9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2023 - Gesellschaft

Seit Juli dieses Jahres ist das sogenannte Hinweisgeberschutzgesetz in Kraft: Wer mehr als 49 Mitarbeiter beschäftigt, muss eine Stelle einrichten, bei der man im Arbeitsleben beobachtete Straftaten melden kann. Das "Denunziantentum" ist zurück, klagt der Historiker Hubertus Knabe in der Welt. Für Informanten wurde das Geschäftsgeheimnis, das Steuergeheimnis und das Sozialgeheimnis außer Kraft gesetzt, zudem genießen sie "einen weitgehenden Kündigungsschutz. Behauptet nämlich ein Beschäftigter, dass seine Benachteiligung im Beruf aufgrund einer Meldung erfolgte, muss ihm der Arbeitgeber das Gegenteil beweisen. Von Kündigung oder Abstieg bedrohte Arbeitnehmer könnten deshalb versucht sein, rasch eine Meldung einzureichen - und dann zu behaupten, diese sei die Ursache der Maßnahme. Das neue Gesetz stellt den vorläufigen Höhepunkt einer schon länger anhaltenden Entwicklung dar: Immer häufiger animiert der deutsche Staat seine Bürger, andere Mitbürger anzuschwärzen. Während das Strafgesetzbuch aus gutem Grund ausschließlich verlangt, geplante schwere Straftaten anzuzeigen, damit sie noch verhindert werden können, hat sich in Deutschland mittlerweile eine regelrechte Meldestellen-Industrie entwickelt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2023 - Gesellschaft

Experten vermuten, dass in Deutschland tausende Menschen vorgeben, jüdisch zu sein, obwohl sie es nicht sind, schreibt Dennis Pohl im Tagesspiegel. Dieses sogenannte Wilkomorski-Syndrom hat oft mit einer narzisstischen Suche nach Aufmerksamkeit zu tun, erklärt Pohl der Psychiater Claas Hinrich-Lammers. Aber: "Es wird schwierig, wenn sie aus der Position als angebliche Juden heraus Dinge über das jüdische Leben oder Israel behaupten", ergänzt der Rabbiner Walter Rothschild. Die Historikerin Barbara Steiner sieht das ähnlich: "'Dadurch entstehen Zerrbilder, Ideen vom Judentum, die nicht echt sind, sondern Klischees', sagt die Historikerin. 'Und wenn sie einmal in der Welt sind, lassen sie sich nicht mehr so leicht ausräumen.' Vielleicht ist das auch nur Teil eines größeren Problems, wie Steiner sagt. Denn die Bilder, die Menschen mit falscher Identität produzieren, hätten sich seit der Nachkriegszeit mit dem jeweils grassierenden Antisemitismus gewandelt. 'Zu Beginn waren es Überlebensgeschichten, die zu Vergebung führten', sagt sie. 'In letzter Zeit, also mit zunehmenden antisemitischen Tendenzen in unserer Gesellschaft, waren es Leute, die Israel und das Judentum offensiv kritisierten.'"

Tobias Schröers beleuchtet für die FAZ die Arbeit der Bundeszentrale für politische Bildung, die ins Gespräch kam, nachdem Bundesinnenministerin Nancy Faeser, der die bpb untersteht, eine Mittelkürzung von immerhin 20 Millionen Euro vorsieht. Dafür muss man wissen, dass es für die Behörde zuletzt gut lief, so Schröers: "In den vergangenen zehn Jahren ist das Budget kontinuierlich gewachsen, von 39,3 Millionen Euro im Jahr 2013 auf 96 Millionen in diesem Jahr. Im Jahr 2024 soll das Budget auf 76 Millionen Euro gekürzt werden. Auch die Zahl der Mitarbeiter nahm zu. (...) Im Jahr 2013 zählte die Zentrale 210 Beschäftigte, derzeit gibt es 408 in Bonn, Berlin, Gera und für ein Projekt im baden-württembergischen Friedrichshafen. Dort soll in drei Jahren das in den Siebzigerjahren von Terroristen entführte Lufthansa-Flugzeug Landshut als Lernort dienen." Dafür fördere die bpb zivilgesellschaftliche Arbeit, und sie tritt "ebenso selbst als Veranstalterin von Seminaren und Bildungsreisen auf, macht etliche multimediale Angebote wie den Wahl-O-Mat oder Videoformate und gibt zahlreiche Printprodukte für verschiedenste Zielgruppen heraus. Für Kinder gibt es eine Comicwelt, in der Hasen, Nilpferde und Säue gemeinsam eine Demokratie aufbauen."

