Die
Gewalt an Silvester in Berlin und einigen anderen deutschen Großstädten zeigt vor allem eins: Lust auf Bürgerkrieg,
meint Harry Nutt in der
FR. Hans Magnus Enzensberger nannte das den "molekularen Bürgerkrieg", erinnert Nutt, der Enzensbergers 30 Jahre alten Essay "Ausblicke auf den Bürgerkrieg" dringend zur erneuten Lektüre empfiehlt: "Das Adjektiv
molekular diente ihm als Erklärung dafür, dass die urbanen Gewaltphänomene nicht länger sozial erklärbar, politisch begründet und von Massen getragen sein müssen, sondern sich
spontan und motivationslos ereignen können. ... Feuerwehrleute, THW-Kräfte und das Begleitpersonal von Krankenwagen scheinen insbesondere deshalb zum Ziel geplanter oder zufälliger Wutattacken zu werden, weil sie als Garanten einer gesellschaftlichen Stabilität jenseits der staatlichen Ordnungs- und Sicherheitspolitik in Erscheinung treten. Sie bilden die Zielscheibe einer
Lust auf Attacke, in der sich soziale Desintegration, Bürgerkriegserfahrungen in den Herkunftmilieus und neorechte Umsturzfantasien überlagern. Das staatliche Gewaltmonopol ist angreifbar, und sei es auch nur in Gestalt von in einen Hinterhalt gelockten Rettungskräften."
Die Bezeichnung "Junge Männer mit
Migrationshintergrund" im Blick auf einige der Randalierer in der Silvesternacht ist pauschalisierend,
findet Michael Miersch in seinem Blog: "In Deutschland leben über 230.000 Menschen aus
Indien und Sri Lanka, von denen vermutlich etliche Diskriminierung erfahren haben, wenig Geld besitzen und in Jobs mit niedrigem Sozialstatus arbeiten müssen. Man hörte noch nie, dass sie randalierend durch die Straßen ziehen. Im Gegensatz etwa zu Marokkanern, von denen nicht halb so viele hierzulande wohnen (83.000) und die sich unter anderem auf der Kölner Domplatte 2015 einen nachhaltigen Ruf erwarben. Auch Libanesen (160.000) sind gegenüber den Menschen aus Indien und Sri Lanka in der Minderzahl. Vertreter dieser Einwanderergruppe tauchen jedoch
weitaus häufiger in Polizeiberichten auf."
Was also tun? Eine "
ehrliche Bestandsaufnahme" wäre ein Anfang,
meint Marc Felix Serrao in der
NZZ: "Die meisten Migranten und Deutschen mit Migrationshintergrund sind gesetzestreu; sie arbeiten und zahlen Steuern, und viele sind eine Bereicherung für das Land. Das bleibt wahr, wenn man zugleich feststellt, dass eine bestimmte Gruppe von Migranten ein immer größer werdendes Problem darstellt. Gemeint sind Jungen und junge Männer, die überwiegend aus muslimischen Familien stammen, gerne
große Gangster wären, aber in Wahrheit erbärmliche Verlierer sind. Sie haben riesige Egos, aber keine Erziehung, keine Bildung und
keine Chance auf gesellschaftliche Teilhabe. Die Neuköllner Integrationsbeauftragte Güner Balci spricht zu Recht von 'absoluten Losern'."
Constanze von Bullion beschreibt in der
SZ die Silvesterdiskussion als
scheinheilig: "Denn zum Jahreswechsel wird in deutschen Großstädten öffentlich in Szene gesetzt, was auch während des restlichen Jahres da ist, aber viel zu wenige kümmert: die
Aggression einer gesellschaftlichen Unterschicht, die zahlenmäßig wächst, ohne nennenswert Deutungshoheit zu gewinnen im öffentlichen Diskurs. Junge Leute sind das, vielfach
arm an Perspektive, dafür aber umso reicher an Testosteron - und ja, oft auch sozialisiert in Erziehungsmustern der Gewalt. Sie greifen Rettungskräfte und Polizistinnen an, auch weil die Sehnsucht nach Demütigung von Autoritäten groß ist, und weil so ein kollektives Kesseltreiben umso mehr Spaß zu machen scheint, je mieser der eigene soziale Stand ist. ... Juristisch verfolgt werden solche Straftaten ohnehin, da gab es noch nie ein Pardon. Der Rest aber,
das Soziale, wird nach wie vor immer wieder
anderen überlassen."
Total rassistisch
findet Hanno Hauenstein in der
Berliner Zeitung die Diskussion: Zum einen wisse man noch überhaupt nicht, wer da randaliert habe. Und zum anderen habe in
Neukölln beispielsweise die Polizei gewissermaßen die Quittung für ihr
racial profiling bekommen: "Dass Polizeikräfte in Neukölln unter Anwendung eines
ethnisch codierten Generalverdachts, für den (oft falsch) zugeschriebene Zugehörigkeit zu bestimmten Familien als einfacher Indikator gilt, immer wieder - offenbar in triumphaler Verkennung rechtlicher Standards: denn
racial profiling ist in Deutschland verboten - gegen
arabische oder arabisch aussehende Jugendliche vorgehen, ist einer der Hintergründe, der in dieser jetzt neu aufflammenden Integrationsdebatte unbedingt mit bedacht werden müsste. Bislang wird er weitestgehend ignoriert."
Dass der Frust vieler Jugendlicher vielleicht doch nicht nur aus den Übergriffen einer vermeintlich rassistischen Gesellschaft zu verdanken ist, ahnt man beim
Welt-Interview mit dem YouTuber
Ahmed Sharif, Gladbecker und Sohn einer libanesischen Einwandererfamilie: "Ich bin mit 18 Jahren aus dem Elternhaus abgehauen, weil ich das nicht mehr konnte:
Zuhause war das arabisch-konservative und draußen das westliche Leben. ... Eine Perle durfte ich gar nicht haben. Aber wenn ich vor die Tür gegangen bin, war das üblich, eine Freundin zu haben. Ich musste im Alter von 18 Jahren schon abends
um 8 Uhr Zuhause sein. Ich war ein erwachsener Mann, ich habe Geld verdient, musste das aber abdrücken, und trotzdem pünktlich Zuhause sein. Dieses extrem Konservative mit seinen krassen Regeln - das waren harte Zeiten für mich, bis ich zu meinen Eltern gesagt habe: Macht das, aber ohne mich. Ich bin mit 18 von Zuhause ausgerissen, habe mit meiner deutschen Freundin gelebt. Erst habe ich versucht, ganz normal arbeiten zu gehen. Aber mit dem Job wurde es nichts. Dann bin ich das erste Mal im Knast gelandet."