jude' in Deutschland schreibt, der muss transparent machen, wenn er nicht aus der Sprecherposition schreibt, die jeder kooperative Leser in Deutschland nach 1945 statistisch naheliegend unterstellen wird, und ansonsten ziemlich sicher wissen, dass er diese Sprecherposition auch hat, was kein moralischer Wert, sondern eben eine Expertise für eine bestimmte Erfahrung ist."