Porsche musste aus religiöser Rücksicht ein Werbevideo korrigieren, berichtet Oranus Mahmoodi bei hpd.de. Das Video zeigt eine im Vorüberfahren aufgenommene Silhouette von Lissabon, aber die grauenhaft faschististoide "Christo Rei"-Statue, die nur einen Moment zu sehen war, wurde herausretuschiert. Daraufhin brach ein Shitstorm los: "Der Automobilhersteller aus Stuttgart hat den Clip ohne Jesus zurückgezogen und eine Version mit Christo Rei hochgeladen. Porsche hat sich unter dem YouTube-Video entschuldigt: 'In einer zuvor hochgeladenen Version des 911 S/T Einführungsfilms wurde ein Wahrzeichen entfernt. Dies war ein Fehler, und wir entschuldigen uns für jede Beleidigung.' Porsche habe keine religiösen Gefühle verletzen wollen, teilte der Autobauer in Stuttgart mit. Die Macher des Werbeclips hätten Jesus aus ästhetischen Gründen entfernt." Als wäre das nicht ein Argument!

Floridas "Don't say gay"- Gesetz geht weit über das Entfernen von Kinderbüchern, die Homo- oder Transsexualität oder Rassismus thematisieren, hinaus, schreibt Nadine A. Brügger in der NZZ: Lehrpersonen ist verboten , "Kinder mit anderen Pronomen anzusprechen als denen, die dem Geschlecht auf ihrer Geburtsurkunde entsprechen. Selbst wenn die Kinder und Jugendlichen das ausdrücklich wünschen." Neu zugelassen wurden hingegen Lehrvideos der Prager University, eine Non-Profit-Organisation, die Videos zu politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Themen produziert, so Brügger weiter. Hier wird nicht nur gelehrt, dass Sklaverei "keine große Sache" gewesen sei, auch Geschlechterrollen werden den Kindern vorgegeben: "In einem Beitrag ... für Elf- und Zwölfjährige sagt eine hübsche Frau in die Kamera: 'Ziehe dich schön an, lerne, dich zu schminken, und gewöhne dich an den Gedanken, eine Ehefrau und eine Mutter zu sein. Erlaube es dir, zu Hause zu bleiben und deine Kinder großzuziehen.' (...) 'Aber zeige nicht die Körperteile, mit denen du eine falsche Botschaft über dich aussenden würdest.' (...) Auch für die Buben gibt es ein Lehrstück. Maskulinität sei nötig gewesen, um Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg zu bezwingen. Heute sei Männlichkeit wichtig, um ein starkes Land zu haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2023 - Gesellschaft

"Ich bin nur die Rettungsschwimmerin", meldet sich, äh, Pam Ella Anderson auf den Meinungsseiten der taz. Und wehrt sich gegen das linke Kleinreden der Krawalle in Berliner Bädern, das immerhin dazu führte, dass die Berliner BademeisterInnen geschlossen krank machten und einen Protestbrief schrieben. "Zunehmende Respektlosigkeit ist nicht nur ein Problem, das an vollen, überhitzen Beckenrändern lauert. Wenn man es weiter vorzieht, Probleme zu zerreden, Gewalt herunterzuspielen, Mackertum zu ignorieren, wird nicht nur das Baywatch-Personal wegbleiben. Nein, leider bleiben längst die höflicheren, leiseren, wehrloseren Badegäste (mit diversen und durchaus auch prekären Hintergründen) an heißeren Tagen aus Angst weg. Wenn man also weiterhin all das edel beschweigt, was das eigene Weltbild erschüttern könnte, dann haben wir vielleicht bald schon ein ganz anderes Problem."

