9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2023 - Gesellschaft

Nach den Silvesterkrawallen würde Gunnar Hinck in der taz gern über Sozialisation sprechen. Denn natürlich litten junge Migranten unter sozialer Benachteiligung und rassistischer Diskriminierung, aber sie wachsen auch mit gewissen Prägungen auf: "Warum schießen manche arabisch- oder türkischstämmige junge Männer an Silvester gern mit Schreckschusswaffen herum? Weil in ihren Herkunftsländern oder in den Herkunftsländern ihrer Eltern Männer auf Hochzeiten gern Schüsse abgeben, oft auch aus scharfen Waffen. Das zu benennen, ist nicht Rassismus, sondern Sozialanthropologie ... Das enge Männlichkeitsbild, das in Neukölln oder Hamburg-Wilhelmsburg zu sehen ist, steht in einen seltsamen Kontrast zu sich auffächernden Männlichkeitsbildern insgesamt. Es dürfte einen Zusammenhang geben zwischen einem 'Loser'-Dasein (so die Neuköllner Integrationsbeauftragte Güner Balci) und dem Drang, auf der Straße den Macker herauszukehren. Umgekehrt gesagt: Wer auf irgendetwas persönlich Geleistetes stolz sein kann, hat es nicht nötig, sich durch Raketenschüsse auf Passanten mal richtig böse und bedeutend zu fühlen. Soziale Lage und Prägung gehen hier zusammen."

Das Diskutieren übers Gendern kann man sich eigentlich sparen, meint Nele Pollatschek in der SZ, wirklich vorangebracht wird die geschlechtergerechte Gesellschaft nur durch eine bessere Politik: "Gemessen am durchschnittlichen Bruttostundenverdienst der Männer lag die Gender-Pay-Gap in Deutschland 2019 bei 19 Prozent und damit deutlich über EU-Durchschnitt (14 Prozent). Von den 27 EU-Staaten stehen nur drei noch schlechter da als Deutschland. Wobei auch diese Zahlen geschummelt sind, weil Deutschland in Geschlechterfragen nach wie vor aus zwei Teilen besteht: dem ungerechten Westen und der ehemaligen DDR, wo die Pay-Gap bei recht vorbildlichen sieben Prozent liegt. Ohne die Hilfe aus dem Osten und dem DDR-Erbe wäre Deutschland EU-Spitze im Frauen-schlechter-Bezahlen. Dass Ostdeutschland in der Bezahlungsgerechtigkeit so unfassbar viel besser ist als der Westen, hat einen Grund: Kinderbetreuung. Die Gender-Pay-Gap ist an erster Stelle eine Mütter-Pay-Gap."

Immer stärker drängt die Care-Bewegung darauf, Hausarbeit und Fürsorge als Care-Arbeit bezahlen zu lassen. In der NZZ hält Rainer Hank das für einen Irrweg: "Hannah Arendt und mit ihr die philosophische Tradition sprach von 'vita activa': sich sorgen, sich kümmern, sich engagieren für Familie, Nachbarn und Freunde. Niemand hätte das 'aktive Leben' als Synonym für Arbeit gebraucht. Und schon gar nicht daraus geschlussfolgert, dass es für 'vita activa' einen Tarif- oder Mindestlohn geben müsse... Wäre es nicht emanzipierter, die Nichtökonomisierbarkeit wichtiger Bereiche des Lebens zu retten, freilich unter der Voraussetzung, dass die Zuständigkeiten für das sorgend aktive Leben zwischen Frau und Mann Gegenstand von Verhandlungen sein muss, nachdem die Arbeitsteilung der Aufgaben in der bürgerlichen Familie (inklusive Outsourcing der Sorge an Hauspersonal) ihre Selbstverständlichkeit verloren hat?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2023 - Gesellschaft

Die Silvesterkrawalle sind sozial codiert, nicht kulturell, sagt der Sozialpsychologe Andreas Zick im Gespräch mit Sabine am Orde von der taz. Es gehe um bestimmte Männlichkeitsvorstellungen in sozial benachteiligten Vierteln: "In migrantischen Gruppen kann das wichtiger sein, aber nicht alle haben einen Migrationshintergrund, wir beobachten in der kriminologischen Forschung viel stärker heterogene Gruppen. Häufig geschieht es in Stadtteilen, die abgehängt oder prekär sind. Genau das wird mit Identität aufgeladen. Das hat aber eher wenig mit Migration und viel mehr mit Lebensverhältnissen und daraus entstehenden Identifikationen und Zugehörigkeitsgefühlen zu tun."

