Gestern stellte
Zeit online ihrem Autor
Fabian Wolff für die Meldung, dass er gar nicht Jude ist, ausgedruckt 19 Seiten zur Verfügung (
unser Resümee) - in dem ausufernden Text erzählt er unter anderem, wie er sich auf Ahnenforschung begab, um am Ende festzustellen, dass seine
Urgroßmutter mütterlicherseits evangelisch getauft war. Eine kleine Chance, dass sie jüdisch war, besteht natürlich dennoch, merkt er an: "Schließlich hatten sich seit dem 19. Jahrhundert viele Jüdinnen und Juden taufen lassen, ohne wirklich ihre Jüdischkeit zu verlieren". Die
Medien schweigen heute, ob aus Schock, Gleichgültigkeit oder weil sie noch recherchieren, sei dahingestellt. Aber auf Twitter und in den sozialen Medien ist einiges los.
Die Schriftstellerin
Mirna Funk hatte schon bei der Diskussion über Max Czollek und seinen jüdischen Großvater eine Rolle gespielt (unser
Resümee). Auf Fabian Wolffs Bekenntnis reagiert sie mit einer zornigen
Insta-Story, hier ein Screenshot:

Philipp Peyman Engel von der
Jüdischen Allgemeinen reagiert in einem Twitterthread: "Schon der Fall Max Czollek war ein sehr unangenehmes Beispiel für
kulturelle Aneignung, was nur Dank der Entschlossenheit von Maxim Biller und des Zentralrats der Juden öffentlich wurde. Immerhin hatte Czollek noch einen jüdischen Großvater. Bei Fabian Wolff ist es noch extremer. Er ist ein Hochstapler und Lügner, der sich jahrelang -
Zeit-Essay von heute hin oder her -
wider besseres Wissens als Jude ausgegeben hat. Und obendrein jeden Nichtjuden, der nicht seine extrem antiisraelischen Position teilte, als 'Kartoffel' et cetera abwertete."
Jene Twitter-Prominenten, die vor zwei Wochen noch mit Hingabe die Rechtschreibfehler auf
Ahmad Mansours HU-Diplom überprüften um zu klären, ob es gefälscht sein könnte (mehr
hier), schweigen bisher. Manche Twitter-Nutzer stellen sich dennoch verwundert Fragen:
Dass nicht alle
Muslime zwangsläufig und pauschal Verbündete Linker oder Liberaler sind, wissen Frauen und Schwule schon lange. Auch im Berliner
Columbiabad, das nach Angriffen auf Frauen, Homosexuelle und Bademeister mehrere Tage geschlossen war, konnte man das gerade lernen. "Es ist bizarr", findet Philip Eppelsheim in der
FAZ. "Auf der einen Seite kämpfen
vor allem linke Kreise für das Recht der Frau, auch
oben ohne zu baden, auf der anderen Seite verschließen sie die Augen vor den Problemen mit Milieus, in denen Frauen schon
im Bikini als Freiwild gelten und es Mädchen verboten wird, schwimmen zu gehen. Es scheint, als ob der Traum vom Multikulti noch über den Frauenrechten steht."
Ähnliches erlebte die
homosexuelle Community im Städtchen Hamtramck, in Michigan, USA. Dort war man sehr stolz, als 2015 erstmals ein Stadtrat mit muslimischer Mehrheit gewählt wurde. Doch die Freude der Liberalen währte nicht lange. Letzte Woche hat der Stadtrat, inzwischen ausschließlich mit
muslimischen Männern besetzt, beschlossen,
keine Regenbogenflaggen mehr auf öffentlichem Grund flattern zu lassen,
berichtet Tom Perkins im
Guardian: "Die muslimischen Einwohner, die das Rathaus füllten, brachen nach dem einstimmigen Votum des Stadtrats in Jubel aus, und auf den Social-Media-Seiten von Hamtramck war der Spott unerbittlich: 'Fagless City', hieß es in einem Beitrag, unterstrichen mit Emojis eines angespannten Bizeps. In einem angespannten Monolog vor der Abstimmung rief Stadtrat Mohammed Hassan den LGBTQ+-Anhängern seine Rechtfertigung zu: 'Ich arbeite für die Menschen, für das, was
die Mehrheit der Menschen will.'"
In der
Welt würde der Germanist Horst
Haider Munske, der als Experte an der Rechtschreibreform beteiligt war, mit dem Gendersternchen am liebsten auch gleich die
Rechtschreibreform einkassieren: "Die entscheidende Parallele zwischen Rechtschreibreform und Gendern: die Festlegung auf
sprachwidrige Regeln, begründet mit vermeintlichen sozialen Verbesserungen. Solche Missachtung der gemeinsamen Sprache hat den Widerstand in der Bevölkerung ausgelöst." In der
FR bricht Arno Widmann indes eine Lanze
für den Genderstern: "Wer sich heute über das * aufregt, der wird später einmal, wenn wieder die regieren, die
alles in Schwarz und Weiß einteilen wollen, der Zeit nachtrauern, in der er/sie/* bereit gewesen war, nicht nur die Vielfalt der menschlichen Sexualität, sondern auch seine/ihre/* eigenen 'überkonträren und ambivalenten Empfindungen' zu akzeptieren."
In der
NZZ hält Ayaan Hirsi Ali den
Wokeismus für eine ebenso große
ideologische Gefahr für die westliche Zivilisation wie den
Islamismus: "Ihre größte Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie die westliche Zivilisation verachten und durch etwas noch Unbekanntes ersetzen wollen. Diesen
zerstörerischen Utopismus und vieles andere mehr teilen die Anhänger des Wokeismus mit den Islamisten. Für Klima-Apokalyptiker, Gender-Fanatiker und Vertreter der Critical Race Theory war und ist der Westen ein unterdrückerisches Gebilde, das die Schwachen ausbeutet und darum zerstört werden muss. (…) Der moderne Nationalstaat besteht auf der Trennung von Kirche und Staat, während die Woken ihren
eigenen Gottesstaat anstreben."