Cannabis wird legalisiert, ok, ok, aber Claudius Seidl kann es in der FAZ kaum noch hören, weil die Debatten darum "davon ablenken, dass das tausendmal gefährlichere Drogenproblem einen anderen Namen hat: Es geht ums Kokain, es geht darum, dass jede Party in Mannheim oder Göttingen, die mithilfe von ein paar Linien so richtig in Schwung kommt, mit dazu beiträgt, dass die Ökonomie der Drogen und die Gewalt der Drogenhändler ganze Gesellschaften in Süd- und Mittelamerika zerrütten."

Saba-Nur Cheema und Meron Mendel kommen in ihrer Multikulti-Kolumne in der FAZ auf den Fall Fabian Wolff zurück. Er ist beileibe nicht der erste derartige Fall von Identitätsschwindel. Es handelt sich in heutigen identitätspolitischen Zeiten sogar um eine Art Geschäftsmodell (das ja auch bei Wolff funktionierte): "In Kanada ist zum Beispiel eine Native-American-Identität sehr beliebt, wie der Fall der kanadischen Regisseurin Michelle Latimer zeigte. Letztlich kam heraus, dass sie mit einer nur imaginierten Identität als Native American über Jahrzehnte hinweg Regieaufträge und Stipendien einheimste, die eigentlich Nachfahren kanadischer Ureinwohner zustanden. In den Vereinigten Staaten sind schwarze Vorfahren begehrt, um das Unrecht Rassismus anzuklagen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2023 - Gesellschaft

Im Laufe der Jahre entwickelte Fabian Wolff "einen regelrechten Hass auf den jüdischen Staat, während er der antisemitischen BDS-Bewegung ein Koscher-Zertifikat ausstellte", sagt Philipp Peyman Engel von der Jüdischen Allgemeinen im Gespräch mit Nathan Giwerzew (Berliner Zeitung). Dennoch wurde er weiterhin von Medien angefragt, weil es eben eine große Nachfrage nach "jüdischen" Israelkritikern gibt, so Engel weiter: "So als ob nur Juden die Politik der israelischen Regierung kritisieren dürften. Dass Kritik nicht das Problem ist, sondern Hetze gegen den Judenstaat, auf diesen blinden Fleck kommt man in den Redaktionen leider nicht." Den Faktencheck von ZeitOnline nennt er das "Dokument eines redaktionellen Versagens". Auch Engel wurde dafür angefragt: "Weil die Kollegen zur Causa Wolff noch nichts recherchiert hatten. Das war zwei Wochen vor Veröffentlichung des Faktenchecks. Sie baten mich, die Informationen an sie weiterzuleiten, die mir zu dem Fall vorliegen. Dabei weiß ich von zwei oder drei anderen Zeit-Redakteuren, die diese Informationen über Wolff ebenfalls vorliegen hatten. Sie hatten sich vielleicht mit ihren Kollegen nicht abgesprochen oder wussten gar nichts von deren Recherchen. Offenbar sind die Redaktionen so groß und so schlecht miteinander vernetzt, dass die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2023 - Gesellschaft

"Warum werden völlig unterschiedliche Kategorien und Lebensrealitäten in einen Topf geworfen?", fragt sich die Biologin und Schriftstellerin Gertraud Klemm, die in einem Essay im Standard klar zwischen biologischen Frauen und Transpersonen unterschieden wissen will: "Warum werden keine eigenen Ressourcen (Quoten, Gefängniszellen, Fördergelder, Sportwettbewerbe, Klos) für Transpersonen angedacht? Warum sind es immer Frauen, die gerne teilen müssen? Wie beim Straßenverkehr sollen sich immer mehr, immer verschiedenere TeilnehmerInnen den immergleichen Streifen teilen, während der Autoverkehr in Relation unangetastet bleibt. Was ist mit den Ressourcen der Non-Women? Wir müssen über die Öffnung von Schutzräumen nachdenken dürfen, ohne uns einschüchtern zu lassen. Wir dürfen uns den Diskurs von despotischen Influencerinnen nicht auf ein paar wenige elitenfeministische Glaubensbekenntnisse herunterbrechen lassen, die nachzubeten wir angehalten werden."
Stichwörter: Autoverkehr, Transpersonen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2023 - Gesellschaft

Von wegen Work-Life-Balance. Trotz der notorischen Personalnot überall entscheiden sich immer mehr Arbeitnehmer, doch lieber nicht voll zu arbeiten, ein leicht asoziales Verhalten. Nicht nur weil dem Staat durch die Steuerprogression ein größerer Anteil Steuern entgeht, errechnet Patrick Bernau in der FAS. Auch "für die Sozialabgaben ist das ganz deutlich: Mit dem Lohn sinken auch die Beiträge zu Renten- und Krankenversicherung. In der Rentenversicherung tragen die Betroffenen die Konsequenzen selbst, sie bekommen weniger Rente. In den Kranken- und Pflegeversicherungen aber bekommen Teilzeit-Arbeiter die gleiche Versorgung wie alle anderen, sie zahlen nur weniger dafür."