Und Eberhard Seidel sekundiert ebenfalls in der taz: "Die Jugend in Deutschland war nach 1949 noch nie so friedlich." Das sei statistisch erwiesen und habe mit der Vergreisung unserer Gesellschaft zu tun: "Je weniger Jugendliche es in einer Gesellschaft gibt, desto ruhiger und friedlicher, man könnte es auch abgeschlaffter nennen, wird sie. Ruhe ist das neue gesellschaftliche Normal. An diesen Zustand haben die Menschen sich gewöhnt. Das ist nicht gut. Jungproletarisches Aufbegehren gegen die Zumutungen des Lebens, jugendliche Ungeduld, radikaler Protest und Grenzverletzung, politischer Protest, konfrontatives Verhalten, Gesetzes- und Regelverstöße gehören zu einer dynamischen Gesellschaft."

"Die aktuellen Berliner Exzesse verkörpern (…) so etwas wie eine 'komplexe Normalität' unserer Einwanderungsgesellschaft", meint indes der Erziehungswissenschaftler Rainer Kilb in der FR: "Komplex insofern, weil sie in ihrer kollektiven Intensität diverse gesellschaftliche und personenbezogene Hintergrundprobleme sichtbar machen, als da sind: eklatante Mängel der Integration, städtischer Milieubildungen durch Segregation sowie einer Überlagerung normativer Orientierungsdilemmata, einerseits recht normal, durch adoleszente Identitätsrisiken, andererseits durch migrationskulturell verursachte Diffusitäten. Normal deshalb, weil nun einmal in den Metropolen und Ballungsräumen die Mehrheit der juvenilen Bevölkerungsteile einen Migrationshintergrund besitzt und zudem nicht unbedingt den einkommensstarken Schichten angehört. 'Normal' auch deshalb, weil sich in der Entwicklungsphase der Jugend ein Abgleich von Individuation und Sozialisation vollzieht und dieser Abgleich häufiger über Grenzverletzungen stattfindet."

"Der Rückgriff auf binäre Geschlechteridentitäten als Referenzpunkt, um für Nichtbinäres zu plädieren, ist reaktionär", schreibt die Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin in der NZZ: "Denn den binären Geschlechteridentitäten liegt eine Schablone zugrunde: hier die Frau und Weiblichkeit, dort der Mann und Männlichkeit. Diese binäre Schablone reaktiviert Annahmen, die Simone de Beauvoir und eine ganze Generation von Feministinnen widerlegt und erfolgreich bekämpft haben: Gesellschaftliche Ausformungen und Bewertungen der Rollen von Frauen und Männern können nicht auf vermeintlich angeborene Weiblichkeit oder Männlichkeit reduziert werden. (…) Was bleibt denn von 'männlich' und 'weiblich' übrig angesichts der prinzipiellen Modifizierbarkeit von Gender und der vielfältigen Lebensentwürfe, die Frauen und Männer seit Simone de Beauvoir realisiert haben? Während Kleidung und Bemalung - aber auch soziale Rollen - Äußerlichkeiten sind, so berufen sich Nichtbinäre auch auf die Empfindung, sich sowohl männlich wie auch weiblich zu fühlen - oder als gar keines von beidem. Aber wie weiß ich, wie 'der' Mann oder 'die' Frau sich fühlt? Es sind die Sphären der Imagination, die so etwas ermöglichen, aber es ist eine Welt voller Trugschlüsse und Plattitüden."

"Es ist noch nie ein Mensch zur Transidentität verführt worden", sagt Georg Romer, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychotherapie des Universitätsklinikums Münster, bei dem Melanie Mühl für die FAZ nachgefragt hat, ob es einen "Trans-Hype" gibt: "'Wir haben, wenn es um medizinische Eingriffe geht, in jedem Einzelfall eine hohe ethische Begründungslast', sagt Romer. Manchmal zeige sich die Transidentität auch in besonders eindeutiger Weise. 'Es gibt tatsächlich Kinder, die mit einer eindrucksvollen Vehemenz einfordern, als Person mit dem anderen Geschlecht gesehen und auch angesprochen zu werden. Diese Kinder sagen nicht: 'Ich wäre lieber ein Mädchen beziehungsweise ein Junge', sie sagen: 'Ich bin ein Mädchen beziehungsweise ein Junge.' Auch bei diesen Fällen muss man natürlich immer den Eintritt der Pubertät abwarten.' Es wäre allerdings eine unverantwortliche Quälerei, eine vierzehnjährige Trans-Person, die klar in ihrer Identität angekommen und gefestigt sei, die komplette pubertäre Reifung bis ins Erwachsenenalter durchlaufen zu lassen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.01.2023 - Gesellschaft

Auch die taz stellt sich nun der Frage, ob ein bestimmter Migrationshintergrund zu den Silvesterkrawallen gehörte. Die Integrationsbeauftrage der Sadt, Katarina Niewiedzial, verneint im Gespräch mit Dinah Riese und will die Ursache allein im Sozialen sehen. "Die Botschaft hinter den Angriffen lautet: Wir gehören nicht dazu. Es ist enorm wichtig, darauf als Staat nicht einzig und allein mit Law-and-Order-Politik zu reagieren. Als Berliner Beauftragte für Integration und Migration treibt mich die Frage um, wie wir es schaffen in einer von Migration geprägten Gesellschaft, Brücken zu bauen, mehr Teilhabe zu ermöglichen und strukturellen Rassismus abzubauen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.01.2023 - Gesellschaft

Die Gewalt an Silvester in Berlin und einigen anderen deutschen Großstädten zeigt vor allem eins: Lust auf Bürgerkrieg, meint Harry Nutt in der FR. Hans Magnus Enzensberger nannte das den "molekularen Bürgerkrieg", erinnert Nutt, der Enzensbergers 30 Jahre alten Essay "Ausblicke auf den Bürgerkrieg" dringend zur erneuten Lektüre empfiehlt: "Das Adjektiv molekular diente ihm als Erklärung dafür, dass die urbanen Gewaltphänomene nicht länger sozial erklärbar, politisch begründet und von Massen getragen sein müssen, sondern sich spontan und motivationslos ereignen können. ... Feuerwehrleute, THW-Kräfte und das Begleitpersonal von Krankenwagen scheinen insbesondere deshalb zum Ziel geplanter oder zufälliger Wutattacken zu werden, weil sie als Garanten einer gesellschaftlichen Stabilität jenseits der staatlichen Ordnungs- und Sicherheitspolitik in Erscheinung treten. Sie bilden die Zielscheibe einer Lust auf Attacke, in der sich soziale Desintegration, Bürgerkriegserfahrungen in den Herkunftmilieus und neorechte Umsturzfantasien überlagern. Das staatliche Gewaltmonopol ist angreifbar, und sei es auch nur in Gestalt von in einen Hinterhalt gelockten Rettungskräften."

Die Bezeichnung "Junge Männer mit Migrationshintergrund" im Blick auf einige der Randalierer in der Silvesternacht ist pauschalisierend, findet Michael Miersch in seinem Blog: "In Deutschland leben über 230.000 Menschen aus Indien und Sri Lanka, von denen vermutlich etliche Diskriminierung erfahren haben, wenig Geld besitzen und in Jobs mit niedrigem Sozialstatus arbeiten müssen. Man hörte noch nie, dass sie randalierend durch die Straßen ziehen. Im Gegensatz etwa zu Marokkanern, von denen nicht halb so viele hierzulande wohnen (83.000) und die sich unter anderem auf der Kölner Domplatte 2015 einen nachhaltigen Ruf erwarben. Auch Libanesen (160.000) sind gegenüber den Menschen aus Indien und Sri Lanka in der Minderzahl. Vertreter dieser Einwanderergruppe tauchen jedoch weitaus häufiger in Polizeiberichten auf."