In der Welt spricht der Oxford-Ökonom Daniel Susskind im Interview mit Martin Bernier über die Auswirkungen von KI auf den Arbeitsmarkt. Besonders die Mittelschichten werden davon betroffen sein, meint er: "Die neuesten Technologien, wie ChatGPT, sind für Büroangestellte sehr viel bedrohlicher als für Arbeiter. Und das widerlegt die schon so lange bestehende Hypothese, nachdem die [kognitiv] schwierigsten Arbeiten auch am schwersten von Maschinen ersetzt werden können." Es könnte aber einen Teil der Welt härter treffen als den anderen. "Routine-Arbeiten, die besonders dazu geeignet sind, automatisiert zu werden, sind tendenziell vor allem in den ärmeren Regionen der Welt zu finden, also in den Entwicklungsländern, während man Nicht-Routine-Jobs hauptsächlich in den besser entwickelten Ländern antrifft. Diese Beobachtung, was die Verteilung der wirtschaftlichen Aktivität in der Welt betrifft, scheint darauf hinzuweisen, dass die Automatisierung wahrscheinlich die Entwicklungsländer härter treffen wird als die Industrieländer." Also, alles wie immer.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2023 - Gesellschaft

Die Holocaust-Gleichsetzung ist doch irgendwie zu verführerisch! Einige Aktivisten der "Letzten Generation" scheinen zu denken, dass man die Klimakatastrophe nicht ausreichend dramatisiert hat, wenn man sie nicht als ein Übertreffen des Holocaust darstellt. Lennart Pfahler macht in der Welt auf den Einfluss des britischen Aktivisten Roger Hallam bei der "Letzten Generation" aufmerksam, der einst solche Vergleiche bei "Extinction Rebellion" gerne zog (unsere Resümees) - Hallam ist heute offenbar in der "Letzten Generation" eine einflussreiche Figur. Einige Aktivisten der Bewegung drohen nun mit Rückzug, falls diese Vergleiche anhalten, so Pfahler. Andere reizt der Vergleich weiterhin: "Auch vor Gericht hatte die 'Letzte Generation' den Klimawandel im März dieses Jahres ins Verhältnis zur NS-Zeit gesetzt. Der Verteidiger der Klimaaktivistin Carla Hinrichs sagte damals: 'Meine Generation hat ihre Eltern gefragt: Habt ihr den NS-Staat toleriert oder gar unterstützt, oder habt ihr Handlungsspielräume ihn zu bekämpfen ausgenutzt?' Diese Frage stelle sich heute wieder angesichts der 'noch viel größeren Katastrophe, die auf uns zukommt'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2023 - Gesellschaft

Menschen, die sich eine andere Identität erschleichen, tun das auch, um "in eine Position zu kommen, die es ihnen ermöglicht, Macht auszuüben bis dahin, dass sie andere schikanieren und verstören können", sagt der von Melanie Mühl in der FAZ befragte Psychiater Hans-Ludwig Kröber. Ein typisches Beispiel sind in Mühls Artikel Menschen, die sich als Arzt ausgeben. Man könne sich aber auch in den Medien eine ideologische Position erarbeiten wie Fabian Wolff. "Wolff hat als vermeintlicher Jude mit antijüdischen Statements die perfekte Position besetzt, um innerhalb der Medienlandschaft zu reüssieren", so Kröber. Pathologisch ist der Fall Wolff laut Kröber wohl nicht: "Ich bin ziemlich sicher, dass Fabian Wolff genau wusste, was er tat, dass er nie geglaubt hat, er sei Jude."
Stichwörter: Wolff, Fabian