Was also tun? Eine "ehrliche Bestandsaufnahme" wäre ein Anfang, meint Marc Felix Serrao in der NZZ: "Die meisten Migranten und Deutschen mit Migrationshintergrund sind gesetzestreu; sie arbeiten und zahlen Steuern, und viele sind eine Bereicherung für das Land. Das bleibt wahr, wenn man zugleich feststellt, dass eine bestimmte Gruppe von Migranten ein immer größer werdendes Problem darstellt. Gemeint sind Jungen und junge Männer, die überwiegend aus muslimischen Familien stammen, gerne große Gangster wären, aber in Wahrheit erbärmliche Verlierer sind. Sie haben riesige Egos, aber keine Erziehung, keine Bildung und keine Chance auf gesellschaftliche Teilhabe. Die Neuköllner Integrationsbeauftragte Güner Balci spricht zu Recht von 'absoluten Losern'."

Constanze von Bullion beschreibt in der SZ die Silvesterdiskussion als scheinheilig: "Denn zum Jahreswechsel wird in deutschen Großstädten öffentlich in Szene gesetzt, was auch während des restlichen Jahres da ist, aber viel zu wenige kümmert: die Aggression einer gesellschaftlichen Unterschicht, die zahlenmäßig wächst, ohne nennenswert Deutungshoheit zu gewinnen im öffentlichen Diskurs. Junge Leute sind das, vielfach arm an Perspektive, dafür aber umso reicher an Testosteron - und ja, oft auch sozialisiert in Erziehungsmustern der Gewalt. Sie greifen Rettungskräfte und Polizistinnen an, auch weil die Sehnsucht nach Demütigung von Autoritäten groß ist, und weil so ein kollektives Kesseltreiben umso mehr Spaß zu machen scheint, je mieser der eigene soziale Stand ist. ... Juristisch verfolgt werden solche Straftaten ohnehin, da gab es noch nie ein Pardon. Der Rest aber, das Soziale, wird nach wie vor immer wieder anderen überlassen."

Total rassistisch findet Hanno Hauenstein in der Berliner Zeitung die Diskussion: Zum einen wisse man noch überhaupt nicht, wer da randaliert habe. Und zum anderen habe in Neukölln beispielsweise die Polizei gewissermaßen die Quittung für ihr racial profiling bekommen: "Dass Polizeikräfte in Neukölln unter Anwendung eines ethnisch codierten Generalverdachts, für den (oft falsch) zugeschriebene Zugehörigkeit zu bestimmten Familien als einfacher Indikator gilt, immer wieder - offenbar in triumphaler Verkennung rechtlicher Standards: denn racial profiling ist in Deutschland verboten - gegen arabische oder arabisch aussehende Jugendliche vorgehen, ist einer der Hintergründe, der in dieser jetzt neu aufflammenden Integrationsdebatte unbedingt mit bedacht werden müsste. Bislang wird er weitestgehend ignoriert."

Dass der Frust vieler Jugendlicher vielleicht doch nicht nur aus den Übergriffen einer vermeintlich rassistischen Gesellschaft zu verdanken ist, ahnt man beim Welt-Interview mit dem YouTuber Ahmed Sharif, Gladbecker und Sohn einer libanesischen Einwandererfamilie: "Ich bin mit 18 Jahren aus dem Elternhaus abgehauen, weil ich das nicht mehr konnte: Zuhause war das arabisch-konservative und draußen das westliche Leben. ... Eine Perle durfte ich gar nicht haben. Aber wenn ich vor die Tür gegangen bin, war das üblich, eine Freundin zu haben. Ich musste im Alter von 18 Jahren schon abends um 8 Uhr Zuhause sein. Ich war ein erwachsener Mann, ich habe Geld verdient, musste das aber abdrücken, und trotzdem pünktlich Zuhause sein. Dieses extrem Konservative mit seinen krassen Regeln - das waren harte Zeiten für mich, bis ich zu meinen Eltern gesagt habe: Macht das, aber ohne mich. Ich bin mit 18 von Zuhause ausgerissen, habe mit meiner deutschen Freundin gelebt. Erst habe ich versucht, ganz normal arbeiten zu gehen. Aber mit dem Job wurde es nichts. Dann bin ich das erste Mal im Knast gelandet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.01.2023 - Gesellschaft