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2023 - Gesellschaft

Warum wird in Amerika so viel gestorben, fragt der New York Times-Kolumnist David Wallace-Wells in einem Artikel, der vor allem aus einer Kaskade bestürzender Statistiken besteht. Amerika war einmal das Land mit einer der höchsten Lebenserwartungen. Nicht erst seit Corona hat sich diese Vorreiterstellung, verglichen mit ähnlich wohlhabenden Ländern, in eine blamable Dritte-Welt-Position verwandelt. Wallace-Wells bezieht sich auf eine Studie über "Missing Americans", die im Mai publiziert wurde. Beispiel Drogen: "Im Jahr 2020 meldete die Europäische Union insgesamt 5.800 Todesfälle durch Überdosierung bei einer Bevölkerung von etwa 440 Millionen. Im selben Jahr meldeten die Vereinigten Staaten mit einer Bevölkerung von 330 Millionen 68.000. Im Jahr 2021 stieg die Zahl in den USA auf 80.000 und im Jahr 2022 auf 107.000. Nach Angaben des Institute for Health Metrics and Evaluation gibt es in den Vereinigten Staaten 22-mal so viele waffenbedingte Tötungsdelikte wie in den Ländern der Europäischen Union. Zwischen 2019 und 2021 stieg die Gesamtzahl der Todesfälle durch Schusswaffen in den USA - einschließlich Selbstmorden und Unfällen - um 23 Prozent auf 48.830 Todesfälle. Für Europa sind umfassende Daten schwer zu bekommen, aber die meisten Schätzungen gehen davon aus, dass die Gesamtzahl der Todesfälle durch Schusswaffen in der Europäischen Union jährlich bei etwa 7.000 liegt."

Er ist weiß, sein Vater war Sklave, schreibt der britische Buchautor Konstantin Kisin in der Zeit - Sklave im sowjetischen Gulag, befreit erst durch die Emigration. Sklaverei, so Kisin, war ein universales Phänomen und keine Spezialität des "Westens". Er erinnert an den "Transsahara-Sklavenhandel, bei dem muslimische Händler Afrikaner aus Subsahara-Afrika nach Nordafrika und in den Nahen Osten verkauften": "Laut Orlando Patterson, einem schwarzen jamaikanisch-amerikanischen Soziologen, der unter anderem das Buch 'Slavery and Social Death' verfasst hat, raubten diese Händler mehr Sklaven aus Afrika als die Europäer. Er schreibt auch, dass die Todesrate auf diesem Handelsweg höher war und sie erst 'gegen Ende des 19. Jahrhunderts infolge direkten Druckes durch die europäischen Kolonialmächte' sank. Das sollte uns nicht überraschen. Sklaverei war in Afrika schon jahrhundertelang weit verbreitet, bevor die europäischen Menschenhändler dort landeten." Kisin ist Autor des Buchs "An Immigrant's Love Letter to the West".

Außerdem: Michael Angele feiert in der FAZ den Fußballverein TuS Makkabi Berlin, der als erster jüdischer Verein in der Hauptrunde des DFB-Pokals steht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2023 - Gesellschaft

"Es ist doch absolut identitäres Denken, wenn man glaubt, nur die Juden und Jüdinnen dürften die Regierung in Israel kritisieren", winkt im FR-Gespräch mit Michael Hesse die jüdische amerikanische Philosophin Susan Neiman sämtliche Kritik an Fabian Wolff ab, in völliger Verdrängung der Tatsache, dass es Wolff war, und sonst niemand, der diese Behauptung aufgestellt und sich so gegen jede Kritik an seinen Ansichten gewehrt hatte. Wolffs Israelkritik enhalte im übrigen keine "Dämonisierungen", sondern "vernünftige Argumente gegen die israelische Besatzung", meint sie. In Wahrheit gehe es auch gar nicht darum, dass Fabian Wolff ein Kostüm-Jude sei, sondern um das, was er gesagt hat. "Ich weiß, die Deutschen haben eine unglaubliche Angst, nur einen kritischen Satz zu Israel zu sagen. Aber da spricht nicht die Vernunft, sondern ihr schlechtes Gewissen wegen des Nazi-Opas. Seien wir ehrlich: Die Blut-und-Boden-Ideologie ist immer noch da."