Zu Silvester ist es zu massiven Angriffen gegen Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen gekommen wie zuletzt bei Demonstrationen von Querdenkern, Reichsbürgern oder auch beim G20-Gipfel in Hamburg. Aber die Medien diskutieren nicht über die Frage, woher die Gewalt kommt, sondern ob sie mit einem Böllervebot zu verhindern wäre. In der SZ hält Georg Ismar das für Unsinn: "Es braucht dringend mehr Ehrlichkeit in dieser Debatte, eine schonungslose Analyse auch der Bundesregierung, wie man der Tatsache begegnen will, dass gerade junge Männer - in Berlin oft aus dem migrantischen, woanders verstärkt auch aus dem rechtsextremen Milieu - den Staat als Feindbild sehen und in dem Kontext dann diejenigen angreifen oder sogar in Hinterhalte locken, die nur helfen wollen. ... In die Irre führt die Debatte um Böllerverbote - denn sie erfasst nicht den Kern des Problems: Die Angriffe in Berlin und anderen Städten sind schließlich kein reines Silvesterproblem. Zumal ein Böllerverbot in einer Stadt wie Berlin flächendeckend kaum durchzusetzen wäre."

Das Böllerverbot soll kommen, fordert hingegen Ariane Lemme in einem Pro und Contra in der taz: "Das dümmste Argument gegen ein Böllerverbot ist das mit der Freiheit. Welche Freiheit ist da gemeint? Die Freiheit zu feiern, wie es einem gefällt? Die Freiheit, den Nachtdienst im Rettungswagen halbwegs unbeschadet zu überstehen?" Gegen ein Böllerverbot plädiert Lukas Wallraff, der die Gewaltszenen einer allgemeinen Stimmung in der Bevölkerung zuordnet: "Die Volksabstimmung am ersten Silvester nach der Coronapause hat klar ergeben, dass das sinnentleerte Feuerwerk quer durch alle Bevölkerungsschichten offenkundig immer noch sehr beliebt ist. In den stigmatisierten Problemvierteln der Großstädte ebenso wie auf dem geistig angeblich flachen Land. Das einfach zu ignorieren, wäre elitär und kontraproduktiv."

Bei Twitter wird gestritten, ob ein Zeit-online-Artikel, in dem es zunächst heißt "die Ausgangspunkte der Gewalt sind schwer auszumachen" oder eine Youtube-Reportage des "Team Reichelt" das Problem genauer eingrenzen. Am Ende benennen aber beide durchaus, dass es sich bei den Tätern häufig um junge Männer mit Migrationshintergrund handelt - bei Reichelt kommen sie allerdings direkt zu Wort.

Rückhaltlose Aufklärung auch in der "Tagesschau":

Eigentlich geht's uns gut hier in Europa, dennoch haben immer mehr Menschen Angst - vor dem Klimawandel, dem Ukrainekrieg, Corona, Angst um die Demokratie oder um den Sozialstaat, Angst, nicht zu genügen. Der Philosoph Robert Pfaller findet das im Interview mit der NZZ besorgniserregend: Zwar hätten sich auch früher schon Menschen geängstigt, aber die Angst heute sei anders. "Selbst in den schlimmsten Zeiten des 20. Jahrhunderts haben die Menschen geglaubt, dass es ihnen morgen besser gehen würde. Die Moderne vertraute auf den Fortschritt. Wir Postmodernen dagegen haben diese Hoffnung verloren. Gerade in den reichsten Ländern glauben die wenigsten Menschen, dass es ihnen oder ihren Kindern morgen besser gehen wird." Und während Menschen früher "unter innerpsychischen Konflikten" litten, so Pfaller, empfinden sie sich heute "anscheinend eher als ganze Person peinlich oder haben Angst, so wahrgenommen zu werden".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.12.2022 - Gesellschaft

Männer sterben früher als Frauen, in Deutschland beträgt der Unterschied im Schnitt 4,8 Jahre, schreibt der Geschlechterforscher Thomas Gesterkamp  in der taz. Das ist aber kein Naturgesetz, wie etwa eine Studie unter Mönchen und Nonnen gezeigt habe, wo der Unterschied nur bei einem Jahr liegt. Der Unterschied erkläre sich sozial: "Viele Männer ignorieren Schmerz, Trauer, Krankheiten und körperliche Symptome. Sie arbeiten und leben ungesund, gehen selten zum Arzt, ernähren sich falsch, nehmen mehr Drogen als Frauen. Und sie haben die gefährlicheren Jobs: 95 Prozent der Verunglückten bei Arbeitsunfällen mit Todesfolge sind männlich. Dennoch sind die Folgen rigider Anforderungen und riskanten Verhaltens erst seit ein paar Jahren Gegenstand gründlicher empirischer Forschung. Auch in politischen Debatten hatte das Thema lange keine Bedeutung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.12.2022 - Gesellschaft

Der wunderbare Pelé ist im Alter von 82 Jahren gestorben. Hier ein Video mit einigen seiner kunstvoll herausgespielten Tore, Ton bitte abstellen.

Stichwörter: Pele

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.12.2022 - Gesellschaft

Marita Liebermann, Direktorin des Deutschen Studienzentrums in Venedig, denkt in einem kleinen Essay für die FAZ über die Tourismuskritik in der Kulturszene nach, die sie exemplarisch in einem im Dogenplalast ausgestellten Werk von Anselm Kiefer verwirklicht sieht. Kiefer mokiert sich hier über Touristen und ihre Rollkoffer. Diese Art der Kritik verkennt, so Liebermann, dass die Kulturszene selbst zu dem Tourismus, den sie kritisiert, maßgeblich beiträgt, und sei es nur, indem sie durch Biennalen Touristen anzieht. Sie plädiert für eine aufgeklärtere Sicht auf das Phänomen: "Die Motivation einer postnormalen, die Muster verlassenden Tourismuskritik wäre die gleiche wie jene, die der bisherigen 'Normalkritik' unterstellt werden darf: mehr Bewusstsein für die gefährliche Zuspitzung der Lage zu schaffen und so zur Besserung beizutragen, idealerweise einen Bewusstseinswandel zu bewirken, der dazu führt, dass wir alle intensiver darüber nachdenken, wie wir reisen, und verantwortungsvoller mit den bereisten Orten umgehen. Aber die postnormale Annäherung würde die Erkenntnis einbeziehen, dass die heute normale Kritik am Tourismus, die in Touristen immer nur 'die anderen' sieht, schon immer ein Bestandteil des 'touristischen Codes' war.

Fassungslos blickt Claudia Mäder in der NZZ auf die Liste mit hundert Wörtern und Wendungen, die das IT-Department der Universität Stanford auf den Index gesetzt hat: "Wörter wie 'landlord/landlady', welche die Geschlechtervielfalt nicht ausreichend abbilden, machen nur einen kleinen Teil der Liste aus. Nein, in der Mehrheit geht es um Alltagswörter wie zum Beispiel 'crazy': Dieses Adjektiv, lehren die Verfasser der Liste, trivialisiere die Erfahrungen von Menschen mit psychischen Problemen. Weg soll bitte auch der 'Indian summer'. Denn dieser Sommer kommt spät im Jahr und lege folglich nahe, dass Indigene chronisch unpünktlich seien. Der 'user' wiederum sei problematisch, da über das darin mitklingende Verb 'to use' auch schmerzhafte Drogenabhängigkeiten oder Missbrauchserfahrungen aufgerufen werden könnten; besser würde man 'client' sagen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.12.2022 - Gesellschaft

Auch in Deutschland gibt es die Romantik des eigenen Kamins im eigenen Heim oder der Pellet-Heizung. George Monbiot bekennt im Guardian seine "brennende Scham", dass er in seinem Haus mit Holz heizt - das hatte er 2008 so arrangiert, weil er auf fossile Brennstoffe verzichten wollte, aber er musste unter anderem durch die Berichterstattung des Guardian lernen, dass "Holzfeuer überraschend schädlich ist". Holzfeuer erzeugt Feinstaub. Und wenn man die Öfen aufmacht, werden gefährliche Substanzen ins Innere des Hauses freigesetzt, so Monbiot: "Diese Gifte können jedes Organ im Körper beeinträchtigen. Winzige Partikel gelangen über die Lunge direkt in den Blutkreislauf. Wo immer sie landen, richten sie Schaden an. Sie werden mit einer Vielzahl von Krebsarten, Herz- und Lungenerkrankungen, Schlaganfällen, Demenz und Intelligenzverlust in Verbindung gebracht. Sie lassen Ihre Haut altern und schädigen Ihre Leber. Sie schädigen Föten im Mutterleib und die Entwicklung von Kindern. Es ist eine besondere Ironie, wenn man Holzöfen in Häusern von Menschen findet, die nur Bioprodukte kaufen, um die chemische Belastung ihres Körpers zu verringern. Das Verbrennen von Holz steht im Einklang mit der 'Natürlichkeit' dieses Ansatzes, aber das, was wir für 'natürlich' halten..., ist nicht immer das Beste."

Der Widerstand der Ukrainer und der Iranerinnen wirft indirekt auch ein Licht auf die Mutlosigkeit, die sich in der deutschen Gesellschaft breitgemacht hat, schreibt Jagoda Marinić in ihrer taz-Kolumne: "Es hätte im deutschen Diskurs dieses Jahr viel mehr Respekt geben sollen vor dem Mut der Ukrainer, anstatt dass wir Debatten darüber führen mussten, wie viel Angst manche in Deutschland vor Putin haben. Die Debatten über die Ukraine zeigten, wie bequem wir Deutschen es uns gemacht haben mit unseren Ängsten, wie legitim es geworden ist, die eigenen Ängste öffentlich zu betrachten und sie trophäenartig als Entschuldigung für Handlungsunfähigkeit anzuführen."
Stichwörter: Holzfeuer, Feinstaub, Schlaganfall

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.12.2022 - Gesellschaft

In der Welt macht sich Henryk M. Broder zum Jahresende noch einmal Luft: Auf der einen Seite Intellektuelle, die den Völkermord an den Ukrainern lieber "differenziert" betrachten möchten, auf der anderen Seite ein Kanzler, der in einer jüdischen Schule "wieder blühendes jüdisches Leben" in Deutschland feiert. Aber: "Es gibt kein deutsches Judentum mehr - nicht zufällig heißt der 'Zentralrat der Juden in Deutschland' so wie er heißt, und nicht etwa 'Zentralrat der deutschen Juden'. Auf den ersten Blick ein kleiner, aber doch wichtiger Unterschied. Und was da angeblich wieder 'blüht', ist ein Potemkinsches Stetl, das von der Bundesregierung aus PR-Gründen unterhalten wird. (…) Ich fürchte, es ist nicht die Zeit, über ein blühendes jüdisches Leben in Deutschland zu fantasieren, während mehr als zwei Dutzend 'Antisemitismus-Beauftragte' auf kommunaler, Landes- und Bundesebene mit dem Registrieren judenfeindlicher Übergriffe nicht nachkommen. Was da blüht und gedeiht, ist allenfalls eine Bürokratie, die dem Antisemitismus ebenso hilflos gegenübersteht wie ein Wetterfrosch dem Klimawandel."

Deutschland muss interkulturelle Kompetenz nachholen, fordert Rameza Monir in der taz. Die Berichterstattung der deutschen Medien über die Fußball-WM sei rassistisch gewesen und habe die Sitten und Gebräuche in Katar nicht respektiert: "Als unüblich empfand es RTL Sport, als Katars Premierminister Al Thani bei der Schiedsrichterehrung nach dem Spiel um den dritten Platz Neuza Back, der vierten Offiziellen des Schiedsrichter-Teams, nicht die Hand schüttelte. Ich frage mich, wieso mir als muslimische Person in Deutschland gesagt wird, ich solle mich an die Normen und Sitten des Landes halten und zur Begrüßung die ausgestreckte Hand zwanghaft entgegennehmen, während gleichzeitig ein muslimisches Land die eigenen Werte und Normen nicht so eindeutig vertreten darf?" (Möglicherweise würde er das anders sehen, wenn man ihm in Deutschland als einzigem die Hand nicht schütteln würde, weil er Muslim ist.)